23.04.2016

MigrantenTicket nach Europa

Hunderttausende Afrikaner warten an den Küsten des Mittelmeers darauf, Richtung Norden überzusetzen. Je besser das Wetter wird, desto mehr werden die gefährliche Reise wagen – obwohl die Aussicht auf politisches Asyl gering ist.
Der Mann, der sich Abdul Kadir Mohamed Moalim nennt, hat die Hölle gesehen. Aus Somalia, seiner vom Bürgerkrieg zerstörten Heimat, kam er über ein Flüchtlingslager im Jemen nach Libyen; und von dort dann übers Mittelmeer nach Europa.
Am vergangenen Samstag kenterte ein mit Migranten überladener Holzkahn auf hoher See, und nur wenige der Menschen an Bord überlebten: Moalim ist einer davon. Nun steht er im griechischen Kalamata, wohin die Geretteten gebracht wurden, einem BBC-Reporter gegenüber. Frage: Ob er anderen, die derzeit noch in Afrika auf ihre Chance zur Flucht warten, eine Botschaft übermitteln wolle? Antwort: "Es ist so gefährlich, nach Europa zu kommen; glaubt lieber an euer eigenes Land, und bleibt, wo ihr seid."
Der Mann aus Somalia bezeugt eine Tragödie, bei der laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR bis zu 500 Somalier, Sudanesen und Äthiopier ertrunken sein sollen – es wäre das schlimmste Unglück der letzten zwölf Monate. Im vergangenen April war auf dem Weg von Libyen Richtung Italien ein Fischkutter gesunken; bis zu 800 Männer, Frauen und Kinder starben. Auch damals stammten die Opfer vor allem aus Ländern südlich der Sahara.
Unverändert schaut Europa vor allem auf die Kriegsflüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan. Dabei wird oft vergessen, dass immer mehr Menschen aus Schwarzafrika versuchen, nach Norden zu kommen. Allein 2015 haben sich nach Angaben der EU-Grenzschutz-Agentur Frontex 108 000 Afrikaner illegal bis nach Europa durchgeschlagen. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg um 42 Prozent – und nach Expertenmeinung nur ein Vorgeschmack auf das, was auf Europa noch zukommt.
UNHCR-Berechnungen zufolge sind derzeit mindestens 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Mehr als die Hälfte der maßgeblichen militärischen Konflikte spielen sich auf dem afrikanischen Kontinent ab: in Libyen, Somalia, Nigeria oder Mali. Gleichzeitig verschärft eine verheerende Dürre vor allem in Äthiopien und Eritrea die Lage, in Ostafrika droht Hungersnot.
Insgesamt 1,3 Millionen Flüchtlinge beantragten im vergangenen Jahr in der EU erstmals Asyl. Über die Balkanroute kamen, bis zu deren De-facto-Schließung im März, vor allem Syrer, Iraker, Afghanen und Pakistaner. Nun aber gewinnt die zentrale Route übers Mittelmeer wieder an Bedeutung. Im Sommer lässt sich das Meer hier vergleichsweise leicht überqueren.
Menschenschmuggler reagieren auf politische Kurskorrekturen rasch und routiniert mit Ausweichmanövern: Stockt der Verkehr an einer Stelle, wie derzeit in Griechenland, so wird über soziale Medien eine andere Route beworben: neuerdings wieder verstärkt die Überfahrt von Libyen oder Ägypten in Richtung der italienischen Insel Lampedusa.
Hunderttausende, so warnen Geheimdienste, warten in Nordafrika schon jetzt auf ihre Chance zur Flucht übers Meer. Vor allem von Libyen aus scheint das Sehnsuchtsziel Europa derzeit näher denn je: Wer mit seinem von Schleusern oft unzulänglich ausgerüsteten Boot die Zwölf-Meilen-Zone vor der libyschen Küste verlassen hat und einen Notruf absetzt, den müssen die dort kreuzenden Schiffe im Rahmen der EU-Mission "Sophia" einsammeln. Das schreibt internationales Seerecht vor. Seit September wurden so 13 000 Migranten auf EU-Terrain gebracht.
Vor einem zu billig angebotenen "Ticket nach Europa" warnte zuletzt Österreichs Außenminister Sebastian Kurz. Gemeinsam mit seinen EU-Kollegen versprach er am Montag in Luxemburg Hilfe für den weitgehend ohnmächtigen libyschen Premier, etwa beim Küstenschutz. Die Wahrheit allerdings sieht so aus: Solange Schiffe unter EU-Befehl nicht mit Genehmigung der libyschen Regierung direkt in deren Hoheitsgewässern gegen Schleuser vorgehen dürfen, wird der Ansturm der Migranten auf Europa nicht nachlassen.
Allein im März registrierte Italien 9676 Flüchtlinge, viermal mehr als im Vorjahresvergleich. Dabei sind die von der Schließung der Balkanroute besonders betroffenen Syrer und Afghanen noch gar nicht auf die zentrale Mittelmeerroute zurückgekehrt. Die in Italien derzeit ankommenden Migranten stammen überwiegend aus Nigeria, Gambia, Senegal und Guinea – und das, obwohl ihnen, wie den meisten Afrikanern, später die Ablehnung ihres Asylantrags droht. Für Bewerber aus Nigeria oder Mali etwa liegt die Anerkennungsquote in der EU unter 30 Prozent.
