30.08.1999

„Ich bin der Mann vom Mars“

Der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe über die Arbeit an seinem Ruf als Exzentriker, den Typus des Abenteurers im Zeitalter des Turbokapitalismus und seinen nun auf Deutsch erscheinenden Roman „Ein ganzer Kerl“
SPIEGEL: Mr. Wolfe, wenn Sie sich hier in Ihrem Ferienort Southampton umschauen, dann sehen Sie Neureiche in gewaltigen Geländewagen mit oft drei Mobiltelefonen herumhantieren. Werden Sie sich auch bald ein solches Fahrzeug zulegen müssen?
Wolfe: Ich sollte es vielleicht tun - aus Gründen der Selbstverteidigung. Ein Fahrzeug wie der "Anihilator", bei dem allein die Kotflügel fünfeinhalb Fuß in die Höhe stehen, schafft es doch, einfach alles zu überrollen, was sich ihm in den Weg stellt. Die Leute haben in den letzten Jahren so viel Geld gemacht. Jetzt wollen sie ewig leben. Am besten hat diese Haltung William Paley, der Gründer von CBS, auf den Punkt gebracht. Auf dem Totenbett rief er die letzten Worte aus: "Aber warum soll ich überhaupt sterben?" Ich glaube,
Das Gespräch führte Redakteur Thomas Hüetlin.
dieser Schlachtruf gilt für alle Neureichen 1999.
SPIEGEL: Graust Ihnen vor dieser Haltung oder können Sie sich darüber amüsieren?
Wolfe: Ganz ehrlich gesagt: Ich bin völlig für die Neureichen. Deren Erfolg bedeutet doch nur: Ich kann das auch schaffen. Wenn Geld so neu sein darf, habe ich auch eine Chance, welches zu verdienen. Mein Gott, es ist doch schön, dass es so viel Geld da draußen gibt.
SPIEGEL: Bei den bestverdienenden Schriftstellern liegen Sie sicher weit vorn. Beneiden Sie jene Leute, die an der Wall Street die großen Vermögen machen?
Wolfe: Wall Street ist nur noch zweitklassig, was Geld angeht - verglichen mit dem, was in Silicon Valley verdient wird. Eine Karriere in der Wall Street dauert heute viel zu lange. Erst müssen Sie eine Eliteuniversität besuchen, dann über Jahre bei einer der großen Investmentbanken wie Morgan Stanley mindestens 80 Stunden die Woche schuften - und bis Sie richtig Geld verdienen, sind Sie 35 Jahre alt. Wie altmodisch. Die Idee heute ist: früh aus dem College aussteigen, die eigene Computer-Company gründen ...
SPIEGEL: ... und schon mit dreißig ein paar Millionen besitzen.
Wolfe: Ein paar Millionen - das ist zum Gähnen. Allein im letzten Jahr wurden im Internet-Business 14 neue Milliardäre gekürt. Diese Leute kümmern sich nicht um die alten Statussymbole. Sie laufen herum in Khakis und Jeans, die Hemden offen bis zur Brust, leben im Wohnwagen und essen Junk Food.
SPIEGEL: Die meisten dieser Leute haben ihre Erfindungen als Kinder und Jugendliche in den Garagen ihrer Eltern gemacht - und jetzt wollen sie die ganze Welt in eine Garage verwandeln. Wie haben diese Typen auf den Anzug- und Krawattenträger Tom Wolfe reagiert?
Wolfe: Einer hat mich in einem Restaurant nach einem Tisch gefragt. Er dachte, ich sei der Oberkellner.
SPIEGEL: Haben Sie Ihre Krawatte abgelegt?
Wolfe: Natürlich nicht. Männer, die älter als 35 Jahre sind und ohne Krawatte herumlaufen, müssen wahnsinnig sein. Es ist schließlich eine unbestreitbare Tatsache, dass der Hals eines Mannes über 35 Verfallserscheinungen zeigt.
