04.06.2016

Die Augenzeugin„Weglaufen vorm Leben“

Antje Schwerdtfeger, 51, ist Ärztin in der Entzugsklinik Count Down in Berlin. Vor einigen Jahren nahmen nur noch wenige Menschen Ecstasy, nun hat der Konsum dieser Droge laut einer Studie der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht wieder deutlich zugenommen. Schwerdtfeger behandelt viele solcher Abhängiger.
"Ecstasy ist natürlich immer noch eine Partydroge aus der Technoszene. Die Konsumenten wollen mit dem Stoff zwei, drei Tage wach bleiben. Manche meiner Patienten sagen, sie seien schon fünf bis sechs Tage wach gewesen. Darüber war ich erstaunt, ich dachte, nach vier Tagen Schlafentzug ist man tot. Viele meiner Patienten nehmen Amphetamine wie Ecstasy auch, um ihre Depressionen zu bekämpfen. Sie haben keine Familie oder Freunde, sie laufen dauerhaft vor dem Leben weg. Auf hyperaktive Menschen wirkt Ecstasy beruhigend. Viele Abhängige bekämpfen damit Konzentrationsschwächen, sie können wichtige Termine nur durchstehen, wenn sie etwas genommen haben.
Häufig sind Patienten von mehreren Drogen abhängig. Früher haben sie nur Cannabis genommen, heute kombinieren sie das mit Ecstasy oder Speed. Sie versuchen, die Abhängigkeit von der einen Droge mit der Wirkung der anderen aufzufangen. Viele Abhängige sind völlig zugedonnert mit verschiedenen Drogen, wenn sie in unserer Klinik ankommen. In der Entgiftungsstation müssen sie einen kalten Entzug machen, der dauert normalerweise zehn Tage. Die ersten Tage sind für die Patienten sehr schwer: Sie leiden unter Schlafstörungen, Gliederschmerzen und Stimmungsschwankungen.
Es macht mir Sorgen, dass sich nicht nur der Konsum, sondern auch die Droge selbst verändert. Der Stoff heute hat wenig mit dem zu tun, der früher auf dem Markt war. Ecstasy ist chemisch verändert und wirkt stärker. Immer mehr Ecstasy-Abhängige haben Herzprobleme. Ich vermute, dass das neue Ecstasy das Herz stärker angreift. Einer meiner Patienten hat schwere Rhythmusstörungen, die sein Herz dauerhaft geschädigt haben."
Von Philipp Kosak

DER SPIEGEL 23/2016
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