16.04.2016

Zeitgeschichte„Zerhackter Text“

Andreas Wirsching, 56, Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), über den Erfolg der wissenschaftlichen Edition des Hitler-Buchs "Mein Kampf"
SPIEGEL: Herr Wirsching, die "Mein Kampf"-Ausgabe Ihres Instituts steht in dieser Woche erstmals auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste. Mehr als 47 000 Ausgaben sind schon verkauft. Hatten Sie sich das so vorgestellt?
Wirsching: Vorgestellt hatten wir uns das mit Sicherheit nicht. Ursprünglich hatten wir eine Auflage von 4000 geplant. Dass es einen solchen Nachfrageschub geben würde, hat mich völlig überrascht.
SPIEGEL: Im Vorfeld hatte es Kritik an dem Projekt gegeben, man fürchtete ein zu hohes Maß an Aufmerksamkeit für das Hitler-Buch. Sie hätten weniger Exemplare ausliefern und damit eine Bestsellerplatzierung verhindern können.
Wirsching: Wir haben natürlich nicht angestrebt, auf die Bestsellerliste zu kommen. Andererseits wäre es auch völlig absurd gewesen, die Auflage kleinhalten zu wollen. Ich sehe das inzwischen sehr entspannt. Es ist doch gut, dass sich so viele Leute damit auseinandersetzen wollen.
SPIEGEL: Wie reagiert die internationale Öffentlichkeit auf den Erfolg der Nazibibel?
Wirsching: Insgesamt sehr positiv und rational. In der "Washington Post" wurde die Edition gelobt, weil sie es unmöglich mache, Hitler einfach so zu lesen. Sie zerhackt den ursprünglichen Text. Auch in England und Frankreich war die Reaktion gut.
SPIEGEL: Wissen Sie, wer die "Mein Kampf"-Ausgabe kauft? Sind das eher Oberstudienräte oder alte Nazis?
Wirsching: Es gibt ein paar Indizien, die uns zeigen, dass es vor allem die erste Gruppe ist, natürlich nicht nur Studienräte, sondern historisch Interessierte. Für Neonazis bringt das Buch schlicht keinen Spaß.
SPIEGEL: Die IfZ-Kollegen haben viele Jahre an der Edition gearbeitet. Haben sich die Kosten nun amortisiert?
Wirsching: Wenn man die ganzen Personal- und Herstellungskosten addiert, dann machen wir noch lange keine Gewinne. Dazu ist der Preis von 59 Euro nicht hoch genug.
Von Dy

DER SPIEGEL 16/2016
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