SPIEGEL: Ihre Hemdkragen stehen so hoch, als hätte sie Ihnen ein Chirurg nach einem Autounfall verschrieben. Geht es Ihnen manchmal auf die Nerven, für den größten Poseur der literarischen Welt gehalten zu werden?
Wolfe: Im Gegenteil - es ehrt mich. Schließlich gibt es auch hier einen Wettkampf ohne Gnade.
SPIEGEL: Wie bei einem Bomberpiloten der grüne Overall, ist bei Ihnen der weiße Anzug über die Jahre zu Ihrem Image und zu Ihrer Arbeitskleidung geworden. Hatten Sie dieses Markenzeichen von Anfang an geplant?
Wolfe: Nein, ich bin in Virginia geboren, und es ist durchaus nichts Anstößiges, dort unten im Süden im Sommer mit einem weißen Leinenanzug herumzulaufen. Als ich Anfang der sechziger Jahre nach New York zog, hatte ich mir gerade einen schneidern lassen. Dummerweise aus einem etwas festeren Material. Deshalb begann ich, ihn im Winter zu tragen.
SPIEGEL: Sie gingen im Schnee verloren?
Wolfe: Nein, die Leute sahen mich, wurden wütend und schrien mich an. Das hat mir gefallen, ich wurde also erkannt, und seitdem hat dieser Anzug für mich gearbeitet. Außer in den siebziger Jahren, als die Filme "Der große Gatsby" und "Saturday Night Fever" herauskamen, deren Helden ebenfalls so angezogen waren. Auf einmal hingen die Läden voll mit weißen Anzügen. Um ein Haar wäre ich ruiniert gewesen.
SPIEGEL: Mr. Wolfe, mit Verlaub, Sie haben einen Knall.
Wolfe: Nein, der Anzug funktioniert. Ich stelle mich hin, die Leute reden auf mich ein, ich sage fast überhaupt nichts, und am Ende eilen sie zu ihren Bekannten und berichten: "Dieser Tom Wolfe ist schon ein
* Oben: in "Saturday Night Fever" (1977); unten: in "Der große Gatsby" (1974).
** Tom Wolfe: "Ein ganzer Kerl". Aus dem Amerikanischen von Benjamin Schwarz. Kindler Verlag, München; 928 Seiten; 54 Mark.
unglaublich interessanter Mann." Dieser Anzug spart also Zeit und Mühe.
SPIEGEL: Reichtum fasziniert Amerika mehr als jedes andere Thema. Lassen Sie Ihren neuen Roman "Ein ganzer Kerl"** in Atlanta spielen, weil dort die Leute auf ihren Plantagen noch libidinöser mit ihrem Geld umgehen als in New York?
Wolfe: Zuerst einmal suche ich immer nach einem interessanten Milieu, und als ich 1989 in der Nähe von Atlanta ein paar Plantagen besuchte, war ich äußerst angetan. Hier gab es die vielleicht bemerkenswerteste Form des sichtbaren Konsums, den ich je in Amerika gesehen hatte. Allein die Wachteljagd geht so aufwendig vor sich, dass jeder geschossene Vogel am Ende leicht 5000 bis 6000 Dollar kosten kann. Viele dieser Plantagen gehören Bauunternehmern. Ich nahm also solch einen Burschen, verpflanzte ihn nach New York City und merkte sechs Jahre und tausend Manuskriptseiten später, dass dies alles nicht funktionierte. Ich musste das Buch in Atlanta spielen lassen, was gut ging, denn wie ich bemerkte, steckt diese schwarze Stadt im Süden voll chaotischer Energie und voll neuem Geld.
SPIEGEL: Ist Atlanta nicht eher berühmt als Heimat alteingesessener Südstaatendynastien?
Wolfe: Davon sind nur sehr wenige übrig geblieben. Der Bürgerkrieg im letzten Jahrhundert hat dort fast alle Dynastien ausgelöscht, sie wirtschaftlich ruiniert und gezwungen, ihre Plantagen an ein paar Neureiche aus dem Mittleren Westen zu verkaufen. Bankrott zu sein gehörte nach der Niederlage der Südstaaten zu den gesellschaftlichen Musts. Wer es nicht war, wurde geächtet. Offensichtlich hatte er die Gegenseite unterstützt. Mit Baumwolle waren diese Orte nicht mehr zu finanzieren, und deshalb können Sie an den Besitzern der Plantagen heute ablesen, welche Branche gerade in voller Blüte steht. Egal, ob das jetzt Coca-Cola oder die Bauunternehmer oder Leute aus dem Musikbusiness sind.
