07.05.2016

ZeitgeschichteEin kleines Licht, eigentlich

„Mein Kampf“ steht auf Platz zwei der Bestsellerliste. Immer wieder erscheinen Bücher von Historikern, die sich damit beschäftigen, wie passieren konnte, was passierte. Aber ist nicht alles gesagt? Von Nils Minkmar
Der Tag, den Thomas Weber für unser Treffen vorschlägt, ist zufällig der 20. April. In seiner E-Mail bemerkt er diese Koinzidenz, das Geburtsdatum gehört schließlich zu den festen Elementen der auch heute noch alltäglich wirksamen Hitler-Folklore. Zu ihr zählen unter anderem die spontane Parodie auf Hitler, die eingeflochtene Anekdote oder die von Neonazis genutzten Zahlencodes: 18 für die Initialen, 88 für den passenden Gruß. Halbwissen, Anspielung, Provokation und aktive Verdrängung sind Indizien dafür, dass er immer noch herumspukt.
Weber, 1974 in Hagen geboren, lehrt und forscht an der Universität Aberdeen. Vor einigen Jahren schrieb er "Hitlers erster Krieg", ein gutes Buch über Hitlers Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg. Er geht die Dinge mit einer gewissen Coolness an. Auf dem Weg zum Treffen hatte er in einer großen Buchhandelskette versucht, den Bestseller der Saison zu erwerben, die kommentierte Ausgabe von "Mein Kampf". "Die Verkäuferin sah mich an, als hätte ich nach Kinderpornografie verlangt!" Er hat sie natürlich nicht bekommen, sie war nicht vorrätig.
Aber was sind schon der Kauf und die Lektüre eines Buches von Hitler gegen das Verfassen eines neuen Buches über ihn? Und mit welchem Ziel schreibt man ein solches Buch? Füllen die Bücher nicht längst alle Regale? Kann man noch Neues schreiben, wo Hitler doch selbst schon so viel gesagt hat, über sich?
Das nachvollziehbare Stöhnen über "schon wieder Hitler" führt zu noch mehr Hitler. Denn wenn wissenschaftliche Aufklärung unterbleibt, geht der Zauber weiter – dieses permanente mediale und soziale Halloween mit untoten Nazis. Lässt jemand seinen Namen fallen, wie jüngst Alexander Gauland, findet das Zitat seinen Weg in alle Nachrichtensendungen. Halbjährlich kommen die Sensationen: Drogengebrauch, sexuelle Orientierung, geheime Pläne, allerletzte Momente – kein Phantasma bleibt unausgesprochen, keine Möglichkeit ungeprüft außer jener, dass diese seriellen Sensationen, die sich zum Teil gegenseitig ausschließen, selbst Symptom sein können. Oft genug beendete der Nazispuk bundesdeutsche Karrieren, zieht er hitzigen Diskussionen den Boden unter den Füßen weg, denn wenn sich hierzulande jemand aufregt über irgendjemanden, kommt der Nazivergleich fast von allein. Hitler liegt immer noch in der Landschaft herum wie ein schlecht isoliertes Stromkabel, das ab und an Funken sprüht.
Unvergesslich ist mir der entrüstete Zeitgenosse im Smoking, der auf der opulenten Party nach einer Medienpreisverleihung vor verschlossener Tür des sogenannten VIP-Bereichs stand. Er hatte nicht das passende Bändchen am Handgelenk, durfte also nur an der allgemeinen Party teilnehmen. Da entfuhr es ihm: "Das ist Selektion, und das hatten wir schon mal in Deutschland." Hat man erst mal die heiße Zone der Nazisemantik erreicht, schmilzt alles dahin, zuerst die Maßstäbe.
Die Besessenheit mit dem Nationalsozialismus, seinen Verbrechen und Hitler, die Hingabe an den Spuk ist keine deutsche Spezialität. Im vergangenen Winter widmete sich der TV-Sender History in einer Dokureihe der Jagd auf Hitler. In "Hitlers Flucht" nimmt der tote Führer die Rolle von Nessie ein. Ein Team angeblich ausgewiesener Spezialisten sucht seine Spuren in Argentinien und Brasilien. Basis dafür sind vom FBI freigegebene Zeugenaussagen aus den späten Vierzigerjahren von Menschen, die der Meinung waren, Hitler irgendwo erkannt zu haben. Es sind Belege für kollektive Traumata, aber keine Indizien echter Präsenz. Daraus wird lächerliches Fernsehen und eine Schande für alle Beteiligten, aber eben auch ein Symptom dafür, wie beim Stichwort Hitler alle durchdrehen und dass man das Feld nicht solchen Scharlatanen überlassen sollte.
