14.05.2016

Eine Meldung und ihre Geschichte§ 16 Abs. 3 BrSchG

In Nordfriesland löst sich eine freiwillige Feuerwehr auf – ein Beschluss mit bizarren Folgen.
So, sagt Christian Albertsen, vor sich einen Tablet-Computer hier haben wir es. Auf dem Tablet öffnet sich die Einsatzstatistik 2016 der freiwilligen Feuerwehr in 25840 Friedrichstadt, Schleswig-Holstein, jede Zahl ein kleines Drama. Sechsmal mussten die Kollegen bisher ausrücken, am 1. Januar befand sich in der Dithmarscher Straße eine "Person in Notlage", am 31. März war ein "Tier in Notlage", am 21. April schlug in der Dorfstraße 37 ein Rauchmelder Alarm, der Nachbar rief die Feuerwehr. "Die Leute wählen 112 und gehen selbstverständlich davon aus, dass jemand kommt", sagt Albertsen. "Damit das gewährleistet bleibt, mussten wir diese drastische Maßnahme ergreifen."
Albertsen ist 49 Jahre alt, Milchbauer von Beruf und seit 36 Jahren bei der Feuerwehr. Ein gemütlicher Herr mit kurzen, grauen Haaren. An seiner Jacke hängen dreireihig die Orden. Schon sein Vater war bei der Feuerwehr, er selbst trat mit 13 in die Jugendfeuerwehr ein, weil er meinte, das gehöre sich so. Mit 18 wechselte er zur freiwilligen Feuerwehr in Viöl, einer Gemeinde nördlich von Husum. "Eine ganz klassische Karriere", sagt Albertsen. Er schiebt ehrenamtlich Dienst, weil er die Tradition schätzt, die Kameradschaft und das gute Gefühl, im Notfall zu helfen; jedem, immer, überall.
Auf dem Feuerwehrwagen ist Albertsen ein "einfacher Löschknecht", wie er sagt, aber als oberster Brandmeister des Kreises Nordfriesland verantwortet er die Organisation von 132 freiwilligen Feuerwehren. Und damit fängt das Problem an.
Rund 160 000 Menschen leben in seinem Kreis, "aber wenn es brennt oder nach einem Sturm der Keller unter Wasser steht, machen sich nur 5384 Kameraden den Rücken krumm", sagt Albertsen. Es waren mal deutlich mehr als 6000 Nordfriesen, die sich bei der freiwilligen Feuerwehr engagiert haben, aber die Zeiten ändern sich. Besonders finster sieht es bei den Jahrgängen 1972 bis 1986 aus, bei den Männern im besten Alter.
Albertsen sagt: "Die jungen Menschen gehen in die Großstadt, weil sie hier keinen Job finden. Oder sie fragen sich ganz stumpf: Was springt für mich dabei raus, wenn ich bei der Feuerwehr bin? Gibt ja nicht mal Rentenpunkte. Aus Überzeugung machen den Job immer weniger."
Albertsen fehlen Typen wie Albertsen.
Die freiwillige Feuerwehr in Friedrichstadt würde, wenn die Zeiten bessere wären, dieses Jahr Jubiläum feiern, sie wurde gegründet vor 145 Jahren. In der Fahrzeughalle stehen ein Drehleiter- und zwei Gruppenwagen, Friedrichstadt zählt brandschutztechnisch zur Risikoklasse vier, wegen der Schulen, des Altenheims und der historischen Backsteinhäuser. 54 Mann müssten bei der freiwilligen Feuerwehr in Friedrichstadt arbeiten, Mitte April aber waren es bloß noch 23. Albertsen fand, die Feuerwehr sei nicht mehr handlungsfähig. Es musste etwas passieren.
Er ging zum Bürgermeister und wandte sich an die zuständige Aufsichtsbehörde. Ihm blieb keine andere Wahl. Er ließ die freiwillige Feuerwehr auflösen und 54 Friedrichstädter Bürger von der Stadt zwangsrekrutieren. Albertsen gründete eine Pflichtfeuerwehr.
Die verbliebenen 23 Freiwilligen informierte der Bürgermeister postalisch: "Ich bitte Sie daher, unverzüglich, jedoch spätestens zum 29.04.2016, Melder, Schlüssel, Mütze und Jacke U1 bei Frau Postel im Rathaus der Stadt Friedrichstadt zu den Geschäftszeiten abzugeben."
Im Ordnungsamt Nordsee-Treene forderte die Sachbearbeiterin zunächst eine Liste mit allen Einwohnern im Alter von 18 bis 50 Jahren an, dann wählte sie, nach dem Zufallsprinzip, die neuen Feuerwehrleute aus. Ein Bote überbrachte ihnen ein dreiseitiges Schreiben, es war der Verpflichtungsbescheid gem. § 16 Abs. 3 des BrSchG. Darin ist die Rede von sechs Jahren "Dienst in der Pflichtfeuerwehr als ehrenamtliche Tätigkeit für die Gemeinde", für den Fall der Zuwiderhandlung droht ein Buß- und Zwangsgeld in Höhe von 150 Euro, "die sofortige Vollziehung ist angeordnet".
An einem Montagabend trafen sich die 54 Frauen und Männer dann zum ersten Mal, im Gerätehaus der Feuerwehr. Der Bürgermeister war anwesend, es gab Schnittchen mit Käse und Petersiliengarnitur. Albertsen erklärte den Neulingen, sie müssten die "Truppmannausbildung Teil eins" absolvieren, insgesamt 70 Unterrichtsstunden à 45 Minuten, immer montags und donnerstags, damit man bis zu den Sommerferien mit dem Stoff durch sei. Sie würden lernen, wie man brennendes Holz mit Wasser löscht, Benzin mit Schaum, Metall mit Sand.
Zwei Stunden dauerte die Sitzung. Albertsen war danach frohen Mutes, aber es stellte sich heraus, dass man eine Feuerwache nicht einfach so neu besetzen kann. Dass nicht jeder, der Feuerwehrmann werden soll, dazu taugt.
Unter den Auserwählten ist ein Mann, der zwar in Friedrichstadt gemeldet ist, aber während des vergangenen Jahres in der Schweiz gearbeitet hat und demnächst nach Hamburg ziehen wird. Ein anderer wohnt auf Sylt. Der Nächste hat einen Behindertenausweis. Es gibt einen Alleinverdiener, der meint, seinen Arbeitsplatz nicht verlassen zu können, wenn er angefunkt wird. Es gibt den ehrenamtlichen Fußballtrainer, der findet, er leiste schon genug für das Gemeinwohl. 18 Friedrichstädter haben Widerspruch gegen ihre Einberufung eingelegt.
Die Stadt hat noch einmal 14 Bürger nachverpflichtet, von denen sich einer schon wieder sträubt. Christian Albertsen lässt sich davon aber nicht beeindrucken. Er wird die Uniformen bestellen.
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 20/2016
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