SPIEGEL: Ihr Roman ist nicht nur eine Sittengeschichte des modernen Südens - er ist auch ein Buch über Männlichkeit. Einer Ihrer Helden, der Bauunternehmer Charlie Croker, fängt auf seiner Plantage Klapperschlangen mit der bloßen Hand ein. Muss ein moderner Mann so etwas können?
Wolfe: Sofern er eine Plantage besitzt, ja. Wenn Sie sich ein teures Wochenendhaus auf Long Island kaufen, dann brauchen Sie eigentlich nur Geld und sonst nichts. Entscheiden Sie sich für eine Plantage, dann wird von Ihnen erwartet, dass Sie ein ganzer Kerl sind und jedes Problem, das auf Ihrem Grund und Boden auftritt, lösen können.
SPIEGEL: Mit einem Telefonanruf?
Wolfe: Nein, auf der Stelle. Mit bloßen Händen, die Ihre eigenen sind.
SPIEGEL: Wurden Sie in einer solchen Umgebung als Mann ernst genommen?
Wolfe: Absolut.
SPIEGEL: Welche Art von Mann gaben Sie vor zu repräsentieren?
Wolfe: Ich bin der Mann vom Mars: Ich habe keine Ahnung, was hier vorgeht - bitte erzählt es mir. Ein Journalist, der versucht, sich seinem Milieu anzupassen, ist ein Idiot. Er kann nicht die grundlegenden Fragen stellen.
SPIEGEL: Ihr Buch beschreibt den Glanz, den Niedergang und die Wandlung des Immobilienmachos Charlie Croker. Was gefällt Ihnen an ihm?
Wolfe: Croker repräsentiert eine faszinierende amerikanische Figur; den Abenteurer, der sein Glück und sein Vermögen sich selbst verdankt; den Lone Ranger, der versucht, in unserer Ära der Firmenzusammenschlüsse und der großen, anonymen Kooperation glanzvoll zu überleben.
SPIEGEL: Sein Gegenspieler heißt Raymond Peepgass, ein hochbezahlter, aber kleinkarierter Bankmanager, dessen größtes Abenteuer darin besteht, seine Frau auf einem Businesstrip nach Finnland zu betrügen. Verachten Sie Männer wie Peepgass?
Wolfe: Er ist ein Bürokrat ohne jede Verve, kein Mann, der ein Risiko eingeht. Leider gibt es immer mehr solche Typen in diesem Land. Was für ein armseliger Charakter er ist, kann man schon daran erkennen, dass er sich noch nach seinem Studium bei einer Bank bewirbt. Niemand, der mit Geld wirklich etwas erleben will, würde so etwas tun.
SPIEGEL: Croker wird anfangs vor allem durch seine Gier nach Geld und Sex angetrieben, aber er endet als einer, der die Lehre der Stoiker predigt. Betrachten Sie Stoizismus als eine der großen männlichen Tugenden?
Wolfe: Stoizismus ist wie eine Brise frischer kühler Luft im prosperierenden, feuchtheißen Gewächshaus der USA. Ich bewundere Leute wie den Philosophen Epiktet, der während der Regentschaft des römischen Eroberers Domitian vor die Wahl gestellt worden sein soll, seinen Bart abzurasieren oder geköpft zu werden. Er bekam 24 Stunden, um über die Sache nachzudenken, und sagte: "Ich brauche keine 24 Stunden. Ich rasier ihn nicht ab." Sie sagten: "Dann werden wir dich köpfen!" Und er antwortete: "Ihr tut, was ihr zu tun habt, und ich verfolge meine Aufgaben. Ich bin nur eine Schüssel aus Lehm mit ein wenig Blut darin, und eines Tages muss ich beides sowieso zurückgeben."
