28.05.2016

PharmaAOK muss die Pille nehmen

Ein Hersteller möchte seine Antibabypille verschleudern, um Marktanteile zu gewinnen. Die Krankenkasse will mehr dafür zahlen – darf es aber nicht.
Bahnbrechende Innovationen hat der Pillenproduzent Mibe bisher nicht hervorgebracht. In der Branche ist die Firma aus Sandersdorf-Brehna bei Bitterfeld weitgehend unbekannt – doch sie könnte bald für Furore sorgen. Allerdings weniger wegen neuer Moleküle als mit einer besonders dreisten Art, das eigene Sortiment in den Markt zu drücken.
Die Taktik von Mibe ist selbst für Pillendreher ungewöhnlich: Die Firma will ihre Medikamente quasi verschenken.
Der Pharmazwerg will, dass seine Antibabypille das Standardmedikament für alle AOK-Versicherten wird, die das Medikament auf Kassenkosten bekommen. Dafür gewährt er fast 100 Prozent Rabatt. Bis zum vollendeten 20. Lebensjahr bekommen Frauen die "empfängnisregelnden Mittel" (Sozialgesetzbuch) als vom Steuerzahler finanzierte Kassenleistung, danach müssen sie für die Pille meist selbst bezahlen.
Die von Mibe so großzügig bedachten Ortskrankenkassen wehren sich vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf in zweiter Instanz gegen das unerwünschte Geschenk: Sie wollen unbedingt mehr dafür bezahlen.
Seit 2007 gibt es Rabattverträge für jene Wirkstoffe, die keinem Patentschutz mehr unterliegen. Pharmahersteller bewerben sich bei Kassen darum, den Arzneistoff exklusiv verkaufen zu dürfen, und räumen dafür häufig Sonderpreise ein. Die Versicherten der Kasse bekommen dann jeweils nur den Wirkstoff aus der Produktion dieses einen Herstellers vollständig erstattet. Eigentlich geißelt die Pharmaindustrie diese Regelung. Denn bereits jetzt fällt mehr als die Hälfte aller verordneten Nachahmerpräparate darunter, die Kassen haben allein dadurch 2015 über dreieinhalb Milliarden Euro eingespart – auf Kosten der Hersteller.
Zu billig dürfen die Medikamente aber auch nicht sein. Die Kassen sind nach Vergaberecht verpflichtet, jedes Angebot zu prüfen. Das Pharmaunternehmen muss belegen, dass es überhaupt noch Gewinn damit macht – denn gerade größere Unternehmen geraten schnell in den Verdacht, kleinere Anbieter mit Dumpingangeboten vom Markt drängen zu wollen.
Mit dem Geschenk verfolgt Mibe offenbar eine andere Strategie, wie der Beschluss der 2. Vergabekammer des Bundes nahelegt: Die Pillenkonsumentinnen sollen angefixt werden. Haben sich die Frauen einmal an das Präparat gewöhnt, so das Kalkül, lassen sie es sich von ihrem Arzt auch dann verschreiben, wenn es nicht mehr durch die Kasse bezahlt wird. Bleiben möglichst viele Anwenderinnen dem Mibe-Produkt treu, könnte der Hersteller das Defizit aus dem Rabattvertrag mit den Krankenkassen kompensieren. Und der Marktanteil von Mibe, der beim ausgeschriebenen Wirkstoff derzeit bei gerade mal rund drei Prozent liegt, könnte sich schnell erhöhen.
Bei den Kassen stößt so ein Angebot auf wenig Gegenliebe. Christopher Hermann, Geschäftsführer der AOK Baden-Württemberg und Erfinder der Rabattverträge, sagt: "Damit würde allein den Großen Marktverdrängungsabsicht unterstellt, während aggressiven, kleineren Unternehmen Generalabsolution erteilt wird." Finden sich Nachahmer, würde das System der Rabattverträge auf den Kopf gestellt: Ein Wettbewerbsvorteil würde dann erst nach Ende der Vereinbarung eintreten – was eigentlich verhindert werden soll.
Doch die Vergabekammer hat in erster Instanz bereits beschlossen, dass die AOKen das Angebot von Mibe annehmen müssen: Solange ein Unternehmen nicht vorhabe, einen Wettbewerber auszuschalten, spreche nichts gegen eine solche Offerte – auch dann nicht, wenn sie zu Verlusten führt.
Mibe will sein Gebot auf jeden Fall durchsetzen. Selbst Zweifel der AOK, ob das Bonsai-Unternehmen (geschätzte 120 Millionen Euro Umsatz) einen für zwei Jahre gültigen Rabattvertrag wirtschaftlich überhaupt durchhält, versuchten die Sachsen-Anhalter zu kontern und legten eine Patronatserklärung ihrer Mutterfirma Dermapharm ("Tiroler Nussöl", "Tannenblut") vor.
Die ist nicht nur solvent, sondern hat durchaus Erfahrung damit, wie man allerlei Klimbim verkauft: Seit 2012 gehört den Dermapharm-Eignern auch der ehemalige RTL-Shop "Channel 21". Dort kann man von der Heißluftfritteuse bis zur "Zauberhose Cora", angeblich ein optischer Schlankmacher, fast alles kaufen. Natürlich zu "kleinen Preisen". Verschenkt wird dort allerdings nichts.

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Von Martin U. Müller

DER SPIEGEL 22/2016
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