11.06.2016

EthikGib

Sie stehen in Fußgängerzonen, knien auf Bürgersteigen, gehen durch die S-Bahn: Bettler, Obdachlose, Habenichtse. Sie stellen uns jeden Tag vor moralische Fragen: Wem soll man geben? Und wie viel? Vier Experten geben Rat. Von Dialika Neufeld
Das Dilemma beginnt auf dem ansteigenden Teil einer Hamburger Fußgängerbrücke. Dort kniet oft ein älterer Mann mit weichem Gesicht und Rauschebart. Stundenlang, wie festgenagelt, verharrt er in seiner Pose, vor ihm ein weißer Pappbecher. Man könnte ihm etwas geben, 50 Cent, einen Euro, ihm ein Brötchen kaufen, einen Kaffee. Oder man könnte ihn für ein Mitglied einer Bettlerbande halten und sich für den nächsten entscheiden. Ein paar Meter weiter steht, an jedem regenfreien Tag, ein Mann mit Saxofon und spielt seine Lieder. Er sagt, das Geld im Instrumentenkoffer sei für seine kranke Frau. Braucht er die Spende nicht am dringendsten? Oder doch der junge Mann mit Hund, schließlich muss er Futter kaufen? Oder wird er das Geld in Tütenwein versenken?
Am Ende der Brücke stellen sich in blauer Jacke die Sammler vom Uno-Flüchtlingshilfswerk auf und bieten Spendenverträge an. Manchmal lehnt sich ein Verkäufer vom Straßenmagazin "Hinz & Kunzt" ans Geländer. Und gegen elf Uhr vormittags strömen die Vertreter der "Klemmbrett-Mafia" aus: gut gekleidete junge Menschen verschiedener Herkunft, die, ein Klemmbrett mit Zetteln in der Hand, angeblich für eine Gehörlosenschule sammeln. Sie kommunizieren in Zeichensprache, bitten um Unterschriften und Scheine und bekommen sie auch. Drehen sie sich aber um, können sie auf wunderbare Weise miteinander reden.
Es eröffnen sich also für den Passanten verwirrend viele Möglichkeiten, die Not von Mitmenschen zu lindern. Eine moralisch kaum lösbare Aufgabe. Denn Leid lässt sich schwer gegen Leid aufwiegen, Mitleid sich nicht teilen. Und manchmal ist die Not nur vorgetäuscht. Wie trifft man die richtige Entscheidung?
Man könnte jetzt den Blick senken, als gäbe es am Boden etwas zu suchen, die Münzen stecken lassen und mit schlechtem Gewissen zusehen, dass man von der Brücke kommt. Man könnte dem abgerissensten unter den Obdachlosen etwas geben und trotzdem ein schlechtes Gewissen haben – den anderen gegenüber.
Oder man hört sich erst einmal an, was Experten dazu sagen.

Soll man einem Trinker Geld geben, Herr Puhl?

Dieter Puhl, 59, ist Leiter der Evangelischen Bahnhofsmission Berlin Zoologischer Garten.
Puhl: Wenn Sie zehn alkoholerkrankte Menschen drei Tage lang in einen Raum sperren und ihnen drei Tage lang nichts zu trinken geben, sind am Ende drei von ihnen tot. Wenn Menschen alkoholkrank sind, brauchen sie Alkohol. Das klingt komisch, ist aber einfach so. Am besten spenden Sie 50 Cent für den Menschen, damit er sich sein Bier kaufen kann, und 50 Cent für die Einrichtung, die daran arbeitet, dass er mit dem Trinken aufhört.
SPIEGEL: Könnte man ein Brötchen kaufen?
Puhl: Was hat ein Obdachloser davon, wenn ihm 50 Menschen am Tag ein Brötchen schenken? Außerdem ist er trotz allem ja erwachsen, und man sollte ihm selbst überlassen, was er mit dem Geld macht. Das hat auch mit Würde zu tun. Das Einfachste wäre zu fragen: Was brauchen Sie? Überhaupt wünsche ich mir, dass die Leute mehr kommunizieren. Gehen Sie in die Knie, auf Augenhöhe. Wenn jemand drei Jahre vor Ihrem Supermarkt sitzt, ist es ja nicht schädlich, wenn Sie irgendwann mal seinen Namen erfahren, sich vorstellen und in Zukunft grüßen.
SPIEGEL: Wie entscheiden Sie, wem Sie Ihr Geld geben?
Puhl: Wenn ich zur Arbeit gehe – und der Weg ist wirklich nicht lang –, dann begegne ich 30 bis 40 Menschen, die hilfebedürftig sind. Die Zahlen haben sich hier in Berlin in den letzten Jahren verfünffacht, vor allem durch Menschen aus Osteuropa. Ich muss mich also entscheiden. Mein Tipp: Nehmen Sie den, der besonders angeschlagen aussieht. Wenn Sie zwei nebeneinander sehen, der eine ist toll, dynamisch, macht Musik. Der andere ist unrasiert, müffelt, hat sich vollgepinkelt und geht Ihnen eigentlich auf den Geist, und Sie möchten einen Bogen um ihn machen: Geben Sie Ihr Geld dem Unrasierten, dem Müffelnden. Denn der Dynamische hat am Abend 60 Euro in seinem Hut. Der Müffelnde hat 20 Cent.