Weber geht vor wie ein Analytiker: Die Geschichte, die Hitler über sich selbst und für die Nachwelt schrieb und der wir noch zu sehr folgen, soll durch eine neue und wahre Geschichte ersetzt werden. Das gelang ihm schon in seinem vorigen Buch "Hitlers erster Krieg". Lange dominierte das vom Betroffenen selbst und später von ergebenen Kameraden gezeichnete Bild vom tapferen Meldegänger, der an der Front eingesetzt wird und, im Unterschied zu so vielen anderen seiner Kameraden in dieser Funktion, überlebt. Weber kam, anhand von ihm erstmals ausgewerteter Regimentsakten, zu einem ganz anderen Urteil: Wir lesen von einem Mann, der als Meldegänger in Stabsdiensten eingeteilt ist, weit entfernt vom gefährlichen Kampfgeschehen. Einem, der unter seinen Kameraden wegen dieses komfortablen Postens als "Etappenschwein" gilt. Seine Auszeichnungen hat er seiner Nähe zu den Offizieren zu verdanken, nicht Tapferkeit – ein Umstand, den Hitler und seine Mitarbeiter später mit großem Eifer zu vertuschen suchten, entsprechende Dokumente wurden vernichtet oder unterdrückt.
In Webers neuem Buch "Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde" geht es um die Zeit nach dem Weltkrieg, als Hitler seinem zu demobilisierenden Regiment nach München folgt*. Es sind die Jahre, in denen aus dem unpolitischen, unauffälligen Soldaten ein radikaler Politiker wurde. Aber wie geschah das genau? Wenn schon der verlorene Weltkrieg selbst nicht zur Politisierung und zur Radikalisierung führte, was war es dann? Hitler sah ja in seiner Kriegserfahrung als Frontsoldat und in der Revolution von 1918 die wichtigsten Gründe für den Entschluss, Politiker zu werden. Doch wie in so vielen Punkten ist "Mein Kampf" eine unzuverlässige Quelle. Hitler lügt dort derart ungehemmt, dass Weber das Buch als "Werk der Fiktion" bezeichnet. Denn zunächst machte Hitler in München weiter wie gewohnt: als gehorsamer Soldat, der ausführt, was seine Vorgesetzten ansagen. Er sah Revolution und Räterepublik ohne besondere Regung und folgte dem, was seine Offiziere ihm vorgaben. Weber macht etwas deutlich, was Hitler selbst niemals ausgesprochen hätte: Er hatte gar keine andere Möglichkeit, denn er hatte nichts außer diesem Job als Soldat. Hitler hatte keine Ausbildung. Er war darauf angewiesen, so lange wie möglich beim Militär zu bleiben. Er besaß auch nur wenige zivile Kleidungsstücke. Dass er sich zum Vertrauensmann seiner Kompanie wählen ließ – sein erstes Amt überhaupt –, hatte auch diesen Hintergrund: So konnte er länger im Sold bleiben.
Dass bald die Räterepublik herrschen würde, war ihm jedenfalls kein Grund, den Posten abzulehnen. Politisch lässt sich nur sagen, dass er Kommunisten und bayerische Separatisten nicht mochte. Vage stand er den Mehrheitssozialdemokraten nahe, aber das Bild bleibt völlig unscharf. Weber fasst es wie folgt zusammen: "Die Zahl der politischen Ideen, die er aktiv befürwortete, war deutlich kleiner als die Zahl derer, denen er zu dienen bereit war." Dass er zu jüdischen Kameraden ein gespanntes oder überhaupt ein besonderes Verhältnis gehabt hätte, ist nicht zu belegen. Das Thema spielte bei ihm noch keine Rolle.
