23.04.2016

BildungShakespeares größte Hits

Seine Dramen und was sie uns sagen

Hamlet

Story: Der junge Dänenprinz Hamlet kommt vom Studieren auf Heimatbesuch in den Königspalast in Helsingör, weil sein überraschend gestorbener Vater beerdigt wird. Er erfährt, dass seine Mutter Gertrud bereits den Bruder des Verblichenen, Claudius, geheiratet und ihm zur Krone verholfen hat. Der Geist des Vaters erscheint Hamlet, berichtet von einem Giftmord durch Bruderhand und fordert Rache. Diesen Auftrag betreibt Hamlet zögerlich. Er tut so, als wäre sein Verstand verwirrt, ersticht den eher harmlosen Höfling Polonius und treibt dessen Tochter, die zarte Ophelia, in den Selbstmord. Die Chance, Claudius zu töten, lässt Hamlet verstreichen. Er engagiert eine Theatertruppe, die König und Königin ihr schurkisches Treiben vorhalten soll, wird auf Nimmerwiedersehen nach England verschickt – und tritt bei seiner Rückkehr nach Helsingör zu einem Fechtkampf gegen Ophelias Bruder Laertes an. Einem Kampf, der sich auch für den Rest der Königsfamilie als Showdown erweist.
Vorbilder: Den Stoff entnahm Shakespeare wohl einem Theaterstück von Thomas Kyd, für die Monologe der Titelfigur ließ er sich offenkundig stark von Montaignes "Essais" inspirieren. Für die familiären Verwicklungen am dänischen Königshof gab es ein reales Vorbild: Die katholische Schottenherrscherin Maria Stuart heiratete im Mai 1567 den Earl of Bothwell, der drei Monate zuvor ihren vorherigen Gatten, Lord Darnley, ermordet hatte. "Hamlet" wurde 1602 uraufgeführt.
Ewigkeitswert: Hamlet ist bis heute eine Symbolfigur für jugendlichen Aufruhr gegen die Erwachsenenwelt, für den moralischen Protest eines jungen Helden, der zum ersten Mal mit dem Bösen der Realpolitik konfrontiert ist. Zumal deutschen Interpreten galt Hamlet als typischer Intellektueller, der zu schlapp zum Handeln ist, als Zauderer. Und als Seelenkranker, der der Welt sein Irresein erst vorspielt, aber klar als juveniler Depressiver zu diagnostizieren ist.
Fans: Sigmund Freuds Lieblingssatz aus "Hamlet" war nicht "Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage", sondern: "Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio."

Romeo und Julia

Story: Die 14-jährige Julia Capulet und der kaum ältere Romeo Montague sind Aristokratenkinder aus Verona, deren Familien tödlich verfeindet sind. Sie verlieben sich bei einem Maskenfest und lassen sich heimlich verehelichen. Tybalt, Mitglied der Capulet-Familie, sucht Streit mit Romeo, ersticht dessen Freund Mercutio und wird von Romeo, der jeden Kampf verhindern wollte, aus Rache umgebracht. Romeo wird aus der Stadt verbannt, verbringt aber noch schnell die Hochzeitsnacht in Julias Bett. Am Morgen erfährt Julia von ihrem Vater, dass sie den aufgeblasenen Grafen Paris heiraten soll. Sie weigert sich; ihr Vertrauter, Pater Lorenzo, weiß einen Rettungsplan. Ein geheimnisvoller Schlaftrunk versetzt Julia in todesähnliche Starre, die Welt hält sie für tot. Romeo, der durch einen (unglücklich aufgehaltenen) Boten gewarnt werden sollte, leider auch. Am Grab der Geliebten ersticht Romeo den Grafen Paris, erblickt die schlafende Julia, hält sie irrtümlich für tot und vergiftet sich. Julia erwacht, sieht ihren dahingerafften Gefährten, küsst ihn und erdolcht sich.
Vorbilder: In Ovids "Metamorphosen" heißt das unmögliche Liebespaar, das zwei verfeindeten Familien entstammt, Pyramus und Thisbe.
Ewigkeitswert: Das größte Stück über die Liebe überhaupt, gerade weil diese Liebe endet, bevor der Zweisamkeitsalltag beginnt. Es bleibt bei einer Nacht zwischen zwei schönen jungen Menschen, die zueinander nicht kommen dürfen.
Fans: Gotthold Ephraim Lessing schrieb, ein wenig neidisch, über "Romeo und Julia": Es sei die einzige Tragödie, "an der die Liebe selbst hat arbeiten helfen".

Richard III.

