28.05.2016

TransfermarktHarter Kopf

Stürmer sind eine begehrte Handelsware im Weltfußball. Der Pole Robert Lewandowski bringt den Markt kurz vor der Europameisterschaft in Frankreich zum Kochen.
Maik Barthel steht auf dem Beckenrand seines riesigen Swimmingpools in Gamprin, einem kleinen Örtchen in Liechtenstein. Am Horizont kann man die Berge sehen. Der Spielerberater baut gerade ein Haus, 400 Quadratmeter Wohnfläche, zwei Stockwerke, ein komplett verglaster Wintergarten und eben dieser riesige Pool. Barthel grinst. Er hat bereits einige Millionen in dieses Haus gesteckt.
Möglicherweise kann er die Ausgaben bald wieder reinholen. Denn Barthel arbeitet am Deal seines Lebens.
Barthel ist einer von zwei Agenten von Robert Lewandowski. Der polnische Nationalspieler ist Stürmer beim FC Bayern. Er wurde in der abgelaufenen Saison mit 30 Treffern Torschützenkönig. Für Barthel heißt das: Er sitzt da auf einem Schatz.
Stürmer der Kategorie Lewandowski gehören zu den begehrtesten Spielern auf dem Profi-Weltmarkt. Es gibt derzeit nur ein paar Angreifer, die das Prädikat Weltklasse verdienen: Zlatan Ibrahimović, Gonzalo Higuaín, Karim Benzema. Und dann vielleicht noch Sergio Agüero und Luis Suárez, die beide eigentlich keine echten Mittelstürmer sind, sondern aus Mangel an Alternativen von ihren Klubs in den Strafraum beordert werden.
Seit einigen Wochen läuft das Wettbieten der Topklubs um die besten Stürmer. Absurde Summen kursieren. Bei Barthel und seinem polnischen Partner Cezary Kucharski klingelt ständig das Telefon. Vereine versuchen herauszufinden, wie die Chancen für einen Wechsel Lewandowskis stehen. Sie stehen nicht so schlecht. Mit Vertretern von Real Madrid hat sich Kucharski bereits mehrmals getroffen. Der Poker läuft.
Barthel sagt: "Für Robert gibt es eigentlich gar keinen Markt. Ein Markt entsteht doch aus Angebot und Nachfrage. Wenn die Nachfrage das Angebot aber so enorm übersteigt, kann das Angebot mit der Nachfrage machen, was es will. Das Ergebnis ist Anarchie, ein Markt, der völlig überkocht."
Einfacher ausgedrückt: Barthel und Kucharski sind diejenigen, die Lewandowskis Preis definieren können. Irgendeiner der großen Klubs wird, so die Beratertaktik, irgendwann schon die Nerven verlieren und seine Gehaltsgrenzen für den Polen sprengen. Und nur darum geht es: Ein Gehalt herauszuhandeln, das bislang noch nie gezahlt wurde. Damit lässt sich dann recht einfach Druck auf alle anderen Interessenten erzeugen, die wiederum höhere Summen bieten müssen.
So funktioniert das Spiel hinter dem Fußballspiel. Und es ist die beste Zeit für solche Absurditäten.
Die Klubs aus England schwimmen ab der kommenden Saison im Geld, weil ein neuer TV-Vertrag 3,3 Milliarden Euro in den Spielbetrieb der Premier League spült. Dann sind da die Chinesen. Sie wollen jetzt auch attraktiven Fußball in ihrem Land haben. Der chinesische Klub Jiangsu Suning zahlte für einen offensiven Mittelfeldspieler namens Alex Teixeira vor einigen Monaten 50 Millionen Euro Ablöse. 50 Millionen für einen Spieler, der seine einzigen Titel in der Ukraine errungen hat.
"Wenn der Typ 50 Millionen gebracht hat, ist Robert 300 Millionen wert", sagt Berater Barthel. Man kann sich vorstellen, dass er das auch den Sportdirektoren vom FC Barcelona oder dem FC Arsenal so erklärt, wenn die sich bei ihm nach Lewandowski erkundigen.
Mit Kucharski und Barthel kann man stundenlang über steigende und fallende Marktwerte diskutieren, sie kennen fast alle Gehaltsstrukturen der europäischen Topklubs, telefonieren ständig mit irgendwelchen Managern, Scouts und Anwälten, die ihnen mitteilen, welcher Verein gerade wen braucht und wer mit wem verhandelt. Barthel sagt, sie seien "on fire".
Sein Klient Lewandowski ist noch bis zum 30. Juni 2019 vertraglich an den FC Bayern München gebunden. Der Spieler hat keine Ausstiegsklausel in seinem Kontrakt, Lewandowskis aktueller Marktwert liegt bei 70 Millionen Euro. Wenn der FC Bayern nicht will, dann kann der Stürmer nicht wechseln. Aber kann der FC Bayern einem Fantasieangebot widerstehen?
Robert Lewandowski sitzt im Münchner Hotel Vier Jahreszeiten, er sagt: "Verträge sind im Fußball kein Heiligtum. Diese Haltung kann man mögen oder nicht, aber es ist die Wahrheit. Es ist ja nicht so, dass nur Spieler irgendwelche Absprachen brechen. Wie oft kommt es vor, dass ein Verein einen Spieler nicht mehr braucht und ihn deshalb überall auf dem Markt anbietet?"