Soll man demjenigen geben, der am schlimmsten dran ist, Herr Erzbischof Heße?

Stefan Heße, 49, ist Erzbischof von Hamburg.
Heße: Man kann nicht von oben herab beurteilen, welcher von den Bettelnden schlimmer dran ist als der andere. Da täte ich mich sehr schwer, die Leute auf einer Skala anzusiedeln und irgendwie zu vergleichen. Hinter jedem Betteln steht ja eine Lebensgeschichte, eine Erfahrung, und die ist nicht austauschbar. Wenn man die Brücke verlängert und durch ganz Hamburg geht, findet man ja an jeder Ecke jemanden, der Hilfe braucht. Vergleichen kann man da nicht, sonst kommt man in ethisches Grenzgebiet.
SPIEGEL: Wie entscheiden Sie, wem Sie eine Spende geben?
Heße: Ich habe mal einen Bischof gekannt, der jedem Obdachlosen, den er traf, zwei Euro gab. So kann man es machen. Man gibt jedem das Gleiche. Oder man kann sagen: Ich gebe heute mal hier, morgen mal da. Und die Frage, was der Einzelne jetzt mit dem Geld macht, ist keine Frage des Spenders, sondern des Empfängers. Ich muss mir jetzt auch nicht alle Sorgen anziehen.
Spiegel: Wenn die Spende aber die größtmögliche Wirkung erzielen soll, muss man auswählen.
Heße: Solange Sie mit Geld rechnen, wollen Sie immer, dass es bestmöglich angelegt ist. Wenn Sie aber stattdessen von der Nächstenliebe reden, dann ist das was anderes. Dann geht es nicht darum: Wo kommt am meisten bei rum? Sondern darum: Wem kann ich am meisten Liebe erweisen? Die Liebe kann sich dann in einem Obolus niederschlagen. Muss sie aber nicht. Sondern vielleicht lieber in einem Gespräch, in Zuwendung, in der Frage: Was ist das Beste für dich?
SPIEGEL: Ist Nächstenliebe denn teilbar?
Heße: Natürlich nicht. Ich fände es komisch zu sagen: So, ich habe jetzt zehn Minuten Zeit, und da sind fünf Bedürftige, und jeder kriegt zwei Minuten. Das ist ein Rechenmodell. Aber so ist ja nicht das Leben. Nächstenliebe heißt ja eigentlich, dass ich versuche, meinem Nächsten Liebe zu geben. Und da kann der Bettler, der als Erstes auf der Brücke sitzt, mir der tatsächlich Nächste sein. Und weil ich da jetzt langgehe, werde ich im wahrsten Sinne des Wortes zu seinem Nächsten. Es kann also sein, dass ich heute beim Ersten stehen bleibe, und der kriegt meine volle Aufmerksamkeit, die anderen grüße ich nur. Und morgen ist der Übernächste dran. Man muss nicht alle gleich behandeln.

Sollte man lieber an eine Hilfsorganisation spenden, Herr Wilke?

Burkhard Wilke, 51, ist Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen, das die Seriosität von Hilfsorganisationen prüft.
Wilke: Ich denke, ja. Allein aufgrund des höheren Betrages hat die Dauerspende an eine Organisation wie etwa die Uno-Flüchtlingshilfe die größere Wirksamkeit. Wenn man bereit ist, darüber nachzudenken, im Monat 50 Euro zu spenden, ist das schon eine andere Hausnummer, als wenn man ab und zu ein paar Münzen an Obdachlose spendet.
SPIEGEL: Und wenn ich die 50 Euro einfach einem einzelnen Bettler gebe?
Wilke: Das Risiko, dass das Geld verloren ist, wenn ich es einem Obdachlosen gebe, den ich rein zufällig treffe, ist groß. Den müsste ich erst näher kennenlernen. Erst wenn ich mit ihm vielleicht einen Abend verbringe, und er erzählt mir seine Geschichte, kann die Vertrauensbasis entstehen, bei der ich sage: Gut, dieser Mensch wird meine 50 Euro sinnvoll verwenden. Deshalb würde ich empfehlen, an Unbekannte nur Bagatellbeträge zu geben.
SPIEGEL: Was halten Sie davon, das Geld gerecht aufzuteilen?
Wilke: Wenig. Man kann es nicht jedem recht machen. Das gilt für Einzelbettler wie auch für Spendenorganisationen. Es macht keinen Sinn, das Geld an fünf Organisationen oder Personen aufzuteilen. Ich sollte mich lieber für einen entscheiden, das macht die Entscheidung auch qualitativ besser. Dann achte ich etwa auf ein Spendensiegel bei der Organisation oder sehe mir auf der Internetseite den Jahresbericht an oder versuche eben, den Bettler besser kennenzulernen. Man sollte das Geld konzentrieren. Das ist wirksamer und auch wirtschaftlicher.
SPIEGEL: Aber wie entscheiden Sie sich spontan, auf der Straße?
Wilke: Ich würde mich wohl für den Straßenmusiker entscheiden oder für den Kauf der Straßenzeitung. Wenn jemand sympathisch Musik macht, ist das ja auch ein Stück Straßenkultur, das vielen Passanten in ihrem Alltag Freude stiftet. Das verdient Wertschätzung. Und bei der Straßenzeitung hat man einen Mehrwert, weil man Themen wahrnimmt, die sonst an einem vorbeigehen. Am meisten stört mich das Zurschaustellen von Wunden und Verstümmelungen, weil das häufig organisierte Bettelei ist, und da weiß man nie, was bei dem einzelnen Bettler überhaupt ankommt.

