07.05.2016

StrafjustizSexismus auf Bayerisch

Das Opfer auf der Anklagebank: Eine Frau, die sich im Bierzelt mit dem Maßkrug wehrte, kam wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht. Von Gisela Friedrichsen
Wird mit dem Maßkrug zugeschlagen, kennt die bayerische Justiz kein Pardon. Die Staatsanwaltschaften klagen hier zunehmend versuchten Totschlag an. Denn ungefährlich ist so ein Schlag nicht, da die Krüge aus billigem Glas sind und leicht splittern.
Kathryn aus Pennsylvania, 24 Jahre alt, eine fröhliche junge Frau mit langen, dunklen Locken, die als Au-pair in Europa arbeitet, hat noch mal Glück gehabt, als sie mit Freunden das Oktoberfest in München besuchte. Denn was sie dort erlebte und was unter Männern gern als "bayerische Folklore" bezeichnet wird, hätte sie sich vorher wohl kaum so vorgestellt.
Es war der 24. September, 19.20 Uhr. Seit Mittag schon waren die jungen Leute auf der Wiesn unterwegs. Kathryn hatte inzwischen zwei Maß Bier intus. Im Augustiner-Festzelt fand sie noch einen Platz. Sie bestellte eine dritte Maß. Ihre Freunde hatte sie im Gewühl mittlerweile verloren.
Kathryn kann nur ein paar Brocken Deutsch. Aber beim "Oans, zwoa, g'suffa" im ohrenbetäubenden Krawall des Festzelts macht das nichts. Am Tisch hinter ihr, Rücken an Rücken, feiern Burschen aus Niederbayern. Einer davon will anbandeln. Doch sie wendet sich ab. Sie will nicht.
Irgendwann stehen alle auf den Bänken, ausgelassen schunkelnd, singend und trinkend. Bier wird verspritzt. Auch Kathryn macht mit. Bald ist ihr Krug leer.
Ein Ingenieur aus Suhl, der gerade erst auf das Oktoberfest gekommen war, also noch seine Sinne beisammenhatte, erinnert sich vor Gericht genau daran, wie der abgewiesene Bursche der Amerikanerin daraufhin den Rock ihres Dirndls bis zur Taille hochhob. Brüllendes Gelächter nicht nur am Tisch der Niederbayern.
Kathryn dreht sich um und versetzt dem Unverschämten eine Ohrfeige. Der, überrascht von dieser Reaktion, schubst die junge Frau nun so grob nach vorn, dass sie über den Tisch schlittert. Dabei fällt sie einem weiteren Niederbayern in die Hände, der sich auch an ihr zu schaffen macht. Angeblich wollte er ihr die Schuhe zubinden. Oder unter den Rock greifen?
Sie rappelt sich auf, packt einen Maßkrug und schwingt ihn in Richtung des ersten Angreifers. Mit einer Platzwunde am Kopf geht der zu Boden. Und hätte sich nicht ein Mann dazwischengestellt, wer weiß, was noch geschehen wäre.
Kathryn sieht den Angreifer wieder hochkommen, völlig "ausgeflippt", wie seine Kumpels bestätigen. Sie holt noch einmal aus und trifft unabsichtlich die Wange einer unbeteiligten Frau, die ein blaues Auge davontrug. "Ich wollte mich einsetzen für sie", sagt diese Frau vor Gericht, "weil sie doch so hingeschubst wurde."
Zu dem Vorfall teilte die Polizei tags darauf mit: "Ein spaßig gemeinter Griff unter den Rock seiner amerikanischen Wiesn-Bekanntschaft endete für einen 20-jährigen Deggendorfer äußerst schmerzhaft. Die ,Rockbesitzerin' drehte sich mitsamt Maßkrug um, und das Trinkgefäß landete wuchtig auf dem Kopf des kecken Burschen." Mit sexistischen Sprüchen ist man halt schnell dabei. Später wurde dieser so spaßige Bericht abgeändert.