Lewandowski ist kein Fußballromantiker. Er ist ein Profi, der das Geschäft verstanden hat: "Wenn es um meine Karriere geht, bin ich der Boss, der Einzige, der Entscheidungen trifft. Meine Berater sind dann diejenigen, die sich um die Umsetzung kümmern."
Er war ein Ausnahmetalent in Polen, er wechselte in die Bundesliga zu Borussia Dortmund. Dann ging er zum FC Bayern, wo er inzwischen zu einem Weltstar gereift ist. "Ich habe bis heute noch nie einen Fan angelogen", sagt Lewandowski. "Ich habe noch nie gesagt, dass ich meine Karriere irgendwo beende, und ich habe auch noch nie irgendein Vereinswappen nach einem Tor geküsst. Das ist alles Quatsch und hat nichts mit dem wirklichen Business zu tun."
Und was macht einen Weltklassestürmer aus?
"Er muss immer Tore erzielen, egal wie", sagt Lewandowski. "Aber um Tore zu erzielen, muss man bestimmte Qualitäten haben. Technik ist wichtig, Spielintelligenz auch, natürlich ein Instinkt für den Raum und die Torchance. Aber das mit Abstand Wichtigste ist: Du musst einen harten Kopf haben, Druck ausblenden und aushalten können. Wenn du dich vom Gegner, den Medien oder von Vertragsverhandlungen beeindrucken lässt, wirst du schlechter. Und du verlierst an Wert."
Für Nachwuchsfußballer ist es ein großes Risiko, sich auf die Position des Stürmers zu spezialisieren. Die meisten Profimannschaften spielen seit einigen Jahren lediglich mit einem Angreifer, viele Klubs haben nur noch zwei echte Spitzen im Kader. Wer Profi werden will, hat deutlich mehr Chancen, wenn er sich zu einem Mittelfeldspieler ausbilden lässt. Deshalb gibt es auf dieser Position inzwischen ein riesiges Überangebot, der Wert von Mittelfeldspielern sinkt. Der von Stürmern steigt und steigt.
Real Madrid, so raunen Funktionäre des FC Bayern, mache tatsächlich ernst bei Lewandowski. Generaldirektor José Ángel Sánchez soll nach dem Champions-League-Viertelfinalhinspiel gegen den VfL Wolfsburg extra seinen Rückflug nach Madrid umgebucht und in München Zwischenstation gemacht haben. Den Lewandowski-Beratern glühten danach wohl die Ohren. 25 Millionen Gehalt plus Erfolgsprämien und Beraterprovision soll Real bereit sein zu zahlen. Bei einem Sechsjahresvertrag wäre das ein Gesamtvolumen von rund 200 Millionen Euro. Die Ablösesumme noch nicht eingerechnet.
"Real Madrid ist vor einigen Wochen auf uns zugekommen, wir haben uns alles angehört. Es ist ein großer, spannender Verein. Wir haben den FC Bayern darüber informiert, dass wir Gespräche mit Madrid geführt haben", sagt Kucharski.
Aber will Lewandowski überhaupt wechseln?
Sein Gesicht wird zur Maske: "Dass Real eine große Anziehungskraft auf jeden Fußballer hat, ist klar. Aber mein Vertrag in München läuft noch drei Jahre, meine Frau und ich fühlen uns hier sehr wohl. Es ist ein toller Klub, mit guten Fans, dazu ist der Ort mit den vielen Bergen, Seen und kulturellen Angeboten wirklich großartig. Auf der anderen Seite bin ich seit sechs Jahren in Deutschland, ich habe hier alles gewonnen. Manchmal muss man darüber nachdenken, ob es sinnvoll ist, einen neuen Reiz auszuprobieren."
Er hat jetzt Hunger. Er bestellt eine Lachssuppe. Seine Frau Anna kommt in das Restaurant. Auch eine Sportlerin, ehemalige Karate-Weltmeisterin. Die Suppe wird gebracht. Anna Lewandowski fragt ihren Mann: "Was isst du denn da?"
"Suppe", sagt er, den Blick starr auf den Teller gerichtet. "Die ist aber sehr schlecht für dich. Da ist Sahne drin." Lewandowski schüttelt den Kopf: "Nur wenig."
"Quatsch. Das sehe ich doch von hier, dass die mit Sahne gemacht wurde. Du wirst Krämpfe kriegen, du solltest so etwas nicht essen", sagt Anna. Sie ist gelernte Ernährungsberaterin. Er fischt ein paar Lachsstücke aus der Suppe, den Rest stellt er zur Seite.
Bayern München hat es in den vergangenen Monaten geschafft, einen Großteil seiner Leistungsträger langfristig an den Klub zu binden. Mit Robert Lewandowski haben die Bayern-Bosse noch keine Einigung erzielen können. Es fanden zwar mehrere Vertragsgespräche statt, aber die Forderungen der Lewandowski-Seite, so hört man aus dem Umfeld des Vereins, sollen von den Bayern als "Unverschämtheit" bezeichnet worden sein. Von über 20 Millionen Jahresgehalt sei die Rede gewesen. Lewandowski würde damit zum Bestverdiener beim Rekordmeister aufsteigen. Mit Abstand.
Nun herrscht Eiszeit zwischen den Bayern-Chefs und den Lewandowski-Beratern.
Twitter: @Rafanelli

"Wir haben den FC Bayern darüber informiert, dass wir Gespräche mit Madrid geführt haben."

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* Nach dem DFB-Pokal-Finale am 21. Mai in Berlin.
Von Rafael Buschmann

DER SPIEGEL 22/2016
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