04.06.2016

IllustrationenFalsche Armut

Wie eine inszenierte Fotoserie unser Bild von bedürftigen Kindern prägt
Es sind Bilder, die traurig und betroffen machen. Ein etwa sechs Jahre altes Mädchen steht inmitten einer Plattenbausiedlung, die Wände sind mit Graffiti beschmiert. Das Kind sieht niedergeschlagen aus, es hält eine Puppe im Arm, die zwei verschiedene Söckchen trägt. Auf einem der Fotos wühlt das Mädchen in einem Mülleimer. Vielleicht, weil es hungrig ist. Es gibt auch Bilder eines Jungen, er ist etwas jünger und wohnt offenbar im selben Viertel. Er sitzt nachdenklich herum, neben ihm liegt Müll, er würde gern Fußball spielen, aber der alte Lederball, den er unter dem Arm trägt, ist leider platt.
Die Aufnahmen stammen aus den Jahren 2008 und 2012, sie sind seitdem etliche Male von Zeitungen, Onlinemedien und TV-Sendern veröffentlicht worden, auch von SPIEGEL Online. Fast immer werden sie verwendet, um Nachrichten über Kinderarmut in Deutschland zu illustrieren. Diese Woche wurde eines dieser Bilder in der Tagesschau gezeigt. Denn die Linkspartei hatte Daten der Bundesagentur für Arbeit ausgewertet und festgestellt, dass die Zahl der unter 15-Jährigen Kinder, die auf Hartz IV angewiesen waren, im vergangenen Jahr um 33 700 auf 1,54 Millionen stieg.
Diese Entwicklung ist beschämend für Deutschland, und die Zuschauer und Leser können sich wohl vorstellen, dass arme Kinder so leben müssen wie das Mädchen und der Junge auf den Fotos. In trostlosen Trabantenstädten, mit Eltern, denen das Geld fehlt, ihnen genug zu essen zu kaufen.
Doch die Fotos erzählen eine Geschichte, die so nicht stimmt. Und sie tragen dazu bei, den Blick auf die reale Kinderarmut zu verstellen.
Die beiden Kinder sind nicht arm. Sie wohnen nicht in einer Hochhaussiedlung, sondern in einem Häuschen im Grünen. Sie sind die Kinder des Fotografen, der für die Deutsche Presseagentur (dpa) arbeitet. Der verfrachtete seinen Sohn und seine Tochter an einen trostlosen Ort und trimmte sie mit Billigklamotten und kaputtem Spielzeug auf arm.
Die dpa vermarktet diese Bilder mit dem Zusatz "Symbolbild" oder "Illustration". Symbolbilder sind Fotos, die nicht bestimmte Personen oder Geschehnisse zeigen, sondern ein Thema illustrieren sollen; solche Bilder werden häufig verwendet. In diesem Fall jedoch sind die Fotos vollkommen inszeniert. Wie weit darf so etwas gehen? Der Fotograf sowie sein Arbeitgeber, die dpa, wollen sich zu diesem Thema nicht äußern.
Die Fotos wurden gemacht, weil der Fotograf oder die Agentur eine Nachfrage nach solchen Bildern vermuteten. Sie hatten recht: Die Fotos wurden von Journalisten wohl so häufig ausgewählt wie kein anderes Motiv zum Thema bedürftige Kinder. Es sind in diesem Sinne erfolgreiche Bilder, und sie sind es, weil sie Klischees bedienen, die wir mit Armut in Verbindung bringen. Sie verstärken diese Klischees noch, weil sie suggerieren, dass arme Kinder hierzulande im Müll suchen müssen, um über die Runden zu kommen.
Doch Armut hat in Deutschland seltener mit Hunger zu tun, dafür viel mit Scham, mit geringen Bildungschancen, mit Stigmata, die schon ein junges Leben verbauen können. Und mit Angst. Angst davor, dass die Waschmaschine kaputtgeht oder das Geld für die Klassenfahrt nicht reicht. Es ist oft eine versteckte Armut. Und wenn wir glauben, Armut sehe aus wie auf diesen Bildern, könnten wir die reale Armut leicht übersehen.
Die verwahrlosten Plattenbauten auf den Fotos stammen übrigens aus DDR-Zeiten, sie standen im Stadtteil Neuberesinchen in Frankfurt (Oder) und wurden bereits abgerissen.

"Berliner Kurier", 11. 10. 2015"Tagesschau", 31. 5. 2016 Onlineportal Der Westen, 12. 6. 2012SPIEGEL ONLINE, 9. 1. 2014Cicero Online, 22. 10. 2012"Frankfurter Allg. Sonntagszeitung", 15. 5. 2016
Von Guido Kleinhubbert

DER SPIEGEL 23/2016
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