11.06.2016

RechtsextremismusDie einfachen Leute

Es sind nicht zuletzt Arbeiter und Zurückgelassene, die rechtspopulistisch wählen. Wie wäre es mit ein wenig mehr Achtung für deren Wünsche und Nöte? Von Nils Minkmar
Gleich dort, wo der Wald von Wiesbaden anfängt, treffen sich schon frühmorgens die sogenannten einfachen Leute. Aus den älteren, liebevoll gestylten Fahrzeugen werden Kanister und leere Wasserkästen geholt, dann beginnt das Warten. Während andere ihre Hunde ausführen oder Sport treiben, füllen sie rauchend das Brunnenwasser ab. In ärmeren Wohngegenden Wiesbadens kommt das Trinkwasser aus dem Rhein, es schmeckt trotz Aufbereitung nicht so gut wie das Brunnenwasser aus dem Taunus: klar, sauber und kostenlos. Nun wurden die Brunnen abgestellt, ohne Erklärung. Die Leute kommen trotzdem, und man kann winzige und spontane Demonstrationen hilflosen Frusts erleben: "Das ist doch nur, damit wir bei Aldi Sprudel kaufen müssen!", empört sich einer. Dann beginnen die Mutmaßungen, die Schuldzuweisungen, das Grübeln. Niemand wird verdursten, es ist ja auch nur ein Waldbrunnen, im Maßstab der ganzen Republik ein eher nicht so großes Problem. Und doch ist dieser Ärger im Wald für sie ein weiteres Indiz dafür, dass die Dinge nicht mehr so laufen wie früher.
In den Dreißigerjahren entfernten sich die gesellschaftlichen Eliten von der parlamentarischen Demokratie und den sie tragenden Parteien. Wer es zu etwas gebracht hatte, verachtete die "Schwatzbude" des Parlaments und hing pseudowissenschaftlichen oder ästhetischen Konzepten an, die die Überlegenheit der Elite begründeten. Das war der Verrat der Eliten, und er begünstigte den Totalitarismus. Heute erleben wir in Europa etwas anderes: die Entfremdung der unteren Schichten von der liberalen Gesellschaft. Es sind die Arbeiter, die in Österreich den Kandidaten der FPÖ gewählt haben, die in Frankreich dem Front National ihre Stimme geben. Auch Donald Trump erfreut sich der Unterstützung wenig gebildeter, weißer Männer in den besten Jahren.
Die ehemaligen Arbeiterparteien hingegen sind Parteien für die Mittelklasse und die sozialen Aufsteiger geworden. Im französischen Parti socialiste findet sich kaum mehr ein Fabrikarbeiter unter den Mitgliedern. US-Demokraten, New Labour, PS, SPÖ und SPD verstehen sich im Wesentlichen als Bildungsparteien, die Bildungsmöglichkeiten schaffen, ausweiten und dann die Interessen der Gebildeten sichern. Die Heroen dieser Bewegung wie Bill Clinton und Gerhard Schröder schildern gern ihren persönlichen sozialen Aufstieg als Exempel für andere: Mit Bildung und politischem Engagement kann man es zum respektierten Millionär schaffen, das ist die Botschaft. Und diese Möglichkeit soll sich nicht nur in einem Land, sondern möglichst weltweit eröffnen. Das nötige Wachstum entsteht dann aus den Innovationen, die sich andere Gebildete ausdenken. So das Programm in Kurzform.
Es ignoriert, lehnt sogar ab, was die Bewegung einmal groß gemacht hat, die Arbeiterkultur. Schon das Wort klingt nach Folklore und erinnert an die vergessenen Denkmäler für die Helden der Arbeit, die immer noch hier und da in den Arbeitervierteln herumstehen. Oft heißt es, dass es diese Leute, diese Schicht nicht mehr gebe. Sicher, die Industriearbeiter sind weniger geworden, es ändert sich ja immer alles. Aber Menschen, die wenig Geld haben und nicht lange zur Schule gegangen sind, die gibt es. Sie mögen heute für einen Kurierdienst die Pakete schleppen oder Hotels putzen, auf den Baustellen schuften oder in Großküchen Teller waschen. Sie sind da, auch wenn von ihnen nur selten und dann nicht mal mit besonders freundlichen Worten die Rede ist.