Es sei deshalb geboten, so die Experten von Frontex in ihrer Risikoanalyse für 2016, "das Verhältnis zwischen Abschiebeentscheidungen und tatsächlicher Abschiebung" den EU-Richtlinien anzupassen. Im Klartext: Wer als Asylbewerber abgelehnt werde, der müsse auch zügig abgeschoben werden. Potenzielle Flüchtlinge, so die Studie, wüssten über die geringe Wahrscheinlichkeit, zurückgeschickt zu werden, und über das unkomplizierte Reisen innerhalb der Schengen-EU Bescheid. Wer einmal in Europa ist, kann meist bleiben – das hat sich in Afrika herumgesprochen.
Auch im Positionspapier, das Italiens Regierung am Sonntag der EU-Kommission in Brüssel übermittelte, ist unter anderem davon die Rede, dass allzu einseitig nur über Kriegsflüchtlinge geredet werde. Dabei seien "die Ströme im zentralen und westlichen Mittelmeer in erster Linie auf Wirtschaftsflüchtlinge zurückzuführen". Und solche Migranten würden kommen, solange Europa reich und Afrika arm ist – vermutlich "jahrzehntelang".
Rund 1,2 Milliarden Menschen leben derzeit auf dem afrikanischen Kontinent – eine Zahl, die sich nach Uno-Angaben bis 2050 mehr als verdoppeln wird. Nicht zuletzt deshalb, so die Forderung der Regierung von Matteo Renzi in Rom, müsse die EU afrikanischen Staaten Geld und Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen anbieten. In einem Brief an die EU erläutert Renzi auch, welche Gegenleistung er erwartet: Finanzielle Hilfe sollten vor allem jene afrikanischen Staaten bekommen, die bereit sind, abgeschobene Flüchtlinge aus Europa zurückzunehmen.
9,2 Milliarden Euro veranschlagt die EU-Kommission bisher zur Bewältigung der Flüchtlingskrise für die Jahre 2015 und 2016. Über mehr Geld soll beim EU-Gipfel am 28. Juni beraten werden. Rom schlägt dabei, zum Ärger der Bundesregierung, gemeinsame "Migrations-Bonds" vor – damit könnten sich Italien oder Griechenland frisches Geld besorgen, wofür unter anderem Deutschland bürgen müsste.
Italien steht unter Druck. Das Land am Südrand der EU, mit seiner 7600 Kilometer langen Küstenlinie und den Nordafrika vorgelagerten Inseln, lässt sich kaum abriegeln. Und: Ein Großteil der Migranten könnte künftig im Land bleiben. Denn am Brennerpass hat Österreich mit dem Bau von Grenzzäunen begonnen, und ab dem 1. Juni sind verschärfte Personenkontrollen geplant – der Weg nach Norden wäre dann erheblich erschwert.
Auch Schweizer und Franzosen fahnden an der Grenze zu Italien inzwischen verstärkt nach unregistrierten Migranten. Dass viele Zuwanderer über Libyen einreisen, wo der "Islamische Staat" Hunderte Kilometer Küstenlinie kontrolliert, sorgt besonders seit den Pariser Attentaten im November 2015 für Nervosität. Es geht um die Gefahr, dass Terroristen als Flüchtlinge getarnt nach Europa geschleust werden. Gefälschte syrische Pässe stellen nach Frontex-Angaben ein erhebliches Problem dar – "vor allem unter Staatsbürgern, die geringe Chancen auf Asyl in der EU haben", sei Dokumentenschwindel verbreitet.
Italiens Aufnahmezentren sind mit derzeit 110 000 Migranten schon jetzt am Rande ihrer Belastbarkeit angekommen. Nur wenige abgelehnte Asylbewerber werden abgeschoben, viele tauchen unter. Und mit jedem Tag, an dem das Wetter besser und die See ruhiger wird, nimmt die Zahl der Neuankömmlinge zu. Italien muss nun vielleicht jene Rolle übernehmen, die bisher Griechenland auszufüllen hatte: für Europa die Hauptlast der Flüchtlingskrise zu tragen.
Wenn Österreich jetzt sogar den Brennerpass dichtzumachen versuche, dann "droht die Gefahr, dass Europa hier stirbt – der Brenner ist das Symbol der europäischen Einigung", warnt Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher. Auch Premier Renzi sorgt sich um die Zustände an Italiens Nordgrenze. Aber er, der bereits dreimal zu Staatsbesuchen in Afrika war, blickt auch dorthin, wo er die Wurzeln für eine künftige Verschärfung der Flüchtlingskrise vermutet: "Wer Armut bekämpfen und Terrorismus ausrotten will", sagt Renzi, "sollte sich mehr um Afrika kümmern."
Ein Signal hat der Premier dieser Tage schon mal ausgesendet: Fast zeitgleich mit der Nachricht von der neuen Bootstragödie ließ er drei Schiffe der italienischen Marine aufbrechen zu einer Stelle 130 Seemeilen südlich von Lampedusa. Dort, 370 Meter unter dem Meeresspiegel, soll nun der vor einem Jahr gekenterte Kutter mit bis zu 600 toten Schwarzafrikanern an Bord geborgen werden.
Ihre Leichen werden später dann auf dem Nato-Stützpunkt Melilli obduziert. Damit die Toten einen Namen und ihre Angehörigen Gewissheit bekommen.

Kontakt

Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 17/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Migranten:
Ticket nach Europa

  • Japanisches Geisterdorf mitten im Wald: Die traurige Geschichte von Nagatani
  • Das Geheimnis der V2: Hitlers Angriff aus dem All
  • Amateurvideo: Der Marsch der blauen Raupen
  • Stromausfall in Venezuela: Regierung spricht von "elektromagnetischem Angriff"