Kann Moral effizient sein, Herr Fehige?

Christoph Fehige, 53, ist Ethiker und Professor für praktische Philosophie an der Universität des Saarlandes.
Fehige: Wir sollten viel geben, aber selbst dann sind unsere Mittel beschränkt. Daher ist es wichtig, jeden Euro für die Moral so einzusetzen, dass er den größten moralischen Erwartungswert hat. Vereinfacht gesagt: Es sollte wahrscheinlich sein, dass der Euro da, wo wir ihn einsetzen, die Welt am meisten verbessert.
SPIEGEL: Das bedeutet aber, dass man das Leid der Bettler gegeneinander aufwiegen muss, um eine Entscheidung zu fällen. Geht das?
Fehige: Präzision ist schwierig in diesem Bereich, aber Zustände wie Schmerzen, Ängste oder Hunger können stärker oder schwächer sein, sie können kürzer oder länger dauern. Deswegen ist es manchmal plausibel, dass es einer Person deutlich schlechter geht als einer anderen. Es liegt nahe, solche Unterschiede zu berücksichtigen, wenn wir helfen wollen.
SPIEGEL: Viele Menschen haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich für einen Bettler und damit gegen viele andere entscheiden.
Fehige: Das ist unvermeidlich. Denn auch wenn Sie viel geben und nach bestem Wissen effizient geben, bleibt natürlich immer noch viel Leid übrig. Das ist traurig, aber nicht Ihr Fehler und daher kein Anlass für ein schlechtes Gewissen. Räuspert sich das Gewissen, prüft man am besten als Erstes die Gesamthöhe seiner Spenden. Und passt sie gegebenenfalls an.
SPIEGEL: Naheliegend wäre auch der Gedanke, demjenigen etwas zu geben, der versucht, sich das Geld zu verdienen – etwa durch das Spielen eines Musikinstruments oder den Verkauf eines Straßenmagazins. Was halten Sie von diesem Argument?
Fehige: Nicht wirklich viel. Denn letztlich wiegen die Interessen eines Untätigen moralisch ebenso schwer wie die eines Tätigen. In dem Sinne ist "Verdienen" kein eigenständiger moralischer Faktor, und man sollte sich auf jeden Fall gut überlegen, ob man sich vom Musizieren bewegen lässt. Fragen Sie sich, was Sie mit Ihrer Spende wollen: Leiden lindern oder die Beschallung von Fußgängerzonen fördern? Andererseits könnte es durchaus indirekte Effekte geben. Vielleicht verbessern Sie die Welt zusätzlich, indem Sie durch Ihr Spendenverhalten auch Anreize zum tätigen Leben schaffen.
SPIEGEL: Wie würden Sie sich entscheiden?
Fehige: Vieles spricht dafür, dass Programme zur Malariabekämpfung und zur Entwurmung in Entwicklungsländern moralisch am effizientesten sind, auch langfristig. Entsprechend lautet meine Empfehlung: Gib viel, gib moralisch effizient, und gib daher eher an solche Programme statt auf den Brücken von Hamburg.

Über die Autorin

Dialika Neufeld, Jahrgang 1982, arbeitet seit 2009 beim SPIEGEL im Ressort Gesellschaft. Sie hat sich vorgenommen, den Rat von Dieter Puhl anzunehmen und die Obdachlosen in ihrer Nachbarschaft in Zukunft einfach häufiger anzusprechen. Die Bettler, mit denen sie auf der Brücke sprach, waren erstaunlich offen, höflich und glücklich über einen Kaffee.
Von Dialika Neufeld

DER SPIEGEL 24/2016
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