Wenn in Kommentaren oder Diskussionssendungen im Fernsehen von den "bildungsfernen Schichten" die Rede ist, dann oft nur als kollektiver Fall: Man muss denen helfen, oder sie müssen sich selbst helfen – stets mit dem Ziel, dass sie aufhören, so zu sein, wie sie sind. Vorurteile dominieren: Alkoholmissbrauch, Gewalt gegen Frauen, Vernachlässigung der Kinder, Rassismus und Homophobie sind aber in allen Schichten verbreitet. Die Fülle der Skandale in Institutionen wie der Fifa, der Deutschen Bank oder bei den Automobilherstellern macht deutlich, dass kriminelle Neigungen schichtenübergreifend sind. Der Diskurs über die Bildung und Disziplinierung der Unterschichten ist so alt wie die Industrialisierung selbst, aber im Unterschied zu damals ist die organisierte Arbeiterbewegung heute kaum noch zu vernehmen. Insofern steht das Wahlverhalten der Arbeiter am Ende eines langen Entfremdungsprozesses, der viel mit der kulturellen Überheblichkeit der sie vermeintlich vertretenden Parteien zu tun hat.
Warum kann man sich der Kultur der Unterschichten nicht respektvoll nähern?
So etwa, wie es der französische Soziologe Pierre Bourdieu in einer noch heute einschlägigen Studie tat. Er untersuchte im Frankreich der Sechziger- und Siebzigerjahre den Zusammenhang zwischen Geschmack und Klassenlage. Das daraus entstandene Buch mit dem Titel "Die feinen Unterschiede" ist getragen von dem Wunsch, durch eine Mischung aus quantitativer und qualitativer Analyse darzustellen, dass etwas so Subjektives wie der Geschmack durchaus mit der Schulbildung und dem Einkommen zusammenhänge. Dass mir ein Bild von Cy Twombly gut gefällt, hat wenig mit einem Geistesblitz oder meiner einzigartigen Persönlichkeit zu tun, es ist vielmehr nach meinem soziologischen Profil zu erwarten. Arbeiter haben keine Fototapete mit Paul-Klee-Motiv, und Studienräte lieben selten Schlager.
Nach den Ergebnissen von Bourdieu ist es völlig passend, dass ein Foto, auf dem Donald Trump in seinem luxuriösen, etwas kitschig eingerichteten Flugzeug ein Menü von McDonald's verspeist, die Wähler spaltet. Für die Gesundheitsbewussten, Gebildeten und Aufstiegsorientierten wirkt der Mann vulgär. Aus einer anderen Perspektive aber kann man hier jemanden sehen, der sich nicht zu fein ist, ordentlich zuzulangen, und seinen Reichtum stolz und generös zur Schau stellt. In Bourdieus Werteordnung steht bei den Arbeitern die sofortige Gratifikation hoch im Kurs: Essen soll im Überfluss da sein, das Leben soll jetzt sofort gut sein. Bourdieu konstatiert unter den befragten Arbeitern einen "Sinn für Lebensfreude und fröhliches Feiern, für Selbstverwirklichung und praktische Solidarität".
Dazu passt es schlecht, wenn die heute zuständige politische Bewegung den Lohn der Mühen in weite Ferne stellt, nach erfolgter Bildung und technologischer Innovation. In den Programmen der aufstiegsorientierten Mitte-links-Parteien ist nahezu obsessiv von Zukunft die Rede, dazu wird dann die Erde abgebildet, wie man sie vom Weltall aus betrachtet. Die Schwere der Lage und die Vielzahl der Nöte werden angesprochen, ein Geist der Ernsthaftigkeit weht durch diese Programme: Später werdet ihr es gut haben oder eben eure Kinder – wenn ihr euch heute anstrengt. Es ist leider nur alles so weit weg. Aber für die Gegenwart ist es immer so wenig.
