04.06.2016

AfD„Boateng will jeder haben“

Der stellvertretende Parteichef Alexander Gauland, 75, spricht über Nationalspieler mit Migrationshintergrund, den Mekka-Besuch Mesut Özils und den Rassismus in der AfD.
SPIEGEL: Herr Gauland, die Aufnahmegeräte laufen. Sind Sie ein Rassist?
Gauland: Nein, ich bin natürlich kein Rassist. Ich habe in einem Gespräch mit der "FAS" darauf hingewiesen, dass manche Menschen mit Fremdheit in ihrer Nachbarschaft ein Problem haben. Dabei haben die Redakteure mir den Fall des Fußballspielers Boateng präsentiert, der dazu überhaupt nicht passt, weil er Deutscher und Christ ist. Jérôme Boateng war ein fal sches Symbol.
SPIEGEL: Was meinten Sie, als Sie von "einem Boateng" sprachen? Meinten Sie da einen Schwarzen, einen Ausländer?
Gauland: Da ich gar nicht wusste, dass er ein Schwarzer ist, meinte ich: Das wird wohl jemand sein, der fremd in Deutschland ist. Ein Muslim, denn darum ging es. Mir ist der Herr Boateng gewissermaßen vor die Füße gelegt worden, und ich bin darüber gestolpert.
SPIEGEL: Verzeihung, aber gerade deshalb war Ihre Aussage doch rassistisch. Rassismus fängt damit an, dass man Kategorien bildet und sagt: Leute sind aufgrund ihrer Religion oder Herkunft so anders, dass man etwa nicht mit ihnen leben möchte.
Gauland: Ich kann nicht alles als Rassismus abtun, was eher eine Sorge vor zu viel Fremdem in der Nachbarschaft ist. Wenn Menschen in ihrer Umgebung Wert darauf legen, dass sie nicht das verlieren, was sie als Heimat betrachten, ist das kein Rassismus.
SPIEGEL: Was ist, bitte schön, ein "Fremder"? Bitte, Ihre Definition, nicht die der ominösen anderen, für die Sie immer sprechen.
Gauland: Ich würde sagen: Kein Europäer ist mir fremd. Amerikaner auch nicht. Menschen aus dem Inneren der Türkei oder manchen nahöstlichen Ländern sind mir dagegen fremder. Weil sie nicht zum europäischen Kulturkreis gehören.
SPIEGEL: Ihre Liste ist reine Willkür und reduziert Menschen auf ihre Herkunft.
Gauland: Entscheidend ist natürlich auch die Frage: Wie anpassungsbereit ist der Mensch? Ich halte es für richtig, wenn mein Freund Björn Höcke sagt: Indem ich die deutsche Grenze überschreite und einen deutschen Pass habe, bin ich noch kein Deutscher.
SPIEGEL: Was macht Leute für Sie eher "fremd": Hautfarbe oder Religion?
Gauland: Nach den Erfahrungen, die wir mit Parallelgesellschaften gemacht haben, würde ich sagen: diese spezielle Religion, der Islam. Ich glaube nicht, dass es zum Beispiel schwierig ist, Vietnamesen zu integrieren. An der Hautfarbe alleine würde ich mich überhaupt nicht stören, eher an einem Konglomerat von Fremdheitsfaktoren: fremde Kultur, andere Religion, andere Lebensauffassung – und eine schwierige soziale Herkunft. Natürlich gibt es Ausnahmen: Die vielen klugen Fernsehjournalistinnen, die einen türkischen oder iranischen Namen haben, sind natürlich in einer Weise integriert, dass wir darüber gar nicht reden müssen.
SPIEGEL: Die sind nicht integriert, die sind einfach Deutsche. Aber wie kommen Sie eigentlich darauf, dass Leute "einen Boateng" nicht als Nachbarn wollen? Aus welchen Quellen speist sich Ihr Wissen?
Gauland: Wenn Sie die deutschen Regionalzeitungen in den letzten Monaten lesen, finden Sie überall Fälle von Ablehnung von Asylbewerberheimen, Ablehnung von Nachbarn aus dieser Einwanderung. Eltern, die ihre Kinder in eine andere Schule mit weniger multikulturellen Sprachdefiziten schicken – bis hin zu Hausverkäufen. Es ist doch eine Heuchelei zu sagen, das gibt es bei uns in Deutschland nicht.
SPIEGEL: Interessant. Ihre Quelle ist also die vermeintliche Lügenpresse?
