07.05.2016

GedenkenHelmut der Große

Die Schmidtisierung der Republik geht weiter: Den Altkanzler, einen großen Politiker und noch größeren Raucher, ehrt künftig eine Bundesstiftung.
Das Selbstbewusstsein Helmut Schmidts war überbordend, sein Glaube an die eigenen Fähigkeiten legendär. Daher überraschen die bescheidenen Zeilen, die der Kanzler am 5. Januar 1976 im griechischen Urlaubsort Porto Rafti an SPD-Chef Willy Brandt schrieb.
Schmidt schickte eine Analyse der politischen Lage an ausgewählte Empfänger und nutzte die Gelegenheit für einige schmeichelnde, fast demütige Worte an den Genossen: "Du wirst in die deutsche Geschichte eingehen, mein Teil wird – wie ich hoffe – hilfreiche Episode sein."
Sein Wirken nicht mehr als eine hilfreiche Episode? Ob Schmidt die eigene Einschätzung auch im Rückblick noch teilte, kann man ihn leider nicht mehr fragen, vor einem halben Jahr ist er gestorben. Seine Verehrer aber widersprächen in jedem Fall: Die Bewunderung für den Sozialdemokraten, einen großen Politiker und noch größeren Raucher, kennt längst keine Grenzen mehr.
Schmidt inszenierte sich zuletzt als allwissender Staatsmann, das Publikum liebte ihn als paffenden Freigeist. An Ehrungen mangelte es ihm nicht. Schmidt sammelte 6 Ehrenbürgerschaften und 24 Ehrendoktorwürden, nach ihm benannt wurden ein Gymnasium, eine Universität und auch eine Rosensorte. Bis Jahresende soll der Hamburger Flughafen folgen. Und nicht nur das: Die Spitzen der Bundestagsfraktionen von SPD und CDU/CSU haben sich geeinigt, eine Bundesstiftung Helmut Schmidt zu gründen.
Die Grünen und die Linkspartei sollen auch zustimmen, am liebsten noch 2016. Das wäre Kanzlerrekord. Nach dem Ableben Konrad Adenauers vergingen zehn Jahre, im Fall des Reichskanzlers Otto von Bismarck sogar fast ein Jahrhundert, ehe eine Bundesstiftung gegründet wurde. Eine solche Ehre ist bislang ohnehin nur wenigen Staatsmännern zuteilgeworden: Bismarck, Adenauer, Friedrich Ebert, Theodor Heuss, Brandt. Und nun Schmidt.
Der Bundestag wird voraussichtlich einen Millionenetat bewilligen, um das Wirken des Sozialdemokraten erforschen oder seine Briefe herausgeben zu lassen. Auch eine Dauerausstellung gehört dazu, sie soll an einem "zentralen Ort" in Hamburg entstehen. Dort befindet sich bereits das kürzlich so getaufte "Helmut Schmidt Haus", in dem die "Zeit" residiert, deren Herausgeber Schmidt 1983 wurde. Im Stadtteil Langenhorn wiederum, in seinem ehemaligen Wohnhaus, soll bis zum Jahresende ein Schmidt-Museum entstehen.
Darum kümmert sich die Helmut- und Loki-Schmidt-Stiftung, die Schmidt noch selbst gegründet und mit Kapital ausgestattet hat. Ihr Zweck: "Wahrung des Andenkens an Helmut Schmidts Wirken". Nicht zu verwechseln mit der Loki-Schmidt-Stiftung, benannt nach seiner Ehefrau, einer anerkannten Naturschützerin. Diese Stiftung beschäftigt sich nicht mit Politik, sondern mit der Wiesen-Küchenschelle und anderen Pflanzen.
Schmidt arbeitete selbst an seinem Nachruhm. Nach seiner Karriere bot er seine Erinnerungen in zahlreichen Bänden und immer neuen Varianten dar. Und schon vorher scheint er darauf bedacht gewesen zu sein, was die Welt wohl einmal von ihm denken werde. Von jungen Jahren an sammelte er Unterlagen, die von seinen Taten zeugen sollten, als Beamter in der Hamburger Verwaltung und als Bundestagsabgeordneter, später als Hamburger Innensenator, SPD-Fraktionsvorsitzender und Bundesminister.
Während er als Kanzler wirkte, von 1974 bis 1982, kopierten Mitarbeiter in großem Stil Akten für sein Privatarchiv. Sein Nachlass genießt unter Experten einen glänzenden Ruf. Selten ist ein Politikerleben so umfassend dokumentiert – und Schmidt gewährte freigebig Zugang, auch dem Verfasser dieser Zeilen.
Die Papiere zeugen von seinem beherzten Eingreifen bei der Flutkatastrophe in Hamburg 1962, seiner Standhaftigkeit bei der Terrorismusbekämpfung der Siebzigerjahre, den vielen kleinen richtigen Entscheidungen, die Schmidts Kanzlerschaft im Rückblick als Beispiel für "good governance" erscheinen lassen.
Zugleich liegt ein wenig Tragik darin, dass der glänzende Rhetoriker zum falschen Zeitpunkt die falsche Aufgabe hatte: An manchen Weichenstellungen der bundesrepublikanischen Geschichte war er beteiligt, aber nie an entscheidender Stelle.
Als Adenauer in den Fünfzigerjahren die Westintegration vorantrieb, die soziale Marktwirtschaft etablierte, die Bundeswehr gründete, zählte Schmidt zur Opposition, auf deren Stimme es selten ankam. In der Ära Brandt unterstützte der Verteidigungs-, Wirtschafts- und Finanzminister Schmidt die Ostpolitik, die auf einen Ausgleich mit Osteuropa zielte, aber er gestaltete sie nicht. Und als die deutsche Einheit kam, war Schmidt lange aus dem Amt.
Da muss es ihm eine späte Genugtuung gewesen sein, dass die Deutschen ihn verehrten wie wohl keinen Politiker im Ruhestand zuvor. Dass die SPD die Erinnerung an ihn hochhalten möchte, erstaunt nicht, denn damit fällt ein bisschen vom späten Glanz auch auf sie. Die Zustimmung der Unionsparteien hingegen hat einen anderen Grund. Spätestens jetzt ist klar, wessen Namen die nächste Stiftung trägt: Helmut Kohl.

Über den Autor

Klaus Wiegrefe, 51, war noch Geschichtsstudent, als er Helmut Schmidt 1987 das erste Mal interviewte. Später schrieb er eine Doktorarbeit über das Verhältnis zwischen dem Kanzler und US-Präsident Jimmy Carter ("Das Zerwürfnis", Propyläen Verlag). Schmidt gewährte Archivzugang und half Wiegrefe bei dem Vorhaben, Zeitzeugen wie Carter oder dessen Vorgänger Gerald Ford zu interviewen. Das Ergebnis hat dem Altkanzler allerdings nicht gefallen; Carter kam nach seinem Urteil zu gut weg – und er selbst zu schlecht. Seit 1995 arbeitet Wiegrefe für den SPIEGEL. Nach Schmidts Tod im letzten Herbst gab er das SPIEGEL-E-Book "SPIEGEL-Gespräche mit Helmut Schmidt" heraus. Einige der Gespräche hat er selbst geführt.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 19/2016
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