Für die Arbeiterschicht kann das kein ansprechendes politisches Angebot sein. Man kann sogar von einem Kulturkampf sprechen, mit Szenen eskalierender, zunächst nur symbolischer Gewalt. Der neue Star der französischen Sozialisten, Emmanuel Macron, hatte unlängst vor Kameras einen unfreundlichen Dialog mit einem Bürger. Der junge Mann trug ein T-Shirt und sagte, dass er sich einen solch teuren Anzug wie der Minister nicht leisten könne. Der antwortete, er solle gefälligst arbeiten. Das war unglücklich, die Arbeitslosigkeit in Frankreich ist immer noch hoch. Am Ende war klar, dass der Minister kein Gespür für solch einen Wähler hat. Nichts, was dessen Leben bald besser macht, mit oder ohne Anzug. So wurde der Dialog zum Symbol wechselseitiger Verachtung.
Man sollte daran erinnern, dass der Aufstieg nicht die einzige auf Erden bekannte Fortbewegungsrichtung ist. Nicht jeder möchte etwas aus sich machen. Er mag finden, dass er schon jemand ist. Erwachsen zu sein ist komplex genug. Viele Zeitgenossen sind schon froh, einigermaßen durch den Tag und die Nacht zu kommen. Immerzu nach individueller Verbesserung von Körper und Seele zu streben, weiter und weiter die Schulbank zu drücken, das steht für sie nicht auf dem Programm.
Man kann dieses Leben aber durchaus angenehmer gestalten. Hierfür ist nicht nur der Einzelne verantwortlich, sogar Glücksschmiede werden mal müde. Das kann eine Aufgabe der Politik sein. Einer Politik, die sich nicht allein an den Tüchtigen wendet, sondern die auch gerade jene anspricht, mit denen sonst keiner spricht. Die das Leben jetzt besser macht, nicht erst in der folgenden Generation oder wenn noch eine Prüfung und noch ein Kurs absolviert wurden.
Was könnte das heute sein? Lohnerhöhungen, ganz einfach, auch die oft beschworene, nie richtig durchgeführte Entlastung der Arbeit von der Finanzierung der Sozialsysteme. Aber darum geht es nicht allein. Es geht um eine symbolische und kulturelle Wende. Jahrzehntelang wurde nicht bloß der Einzelne, es wurden auch die öffentlichen Institutionen zu Teilnehmern in einem globalen Wettbewerb gemacht.
Wenn aber Kantinen, Krankenhäuser, Sendeanstalten und Kultureinrichtungen wie private Betriebe gemanagt werden müssen, bloß lieb- und kopfloser geführt, dann verlieren jene, denen kostenlose Einrichtungen das Leben verbessern. Mit Sparprogrammen, die öffentliche Gebäude, Busse und Bahnen, Jugendzentren und öffentliche Grünflächen verkümmern lassen, beginnt eine Spirale abwärts.
Und nun sind wir ziemlich weit unten. Die Ideologie der stets fortschreitenden Optimierung von allem und jedem nach der Logik eines Investitionsguts ist an ein Ende gekommen. Sie war ohnehin unfair: Öffentliche Haushalte nahmen Schulden auf, um private Finanzinstitute zu retten.
Nun schwächeln Staaten und Kommunen, und deren ärmste Bürger wählen rechts. Mit dem Anstieg der extremen Rechten müssen wir uns auf die Stärken unserer Art zu leben besinnen. Wenn Besucher aus sogenannten Schwellenländern Deutschland bereisen, dann beeindrucken sie nicht die Einkaufszentren, die Hochhäuser oder die Autos vor den Luxusrestaurants, derlei gibt es auf der ganzen Welt. Wie ein Weltwunder bestaunen sie hingegen die kommunalen Freibäder: Alte und Junge, Frauen und Männer, alle Hautfarben baden zusammen und ohne Security, die Eintrittspreise sind gering, und alles funktioniert mehr oder weniger – das ist der Ausweis einer befriedeten und lebenswerten zivilen Gesellschaft.
Es ist jetzt, wie in den Vereinigten Staaten der Dreißigerjahre, Zeit für einen New Deal, um die Lebensqualität der Arbeiterschicht in Europa zu verbessern. Dann erleben wir auch, wie die extreme Rechte wieder in sich zusammenfällt. Wenn man vernünftig mit dem Volk kommuniziert, haben Populisten Sendeschluss. ■

Ihr Wahlverhalten steht am Ende eines Entfremdungsprozesses, der viel mit der kulturellen Überheblichkeit der Politiker zu tun hat.

Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 24/2016
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