23.04.2016

Eine Meldung und ihre GeschichteArschkarte

Wie ein Ladenbesitzer in Essen viele neue Freunde und Feinde gewann
Dreizehn Tage nachdem Michael Pütz für die einen zum Helden geworden ist und für die anderen zum Vollidioten, muss er, kurz bevor er sein Geschäft öffnet, wieder eine Urinlache aufwischen. Regelmäßig macht er das mittlerweile. Irgendjemand pinkelt ständig gegen seine Ladentür, und dies sicher nicht aus Sympathie für den Besitzer.
"Ich hätte nicht gedacht, dass meine Aktion die Leute so stark provoziert. Ich habe doch nur freundlich um Verständnis gebeten", sagt Pütz und setzt sich an die Kasse. "Da sieht man mal, was die Leute vom Einzelhandel halten."
Michael Pütz ist 40 Jahre alt, ein schlanker Mann, der Nerdbrille, Sakko und Schal trägt, der gern zuhört, aber noch lieber redet. Eigentlich ganz gute Eigenschaften für einen Verkäufer. Seit acht Jahren führt er ein kleines Geschäft in Essen, das Ideenreich in der Kapuzinergasse 2, beste Lage in der Fußgängerzone, geöffnet montags bis samstags von halb elf bis sieben.
Das Ideenreich ist ein Geschenkeladen, Pütz verkauft Schlüsselanhänger, Lätzchen, Müslischüsseln und Fußmatten. Er produziert auch selbst, das Atelier befindet sich auf der Galerie des Ladens. Pütz bedruckt dort Grubentücher mit "Glück auf!" und füllt Weckgläser mit Wiesenblumensamen. Nach Ladenschluss bastelt er manchmal noch bis zum Morgengrauen und steht um acht wieder auf. Einer muss ja im Geschäft stehen.
Pütz hat Religion und Pädagogik studiert. Er hätte einen Job bei der Caritas kriegen können, erfüllte sich aber den Traum vom eigenen Lädchen, weil er sein eigener Chef sein wollte.
Als er anfing, lief es gut, die Zahlen waren in Ordnung. 2009 setzte Pütz rund 200 000 Euro um. "Das reicht mir. Ich muss nicht Säcke voll Geld zur Bank schleppen", sagt er. Er wäre zufrieden gewesen, wenn es dabei geblieben wäre, aber der Erlös fiel und fiel. Im letzten Jahr lag der Umsatz nur bei gut 160 000 Euro, und dieses Jahr läuft es bisher noch schlechter. Pütz ist bescheiden, aber auch er hat eine Grenze.
Sein Laden ist knapp 100 Quadratmeter groß, er zahlt 4000 Euro Miete im Monat, und die letzte Erhöhung hat der Vermieter bereits ausgesetzt. Pütz sagt, inzwischen sei er glücklich, wenn er sich den Mindestlohn auszahlen könne.
Es ist nicht so, dass keine Leute mehr ins Ideenreich kämen. Sie kaufen nur weniger. Sie stöbern stattdessen immer öfter lautlos durch die Regale, fotografieren die Angebote mit dem Handy, die Nackenwärmerkissen, die Rubbelweltkarte, die Trinkflasche "Fernweh" oder das Frage-und-Antwort-Spiel "Arschkarte". Dann gehen sie wieder.
"Und später bestellen sie die Sachen im Internet", sagt Pütz. "Die wollen keine Beratung, sie wollen nichts kaufen, sie wollen sich bloß inspirieren lassen. Und der Witz ist: Im Netz sind die Sachen genauso teuer."
Er hat vieles versucht, um die Kunden glücklich zu machen. Er versteckte Ostereier im Geschäft, wer eines fand, bekam fünf Prozent Rabatt. Er wichtelte mit den Kunden und ließ im Laden ein Theaterstück aufführen. Wer im Laufe der Zeit 500 Euro bei ihm ausgab, bekam eine Torte. Geholfen hat das alles nicht. An einem Tag hatte er 278 Euro in der Kasse, an einem anderen 113.
Dann, an einem Freitag im April, reichte es ihm. Rund 50 Leute waren bis nachmittags um drei im Ideenreich gewesen, und Pütz hatte gerade mal 12,50 Euro eingenommen. Mein Laden ist doch kein Museum, dachte er, ging zum Laptop, schrieb, druckte aus, steckte das Blatt in eine Klarsichthülle und hängte es draußen an die Ladentür:
"NUR BUMMELN kostet ab sofort pro Person 2,– Euro, natürlich werden diese mit Ihrem Einkauf verrechnet!"
Pütz änderte das "ab sofort" später noch in "heute", aber es blieb ein Hilferuf. Er postete außerdem ein Foto von dem Schild auf Facebook und wartete ab, was passieren würde.
Die ersten Leute, die an dem Tag noch in den Laden wollten, lasen das Schild an der Tür und kehrten um, ohne ein Wort zu sagen. Ein Stammkunde brachte ihm einen Kaffee vorbei und sagte, er kaufe nichts, er komme morgen wieder. Ein anderer blieb eine Stunde lang im Geschäft und entschied sich für ein Stadt-Land-Fluss-Spiel, für 8,95 Euro. Am Abend nahm Pütz das Schild wieder ab.
Im Laufe der nächsten Woche erreichten Pütz Hunderte E-Mails von Einzelhändlern aus Aachen, Münster, Freiburg, Kiel. Sie feierten ihn. Der Inhaber eines Antikladens schrieb: "Endlich jemand, der das macht." Die Besitzerin eines Schreibwarengeschäfts meinte: "Sie sprechen mir aus dem Herzen." Von "Hochachtung vor Ihrer Entscheidung" war die Rede und von "Mut".
Pütz hat nicht mit so viel positiven Zuschriften gerechnet, aber noch weniger mit so viel Hass. Denn schnell meldeten sich auch die Beleidigten und Beschränkten. Er wurde im Netz und in E-Mails als "Spinner" bezeichnet, als "Abzocker", als "Depp der Nation". Sein Laden sei eine "Schrottbude", er mache sich zum "Gespött des Landes", jemand nannte ihn "schwule Sau".
Pütz hat darauf gewartet, dass jemand das Schaufenster einschlägt, aber das ist nicht passiert. Es bleibt die Sauerei am Morgen. Pütz sagt: "Zum Glück ekelt mich das nicht."
Es sieht nicht gut aus für seinen Laden. Pütz sagt, der Umsatz müsste sich verdoppeln. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird er am Ende des Jahres dichtmachen.
Sein Ideenreich will er aber weiterführen. Nur noch als Onlinehandel.
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 17/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Eine Meldung und ihre Geschichte:
Arschkarte

  • Tierisches Paarungsverhalten beim Mensch: Flirten mit dem Albatros-Faktor
  • Video von"Open Arms"-Schiff: Verzweifelte Flüchtlinge springen über Bord
  • Superliga Argentinien: Wer beim Elfmeter lupft, sollte das Tor treffen
  • Sturmschäden in Deutschland: Amateurvideos zeigen Unwetter