SPIEGEL: Welche männlichen Tugenden bewundern Sie noch?
Wolfe: Die Fähigkeit zum Mitgefühl. Der eigentliche Held in meinem Buch ist Conrad Hensley, ein junger Bursche, der anfangs in einem Kühlhaus arbeitet, später unschuldig ins Gefängnis geworfen wird und dort die Stoiker entdeckt. Obwohl ihm seine Lehre sagt: "Kümmere dich um dich selbst - du hast Ärger genug am Hals", hilft er einem völlig hoffnungslosen jungen Mitgefangenen. Erst Mitgefühl macht aus einem Kerl einen ganzen Kerl.
SPIEGEL: Ihr Roman ist mit bislang 1,5 Millionen verkauften Exemplaren in den USA ein großer Erfolg. "Time" und viele andere Publikationen wählten ihn zum "Buch des Jahres". Bloß in Atlanta dürfen Sie sich nicht mehr sehen lassen. Dort heißt es, Sie hätten die Stadt zum dritten Mal abgefackelt.
Wolfe: In Atlanta sind die Leute eben sensibler als anderswo. Sie können, glaube ich, so ziemlich alles schreiben über Austin, San Francisco oder Chicago - diese Städte schütteln sich einmal, und die Sache ist vergessen.
SPIEGEL: Auch Kollegen wie John Updike und Norman Mailer haben Sie als Blender und Zeilenschinder kritisiert. Norman Mailer schrieb: "Sein Buch zu lesen ist wie Sex mit einer 300 Pfund schweren Frau. Wenn sie erst einmal oben ist, dann hast du noch zwei Chancen: Verliebe dich oder ersticke."
Wolfe: Norman hat sicher eine Menge Erfahrungen unter 300 Pfund schweren Frauen gemacht - ich nicht. Was ich aber interessant an der ganzen Angelegenheit finde, ist, dass diese zwei Säcke alter Knochen, Norman Mailer und John Updike, Leute meines Alters, soviel Zeit und Mühe darauf verwenden, mein hochfliegendes Buch abzuschießen. Mailer schrieb sechs Seiten in der "New York Review of Books", Updike acht oder neun im "New Yorker". Ihre Hauptmotivation war, glaube ich, mein Foto auf dem Cover von "Time Magazine": Das machte sie wütend.
SPIEGEL: Weil Sie damit in den Augen Ihrer Kritiker zum Verräter der hehren Literatur wurden?
Wolfe: Ich habe den Triumph des tief recherchierten, naturalistischen Romans vorhergesagt und bekämpfe seit Jahren das, was ich den magersüchtigen Roman nenne. Den Leuten wird heute an der Universität beigebracht, magersüchtige kleine Miniaturen des Lebens zu fabrizieren. Das Soziale, die Wirtschaft, viele Dinge, die unser Dasein bestimmen, gelten als vulgär, man macht sich die Hände schmutzig damit. Phänomene wie Rassenbeziehungen oder die Frage, wie eine Stadt überhaupt gesteuert wird, kommen in großen amerikanischen Romanen nicht mehr vor.
SPIEGEL: Rührt Ihre Kampfbereitschaft noch aus jener Zeit her, als Sie über Norman Mailer, dem man mangelnden Realismus als Letztes vorwerfen kann, sagten: "Ich bin der Leithund, und Mailer ist ein Teil der Meute, die an meinen Absätzen sabbert und versucht, mich in den Hintern zu beißen"?
Wolfe: Wir streiten uns seit 35 Jahren, aber das "Leithund-Duell" liegt 10 Jahre zurück. Ich hatte gerade "Das Fegefeuer der Eitelkeiten" veröffentlicht. Norman äußerte sich darüber ziemlich ungnädig - und dazu machte er sich über meine weißen Anzüge lustig. Also, da wird es ernst. Ich sagte, es gibt ein altes Sprichwort in den Südstaaten: "Der Leithund ist der, der in den Hintern gebissen wird." Und Norman konterte: "Da gibt es ein anderes Südstaatensprichwort: Nur weil dein Hintern blutet, heißt das noch lange nicht, dass du der Leithund bist." Da hatte er mich. Kreuz einen Punkt für Mailer an.