Nach dem Ende der Räterepublik diente sich Hitler den neuen Machthabern an, eben ein echter Wendehals. Nun kam es auch zur ersten von vielen fatalen Entwicklungen: Er wollte weiterhin seiner Demobilisierung entgehen und belegte daher die angebotenen Propagandaschulungen. Das waren Kurse unterschiedlicher Dozenten, die ausgewählte Soldaten zu Rednern ausbilden sollten – im Wesentlichen, um ihre Kameraden davor zu bewahren, dem Kommunismus anheimzufallen. Der Kurs im Juli 1919 war die erste formale politische Ausbildung, die Hitler zuteilwurde. Das Spektrum der Themen war breit, die Persönlichkeiten der Dozenten waren unterschiedlich. Hitler klaubte sich nach und nach heraus, was ihm irgendwie passend schien. Später erinnerte sich ein Dozent daran, dass er nie in den Sitzungen das Wort ergriff, sondern nach dem Ende der Veranstaltung ins Reden verfiel und Soldaten in kleinen Gruppen agitierte.
Weber schildert, dass das München des Sommers 1919 eine Stadt war, deren Bewohner nach politischer Orientierung suchten. Zu einer Art Mentor und Vorgesetztem von Hitler wird Karl Mayr, der in den vorangegangenen Monaten die Räterepublik bekämpft hatte und nun die Schulungen der Soldaten aus einem Luxushotel heraus organisierte. Mayr, der im Februar 1945 im KZ Buchenwald starb, hatte ein Faible für formbare Männer, politische Konvertiten, die auch schwere Phasen kannten und froh waren um Zuwendung. Doch bis zu seiner Begegnung mit Karl Mayr war Hitler – also auch nach Weltkrieg, Revolution und Konterrevolution – politisch, sozial und einfach in jeder Hinsicht unauffällig.
Das ist eine der Leistungen des Buches: deutlich zu machen, dass Hitler nicht immer schon ein Nazi war; dass es keine objektiven Gründe dafür gab, auch keine Vorsehung und nicht mal eine besondere Wahrscheinlichkeit, dass er sich zum radikalen Politiker, Diktator, Räuber und Massenmörder entwickeln würde. Nach Weber war es ein simples Ereignis, das diesen Wandel auslöste: die Publikation der Friedensbedingungen im Juli 1919. Erst da realisierte der ehemalige Gefreite, spätere "Bildungsoffizier" Adolf Hitler, dass das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verloren hatte und nicht in der Lage war, die Bedingungen des Friedens mitzugestalten. Es waren nicht die Wiener Jahre und der dort grassierende Antisemitismus, nicht die Abenteuer des Frontsoldaten und auch nicht die Revolution von 1918, die Hitler politisch prägten, sondern die späte Erkenntnis, dass der Krieg nicht mit einem Unentschieden zu Ende gegangen war. "Das war der Moment", so Weber, "in dem Hitlers politische Metamorphose und Radikalisierung einsetzten." Es geht Weber wohlgemerkt nicht darum, die Schuld dafür, dass Hitler zum Nazi wurde, dem Versailler Vertrag zuzuschreiben. Der führte ja nicht zwangsläufig zu politischer Radikalisierung, denn seine Härten – die Forschung hat es längst gezeigt – wurden von den Weimarer Politikern erfolgreich auf dem Verhandlungsweg gemildert.
Weber geht wie ein Sachverständiger vor, der den Ausgangspunkt für einen Großbrand sucht, und er findet den Auslöser dieser fatalen historischen Prozesse in Hitlers Rezeption der Friedensbedingungen von 1919. Fortan prägten Hitlers Denken zwei Fragen: Wie lässt sich diese Niederlage rückgängig machen? Wie lässt sie sich in der Zukunft, für immer vermeiden? Und seine Antworten fand er erst später, beim Verfassen von "Mein Kampf", in der Rassentheorie und dem Lebensraumthema.
Nach seinen Schulungen machte sich der Bildungsoffizier, der weder besonders gebildet war noch ein Offizier, ans Werk und hielt Reden. Er hatte zunächst keinen durchschlagenden Erfolg. Zu Beginn wurde er ohnehin nur vor loyalen Soldatenverbänden eingesetzt, die seine Meinung mehr oder minder teilten. Aber auch da kam er nicht immer gut an. Einmal musste er sogar vor einer wütenden Menge von Soldaten gerettet werden, ein beherzter Ire zog den verstörten und vermöbelten Redner aus der peinlichen Lage.
