04.06.2016

AffärenSchmutz und Schmerz

Oh, wie schön war Panama. Bis zu den Panama Papers. Der Bürgermeister von Panama-Stadt muss in Hamburg trotzdem für seine Stadt werben.
Eine dieser ehrenwerten Tagungen, die man nur mit einer Überdosis Kaffee schwarz aushält; schade, dass morgens um zehn noch keiner auf dem Tisch steht. Hotel Atlantic, der Große Festsaal: Bürgermeister aus Lateinamerika sind nach Hamburg geflogen, um sich in Deutschland etwas über "Lösungen der Städte und Kommunen für Herausforderungen der urbanen Entwicklung" anzuhören. Klingt nach: Newtons Gesetz der Schwerkraft, angewandt auf zwei Augenlider. Die ersten Reden enthalten gefühlt fünf Zahlen, drei Abkürzungen und einmal "Herausforderung" pro Minute.
Dann wird José Blandón Figueroa nach vorn gerufen, der Bürgermeister von Panama-Stadt, und für einen Moment erwacht hinten im Saal Leben in einem Mexikaner. "Panama", sagt der Mexikaner zu sich selbst, mehr nicht. Aber damit ist alles gesagt.
Ja, Panama. Wussten wir alle eigentlich schon, dass Panama-Stadt seit dem Jahr 2000 im Schnitt satte 7,1 Prozent Wirtschaftswachstum hatte? Dass sich die Bevölkerung zwischen 1980 und 2010 fast verdoppelte, auf 880 000 Einwohner? Und nun aufgewacht, liebe Rentner: dass jeder Pensionär, der sich in Panama niederlässt, 25 Prozent Rabatt auf Flugtickets bekommt, 20 auf Arztrechnungen, 15 beim Optiker? Ja, so schön ist Panama. Und dass ein Mädchen, das sich im Haushalt um alles kümmert, für nicht mal 200 Dollar im Monat zu haben ist?
Gut zu wissen, aber wer will das wissen? Panama ist jetzt Panama Papers und José Blandón der Mann, der ständig von Journalisten danach gefragt wird. Wohin er auch kommt, Panama Papers sind schon da. Heute in Hamburg.
Blandón, 48, ist gelernter Anwalt und sieht auch so aus: Silberhaare, streng zurückgekämmt, zum schwarzen Anzug trägt er ein weißes Hemd mit eingestickten Initialen in der Manschette. Natürlich kennt er auch Ramón Fonseca von der berüchtigten Offshore-Kanzlei Mossack Fonseca. Panama ist klein und Blandón in derselben Partei wie Fonseca. Wenn Blandón nicht reden würde, wäre die Geschichte über ihn jetzt schon fertig.
Aber er redet, das ist er dem Amt schuldig und auch sich selbst. Richtig, sagt er in der Kaffeepause, er habe als Anwalt gearbeitet, aber er sei Strafverteidiger, nicht Wirtschaftsjurist. Fonseca habe er seit dem Skandal nicht mehr gesehen, und er nennt das auch so: "Natürlich ist das ein Skandal." Vor allem aber hat Blandón seine ganz eigene Geschichte mit Schmuddelsystemen. Eine gute.
Sein Vater war in den Achtzigern der engste Berater von General Manuel Noriega, dem Diktator und Drogendealer, der damals Panama beherrschte. José Blandón Figueroa war 20 und ging gegen Noriega auf die Straße, bekam bei einer Demo eine Ladung Vogelschrot ab, in die Hand, den Arm, den Rücken. Er brach mit seinem Vater, sagte ihm, das sei seine Regierung, die so etwas tue, auf Demonstranten schießen, auf seinen eigenen Sohn. Und der Vater, vor die Wahl gestellt, ob er mit seinem Jungen oder seinem Staatschef brechen sollte, entschied sich für den Jungen. Wurde zum Abtrünnigen. Belastete Noriega vor dem US-Kongress, um, wie er sagte, José zurückzugewinnen. Es ist eine große Geschichte, über Mut, Härte, Liebe, Ehre. Und jetzt kommt da also dieser Skandal und zieht Panama in den Schmutz, lässt es als Land der Opportunisten dastehen, nicht als das der Ehrenmänner. Und er, Blandón, wird mit beschmutzt, bei jedem öffentlichen Auftritt, in dem sein Panama zu Panama Papers wird.
"Es ist ein Skandal, aber es ist nicht fair, daraus einen Panama-Skandal zu machen", sagt Blandón. Wenn, dann sei das doch ein Skandal des internationalen Bankensystems, das anonyme Offshore-Konten ermögliche. Und warum überhaupt Panama Papers? "Wenn die Papiere einen Namen verdienen, dann nicht Panama, sondern British Virgin Islands Papers." Dort habe Mossack Fonseca die meisten Briefkastenfirmen gegründet, nicht zu Hause in Panama. Warum? Weil die Regeln ziemlich streng geworden seien. Strenger jedenfalls als auf den Britischen Jungferninseln. Dort könne man eine Briefkastenfirma zur Begünstigten einer anderen Briefkastenfirma machen. In Panama müsse dagegen hinter jeder Firma eine Person stehen.
Selbst wenn die nur ein Strohmann ist, denn so lief das eben auch in Panama.
Panama sei schon länger auf dem richtigen Weg gewesen, sagt Blandón, er selbst habe sich doch für eine Reform des Offshore-Wesens eingesetzt, als er noch im Parlament saß. Na immerhin, das werde jetzt schneller gehen, glaubt er, wenigstens dafür sei der Skandal gut.
Besonders eines will der Bürgermeister klarstellen: dass Panama auf solche Geschäfte gar nicht angewiesen sei. Klar, auf Niue, irgendwo in der Südsee, da hätten sie nichts anderes als Offshore. Aber Panama: der Kanal. Der Tourismus. Die Vogelwelt. Die perfekte Lage, Lage, Lage in der Mitte des Kontinents. "Panama ist der Platz, wenn man nach Lateinamerika gehen will", wirbt Blandón. Er redet noch über die Häfen und den Flughafen, von dem man nun sogar direkt Frankfurt anfliegen könne.
Und so kriegt der Bürgermeister langsam die Flugkurve, dorthin, wo Panama nicht mehr das Briefkastenparadies ist, sondern das Investorenparadies, Touristenparadies, ein Paradies auf jeden Fall, ohne Sünde. Gut, nicht ganz, schon mit Problemen, die Blandón nicht wegreden will, aber eben nur die guten alten Sünden, über die sich in der Ersten Welt keiner aufregt: Slums, wilde Müllkippen, eine City, die im Verkehr erstickt.
Darüber mag er auf der Urbanisierungskonferenz im Atlantic auch gern noch länger reden. "Vision: eine kompaktere Stadt mit einer wiederbelebten Innenstadt", damit endete vorhin seine Präsentation, und auf 21 Seiten stand 13-mal das Wort "Herausforderungen".
So geht Panama ohne Papers. Kaffee, bitte.
Von Jürgen Dahlkamp

DER SPIEGEL 23/2016
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