SPIEGEL: Wollen Sie jetzt, da der wirtschaftliche Erfolg Sie bestätigt hat, den amerikanischen Roman zurückführen zum Realismus des 19. Jahrhunderts?
Wolfe: Ich vertrete lediglich eine literarische Technik, die funktioniert. Bevor Leute wie Mallarmé und Baudelaire anfingen, im Frankreich des 19. Jahrhunderts ihre kleine esoterische Schreiberei zu entwickeln für elitäre Kreise, die müde waren, den Glanz und den Schmutz der Gesellschaft vorgeführt zu bekommen, war die Literatur eine Sache für viele Leute. Nichts ist so mächtig wie der realistische Roman, mit nichts können so viele Menschen eine gefühlsmäßige Verbindung empfinden. Wer dieser Tatsache den Rücken zudreht, ist so ignorant wie ein Ingenieur, der sagt: "Elektrizität gibt es seit mehr als hundert Jahren. Es ödet mich an. Ich versuche jetzt, eine Welt ohne Strom zu planen."
SPIEGEL: Ihre Mission beschränkt sich nicht auf die Literatur - warum führen Sie auch gegen die bildende Kunst der Moderne seit Jahrzehnten einen Privatkrieg?
Wolfe: Es ist dasselbe Elend. Seit die französischen Symbolisten anfingen, es vor allem wichtig zu finden, schwierig zu sein, damit sie nur noch von ganz wenigen verstanden werden, leidet die gesamte sogenannte Hochkultur unter diesem Ansatz. Ein paar wenige igeln sich in der Kunst ein wie in einem Fort, wie in einem Kloster - und nur wer ihre Religion teilt, wird dort noch reingelassen. Es ist immer dasselbe: Erst kommt das Manifest, dann kommt der große Zaun.
SPIEGEL: Sicher sagen Sie als Nächstes einen der dümmsten Gemeinplätze über die Kultur des 20. Jahrhunderts : "Mein Kind kann besser malen als diese Künstler."
Wolfe: Ein wichtiger und wahrer Satz. Wenn man sich das so gerühmte Frühwerk von Picasso ansieht, als er versuchte, wie Ingres und Manet zu zeichnen, muss man sofort feststellen, wie mittelmäßig der Mann mit Linie, Form und Farbe umging. Wenn ich nicht besser als Picasso hätte malen und zeichnen können, dann hätte ich auch den Kubismus erfunden.
SPIEGEL: Sie würden also John Lennons Ausspruch, dass "Avantgarde lediglich ein anderes Wort für Bullshit" ist, jederzeit unterschreiben?
Wolfe: Avantgarde ist nichts anderes als eine Religion für Auserwählte mit Manifesten und großen Zäunen. Von mir aus könnte man fast die gesamte Hochkultur des 20. Jahrhunderts auf den Müll werfen. Die Menschheit hätte nichts verpasst, wenn die moderne Malerei vom Kubismus an, die moderne Musik von Schönberg an, die moderne Architektur vom Bauhaus an und die von mir bekämpfte magersüchtige moderne Literatur nie existiert hätten.
SPIEGEL: Ihr Alterskonservatismus in allen Ehren - aber haben Sie nicht selbst einmal nach neuen Formen des Ausdrucks gesucht, indem Sie Mitte der sechziger Jahre den Journalismus revolutionierten und den so genannten New Journalism erfanden?
