30.08.1999

SCHAUSPIELERINNEN„Wir machen uns zu klein“

Kino- und Fernsehstar Martina Gedeck über ihre Rolle in Dominik Grafs neuem TV-Movie „Deine besten Jahre“ und das neue Selbstbewusstsein deutscher Schauspieler
SPIEGEL: Frau Gedeck, so schön und elegant haben wir Sie selten gesehen wie in Dominik Grafs neuem Fernsehfilm "Deine besten Jahre", der in dieser Woche auf "Arte" läuft: Ihnen scheinen Reichtum und Luxus regelrecht aus dem Gesicht. Dabei spielen Sie eine Frau, die an den dunklen Machenschaften ihrer Umwelt fast zerbricht.
Gedeck: Es freut mich, dass das so herüberkommt. Die Kollegen von Maske und Kostüm haben lange daran gearbeitet. Zur Zeit der Dreharbeiten war ich blond gefärbt, und Dominik Graf sagte: "Das geht nicht. Das bringt eine Billigkeit und Künstlichkeit in den Film, die ich nicht will." Deshalb haben wir die Haare jeden Morgen
* Mit Tobias Moretti in Dominik Grafs "Deine besten Jahre".
besprüht, damit die wieder dunkelbraun werden - ein irrsinniger Aufwand.
SPIEGEL: Soll Ihre Heldin nicht eher das Leiden einer erkalteten Seele verstrahlen als Schönheit und Erotik?
Gedeck: Das ist nur vordergründig so. Wenn man es genau betrachtet, geht es natürlich auch darum, dass die Heldin an der Kälte erstickt. Aber eigentlich ist sie eine leidenschaftliche Frau, die nur nicht zum Blühen kommen darf. Das Leben, das sie führt, ist ihr Gefängnis. Da muss man natürlich eine Hauptfigur haben, die nicht von vornherein kalt ist. Das wäre entsetzlich.
SPIEGEL: Im Film gibt es manche Ungereimtheiten und logische Brüche, etwa wenn die Geliebte Ihres beim Verkehrsunfall umgekommenen Film-Mannes am Grab der Eltern auftaucht, als sei sie vom Himmel gefallen. Haben Sie das Drehbuch ganz verstanden?
Gedeck: Ich habe Grafs Vision verstanden. Bei Graf zählt nicht nur, was er erzählt, sondern das Wie, seine Bilder. Es gibt viele Sequenzen in "Deine besten Jahre", bei denen man sich so was fragen kann, an allen möglichen Stellen: Wieso läuft die in den Wald? Wieso wird sie gefunden? Aber für Dominik Graf ist jeder Film auch ein Mysterium. Er spielt gern mit Dingen, die man nicht logisch erklären kann. Ich habe vor zehn Jahren einen meiner ersten Filme bei ihm gemacht ...
SPIEGEL: ... "Tiger, Löwe, Panther", eine leichte Komödie über die Irrungen und Wirrungen des Herzens.
Gedeck: Ja, aber auch da war das schon in Ansätzen zu sehen: dieser Stil der magischen Bilder und dunklen Andeutungen, der seine ganz eigene Handschrift ausmacht.
SPIEGEL: In "Deine besten Jahre" zeigt Graf Sie als Menschen, der sich mehr und mehr als Opfer seiner Vergangenheit erweist. Ist das nicht ein sehr deutsches Thema?
Gedeck: Ja, das stimmt. Wenn ich mir zum Beispiel "La Strada" angucke, dann sehe ich Figuren, die trotz ihres Schicksals und ihrer Armseligkeit dem Leben hier und jetzt etwas abgewinnen und die nicht in der Vergangenheit wühlen. Da fehlt in Deutschland der Mut, die Menschen voraussetzungslos zu zeigen, so wie sie nun mal sind.
SPIEGEL: Erscheint Ihnen der deutsche Film- und Fernsehbetrieb allgemein zu einfallslos?
Gedeck: Ich glaube, dass es eine Entfremdung von der Wirklichkeit gibt. Man schöpft zu wenig aus der Realität und kopiert statt dessen zu häufig, was man von den Medien vorgesetzt bekommt.
SPIEGEL: Kommt jetzt das übliche Klagelied über die schwachen Drehbuchautoren?
Gedeck: Natürlich sollten Autoren nicht nur vor dem Fernseher sitzen, sondern über uns, über Deutschland, über gesellschaftliche Zusammenhänge und politische Entwicklungen nachdenken. Aber, zumindest kommt es mir so vor, zur Zeit zählt nur, was sich vermarkten lässt.
SPIEGEL: Der Markt als Feind des Guten in Film und Fernsehen - da würde Adam Smith wohl böse. Wo bemerken Sie denn Stagnation, Verkrustung, Wiederholung?
Gedeck: Glauben Sie mir, der Markt mit seinem Quotendruck und seinen leicht verdaulichen Figuren interessiert mich nicht. Mir geht es darum zu versuchen, Filmfiguren ein poetisches Gewicht zu verleihen. Ich bin schon sehr stark konfrontiert mit Rollen, wo ich sage: Schon wieder ein Angebot, wo die Frau unter einem Mann zu leiden hat, sei er nun manischdepressiv oder gewalttätig. Die Frau als seelischer Punchingball des Mannes, das ist zu wenig.
SPIEGEL: Vielleicht, weil Frauen chronisch gut und Männer Neurotiker sind? Neurotiker haben nun mal die besseren Rollen.
Gedeck: Das könnte euch so passen. Es gibt ja auch andere Frauenfiguren, interessanterweise eher Fernsehrollen. Ich habe zum Beispiel für die ZDF-Krimireihe "Bella Block" die schräg-extreme Rolle einer Alkoholikerin gespielt.
SPIEGEL: Haben Sie dazu Vorbilder in der Wirklichkeit studiert?
Gedeck: Ja, aber nicht so, wie Sie denken. Ich bin in kein Heim für Alkoholkranke gefahren. Auch als ich in Jo Baiers Film "Hölleisengretl" die Titelrolle spielte, habe ich nicht mit rückgratgeschädigten Menschen gesprochen.
SPIEGEL: Sondern?
Gedeck: Ich glaube, dass es die Aufgabe des Schauspielers ist, dem, was wir nicht sehen, das hier auf der Erde noch keine Form gefunden hat, Gestalt zu geben. Man muss aus seiner Phantasie schöpfen, aber es ist wichtig, dass man sich selbst auch im Zusammenhang sieht mit dem, was auf der Welt geschieht.
SPIEGEL: Ist denn die deutsche Beziehungskomödie von dieser Welt?
Gedeck: Kaum. Ich finde, sie hat einen sehr oberflächlichen Blick.
SPIEGEL: Einen Blick von gestern?
Gedeck: Und einen spießigen dazu. Wenn ich zum Beispiel die Mädchen aus der Musikszene sehe, entdecke ich Frauen, die viel frecher, verrückter und damit interessanter sind. So etwas kommt zu wenig in Film und Fernsehen vor. Die Hauptfigur aus "Lola rennt" war da eine lobenswerte Ausnahme, eine moderne Pippi Langstrumpf.
SPIEGEL: Ein Fach, in dem man sich Martina Gedeck nur schwer vorstellen kann. Was könnte die Rollen, die Ihnen angeboten werden, interessanter machen?
Gedeck: Ich habe da jetzt zum Beispiel ein Drehbuch für einen neuen Kinofilm: Eine Frau lebt allein mit ihrem Sohn, und eines Tages bringt ein professioneller Killer aus Versehen ihren Sohn um.
SPIEGEL: Klingt ziemlich originell.
Gedeck: Aber dass sich diese Frau dann in den Mann verliebt, ist nicht originell, sondern entspricht dem Klischee über Frauen. Es geht doch darum, die richtigen Fragen zu stellen und nicht dauernd Antworten zu geben. Also frage ich mich: Was ist das für eine Frau, warum verhält sie sich so, und was interessiert an der, außer dass sie einen kleinen Buchladen hat und die Poesie schätzt?
SPIEGEL: Vielleicht doch ihre Männerbeziehung. Ihnen sind Frauen in den Filmen und im Fernsehen zu passiv und zu gut - weil die Medien einen Madonnenkult betreiben, der eine besonders raffinierte Form der Frauenverachtung ist?
Gedeck: Das kann stimmen, mir fällt auf, dass Frauen jetzt besonders schonend behandelt werden. Aber genau das führt zu eindimensionalen Hauptrollen. Andere Stoffe scheinen im Moment schwer durchsetzbar. Otto Alexander Jahrreiss hat mir zum Beispiel von einem Stoff erzählt, wo ich sage: Das ist einmal eine Wahnsinnsfrauenrolle. Eine Frau arbeitet in der Nazi-Zeit mit der Gestapo zusammen, um ihre Familie zu retten. Nur leider sagte Jahrreiss
* Bei der Verleihung des Bundesfilmpreises 1997 in Berlin, mit Joachim Fuchsberger.
gleich, er könne den Film nicht drehen, er
brauche dazu mal eben 65 Millionen.
SPIEGEL: Können Schauspieler an den Verhältnissen etwas ändern?
Gedeck: Früher reagierte ich anders und habe mich aus allen Diskussionen herausgehalten. Schauspieler fühlen sich noch zu sehr als Opfer des Betriebes, und damit machen sie sich zu klein.
SPIEGEL: Werden sie nicht schon genug beachtet? Immerhin geben sie Interviews, treten in Talkshows auf ...
Gedeck: ... aber es wird zu wenig über Inhalte gesprochen. Ich gehöre zu der Generation von einigermaßen jungen Schauspielern, die die Entwicklung der letzten Jahre von Anfang an mitbekommen hat. Als ich mit Katja Riemann zusammen die ersten Fernseharbeiten gemacht habe, gab es auf Seiten der Schauspieler überhaupt kein berufsständisches Selbstbewusstsein.
SPIEGEL: Weil Sie beide am Beginn Ihrer Karriere standen?
Gedeck: Nicht nur. Damals herrschte eine große Isolation. Jeder arbeitete für sich. Es fängt erst jetzt an, dass es Instanzen gibt, die unsere Interessen bündeln, Agenturen werden potenter, und überhaupt gibt es ein wachsendes Bewusstsein, sich über Inhalte auseinander zu setzen.
SPIEGEL: Ökonomisch stehen Schauspieler schon viel besser da. Die Gagen explodieren.
Gedeck: Das halte ich für ein Gerücht. Abgesehen davon, reicht es nicht, dass Schauspieler auf Filmbällen zufällig auf Autoren und Produzenten treffen. Schauspieler müssen auf ihre Stoffe zugehen.
SPIEGEL: Ist es nicht ein wenig viel verlangt, dass sich die Öffentlichkeit für Ihre Meinung zur Qualität von Drehbüchern mehr interessieren soll als zum Beispiel für Ihr Privatleben?
Gedeck: Mein Publikum will doch gar nicht wissen, wie viele Spiegeleier ich mir morgens brate. Ich spreche durch meine Figuren. Ein Schauspielermythos zu sein heißt doch, sich in ein Gefängnis zu begeben.
SPIEGEL: Also fordern Sie, dass Schauspieler in Zukunft nicht mehr Legenden um die eigene Person aufbauen sollen, sondern ganz aufrichtig für sich selbst sprechen?
Gedeck: Alle Künstler, die wie die Dietrich oder Monroe einen Mythos aufbauen mussten, sind daran zu Grunde gegangen. Müsste ich das tun, ich wäre verloren. Ich hätte dann nichts, auf das ich als Schauspielerin zurückgreifen könnte, wenn ich mich von mir entfernen würde. Da sind wir schon ein ganzes Stück weiter. Ich muss - Gott sei''s gedankt - keine Göttin sein.
INTERVIEW: NIKOLAUS VON FESTENBERG, WOLFGANG HÖBEL
* Mit Tobias Moretti in Dominik Grafs "Deine besten Jahre". * Bei der Verleihung des Bundesfilmpreises 1997 in Berlin, mit Joachim Fuchsberger.
Von Nikolaus von Festenberg und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 35/1999
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