04.06.2016

FamilieWieso sind unsere Kinder Nesthocker, Herr Thiel?

Michael Thiel, 56, Kinder- und Jugendpsychologe aus Hamburg, über Wohnen im "Hotel Mama"
SPIEGEL: 1972 lebten rund 20 Prozent der 25-Jährigen noch bei den Eltern, nun sind es etwa 30 Prozent. Warum?
Thiel: Eine eigene Wohnung ist teuer. Statt das Lehrlingsgehalt in den Luxus der Unabhängigkeit zu investieren, genießen die Kinder lieber Muttis Vollpension. Ist bequemer so. Wer heute studiert, will schnell Karriere machen, aber nicht abends kellnern, um die eigene Bude zu finanzieren. Und was macht Vati? Sponsert das Auto. Vor allem junge Männer haben nicht mehr das Bedürfnis zu sagen: Die Alten gehen mir auf den Geist, ich muss hier raus!
SPIEGEL: Sondern?
Thiel: Die denken: Läuft doch. Es gibt Nesthocker, die Verantwortung für das eigene Leben aus Angst ablehnen. Andere sind so gerissen, die dressieren ihre Eltern: Mutti putzt und kocht, Vati mäht den Rasen, der Sohn genießt.
SPIEGEL: Die Eltern haben Schuld?
Thiel: Sie erziehen ihr Kind nicht so, dass es ohne sie zurechtkommt. Sie setzen ihm keine Grenzen, wollen seine besten Freunde sein. Das ist doppelt problematisch.
SPIEGEL: Warum?
Thiel: Wer sein Leben so lange dem Kind widmet, kann in ein tiefes Loch fallen, wenn es irgendwann doch auszieht. Wer es nicht geschafft hat, eigene Hobbys zu pflegen, wer keine andere Leidenschaft hat als das Kind, der kann schwer loslassen. Die Eltern sind plötzlich ein älteres Paar, das sich kaum noch etwas zu erzählen hat.
SPIEGEL: Wieso ziehen Töchter viel früher aus als Söhne?
Thiel: Töchter haben oft weniger Freiheiten, das kann die Motivation erhöhen, das Weite zu suchen. Sie helfen häufiger im Haushalt und sind daher selbstständiger.
SPIEGEL: Sind Nesthocker bindungsunfähig?
Thiel: Viele Nesthocker sagen: Ich ziehe erst aus, wenn ich eine Freundin habe, die ist wie Mama. Sie sind für Frauen aber nicht so attraktiv, weil sie ein großes Lebensdefizit aufweisen. Und wenn sie dann eine Frau kennenlernen, müssen sie die mit in ihr Kinderzimmer nehmen – das ist doch schrecklich.
Von Mag

DER SPIEGEL 23/2016
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