28.05.2016

Fleischkonsum„Zack, verboten“

Der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Anton Hofreiter, 46, über Tierwohl in Deutschland, Gülle im Grundwasser und die Frage, wie man am besten ein Schwein zerteilt
SPIEGEL: Herr Hofreiter, Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel "Fleischfabrik Deutschland". Essen Sie Fleisch?
Hofreiter: Ich bin kein Vegetarier, also: ja. Nicht täglich, aber so drei- bis viermal pro Woche.
SPIEGEL: Immer Bio?
Hofreiter: Wenn ich selbst einkaufe, dann Biofleisch. Ich gehe aber auch in Restaurants, die kein Biofleisch verwenden.
SPIEGEL: Sie stellen Ihr Buch zusammen mit dem Kanzleramtschef Peter Altmaier vor. Über dessen Lebenswandel sagte Ihre Parteikollegin Renate Künast mal halb im Spaß: Die Welt verträgt keine sieben Milliarden Altmaiers. Verträgt sie sieben Milliarden Hofreiters?
Hofreiter: So wie ich im Moment esse, nein. Ich versuche, bewusst und nachhaltig zu konsumieren. Aber ich bin nicht 100 Prozent meines Lebens nur Grüner. Manchmal schalte ich auch einfach mal ab, wie jeder, ich bin ein Genussmensch. Ich gehöre auch nicht zu denen, die sagen, dass es grundsätzlich unethisch ist, Tiere zu essen. Es geht mir nicht darum, dem Einzelnen zu sagen, was er tun und lassen soll. Mir geht es darum, das Bewusstsein zu schärfen. Ich will keine Gesetze für den Küchentisch, sondern für Stall und Produktion.
SPIEGEL: Vor drei Jahren haben die Grünen den Veggie-Day gefordert, also einen fleischlosen Tag in öffentlichen Kantinen. Die Forderung kam bei vielen Wählern nicht so gut an. Wollen Sie den Bürger nur aus der Pflicht nehmen, um wählbarer zu sein?
Hofreiter: Ich habe den Veggie-Day für einen Fehler gehalten. Wenn Sie einmal pro Woche kein Fleisch essen, sich aber an allen anderen Tagen einen Schweinsbraten aus Massentierhaltung reinstopfen, dann bringt das nichts. Das Fleisch wird dann weiterhin unter Missachtung des Tierschutzes hergestellt, die Tiere werden mit Gensoja gefüttert und mit Antibiotika vollgepumpt, die Gülle wird in gigantischen Mengen auf den Acker gebracht und sickert ins Grundwasser. Der Verbraucher will nicht von uns bemuttert, sondern geschützt und informiert werden.
SPIEGEL: Über Bio oder nicht Bio wird er schon informiert.
Hofreiter: Ja, aber nur schwarz und weiß. Sie können Biofleisch kaufen und Nicht-Biofleisch. Es gibt aber auch konventionelle Bauern, die ihre Schweine artgerechter auf Stroh halten und unter Bedingungen produzieren, die schon deutlich besser sind. Unsere Zielvorstellung ist Bio. Aber nicht alles kann und muss gleich bio sein. Die Unterschiede sollte der Verbraucher sehen können. Die genaue Kennzeichnung hat schon bei den Eiern dafür gesorgt, dass Eier aus Käfighaltung fast vollständig aus dem Markt gedrängt wurden.
SPIEGEL: Braucht man vielleicht sogar Schockbilder wie bei Zigaretten? Man könnte zeigen, wie das Tier gelebt hat, das man isst.
Hofreiter: Mehr Ehrlichkeit würde schon reichen. Die schönen bunten Bilder auf den Fleischverpackungen der Discounter, von Fachwerkhaus-Bauernhöfen, die es gar nicht gibt, die sind irreführend. Es gibt Dinge, bei denen muss man sagen: Zack, verboten.
SPIEGEL: Was gehört denn noch verboten?
Hofreiter: Beim Fleisch sieht man am deutlichsten, was in der Landwirtschaft schiefläuft. Die Politik hat für Großställe gesorgt, mit Spaltenböden, ohne Stroh. Sie hat auf Masse gesetzt, mit der Folge, dass die Bauern es sich gar nicht leisten können, etwas an den Produktionsbedingungen zu ändern. Aber ich will nicht, dass Hühnern der Schnabel und Schweinen der Schwanz abgeschnitten wird, nur weil es billiger ist, sie so zu halten. Das will ich nicht.