Mit fortschreitender Lektüre ermisst man die Fülle der Alternativen, die es für Hitler, vor allem aber auch für die damalige Gesellschaft gegeben hätte. Hitlers Werdegang war nicht beeindruckend, sein Aufstieg nicht fulminant, und die Mehrheit seiner Zeitgenossen ignorierte ihn völlig – jedenfalls bis zum Prozess 1924 nach dem missglückten Putsch.
Hitler selbst hat später dafür gesorgt, dass Spuren und Unterlagen über sein Verhalten in der Zeit zwischen der Revolution und der Arbeit an "Mein Kampf" gründlich verwischt wurden. Die Gründe dafür kann man sich aus Webers Buch gut erschließen: Hitler wollte nicht etwa eine vermeintliche sozialistische oder gar kommunistische Sympathie vertuschen, sondern was er verbergen wollte, war der völlige Mangel an Eigenschaften, das Verhalten eines, wie ihn sein Mentor Karl Mayr nannte, "ziellosen Hundes". Hitlers Legende bestand darin, dass ihn die Vorsehung zur Größe und zur Rettung des Vaterlandes und zur Vernichtung der Juden auserwählt habe, und er wollte später auch nicht verbergen, dass er mal für die andere Seite Politik betrieben habe oder gar freundlich zu Juden gewesen sei. Nein, was nicht herauskommen durfte, war: Er hatte nie etwas anzubieten, alles war mehr oder weniger der pure Zufall.
Hitlers Persönlichkeit erwies sich bei alldem als verschlimmernder Faktor. Es war ihm in seinen Erwachsenenjahren unmöglich, mit anderen zusammenzuarbeiten, Freundschaften zu pflegen, schon gar eine Ehe zu schließen oder eine Familie zu gründen. Er kam am besten voran, wenn er sich an militärischer Obrigkeit oder einem Mentor orientieren konnte und in die Rolle des Redners schlüpfte, der mit viel Drama auf das Publikum zu seinen Füßen einwirkte. Diskutieren mochte er nicht. Der Verhandlungstisch im rauchgeschwängerten Hinterzimmer einer Kneipe – dieser unvermeidliche und mühsame Arbeitsplatz jedes ernsthaften Politikers hat ihn nie interessiert. Der Monolog war seine Disziplin. Später machte die NS-Propaganda aus der Schwäche eine Tugend: Der Führer sei nach großen Reden so ausgelaugt, dass man ihn dann nicht ansprechen dürfe. Und noch später riskierte man für Widerspruch seinen Kopf.
Hitler ging zunächst tentativ vor, schaute, was ankam, um seinen Stil der kompromisslosen, pompösen und auf ihn zugeschnittenen Politik voranzubringen. Ein Zurück gab es für ihn nicht. Er verhielt sich wie ein Hochstapler, der nicht mehr zurückkann: Wenn es brenzlig wird, setzt man eben noch einen drauf, das verschafft etwas Zeit. Oder, wie Weber urteilt: "Was Hitler und Karl Mayr 1919 auf die Beine stellten, sollte den destruktivsten Zug in Bewegung setzen, den die Welt je gesehen hat." Stoppen mussten ihn andere.
Bis dahin ging es keineswegs nach Plan, schon deshalb nicht, weil es, so Weber, keinen gab. Als ein Vertrauter ihn wenige Monate vor Kriegsausbruch nach seinem politischen Masterplan fragte, antwortete Hitler, das seien "Probleme der Zukunft, die ich nicht zu Ende denke". Er verstand sich darauf, auch bei unvollständiger Übersicht und beschränktem Informationsstand Entscheidungen zu treffen, machte sich aber über lang- und mittelfristige Konsequenzen wenig Gedanken. Wozu auch? Seine so zögerlich begonnene Karriere drohte zu enden, bevor sie wirklich begonnen hatte. 1923 verfiel er in eine wochenlange Depression.