Gauland: Ich verwende diese Bezeichnung nicht. Aber es ist doch so: Den Fußballstar Boateng will natürlich jeder neben sich haben. Aber nun stellen Sie sich mal viele Fremde vor, ohne die Bekanntheit, ohne Fußballstar zu sein. Dann ist die Frage, ob Sie die alle als Nachbarn haben wollen, schon ganz anders zu beantworten.
SPIEGEL: Warum schieben Sie die ganze Zeit andere Leute vor, anstatt über sich selbst zu sprechen? Warum verstecken Sie sich?
Gauland: Ich wohne nun mal in einer Gegend, in der es diese Probleme nicht gibt. Die Menschen, die bei mir in die Nachbarschaft ziehen, sind sozial so gestellt, dass es überhaupt keine Konflikte gibt.
SPIEGEL: Sie wohnen in Potsdam am Heiligen See. Da heißen die Nachbarn Mathias Döpfner oder Günther Jauch.
Gauland: Genau, das sind die "Problemfälle" bei uns. Aber wir alle lesen Zeitungen. Und bei Wahlkundgebungen erlebe ich, dass viele Menschen sagen: Nein, wir wollen in unserer Nachbarschaft nicht zu viele Fremde.
SPIEGEL: Sie reden wieder nur über andere. Wäre es für Sie selbst ein Problem, wenn Fremde in Ihre Nachbarschaft zögen?
Gauland: Nur wenn diese Fremden eine völlig andere Lebensweise bei uns einführten und, sagen wir, Riesenkrach machten. Wenn man am Sonntag laute Tanzmusik spielt, dann habe ich ein Problem. Aber das habe ich auch mit Deutschen.
SPIEGEL: Indem Sie sagen, die Leute wollen das Fremde nicht, billigen Sie diese Haltung. Und Sie wollen denen ja nicht die Leviten lesen, Sie wollen sie als Wähler. Sie geben denen das Gefühl: Die AfD versteht euch, und wir tun alles, um euch fremde Nachbarn zu ersparen. Sie machen Ressentiments salonfähig.
Gauland: Den Vorwurf höre ich oft. Natürlich plädiere ich für Toleranz. Auf der anderen Seite sagen wir, dass diese Toleranz nur möglich ist, wenn die von Frau Merkel in Gang gesetzte Einwanderung gestoppt wird. Weil nur dann eine langsame, ruhige Integration die Lage ändert. Ich akzeptiere, dass die Menschen sich überfremdet fühlen, weil die unkontrollierte Einwanderung von einer Million Menschen in kürzester Zeit nicht verkraftbar ist.
SPIEGEL: Sogar Ihre Chefin Frauke Petry hat sich bei Herrn Boateng entschuldigt für den Eindruck, der entstanden ist.
Gauland: Ich bin nicht ganz glücklich mit ihrer Äußerung. Frau Petry hätte ohne Schwierigkeiten sagen können: Da ist ein falscher Eindruck entstanden, als Parteichefin will ich den geraderücken. Aber sie sprach von Erinnerungslücken. Dass sie mir dies ohne Kenntnis des Vorgangs unterstellt hat und damit auf mein Alter angespielt hat, fand ich illoyal.
SPIEGEL: Was wäre schlimmer für Sie: ein EM-Titel für Deutschland, dessen Mannschaft aus Muslimen, Schwarzen und anderen Deutschen mit Migrationshintergrund besteht, oder ein frühes Ausscheiden eines Teams aus elf weißen Christen?
Gauland: Die deutsche Nationalmannschaft sollen der Trainer und der Mannschaftskapitän aufstellen. Da ich nichts davon verstehe, vertraue ich denen. Und da ist mir auch egal, ob das eine weiße, gelbe, grüne oder schwarze Mannschaft ist.
SPIEGEL: Ist es nicht verlogen, einerseits gegen Zuwanderung zu sein, dann aber die Tore der Nationalspieler mit Migrationshintergrund zu bejubeln?
Gauland: Der Profifußball folgt eben anderen Regeln, und eine deutsche oder eine englische Nationalmannschaft sind eben schon lange nicht mehr deutsch oder englisch im klassischen Sinne. Fußball ist letztlich eine Geldfrage und keine Frage der nationalen Identität mehr. Für viele Menschen ist es aber offenbar nach wie vor eine gelungene Aufführung.
SPIEGEL: Im deutschen EM-Kader stehen neun Fußballspieler mit Migrationshintergrund. Zeigt das nicht, dass Deutschland längst ein Einwanderungsland ist?
Gauland: Ich glaube nicht, dass die Nationalmannschaft dafür das passende Symbol ist. Eben weil der Profifußball anderen Gesetzen folgt. Ich glaube auch nicht, dass das Lebensgefühl der meisten Deutschen so multikulti ist. Da gibt es noch immer eine starke Verbundenheit zu Land und Leuten und Geschichte und Tradition. Sie fiebern zwar mit dem Fußball mit, aber diese multikulturelle Welt ist den meisten noch immer fremd.
SPIEGEL: Die AfD Sachsen hat Mesut Özils Reise nach Mekka als "antipatriotisches Signal" kritisiert. Er solle sich nicht demonstrativ zum Islam bekennen, sondern "zum eigenen Land", etwa durch Singen der Nationalhymne. Denken Sie auch so?
Gauland: Dass Herr Özil an die Kaaba von Mekka gewandert ist, ist sehr gewöhnungsbedürftig für eine Partei, die den Islam nicht als Teil Deutschland betrachtet. Was die Kollegen aus Sachsen erklärt haben, zeigt, dass es gerade im kulturellen Raum noch Dinge gibt, die die Menschen voneinander trennt. Dass Fragen aufkommen, wenn einer nach Mekka geht und um die Kaaba wandert, ist völlig klar.
SPIEGEL: Die Frage war: Finden Sie es selbst problematisch?
Gauland: Da mich Fußball nicht interessiert, ist mir relativ egal, wo Herr Özil hinwandert. Aber bei Beamten, Lehrern, Politikern und Entscheidungsträgern würde ich sehr wohl die Frage stellen: Ist jemand, der nach Mekka geht, in einer deutschen Demokratie richtig aufgehoben?
SPIEGEL: Warum sollte er das nicht sein?
Gauland: Weil wir von der AfD deutlich sagen, der Islam ist nicht Teil unserer Kultur und gehört nicht zu Deutschland. Es gibt ein Zitat von Ajatollah Khomeini: Der Islam ist entweder politisch, oder er ist es nicht.
SPIEGEL: Die meisten Muslime sehen das völlig anders.
Gauland: Mag so sein. Ich muss aber fragen dürfen, wo die Loyalität dieses Menschen liegt. Liegt sie beim deutschen Grundgesetz, oder liegt sie bei einem Islam, der ein politischer Islam ist? Und will er, wenn er um die Kaaba wandert, zeigen, dass er diesem politischen Islam nahesteht? Aber Fußballer wie Herr Özil sind für mich keine Entscheidungsträger.
SPIEGEL: Die Zahl ausländerfeindlicher Straftaten ist massiv gestiegen. Kann es sein, dass viele Täter denken: Also wenn der feine Herr Dr. Gauland zum Widerstand aufruft, zur Verteidigung Deutschlands, dann muss ich handeln?
Gauland: Diese Debatte habe ich vor vielen Jahren in der CDU geführt, über die Frage, ob Jürgen Habermas für sein Lebenswerk den Adorno-Preis erhalten sollte. Viele meiner Parteifreunde lehnten das ab, weil die Habermas-Denkschule auch den Terrorismus der RAF hervorgebracht habe. Ich habe schon damals gesagt: Man kann einer Denkschule nicht kriminelle Taten zuschreiben. So wie Karl Marx nicht für die Verbrechen Josef Stalins verantwortlich ist, haften wir nicht für brennende Asylbewerberheime.
SPIEGEL: Auffällig ist, dass die Kommunikation der AfD stets nach gleichem Muster verläuft. Erst die Provokation, dann folgt der öffentliche Aufschrei, dann rudern Sie mit herrlichen Entschuldigungen zurück: Wir sind auf der Maus ausgerutscht, wurden falsch zitiert oder ohne Autorisierung.
Gauland: Da kann ich nur erwidern, was die "FAZ" zum Thema ganz klug geschrieben hat: Fehler sind keine Strategie.
SPIEGEL: So unschuldig, wie Sie tun, sind Sie nicht. Frauke Petry schrieb in einer Mitglieder-Mail, dass "provokante Aussagen unerlässlich" seien, "um sich medial Gehör zu verschaffen". Habe man erst die Aufmerksamkeit, könne man korrigieren.
Gauland: Das ist sehr klug formuliert, aber auf meinen Fall nicht anwendbar und wäre hier ja auch nicht aufgegangen. Auch Frauke Petrys Aussage zur Frage, ob man auf Flüchtlinge an der Grenze schießen soll, war ein Ausrutscher und keine Strategie und hat echten Schaden angerichtet.

Wo liegt die Loyalität der Leute, die nach Mekka wandern? Beim Grundgesetz oder beim Islam?

Interview: Melanie Amann, Markus Feldenkirchen
Von Melanie Amann und Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 23/2016
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