SPIEGEL: Sie fordern auch das Ende des Billigfleischs. Wie teuer soll Fleisch werden?
Hofreiter: Es geht um die Produktionsbedingungen. Deren Standards müssen erhöht werden. Der Wissenschaftliche Beirat des Landwirtschaftsministeriums hat ausgerechnet, dass ein verbesserter Tierschutz die Preise drei bis sechs Prozent erhöhen würde. Das finde ich nicht zu viel.
SPIEGEL: Sollte es Mindestpreise für Lebensmittel geben?
Hofreiter: Nein. Ich will nicht die Preise festlegen, sondern die Produktionsbedingungen.
SPIEGEL: Ein normales Hähnchen gibt es im Supermarkt schon für drei Euro. Ein Biohühnchen hingegen kostet zehn Euro und ist magerer. Das sind mehr als ein paar Prozent Preisunterschied.
Hofreiter: Es geht nicht darum, dass alle sofort auf Bio umsteigen. Sie tun so, als gäbe es nur Massentierhaltung auf der einen Seite und Demeter-Betriebe auf der anderen. Es gibt ganz viel dazwischen. Und auch das ist okay. Mein Ziel ist, die gesamte Landwirtschaft zu verbessern und auch konventionellen Betrieben eine Perspektive zu bieten, die nicht direkt auf Bio umstellen können.
SPIEGEL: Das beste Fleisch muss man sich trotzdem leisten können. Müssten sich Hartz-IV-Empfänger einschränken?
Hofreiter: Das beste Fleisch ist Luxus. Aber besseres Fleisch, das unter fairen Bedingungen hergestellt wurde, sollte für alle bezahlbar sein. Hartz-IV-Empfänger sollten sich gut ernähren können, der Satz muss dementsprechend erhöht werden.
SPIEGEL: Der Marktanteil von Biofleisch liegt bei unter zwei Prozent. Das heißt, dass nicht einmal die Mehrheit der Grünen-Wähler so einkauft, wie Sie sich das wünschen.
Hofreiter: Wir stellen fest, dass die Biobetriebe in Deutschland der Nachfrage nicht hinterherkommen. Die Biometzger bekommen nicht genug Fleisch, Biofleisch muss oft importiert werden. Es gibt einen Mangel an Biomilch. Da können Sie doch nicht dem Verbraucher vorwerfen, er kaufe zu wenig.
SPIEGEL: Der Geflügelproduzent Wiesenhof hat eine Zeit lang versucht, Hühnchen anzubieten, die unter vermeintlich besseren Bedingungen gehalten wurden. Sie kosteten die Hälfte mehr. Wiesenhof bekam ein Tierschutzlabel, aber kaum ein Kunde wollte die Hühnchen kaufen.
Hofreiter: Dass die Leute Wiesenhof nicht trauen, wundert mich nicht. Ich liefere Ihnen ein Gegenbeispiel: Ich war bei einem fränkischen Metzger, der sogenannte Strohschweine anbietet. Nicht Bio, aber auf Stroh gehalten, was den Tieren gut tut. Der ist regelmäßig ausverkauft. Es geht darum, das System schrittweise in die richtige Richtung zu lenken. Wie bei den erneuerbaren Energien. Denen hat am Anfang auch niemand zugetraut, dass sie einmal einen Gutteil unseres Stroms produzieren. Die Politik darf nicht weiter nur die große Agraindustrie fördern, sondern muss sich um die kleinbäuerliche Landwirtschaft kümmern. Die ist die Zukunft.
SPIEGEL: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie früher zu besonderen Anlässen selbst mal ein Schwein zerlegt haben.
Hofreiter: Ja, das ist gar nicht so schwer. Man braucht einen stabilen, großen Tisch, gute Messer und eine Vorstellung davon, wo die einzelnen Stücke liegen. Also gewisse anatomische Grundkenntnisse. Nicht, dass man aus Versehen das Filet kaputt macht.
Interview: Alexander Neubacher, Britta Stuff
Von Alexander Neubacher und Britta Stuff

DER SPIEGEL 22/2016
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