Es war erst der Putsch, genau genommen der sich daran anschließende Prozess, der ihn bekannt machte und ihm die Türen einer nur dem Namen nach besseren, in Wahrheit aber rassistischen und reaktionären Gesellschaft öffnete. Direkt nach dem Putsch gab es wieder so einen winzigen Moment, auf den Weber seinen Fokus richtet: Da konnte Hitler aus München fliehen, er wollte nach Österreich. Doch der Wagen schaffte die Strecke nicht, Hitler versteckte sich bei Freunden in Bayern und wurde dort festgenommen. Hätte das Auto das Ziel erreicht, wäre er in Österreich untergetaucht – niemand hätte je wieder von Adolf Hitler gehört.
Eine Kette von Zufällen, ein Nichts von einem Mann, eine ungut brodelnde historische Lage – kann man diese Geschichte lesen und daraus den Schluss ziehen, dass sich eine solche Kette von Entwicklungen nie wiederholen wird? Und dass es darum nur noch ein Hobby sein darf, mehr über Hitler, sein Umfeld, seine Familie zu erfahren? Webers Methode legt einen anderen Gedanken nahe: Radikalisierung ist in vielen historischen Situationen möglich, sie vollzieht sich graduell, aber durchaus schnell und ist nur schwer zu revidieren. Fatale Entwicklungen vollziehen sich in der Peripherie unserer Wahrnehmung, während sich die Großwetterlage gerade freundlich zeigt. Wenn die Komponenten dann miteinander reagieren, ist es zu spät.
Eigentlich, sagt Weber, ist alles zum Thema Hitler wichtig. Er erwähnt eine Studie zu dessen psychischen Dispositionen, auch das Buch von Norman Ohler über den Drogenkonsum des "Führers". Weber macht zudem deutlich, dass Hitler in den Jahren seines politischen Aufstiegs keine einzige adäquate Lösung für bestehende Probleme formulierte. Seine beiden wesentlichen Themen, die Judenfrage und der Lebensraum, waren Phantasmen des Hasses, mit denen keine wirklichen Probleme korrespondierten – aber prägten dann, immenses Leid verursachend, ihre Zeit und die deutsche Geschichte.
Weber schreibt am Ende seines Buches einen erschütternden Satz: "Die Frage, ob Hitler seine Antworten auf die Fragen vom Juli 1919 auch umsetzen können würde, würde genau so von den Millionen von Deutschen abhängen, die für ihn stimmen würden oder die an den Verbrechen des 'Dritten Reiches' beteiligt sein würden."
Das ist das größte Geheimnis, das Hitler zu hüten hat: Er war ein kleines Licht. Es waren die anderen, nicht alle – nicht die Juden und Kommunisten, nicht die Sozialdemokraten, die Katholiken, nicht Alfred Kerr und Thomas Mann –, aber doch viel zu viele, fast alle Deutschen, die sich damals, so für sich und insgeheim, selbst zur Zeitbombe machten. Und es waren die Eliten des großen Landes, die ostelbischen Großgrundbesitzer, die Militärs, Wissenschaftler, Mediziner, Juristen, Industriellen, Banker und Ingenieure, die eifrig besorgten, was Hitler nicht zu Ende geplant hatte.
Die Katastrophe kam nicht plötzlich, bereitete sich aber schon lange vor, vor allem durch falsche Gedanken. Und dann, dann kam es auf die Details an, die kleinen Schritte. Die von damals muss man studieren, heute muss man auf alles achten, auch auf Kleinigkeiten des Zeitgeschehens, an den Rändern unserer Aufmerksamkeit. Was an der Geschichte Adolf Hitlers ist für uns heute noch wichtig? Alles. ■

Hitler liegt immer noch in der Landschaft herum wie ein schlecht isoliertes Stromkabel, das ab und an Funken sprüht.

Er verhielt sich wie ein Hochstapler, der nicht mehr zurückkann: Wird es brenzlig, setzt man noch einen drauf.

* Thomas Weber: "Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde". Propyläen Verlag, Berlin; 528 Seiten; 26 Euro. Erscheint am 13. Mai.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 19/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 19/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zeitgeschichte:
Ein kleines Licht, eigentlich

  • Filmstarts: Kinder mit Kanonen
  • Zu viele Verletzungen: NFL-Star Andrew Luck beendet mit 29 Karriere
  • Im Autopilot-Modus: Tesla-Fahrer schläft hinter dem Steuer ein
  • Brände im Amazonas: "Wir verlieren ein wesentliches Ökosystem unserer Erde"