Der Fall Kathryn ereignete sich just zur Zeit der Diskussion über eine Reform des Sexualstrafrechts. Als in der Silvesternacht in Köln dann Übergriffe auf Frauen stattfanden, teilte die Staatsanwaltschaft mit, der erste festgenommene mutmaßliche Täter, ein Algerier, sitze unter dem Vorwurf "sexueller Nötigung" in U-Haft. Der Mann hatte einer Frau an die Taille und ans Gesäß gegriffen, um, ihre Panik ausnützend, das Handy zu stehlen.
Es handelte sich jedoch nicht um "sexuelle Nötigung". Denn dabei geht es um die massive Erzwingung eines Sexualkontakts. Dem Täter drohen daher auch hohe Strafen, der Strafrahmen reicht von einem bis zu 15 Jahren. Bloße Geschmacklosigkeiten oder ungehörige Berührungen oberhalb der Kleidung wie ein plumper Klaps auf den Po gehören nicht dazu.
Der Münchner Rechtsanwalt Alexander Stevens, spezialisiert auf Sexualstrafrecht, erklärt in einem Buch anhand echter Fälle die diffizilen Unterschiede zwischen sexueller Nötigung, Beleidigung und Belästigung(*). Seine Geschichten widerlegen die These, Frauen seien stets Opfer und Männer Täter. Sie zeigen aber auch die Hilflosigkeit der Justiz in manchen Fällen oder ihre Weltfremdheit, wenn sie eigentlich anerkennen müsste, was einem Opfer durch einen rechtlich als harmlos bewerteten Übergriff angetan wurde.
Ein unvermittelter Faustschlag ins Gesicht ist als Körperverletzung mit Geldstrafe bedroht, höchstens jedoch mit Freiheitsstrafe von fünf Jahren, selbst wenn das Opfer einen Kieferbruch erleidet und alle Zähne verliert. Was ist dagegen der Griff an den Po? Deshalb wird Grapschen oberhalb der Bekleidung nicht bestraft. Es fehle an der Verhältnismäßigkeit, sagen Juristen.
Seit Köln aber ist die Debatte wieder aufgeflammt, ob das bisherige Sexualstrafrecht noch zeitgemäß ist. Von der Linkspartei bis zur CSU sind plötzlich alle für einen "Grapschparagrafen", der in der geplanten Reform des Sexualstrafrechts nicht vorgesehen ist. Die Sache hat nämlich einen Haken: Die Frauen müssten belegen, dass sie gegen ihren Willen angegangen wurden. Ein Nein – wie soll es bewiesen werden? Das Opfer muss mindestens schreien, boxen, treten oder wegrennen. Die Rechtswissenschaft tut sich schwer mit den Fragen, die das Thema Sexualität aufwirft.
Zurück zur jungen Amerikanerin. Sie hat sich gewehrt. Sie hat geschrien, dass sie nicht angefasst werden will. Im chaotischen Gedränge eines Wiesn-Zelts, auf einem Biertisch liegend, wegrennen? Unmöglich. Um eine eventuelle weitere Attacke abzuwehren, griff Kathryn nach dem nächstbesten Gegenstand auf dem Tisch. Das war der Maßkrug.
Wie aber ist das Rockhochheben einzustufen? War das nur eine straflose Belästigung oder nicht doch eine Beleidigung? Da wäre schon zu fragen, wie es sich für eine Frau wohl anfühlt, wenn in einem Bierzelt ein enttäuschter Galan ihr entblößtes Hinterteil den Gaffern rundherum präsentiert. Lässt sich das abtun mit dem Satz: War doch nur Spaß?
Der Richter fragt Kathryn im Gerichtssaal: "Sagten Sie ihm, dass Ihnen das nicht gefällt?" Welch eine Frage.