Wolfe: Das habe ich nie bewusst vorgehabt. Es war ganz einfach so, dass ich für eine Zeitungsbeilage arbeitete, und es liegt nun mal in der Natur dieser Beilagen, dass sie kein Mensch wirklich braucht. Sie sind wie Süßigkeiten für das Gehirn, und wenn man sie in den Papierkorb wirft, muß man das nicht bedauern. Dort wollte ich aber nicht enden. Also mußte ich etwas unternehmen, um die Leser zu bekommen. Ich setzte mich hin und schrieb zum Beispiel das Wort "Blinddarm" 57-mal an den Anfang eines Artikels - nur damit die Leute dazu verdammt waren weiterzulesen. Oder ich schrie die Leute in meinen Artikeln an: "Hey, du da, ja du, in deinen weiten Cordhosen und deinem Tweedsakko, das du dir neulich aus den hinteren Seiten der Luftfracht-Ausgabe des ''Manchester Guardian'' bestellt hast, ja du ..." - kurz, ich tat alles, um gelesen zu werden.
SPIEGEL: Und auf einmal standen Sie mit Ihrem weißen Anzug im Trainingscamp von Muhammad Ali, neben den Hippies in Ken Keseys Bus und bei den Surfern an den Stränden des Pazifik. Sie entdeckten als einer der ersten Journalisten die Pop-Explosion, die Subkulturen und die Individualisierungstendenzen der sechziger Jahre.
Wolfe: Die neue Art zu leben war die große Nachricht der sechziger Jahre, und ich fand eine Sprache dafür. Als ich nachher in den Siebzigern ein Buch über das Astronauten-Programm schrieb, sagten die Leute: "Mein Gott, bist du konservativ geworden", und ich antwortete: "Ich schreibe jetzt eben über einen anderen Gegenstand."
SPIEGEL: Es gibt Leute, die sagen, Teil Ihres konservativen Lebensstils sei es, dass Sie sich weigern, Downtown Manhattan überhaupt zu betreten.
Wolfe: Diese Leute lügen. Ich habe vor ein paar Jahren über erfolglose Künstler recherchiert, und da ist Downtown ja wohl voll davon. Jahr für Jahr ziehen tausende von Kunsthochschulabsolventen in schwarzen Jeans und klobigen schwarzen Schuhen dorthin, und ihr Erfolg besteht allein darin, dass sie die Mietpreise in die Höhe treiben. Downtown Manhattan ist einer der seltsamsten Slums der westlichen Welt. Er besteht ausschließlich aus jungen Menschen mit Abschlüssen von Kunsthochschulen, die in baufälligen Gebäuden hausen, neben denen merkwürdige giftige Flüssigkeiten in den Rinnsteinen vor sich hin stinken.
SPIEGEL: Sie ziehen diesem lustigen Chaos jenes Mainstream-Amerika vor, in dem die immer gleichen Ladenketten in den immer gleichen Shopping-Malls Menschen anlocken, deren Autos, vor allem wenn sie in den USA gebaut sind, allesamt aussehen wie mieses japanisches Spielzeug oder Kriegsgeräte?
Wolfe: Autos sehen heute weltweit so aus wie Türkeile aus Gummi. Sie kommen alle aus demselben Windkanal. Aber es stimmt schon - US-Autos bieten einen besonders traurigen Anblick.
SPIEGEL: Sehen Sie zum Ende dieses Jahrhunderts überhaupt ein amerikanisches Produkt, dessen Design die unglaubliche Energie des längsten ökonomischen Booms in diesem Jahrhundert spiegelt?
Wolfe: Wir machen in diesem Land großartige Turnschuhe.
SPIEGEL: So was können Sie als Dandy leider nicht anziehen.
Wolfe: Ich besitze ein Paar weiße Bootsschuhe von der Firma Sperry. Sie haben 37 Dollar gekostet, und ich trage sie mit schneeweißen Hosen und Socken in den Farben der amerikanischen Flagge, wenn ich vorn in einem unserer Wohnzimmer gegen eines meiner Kinder eine Partie Tischtennis spiele.
SPIEGEL: Mr. Wolfe, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte Redakteur Thomas Hüetlin. * Oben: in "Saturday Night Fever" (1977); unten: in "Der große Gatsby" (1974). ** Tom Wolfe: "Ein ganzer Kerl". Aus dem Amerikanischen von Benjamin Schwarz. Kindler Verlag, München; 928 Seiten; 54 Mark.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 35/1999
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