Story: Der Jungadelige Richard, Herzog von Gloster, ist bucklig und ungeliebt und fühlt sich von der Natur benachteiligt. Aber er ist hochintelligent und redegewandt. Er lässt den eigenen Bruder George, den König Heinrich VI. und sämtliche anderen Thronanwärter, selbst die im Kindesalter, konsequent umbringen, bis er als Richard III. selbst König wird. Er schickt die eigene Ehefrau Anna ebenso in den Tod wie seinen Mitverschwörer Buckingham. Das Scheusal Richard III. ist ein begnadeter Wortverdreher und Frauencharmeur. Verflucht von seiner eigenen Mutter, wird er spät von Gewissensqualen befallen, bevor er in der Schlacht gegen das feindliche Heer des Grafen Richmond selbst hingemetzelt wird.
Vorbilder: "Richard III." gehört zu Shakespeares Königsdramen, in denen Englands Geschichte des 15. Jahrhunderts freizügig verarbeitet ist. Der reale König Richard III. (1452 bis 1485) war ungleich weniger blutrünstig und umgänglicher.
Ewigkeitswert: Überzeitliche Charakterstudie über die Verführungskraft des Bösen, dessen Titelheld Friedrich Nietzsches Behauptung, die altruistische Moral sei eine Erfindung der Sklavenklasse, vorwegnimmt. Richard III. verkörpert einen Diktatoren- und Verbrechertypus, dessen Züge in historischen Schreckensherrschern wie Hitler oder Stalin mühelos wiederzuerkennen sind.
Fans: "Er weiß, dass er ein Verbrecher ist, und er ist es mit Vergnügen", schrieb der berühmte Theaterkritiker Georg Hensel über Richard III., "dass er vor sich selbst aufrichtig ist, gibt seinen Verbrechen eine schauerliche Größe."

Othello

Story: Die schöne venezianische Senatorentochter Desdemona und der dunkelhäutige Feldherr Othello haben heimlich geheiratet, ihr Glück wird hintertrieben vom intriganten Fähnrich Jago, der sich von Othello gemobbt fühlt. Jago hetzt einen jungen Venezianer namens Rodrigo und Desdemonas Vater gegen Othello auf. Als Othello und Jago zu einem Kriegseinsatz nach Zypern geschickt werden, überzeugt Jago den Feldherrn mit Lügen und gefakten Indizien, dass Desdemona ihn mit dem jungen Leutnant Cassio betrügt. Othello steigert sich in eifersüchtige Raserei hinein, ohrfeigt Desdemona öffentlich und tötet sie schließlich, obwohl sie ihre Unschuld beteuert, im Schlafgemach. Jagos Intrige wird aufgedeckt, Othello ersticht sich mit einem Dolch und küsst im Sterben Desdemona.
Vorbilder: Obwohl das Stück im Untertitel "The Moor of Venice" heißt, meinte Shakespeare offensichtlich keinen schwarzafrikanischen "Mohren", sondern einen nordafrikanischen "Mauren". Die Handlung entstammt weitgehend einer italienischen Novelle.
Ewigkeitswert: "Othello" ist bis heute der Inbegriff des Eifersuchtsdramas. Der vom Virus des Misstrauens befallene Held ist so sehr von der Schuld der Partnerin überzeugt, dass er blind ist für alle Realität. Und natürlich ist das Stück, in dem der dunkelhäutige Zugewanderte Othello vor dem Senat der Stadt Venedig der Hexerei bezichtigt wird, ein Lehrstück über Rassismus und Fremdenhass.
Fans: Der stille deutsche Dichter Theodor Fontane behauptete halb ehrfürchtig, halb angewidert, der "Othello" sei bei "aller dichterischen Großartigkeit ein großes Gelärm".

König Lear

Story: Britanniens König Lear ist alt geworden und stellt seinen drei Töchtern Goneril, Regan und Cordelia die Frage, wer ihn denn am meisten liebe. Goneril und Regan überbieten sich mit verlogenen Liebesbekundungen, die ehrliche und ihren Vater wirklich verehrende Cordelia sagt, sie liebe den Alten, "wie's meiner Pflicht geziemt, nicht mehr, nicht minder". Lear verstößt Cordelia, verteilt sein Reich an die beiden anderen Töchter und wird von ihnen bald so übel behandelt, dass er in einer Sturmnacht unter wirren Reden in der englischen Heidelandschaft herumirrt. Ganz ähnlich wie Lear geht es dem Grafen von Gloster. Er ist Opfer einer Intrige seines illegitimen Sohnes Edmund und hat seinen legitimen Sohn Edgar verstoßen, weil er die wahren Motive seiner Kinder verkennt. Als Gloster Lear zu Cordelia bringen will, wird er verraten und mit dem Verlust seines Augenlichts bestraft. Ähnlich wie Lear wankt bald auch Gloster durch die Heide. Die brave Cordelia, inzwischen mit Frankreichs König verheiratet, tritt mit einem französischen Heer gegen Edmund an. Als sie auf ihren Vater trifft, erwacht Lear kurz aus dem Fieberwahn und erkennt die Wahrheit. In der Schlacht siegt Edmunds Heer, Lear und Cordelia werden gefangen. Der edle Edgar verletzt den Halbbruder Edmund im Zweikampf, der sterbende Edmund berichtet von Gonerils und Regans Tod, Lear trägt die tote Cordelia auf die Bühne und stirbt.
Vorbilder: König Lear ist ein Wiedergänger des Königs Ödipus, den der griechische Dramatiker Sophokles als Herrscher beschreibt, der trotz geweissagten Unheils die Menschen und Himmelsfügungen sträflich verkennt und sich die Augen aussticht. Den Stoff über Lear und seine Töchter kannte Shakespeare aus Geschichtsbüchern.
Ewigkeitswert: Bis heute gültige Lektion in Altersstarrsinn – und darin, wie man durch eitle Rechthaberei ein Lebenswerk sowie die eigene Familie zerstört.
Fans: 1990 spielte die große Schauspielerin Marianne Hoppe, damals 81 Jahre alt, den "bitter fool" König Lear in Frankfurt. Sie wirke, lobte eine Kritikerin, wie "ein einsamer Planet im kalten Universum".
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 17/2016
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