09.04.2016

Kultur„Alles ist Bindestrich“

Kasper König, der beste Kenner der Kunstwelt, spricht im Vorfeld der Messe Art Cologne über Vorzüge und Abgründe der Szene in Nordrhein-Westfalen.
Der Westfale König, 72, ist einer der bekanntesten Ausstellungsmacher weltweit und hat Nordrhein-Westfalens Landschaft für zeitgenössische Kunst geprägt. 1977 initiierte er die Freiluftschau Skulptur.Projekte in Münster mit, die alle zehn Jahre stattfindet und die er 2017 zum fünften Mal eröffnet. Er lehrte an der Düsseldorfer Akademie und leitete von 2000 bis 2012 das Museum Ludwig in Köln. Viele wegweisende Schauen im In- und Ausland gehen auf ihn zurück, etwa in St. Petersburg – und vor Kurzem in Essen.
SPIEGEL: Herr König, in einigen Tagen feiert man in Köln die 50. Ausgabe der Art Cologne, der weltweit ältesten Messe für moderne Kunst. Ist das ein wichtiges Jubiläum für die gesamte nordrhein-westfälische Kunstszene?
König: Die ersten Messejahre habe ich verpasst, weil ich in New York lebte. Ich weiß allerdings, dass die Galeristen, die diesen Kunstmarkt gegründet haben, überrascht waren über die enorme Resonanz, über die kosmopolitische Ausstrahlung – nur war das einigen Teilnehmern bald nicht mehr so ganz recht, die wollten keine Konkurrenz aus dem Ausland, aus Paris, aus den USA. Dadurch wurde es dann provinzieller, man gab die Führung an die Messe in Basel ab. Aber der wahnsinnige Erfolg des Kunstbetriebs führt dazu, dass man immer wieder neu nach geeigneten Märkten Ausschau hält, und das kommt Köln zugute.
SPIEGEL: Berlin ist gescheitert mit dem Versuch, eine Verkaufsschau zu etablieren. Köln ist nach wie vor der einzige wichtige Messeplatz für Kunst in Deutschland. Wie ist das zu erklären?
König: In Köln herrscht diese traditionelle Liebe zum Handeltreiben, zum Maggeln, ein Vorteil ist die Nähe zu den Niederlanden, zu Belgien, wo auch viele Sammler leben. Das Rheinland ist sowieso katholisch bilderfreundlich, da schmeckt und fühlt man die Kunst ganz anders. Berlin ist protestantischer.
SPIEGEL: Gerhard Richter, heute der berühmteste Maler der Welt und im Rheinland ansässig, erhielt vor vielen Jahren von einem Düsseldorfer Kollegen den Rat, Bilder in Formaten zu malen, die in den Kofferraum eines Mercedes oder BMW passten. So schildern Sie es in einem Buch. Klingt nicht so, als seien den Käufern vor Ort stets die Inhalte wichtig gewesen. Wusste man Kunst eher als Statussymbol zu schätzen?
König: Das war damals von dem Malerkollegen anerkennend gemeint, ein Zeichen dafür, dass Richter in den Kreis der gefragten und erlauchten Künstler aufgenommen worden war. Aber natürlich, Düsseldorf war immer ein wenig geckenhafter als Köln, man mag dort Statussymbole.
SPIEGEL: Nordrhein-Westfalen wurde in der Nachkriegszeit zur wichtigsten deutschen Kulturlandschaft, nirgendwo sonst wurde die neuere Kunst so gefördert, und zwar über regionale Unterschiede hinweg. Was ist davon noch übrig?
König: Die Strukturen sind im Prinzip noch da. Das Netz für die zeitgenössische Kunst reicht von Köln und Bonn bis Krefeld, bis Leverkusen, Essen, Bochum. Sie können nach Düsseldorf oder Mönchengladbach fahren und unglaublich gute Kunst sehen, überraschende Ausstellungen. Es gibt in der ganzen Region ein tief sitzendes Grundwissen über Kunst. Und ich, ein Münsterländer, bin wohl typisch für dieses Bindestrich-Bundesland. Alles ist geteilt, alles ist Bindestrich: Im Leben mag ich das Barocke, in der Ästhetik das Reduzierte.
SPIEGEL: Früher löste die Kunst selbst Skandale aus, heute ist es der Umgang mit Kunst. Auch da ist Nordrhein-Westfalen Vorreiter: 2014 wurden bei einer Auktion in New York zwei Warhol-Bilder für mehr als 150 Millionen Dollar versteigert. Eigentum von NRW, denn sie waren einst für ein landeseigenes Kasino angekauft worden. Auch der Westdeutsche Rundfunk würde seine Kunstsammlung nun am liebsten zu Geld machen. Was läuft plötzlich falsch?
König: Die Kultur- und Finanzpolitik ist unter aller Sau, voller Bedenken und Arroganz zugleich, und das Verhalten insbesondere von Finanzminister Norbert Walter-Borjans macht Schule. Ich habe übrigens nichts dagegen, dass das Land zwei Warhols versteigert, aber doch nicht, um mit dem Geld unter anderem eine neue Daddelbude, eine weitere blöde Spielhölle, in Köln einzurichten, und das wiederum nur, um den Kasinochef zufriedenzustellen, der früher mal Staatsbanker bei der Westdeutschen Landesbank war. Kunst ist nicht dazu da, Leute happy zu machen.
SPIEGEL: Auch über die Schließung des Museums Schloss Morsbroich in Leverkusen wird nachgedacht.
König: Dort hat man Unternehmensberater beauftragt, ich habe mich am Museum Ludwig in Köln immer geweigert, diese Banditen pro bono ins Haus zu holen. Das ist eine Frage der Haltung. Aber es ist schon symptomatisch. In diesem riesigen Ballungsgebiet wird klein gedacht, die große Geste fehlt.
SPIEGEL: Man hat vor einigen Jahren gehofft, die Kulturlandschaft des Ruhrgebiets werde die Region beleben.
König: Das war aber auch gepaart mit Kirchturmpolitik, Ortsvereinsdenken, deshalb wurde das nichts. Hinzu kommt: Jahrelang wurde in die neuen Bundesländer investiert und NRW vernachlässigt. Ganze Städte gehen den Bach runter, Sie können das in Gelsenkirchen und Duisburg beobachten. Aber Sie erkennen ebenso, dass es dort eine interessante Mentalität gibt und eine echte Kraft. Man verfügt auf dem Sektor der Kunst über so viel Niveau und Vielfalt, von allem mehr als in Berlin oder Hamburg. Man könnte es schaffen, sich zu erneuern. Mein Traum ist es, eine große Ausstellung mit den Werken westfälischer Künstler zu machen, am besten weit weg, in Paris und/oder New York etwa, wo die Bedeutung dieser fruchtbaren Kulturgegend noch sichtbarer wird – mit einem krönenden Abschluss im Josef-Albers-Museum in Bottrop.
Interview: Ulrike Knöfel
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 15/2016
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