04.06.2016

Medizin„,Superkeim' im menschlichen Darm“

Can Imirzalioglu, 41, vom Institut für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Gießen, über neue Gefahren durch antibiotikaresistente Bakterien
SPIEGEL: Mediziner meldeten Ende Mai die Entdeckung eines Supererregers in den USA, der sogar gegen das Reserveantibiotikum Colistin resistent ist. Einen vergleichbaren Keim haben Sie auch gefunden – in Hamburg.
Imirzalioglu: Ja, vor zwei Jahren war dort ein Patient mit einer Wundinfektion zum Arzt gegangen. In seiner Wunde fand sich ein Bakterienstamm, der nicht nur gegen Colistin resistent war, sondern auch gegen Carbapeneme, also gegen Reserveantibiotika mit einem breiten Wirkspektrum. Der Patient hat glücklicherweise überlebt, weil noch zwei Antibiotika einsetzbar waren. Wenn man sich die Zahl der Resistenzen anschaut, dann war der Erreger aus Hamburg sogar brisanter als der nun in den USA aufgetauchte.
SPIEGEL: Wie hat sich der Patient aus Hamburg den Erreger eingefangen?
Imirzalioglu: Das versuchen wir gerade zu rekonstruieren. Wir haben Hinweise darauf, dass Colistin-Resistenz von Nutztieren über Lebensmittel auf den Menschen übertragen werden kann. Das Antibiotikum wird in großer Menge bei der Zucht von Schweinen, Rindern oder Geflügel eingesetzt. Und wir haben viele Colistin-resistente Bakterienstämme in Proben von Nutztieren, aber teilweise auch in Fleischprodukten gefunden.
SPIEGEL: Der Mensch infiziert sich über den Verzehr von Fleisch?
Imirzalioglu: Prinzipiell ist das denkbar, allerdings waren die Colistin-resistenten Stämme aus den Fleischproben noch nicht zwangsläufig resistent gegen andere Antibiotika. Das Bedrohliche ist jedoch, dass das Colistin-Resistenz-Gen auf andere Bakteriensorten übertragen werden kann, die womöglich ohnehin schon multiresistent sind. Durch einen solchen Gentransfer könnte im menschlichen Darm ein "Superkeim" entstehen, der dann vielleicht wirklich nicht mehr behandelbar ist, wenn er eine Infektion verursacht.
SPIEGEL: Wie kann man sich schützen?
Imirzalioglu: Ganz wichtig ist die Grundhygiene in der Küche sowie Händewaschen vor und nach dem Toilettengang.
Von Ble

DER SPIEGEL 23/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 23/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Medizin:
„,Superkeim' im menschlichen Darm“

  • Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit
  • Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine
  • Ungewöhnlicher Trip: Weltreise für 50 Euro
  • "Horrorhaus" in Kalifornien: "Meine Eltern haben mir das Leben genommen"