Vor Gericht widersprechen sich die Burschen aus Niederbayern, was das Zeug hält. "Naa, i hob der Dame ned den Rock hochg'hobn", beteuert Matthias, ein Azubi. Die Dame habe sich mit seinem Freund unterhalten und dem dann Bier ins Gesicht geschüttet. Und dann habe er plötzlich einen Maßkrug gesehen, sei zu Boden gefallen und bewusstlos gewesen. Bewusstlos?
Der Richter: "Es gibt Zeugen, die sagen, Sie hätten ihren Rock hochgehoben." "Naa, hob i ned." "Es wird auch behauptet, Sie hätten die Frau über den Tisch geworfen!" "Naa, hob i ned."
Der Verteidiger: "Wer fing mit dem Bierschütten an?" "Die Dame." "Einfach so?" "Es stand eine verbale Beleidigung im Raum." So reden diese jungen Männer normalerweise nicht.
Der Richter ruft einen der Kumpel von Matthias als Zeugen auf. Der hatte immerhin mitbekommen, dass sein Freund die Abfuhr durch die Amerikanerin nicht auf sich sitzen lassen wollte. Er will nur gesehen haben, wie an ihrem Rock gezogen wurde. Aber nach unten.
Der Richter: "Wie reagierte die Frau?" "Erfreut war s' ned, aber die san dann doch ins G'spräch kemma. Dann war irgendwos." "Was?" Nichts Grobes angeblich. Aber dann habe die Frau über seinem Freund das Bier ausgeschüttet. "Da hot er sie packt und über den Tisch g'schmissn. Sie flog auf den Stefan. Ihr Schuhbandl war offen, und der Stefan wollt es binden. Das hat sie wohl falsch verstanden." Aha, Kathryn hat es falsch verstanden.
Er erzählt weiter: "Dann wollt sie was machen. Der Matthias hot sie wieder packt und hing'schmissn." Er erinnert sich an den Mann, der dazwischenging. "Mir ham zu dem g'sagt: Passt scho'." Alles in Ordnung also. Da habe die Frau zugeschlagen.
Der Richter: "War Matthias bewusstlos?" "Naa, des war er ned. Er wollt gleich wieder rauf zu uns." "Wie viel Bier hatten Sie denn getrunken?" "Fünf oder sechs Maß. Ich hab aber null Promille g'habt bei meiner Zeugenaussage."
Entrüstet weist er die Frage des Verteidigers zurück, ob sich die Frau vielleicht nur gewehrt habe. "Ned mit am Maßkrug! A Frau! Selbst bei einer Schlägerei unter Männern is a Maßkrug ned zulässig."
Stefan erinnert sich an gar nichts mehr. Der Richter: "Haben Sie sie angebaggert?" Der Zeuge spricht jetzt Hochdeutsch. "Nein." "Ausgerechnet das wissen Sie genau?" "Ja." "Wieso?" "Weil ich eine Freundin habe und nie Mädchen anbaggere."
Am Freitag voriger Woche stellte das Amtsgericht München nach einem Rechtsgespräch mit den Prozessbeteiligten den Prozess gegen Kathryn "wegen besonderer Umstände" gegen eine Geldauflage von 1000 Euro ein. Die Staatsanwaltschaft wollte die Amerikanerin ursprünglich wegen gefährlicher und fahrlässiger Körperverletzung verurteilt wissen.
Nun muss Kathryn zahlen: 500 Euro an den Azubi Matthias, der eigentlich auch noch Schmerzensgeld haben wollte, und 500 an die Staatskasse. Und die Rechnung ihrer Anwälte hat sie auch zu begleichen. Die Burschen hingegen, die nur Zeugen waren, bekamen Fahrtkosten und Verdienstausfall ersetzt. Spaßig ist es nicht, vom Opfer zur Angeklagten zu werden. ■
* Alexander Stevens: "Sex vor Gericht". Knaur Verlag, München; 224 Seiten; 9,99 Euro.
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 19/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 19/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Strafjustiz:
Sexismus auf Bayerisch

  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug