04.06.2016

OldtimerDie Porsches und der Ziehfix

Ältere Sportwagen vom Typ 911 sind bei Dieben beliebt wie nie. Fahrzeuge und Teile erzielen Rekordpreise. Die Besitzer können nicht einmal in Ruhe essen gehen.
Den schwarzen Porsche 911 Targa, Baujahr 1980, hatte der Hamburger Francesco Rallo, 24, gerade von Sizilien geholt. Der Sportwagen war dort seit 1991 im Besitz seiner Familie.
Noch mit den italienischen Kennzeichen stellte Rallo ihn am Abend des 7. April vor einem Klub in der Hamburger Innenstadt ab. Eine Stunde später, als der Kfz-Händler zurückkam, war der Wagen weg. Rallo ist noch immer fassungslos. "Ich würde ihn sogar am Geruch erkennen", sagt er, "es ist der Geruch meiner Kindheit."
Nicht nur in Hamburg, auch in Berlin und Nordrhein-Westfalen sind Porsche-Oldtimer zum besonders begehrten Diebesgut geworden. Die Klassiker sind Preziosen, für die Sammler horrende Preise zahlen.
Als Bernd K., 50, im vergangenen Winter sein weißer Gemballa-Porsche, Baujahr 1984, mit Ruf-Motor und Sebring-Auspuff gestohlen wurde, war er 75 000 Euro wert. Heute werden solche Autos für mehr als 100 000 Euro gehandelt. K. hatte den auffälligen Sportwagen im edlen Hamburger Stadtteil Eppendorf geparkt, um einen Happen zu essen.
Als er aufgegessen hatte, war der Wagen weg. Bis heute fragt er sich, wie das passieren konnte. "Der Motor ist so laut, das hätte ich hören müssen", sagt der Porsche-Liebhaber. Seine Erklärung: Der Dieb wartete auf eine der U-Bahnen, die dort auf einem Viadukt vorbeifahren, und nutzte den Lärm zum Start. K. rief bei der Polizeiwache an, um eine sofortige Fahndung nach dem Wagen in Gang zu setzen, aber der Schutzmann bestand auf persönlichem Erscheinen. Das Ausfüllen der Formulare dauerte ewig, sodass der Dieb nicht mehr zu finden war.
Mit 32 000 Euro Kaufpreis für einen schwarzen 911er, Baujahr 1987, mit gut erhaltener schwarzer Lederausstattung hatte Thomas Maresch im vergangenen Sommer ein echtes Schnäppchen gemacht. Der Wagen stammte aus Magdeburg und hatte gerade frische Hamburger Kennzeichen bekommen, als er in der zweiten Woche auf Nimmerwiedersehen vor seiner Haustür verschwand. Als Trost blieb ihm nur, dass die Versicherung den Wiederbeschaffungswert erstattete, und der lag deutlich höher.
Genau da findet sich die Ursache. Alte Porsches haben in den vergangenen Jahren eine exorbitante Preissteigerung erfahren. Wer vor zehn Jahren noch 25 000 bis 50 000 Euro für einen solchen Wagen bezahlt hat, bekommt heute dafür das Drei- bis Fünffache. Für manche seltenen Stücke – besonders leichte, besonders schnelle oder beides – wird mehr als eine Million Euro hingelegt. Kaum eine andere Geldanlage erbringt derzeit steuerfrei solche Wertzuwächse.
"Wir befürchten eine erneute Steigerung der Oldtimerdiebstähle in diesem Jahr", sagt Carsten Möller, Geschäftsführer beim Versicherungsmakler OCC in Lübeck, der sich auf alte Karossen spezialisiert hat. Schon 2015 habe sich die Zahl der Diebstähle alter exklusiver Autos verdoppelt. Besonders beliebt sei der normale 911er bis etwa Baujahr 1991. Diese Autos lassen sich leicht knacken, sie haben in der Regel keine elektronischen Wegfahrsperren.
2015 wurden in Hamburg 29 solcher Wagen gestohlen, in diesem Jahr sind es bislang 7. In Berlin ermittelt die Polizei gegen eine Gruppe mutmaßlicher Autodiebe aus Polen, die es auf den beliebten luftgekühlten Sechszylinder abgesehen hat. In Nordrhein-Westfalen kamen in diesem Jahr bereits so viele Porsche-Oldtimer abhanden wie im gesamten Jahr 2014.
Besonders begehrt sei der Targa mit herausnehmbarem Dach. "Für solch ein Dach werden bis zu 25 000 Euro gezahlt", sagt Möller. Der Versicherungsexperte vermutet, dass die meisten Wagen auf Bestellung geklaut werden. Ein gut erhaltener Motor kann bis zu 70 000 Euro bringen, Sitze, Lenkräder und Armaturen erzielen Höchstpreise. Ein Paar Original-Sonnenblenden aus Kunststoff, Siebzigerjahre, ohne Schminkspiegel, kostet rund 1200 Euro, 2000 Euro ein Tankdeckel aus Aluminium für einen Renn-Porsche.
Selbst Schrottkarossen werden im Internet noch für mehrere Tausend Dollar angeboten. Dafür gibt es eigentlich nur eine vernünftige Erklärung: Kriminelle Schrauber brauchen die Fahrzeugidentifizierungsnummer und den Kfz-Brief, um einem geklauten Porsche eine scheinbar legale Identität zu verpassen. So wird aus Schrott Gold.
Und je mehr Fans auf diese Autos stehen, je höher das Prestige des Besitzers steigt, desto mehr Ganoven wittern das Geschäft ihres Lebens. Eingefleischte Porsche-Fahrer sind nervös. War man früher noch unter sich, treiben sich heute allerlei zwielichtige Typen auf Porsche-Treffen herum. Die Besitzer werden unruhig, wenn auf dem Rückweg ein Auto zu lange hinter ihnen herfährt oder fremde Menschen Fotos von ihren Lieblingen machen. Könnte das ein Dieb sein?
Manch Geschädigter wird den Verdacht nicht los, dass der Verkäufer oder ein Mitarbeiter seiner Werkstatt die Finger im Spiel hatte. Denn dort kennt man den Wagen und den Wohnort des Besitzers. Zwischen Kauf, Reparatur oder Begutachtung und Diebstahl liegen mitunter nur wenige Tage.
Überdies sind solche Werkstätten häufig Treffpunkt für Autofreaks, die Teile brauchen oder fachsimpeln wollen. Da kommen die nötigen Informationen schnell zusammen. Mitunter reicht ein Foto des Schlüssels, um ein funktionierendes Duplikat anzufertigen.
Für einige Sammler gerät das Hobby zu einer Leidenschaft, die kaum noch zu kontrollieren ist. Da verschwimmt auf der Suche nach dem richtigen Teil womöglich schon mal die Grenze zwischen legal und illegal, zwischen korrekt und kriminell, zumal bestimmte Teile eben Mangelware sind. Dass ihnen Polizei und Staatsanwaltschaft nur selten auf die Spur kommen, erleichtert das Geschäft.
Nachdem Stefan Cunzes roter Porsche 911 Turbo im Juli 2013 aus seiner Tiefgarage an der Hamburger Elbchaussee verschwunden war, wurde der Dieb ausnahmsweise geschnappt. Der gebürtige Montenegriner war mit einem Auto liegen geblieben und wurde von einer Polizeistreife kontrolliert. Die Beamten fanden Fotos vom geklauten Porsche auf seinem Handy, im Wagen diverse Kennzeichen und 9000 Euro Bargeld – ziemlich viel für einen Hartz-IV-Empfänger. Die Beamten nahmen den Mann vorübergehend in Gewahrsam.
Eine Woche später war er schon wieder unterwegs – und wurde erneut kontrolliert: Diesmal fuhr er einen Porsche, der auf eine Autowerkstatt zugelassen war, aber sein Initial im Kennzeichen trug. Auf dem Rücksitz lagen ein sogenannter Ziehfix, ein Spezialwerkzeug zum Autoknacken, und zwei Paar Handschuhe.
Auf seinem Handy entdeckte die Polizei später diverse Aufnahmen gestohlener Porsches samt dazugehörigen Schlüsseln. In den Tagen um den Diebstahl von Cunzes Porsche war das Telefon häufig in der Nähe bestimmter Werkstätten eingebucht; von dort wurden zahlreiche Telefonate geführt, unter anderem rund 120 Gespräche mit einem stadtbekannten Porsche-Monteur.
Als Cunze davon erfuhr, begann er selbst, Spuren zu verfolgen, die zu seinem Wagen führen könnten. So entdeckte er unter anderem auf einem Grundstück des Porsche-Mechanikers, der auch Rallyefahrer ist, diverse Porsche-Karossen, teilweise mit herausgetrennten Fahrzeugidentifizierungsnummern. Dabei fühlte er sich von den Ermittlungsbehörden, insbesondere der Staatsanwaltschaft, im Stich gelassen. "Meine Hinweise haben anscheinend niemanden interessiert", sagt er.
Vielleicht lag das auch daran, dass Kfz-Diebstahl ein Massendelikt ist. Im Schnitt werden jeden Tag allein in Hamburg sechs Autos gestohlen, Porsche-Klassiker machen lediglich einen winzigen Anteil aus. Hinzu kommt, dass 2013 nur solche Fälle von der Spezialdienststelle der Kripo bearbeitet wurden, bei denen die Autos mindestens 30 000 Euro wert und höchstens zwei Jahre alt waren. Erst seit Kurzem gilt der Zeitwert, "und der ist gerade bei alten Porsches oft um ein Vielfaches höher", sagt Kriminalhauptkommissar Peter Klink. Der Ermittler geht davon aus, dass die geklauten Klassiker im Ausland ausgeschlachtet werden. Cunze glaubt dagegen an eine regionale Verwertung: "Hier sind Nachfrage und Preise am höchsten." Weil die meisten Fälle ungeklärt bleiben, fehlt für beide Thesen ein Beleg.
Immerhin stieß die Polizei auf einige Autos, die von dem Hamburger Porsche-Schrauber auf dubiose Weise zugelassen wurden. Mithilfe eines Diplomingenieurs der Dekra in Hamburg und eines Mitarbeiters der Zulassungsstelle Eutin soll er für diverse Porsches neue Kfz-Briefe organisiert haben. Dabei hatte, so die Ermittlungen der Polizei, der Dekra-Prüfer gar keine Gutachterlizenz und der Mann aus der Zulassungsstelle keine Zuständigkeit.
"Der Verdacht, dass er mit Diebstählen von Fahrzeugen zu tun haben könnte, wird erhärtet, da es ihm durch umgangene Kontrollmechanismen möglich war, gestohlene Fahrzeuge oder deren Teile zu verbauen", heißt es in einem internen Kripobericht.
Cunze wirft der Staatsanwaltschaft vor, sie habe nur zögerlich ermittelt. Die Porsches mit den dubiosen Papieren würden weiter unbehelligt herumfahren. Erst nach zwei Jahren und mehreren Anfragen Cunzes bei der Staatsanwaltschaft stand der mutmaßliche Porsche-Dieb endlich vor Gericht. Das Amtsgericht verurteilte ihn lediglich zu einer Bewährungsstrafe von 17 Monaten, obwohl er die Aussage verweigerte und 27 Aliasnamen sowie 17 Vorstrafen im Register hat. Er befindet sich seit 2009 im Asylverfahren.
Empört schrieb Cunze an die Staatsanwaltschaft, den Ersten Bürgermeister und den Justizsenator – offenbar mit Erfolg. Kurz bevor das milde Urteil gegen den mutmaßlichen Dieb seines Porsche rechtskräftig wurde, legte die Staatsanwaltschaft wegen des Strafmaßes noch Berufung ein.
Aus Verzweiflung hat Cunze 50 000 Euro Belohnung für die Klärung des Falls und die Wiederbeschaffung seines Porsche ausgelobt – auf dem Geschädigtenportal GGP "für gestohlene und gefälschte klassische Porsche".
Von Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 23/2016
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