04.06.2016

DigitalisierungHundert Jahre Rückstand

Indien will seine Milliardenbevölkerung mit biometrisch lesbaren Ausweisen ausstatten. Was die einen als Fortschritt bejubeln, halten andere für riskant.
Bis der indische Staat den dreijährigen Sai Krishna digital erfasst hat, dauert es gerade mal fünf Minuten. Ein Angestellter tippt die Daten des kleinen Jungen – Name, Geschlecht, Geburtsdatum und Adresse – in den Computer. Dann macht er noch ein Foto von Sai, das sofort auf dem Bildschirm erscheint. Und fertig.
Wäre Sai ein paar Jahre älter, müsste er auch seine Fingerabdrücke und die Iris scannen lassen. Aber der Kleine wächst noch, seine biometrischen Daten verändern sich ständig. Deshalb reicht es, dass stattdessen seine Mutter ihren bereits registrierten Fingerabdruck scannen lässt.
In wenigen Tagen soll Sai dann seinen Ausweis mit einer zwölfstelligen persönlichen Nummer per Post erhalten. Aadhaar, zu Deutsch: "Basis", heißt dieses Dokument. "Ohne Aadhaar würde Sai für unsere Regierung praktisch nicht existieren", sagt dessen Großvater, der mit der Familie zur Registrierung in Visakhapatnam, der größten Stadt im Bundesstaat Andhra Pradesh, gekommen ist. Stolz zeigt der Greis seine eigene Aadhaar-Karte.
Egal ob sie Schulgeld, Sozialhilfe, Lebensmittelrationen oder Renten beantragen – bei fast jedem Kontakt mit der Obrigkeit müssen die Inder inzwischen ihre Personalnummer nennen und häufig auch Fingerabdruck oder Iris scannen lassen.
Die Daten werden automatisch mit der Zentraldatei in Delhi abgeglichen. Über eine Milliarde Inder sind dort bereits registriert, es ist die größte biometrische Datensammlung, die ein Staat je von seinen Bürgern angelegt hat. Vor sieben Jahren hat die indische Regierung das Projekt angeschoben, inzwischen fehlen nur noch 250 Millionen Inder, die bislang nicht biometrisch erfasst sind.
"Digital India" lautet die Parole, mit der Premierminister Narendra Modi Indiens verarmte ländliche Regionen aus dem Mittelalter in die Moderne katapultieren will: Im März paukte er ein Gesetz durch das Parlament, das die Aadhaar-Daten zur Grundlage für die Kommunikation zwischen Staat und Bürgern macht.
Mit der kompletten digitalen Erfassung seiner Landsleute hofft Modi, die Korruption einzudämmen, die Indiens Sozialsysteme beherrscht. Hilfreiche Argumente liefert die Weltbank: Deren Experten schätzen, der indische Staat könne durch Aadhaar jährlich rund eine Milliarde US-Dollar, etwa an fehlgeleiteten Subventionen, einsparen.
Modi will aber auch die verarmte Hälfte seiner Riesennation stärker am Wirtschaftsleben beteiligen – als Sparer und langfristig auch als Verbraucher. Deshalb stattet die Regierung Besitzer von Aadhaar-Karten mit gebührenfreien Bankkonten aus. Mehr als 200 Millionen Inder haben bereits ein Konto, das mit der Aadhaar-Nummer verknüpft ist. Verlangten die Banken früher eine Mindesteinlage und schlossen damit die Ärmsten quasi komplett aus dem Wirtschaftsleben aus, reicht jetzt die Aadhaar-Nummer.
Doch während die Befürworter das System dafür bejubeln, dass man mit seiner Hilfe viele Millionen Inder in den Wohlstand katapultieren könne, stößt es bei anderen auf Skepsis. "Indien steuert auf ein Desaster zu", warnt Sunil Abraham, der Chef des privaten Zentrums für Internet und Gesellschaft. Er kritisiert, dass sich die Planer für eine Technologie entschieden hätten, die am Ende niemand kontrollieren könne. Die Daten würden in einer "Blackbox" verschwinden, wer Zugriff habe, sei unklar.
Statt biometrische Daten zentral zu speichern, solle der Staat Personalausweise in Form von Smartkarten verteilen lassen. "Dann könnte jeder selbst entscheiden, welche der auf den Karten gespeicherten Daten er zur Verfügung stellt", sagt Abraham.
Auch der mögliche Datenmissbrauch durch private Unternehmen bereitet den Kritikern Sorge. Nicht zufällig, so meinen viele, gehe das Aadhaar-Projekt auf eine Initiative von Nandan Nilekani zurück, dem ehemaligen Boss des indischen IT-Riesen Infosys. Er leitete als Gründungs-Chairman jahrelang die zuständige Aadhaar-Behörde in Delhi.
