14.05.2016

BuchkritikAuch Ehe ist politisch

Die Autorin Katja Kessler, Ehefrau des „Bild“-Herausgebers Kai Diekmann, hat einen Ratgeber veröffentlicht.
Das Grundgesetz stellt die Ehe gleich im Artikel 6 unter den "besonderen Schutz der staatlichen Ordnung", als hätte man damals geahnt, dass sie es nötig haben würde. Ein Drittel der Ehen endet mit der Scheidung – in Großstädten jede zweite. Manche trennen sich und bleiben auf dem Papier verheiratet, oder sie sind zusammen, aber nicht verheiratet, und wieder andere möchten gern heiraten, dürfen aber nicht. Man ist, wenn man über die Ehe nachdenkt, mittendrin in der Zeitkritik.
Schon der französische Philosoph Michel de Montaigne betonte diesen doppelten Charakter der Ehe, die einerseits Vertrautheit zwischen Mann und Frau stiftet, andererseits aber auch eine öffentliche Angelegenheit ist, in der es um Erbschaftsfragen, Geldgeschäfte, Religion und Kindererziehung geht – eigentlich um alles, was eine Gesellschaft so umtreibt. Die Autorin Katja Kessler überträgt diesen Ansatz in ihrem Buch "Das muss Liebe sein" auf unsere Gegenwart. Die zentrale Botschaft ihres Ratgebers ist die Einsicht, dass die Erwartung auf permanentes Glück in der Ehe der schnellste Weg zur Scheidung ist. Man findet eine Menge praktischer Hinweise, etwa zum Nutzen des Ehevertrags, vor allem aber eine Auswertung zahlreicher soziologischer, medizinischer und sexualwissenschaftlicher Studien, Unterhaltung also auf empirischer Grundlage.
Die Autorin plädiert für ein partnerschaftliches und kommunikatives Ehemodell und betont dessen Prozesscharakter – die gemeinsame Geschichte endet nicht mit der Trauung, sie beginnt gerade erst, und dann immer wieder. Ihr Ton ist satirisch und komisch, dabei traut sie sich manches, denn über den Ehemann wird bevorzugt wie über ein Haustier geschrieben: "Ein artgerecht gehaltener Ehemann kann bis zu 80 Jahre alt werden." Als Mann kann man nicht umhin, kurz daran zu denken, wie es wohl ankäme, würde man die animalischen Seiten der Frau derart sarkastisch skizzieren – also eher nicht so gut.
So ein Mann ist also triebgesteuert, schwer von Begriff, behaart, stur, zu nichts nutze – andererseits stiftet er eine gewisse Gemütlichkeit, wenn man ihn richtig hegt und pflegt. Der Humor wird als zentraler Faktor einer gelingenden Ehe betont, zugleich aber macht die Autorin die Leser mit dem stets wandelbaren, dann aber auch wenig zu steuernden Charakter so einer Beziehung vertraut.
Der Mann an sich jedenfalls lässt sich nur begrenzt optimieren, bei Kessler stehen ihm schon Pluspunkte zu, wenn er die Ehefrau beim Reden ansieht. Gelobt wird auch die Bereitschaft, sich an Haushalt und Kinderbetreuung zu beteiligen – auch dann, wenn diese bloß telefonisch geäußert wird und keine praktische Wirkung entfaltet.
Dass der Ehemann der Journalist Kai Diekmann ist, verstärkt den ermutigenden Ton des Buchs. Von der anstrengenden Illusion eines perfekten Promipaars keine Spur: "Wir streiten uns immer wie die Besenbinder." Auch der beschriebene "Schatzi" beweist, indem er sich ungeschönt als Aktmodell in dieser Skizze der modernen Ehe zur Verfügung stellt, einigen Mut – kein "Bild-Blog" könnte ihm derart zu Leibe rücken. An einer Stelle wird etwa der Schock einer naiven Ehefrau beschrieben, die feststellt, dass ihr geliebter Gatte die CDU wählt.
Trotz seines Tons und seiner privaten Gedanken ist dies auch politisch ein brisantes Buch. Jede Phänomenologie der Ehe ist auch eine Gesellschaftskritik, und anhand der hier präsentierten Fakten muss man feststellen, dass es in einem reichen Staat wie diesem den Leuten unnötig schwer gemacht wird, Kinder, Partnerschaft und Beruf zu vereinbaren.
Es scheint, als müsste jede Frau, die Partner oder Partnerin und Kind möchte, alles neu regeln, als wäre sie die erste, die in solch eine Lage gerät: Wo bleibt das Kind, wenn ich wieder arbeiten möchte? Was kann, was möchte, was soll der Vater des Kindes übernehmen? Und wenn wir uns abwechseln mit der Kinderbetreuung – wann sind wir mal zu zweit? Weder gibt es ein Modell, das einfach von den Großeltern übernommen werden könnte, noch gibt es eingespielte Verfahrensweisen in Nachbarschaft und Kollegenkreis, wie das in Frankreich oder in Schweden der Fall ist. Es ist einfach die pure Improvisation. So ist jede Familie auf völlig eigene Art organisiert, das ist nicht nur ziemlich anstrengend, es führt auch zur verschärften Ideologisierung der Debatte.
Die öffentlich relevante Institution der Ehe ist in ihren Risiken privatisiert, von den Erfolgen aber – gelungene Kinder, glückliche Erwachsene, gepflegte Kranke – haben alle etwas. Stadtplanung, Verkehrspolitik, Bildungspolitik, das Steuer- und Rentensystem, die Arbeitszeitregelungen – so viele Faktoren der staatlichen Ordnung könnten helfen, Ehe und Familie zu entlasten. Dass es Liebe sein muss, wie Kessler im Titel fordert, bedeutet ja nicht, dass Politik hier nicht helfen könnte, wenn man endlich diese deprimierende Austeritätspolitik beenden würde.
Katja Kessler: "Das muss Liebe sein: 54 1/2 Pflegetipps für die glückliche Ehe". Bastei Lübbe, Köln; 352 Seiten; 14,99 Euro.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 20/2016
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