14.05.2016

OppositionBismarck aus Bielefeld

Der EU-Abgeordnete Marcus Pretzell präsentiert sich als eine Art Außenminister der AfD. Doch der Parteispitze sind seine Bündnisse nicht geheuer.
Eine der wichtigsten Ansagen auf dem jüngsten Bundesparteitag der AfD kam nicht von der Parteispitze, auch nicht von der Bühne, sie kam aus der Mitte des Raumes. An einem Saalmikrofon stellte sich Marcus Pretzell auf, Landeschef der AfD Nordrhein-Westfalen und Abgeordneter im EU-Parlament.
Vor 2400 Teilnehmern verkündete Pretzell, dass er zur Fraktion der Antieuropäer im Straßburger Parlament wechseln wolle. Künftig werde er zusammen mit der italienischen Lega Nord, der österreichischen FPÖ und dem französischen Front National gegen die vermeintlich übermächtigen EU-Institutionen kämpfen. Die AfD müsse ein "Einigungssignal" an alle europakritischen Parteien senden.
Pretzells Ziel ist eine Art populistische Internationale, ein Bündnis all jener Kräfte, die das institutionalisierte Europa schwächen oder gleich abschaffen wollen. Der ehemalige Immobilienentwickler Pretzell führt zwar nur einen AfD-Landesverband, aber er geriert sich schon wie der inoffizielle AfD-Außenminister.
Nicht allen gefällt das. Vor dem Front National, einer offen rechtsextremen Partei, schrecken viele in der AfD-Spitze zurück. Pretzell, 42, sitzt zwar nicht im Bundesvorstand, darf also eigentlich keine Kooperationen einfädeln. Aber er ist der Lebensgefährte von Bundeschefin Frauke Petry, und in der Partei fürchten viele, die beiden könnten die AfD in radikale Bündnisse führen, die sich später nicht lösen lassen.
Pretzells neue Partner dagegen können ihr Glück kaum fassen. "Das Kommen von Pretzell ist für uns das Kommen der AfD", frohlockt Gerolf Annemans vom rechtsradikalen belgischen Vlaams Belang. Der "smell of victory" liege schon in der Luft.
Auch der Front National (FN) feiert den neuen Verbündeten, allen voran Edouard Ferrand, 51 Jahre alt, handgenähte Schuhe, Hornbrille. Der frühere Vermögensberater leitet die FN-Delegation im EU-Parlament, die mit 21 Sitzen fast doppelt so viele Abgeordnete stellt wie Frankreichs regierende Sozialisten. Und er ist Vizechef der ENF-Fraktion, bei der Pretzell nun untergeschlüpft ist – als erster Deutscher, wie Ferrand triumphiert.
Pretzell sei "ein wichtiges Werkzeug im Kampf gegen die EU und gegen Madame
Merkel", schwärmt Ferrand. Mit dem AfD-Mann vereine man nun Vertreter aus allen Ländern des sogenannten Kerneuropa, nämlich dem Kerneuropa der EU-Gegner. "Ein Riesenerfolg", findet der Franzose.
Dass die zweite EU-Abgeordnete der AfD, Beatrix von Storch, lieber zu den gemäßigteren EU-Gegnern gewechselt ist, stört ihn nicht. Entscheidend seien die gemeinsamen Interessen mit der AfD. Würde die Front-National-Spitze Petry gern persönlich treffen, sie zum Parteitag einladen? "Oui, oui, oui", flötet der Franzose. Damit liegt er ganz auf der Linie von Parteichefin Marine Le Pen, die findet, ein Treffen mit Petry liege "geradezu auf der Hand".
Das denkt auch die AfD-Basis, die Pretzells Parteitagsrede mit donnerndem Applaus feierte. AfD-Funktionäre aus den Ländern sind bereit zum Schulterschluss mit den Franzosen. Thüringens Landeschef Björn Höcke etwa forderte jüngst in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", Petry solle Marine Le Pen treffen. Das bekräftigt nun ebenfalls der bayerische AfD-Vorsitzende Petr Bystron: "Selbstverständlich sollten AfD-Vertreter wie Frauke Petry den Front National treffen und gemeinsame Schnittmengen erkunden." Die französische Rechte habe sich unter Le Pen "sehr beachtlich entwickelt", lobt Bystron.
Doch in der AfD-Bundesspitze sehen viele eine Kooperation mit dem Front National skeptisch. Parteichefin Le Pen hat der Partei zwar den offenen Antisemitismus ausgetrieben. Aber sie plädiert im Gegensatz zur AfD für die Wiedereinführung der Todesstrafe und den Austritt aus der Nato. Gerade den gemäßigteren Kräften in der AfD ist klar, dass der Höhenflug der Partei schnell vorbei sein kann, wenn sie ihr bürgerliches Image verliert und als offen rechtsextrem dasteht.
Pretzell lässt auf Anfrage ausrichten, dass der Bundesvorstand über seine internationalen Kontakte informiert sei. Ob damit womöglich nur Parteichefin Petry gemeint ist, bleibt unklar. Andere im Vorstand jedenfalls bezweifeln, dass der flapsige Jurist aus Bielefeld kompetent genug ist, um internationale Bündnisse für die AfD zu schmieden.
"Wir dürfen nicht voreilig handeln", warnt Vorstandsmitglied Georg Pazderski. "Die große Mehrheit des Bundesvorstands sieht den Front National sehr kritisch." Pretzell dürfe als Abgeordneter seine Fraktion frei wählen. "Aber über die parlamentarische Arbeit hinausgehende Kontakte zu ausländischen Parteien muss erst der Bundesvorstand genehmigen." Und Petrys Koparteichef Jörg Meuthen warnt: "Ich schaue mir die Aktivitäten von Herrn Pretzell ganz genau an."
* Beim Bundesparteitag der AfD am 1. Mai in Stuttgart.
Von Melanie Amann und Julia Amalia Heyer

DER SPIEGEL 20/2016
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