Tatsächlich tüfteln Softwarehäuser und Finanzinstitute bereits an neuen Geschäftsmodellen auf der Basis von Aadhaar. Die Liste der Dienstleistungen, die angedacht sind, reicht von sekundenschnellen Bonitätsprüfungen für Empfänger von Mikrokrediten bis hin zum Bestellen und Bezahlen von Taxis mittels Smartphone und Aadhaar-Nummer. Eines Tages könnte Aadhaar gar den Gebrauch von Bargeld überflüssig machen: Im April kündigte die Zentralbank die Einführung eines einheitlichen Bezahlsystems auf Basis der digitalen Kennnummer an.
Gowri Naidu ist die Debatte um das Für und Wider von Aadhaar ziemlich egal. Für den 26-, 27- oder 28-Jährigen – genau weiß er sein Alter nicht – zählt nur der tägliche Überlebenskampf in Gorlepalem, einem Dorf in Andhra Pradesh.
Dank des digitalen Fingerabdrucks kommt er bequemer und sicherer an staatliche Sozialleistungen. "Früher mussten wir oft erst mit Mittelsmännern verhandeln", erzählt Naidu. Das waren mal Beamte, mal Dorfälteste, die sich gern ihren Anteil an den staatlichen Zuwendungen abzweigten. Umgekehrt kam es vor, dass sich Einwohner unter fremdem Namen für Sozialleistungen registrieren ließen und so mehrfach kassierten.
Ähnlich wie bei der Post funktioniert es im Fair Price Shop, wo Naidu und seine Familie sich mit staatlich subventionierten Lebensmitteln versorgen. Auch dort braucht er sich nur noch den digitalen Fingerabdruck abnehmen zu lassen: Der Monitor zeigt, welche Lebensmittelmengen Naidu tatsächlich zustehen.
Aadhaar beherrscht zunehmend den Alltag, selbst in den vielen Slums der indischen Städte. Zwar hausen die Bewohner dort nach wie vor in Elendshütten und zugigen Zelten; ihre Notdurft müssen sie oft neben Schutt und Abfällen im Freien verrichten. Doch fast alle besitzen ihre eigene Aadhaar-Nummer.
Es gibt deshalb Menschen wie Satya Prakash Tucker, den Verwaltungschef von Andhra Pradesh, der Indien eine rosige Zukunft verspricht. Er hofft, dass das Land dank Hightech jene Stufen der Entwicklung überspringen kann, die westliche Gesellschaften erst im Zuge ihrer Industrialisierung hinter sich ließen.
Für Modernisierer wie Tucker gibt es kaum einen Missstand, der sich nicht durch eine digitalisierte Verwaltung beheben ließe: fehlende Klos, mangelnde Hygiene, chaotische Grundstücksregister. Selbst die Trägheit der Staatsdiener bekämpft er mit Aadhaar: Jedes Mal, wenn die Beamten zur Arbeit kommen, müssen sie sechs Ziffern ihrer Aadhaar-Nummer in eine digitale Stechuhr tippen und den Fingerabdruck einscannen. In vielen Schulen würden so auch Lehrer auf Pünktlichkeit getrimmt.
Sorgen um den Schutz der Privatsphäre macht Tucker sich nicht, das sei für ihn ein Luxus, den sich nur führende Industriegesellschaften leisten könnten: "Wir müssen über hundert Jahre Rückstand aufholen."
Im Alltag stößt das Indien der Zukunft noch immer auf die Hürden der Gegenwart. Viele der rund 600 000 indischen Dörfer sind noch nicht oder nicht ausreichend ans Internet angeschlossen. Dort müssen sogenannte Business-Correspondents die Personalnummern von Subventionsempfängern nach wie vor offline in Aadhaar-Terminals tippen und Fingerabdrücke nehmen.
Selbst im Zentrum der digitalen Revolution geht es noch erstaunlich gemütlich zu. In einem Büroturm in Delhi befindet sich die Unique Identification Authority of India, die Kommandozentrale von Aadhaar. Hier waltet Ajay Bhushan Pandey als Generaldirektor. "Die Daten der Bürger sind bei uns vor Hackern sicher", beteuert der Herr der Milliardendatei. Nur wenn die nationale Sicherheit bedroht sei, dürfe seine Behörde Informationen an die Sicherheitsbehörden weitergeben – und dann auch nur unter strengen Auflagen.
Dann wird Pandey unterbrochen. Ein Amtsdiener kommt herein und legt einen Stoß Akten vor ihn auf den Schreibtisch. Aus den Deckeln quellen Schriftstücke, die der Chef gleich bearbeiten muss. Von der papierlosen Verwaltung, die die Regierung propagiert, ist man also selbst hier, im Herzen von "Digital India", noch ein Stück entfernt.

Im Alltag stößt das Indien der Zukunft noch immer auf die Hürden der Gegenwart.

Über den Autor

Wieland Wagner, Jahrgang 1959, promovierte über japanische Außenpolitik. Für den SPIEGEL berichtet er seit 1995 aus Asien, zunächst als Korrespondent in Tokio. 2004 wechselte er nach Shanghai, 2010 nach Peking, 2012 nach Neu-Delhi. Seit 2014 bereist er die Region wieder von Tokio aus.
Von Wieland Wagner

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