18.06.2016

Brutale Zeiten

Wenn Gewalt kein Tabu mehr ist, gerät die Demokratie in Gefahr.
Am Donnerstag wird die junge britische Labour-Abgeordnete Jo Cox in der Nähe von Leeds auf offener Straße durch Schüsse und Messerstiche schwer verletzt. Wenige Stunden später ist sie tot. Der Mord an der Brexit-Gegnerin und Mutter zweier Kinder ist ein weiterer grauenvoller Akt in einer Woche voller Gewalt im Herzen der westlichen Zivilisation. Ihre Opfer sind Schwule, Polizisten und eine Politikerin, ihr Schauplatz sind die Stätten unseres Alltags: ein Klub, eine Straße, ein Zuhause.
Zehn Jahre sind vergangen, seit die Fußball-WM Deutschland in ein Sommermärchen verwandelte. Damals schien die Welt für einige Wochen ein friedlicherer Ort, das Weltgeschehen trat in den Hintergrund, was zählte, waren die sportlichen Dramen. Im Sommer 2016 bewegt das Massaker von Orlando die Menschen, der Terror von Paris, die Bilder von der Brutalität der Hooligans. Der grüne Rasen ist zum bedrohten Reservat geschrumpft. Ein gespenstischer Gegensatz tut sich auf, wenn es nach der Halbzeitpause von den Nachrichten zurückgeht auf den Rasen, wo die Schiedsrichter schon pfeifen, wenn ein Spieler den anderen am Trikot zupft.
Draußen in der Welt ereignete sich am dritten Turniertag, im Schwulenklub Pulse von Orlando die schlimmste "Massenerschießung" der US-Geschichte, mit 49 Toten und Dutzenden Verletzten. In Frankreich folgten am nächsten Tag die Terrormorde im Städtchen Magnanville unweit von Paris. Eine Mutter wurde vor den Augen ihres dreijährigen Sohnes ermordet, der Täter filmte seine Tat und postete sie auf Facebook. Die Spiele selbst werden von Ausschreitungen englischer, russischer und auch deutscher Hooligans begleitet. In den Nachrichten sehen wir, wie ein russischer Fan einem auf dem Boden liegenden Mann auf den Kopf tritt, es sind Bilder von ungezügelter Aggression. Orlando, Magnanville, die Hooligans, die Ermordung von Jo Cox – sie stehen nicht in einem direkten Zusammenhang, aber zusammen ergeben sie das Bild einer verstörenden Gegenwart von Gewalt.
Schockierend ist auch, dass die Gewalt in halb- bis sehr private Räume vordringt, die uns bislang sicher erschienen, in Vorgärten, Privathäuser, Cafés oder Klubs. Das Pulse in Orlando war gerade ein Schutzraum für Schwule und Lesben. Und privater als das Häuschen mit dem weißen Zaun, in dem die Familie des ermordeten Polizisten lebte, können Terrorziele nicht sein. Die Botschaft ist unmissverständlich: Es kann jeden treffen, überall.
Es sind weniger die Opferzahlen, die uns entsetzen. Mag sein, dass die Zahl der Terroropfer im Vergleich zu früheren Jahrzehnten sogar abgenommen hat, dass dem Terror von IRA und PLO in den Siebzigerjahren mehr Menschen zum Opfer fielen. Mag sein, dass die gefühlte Bedrohung im Kalten Krieg gewaltiger war als heute. Doch in diesen Tagen tritt neben die Angst vor dem Terror, der einen statistisch nur mit größter Unwahrscheinlichkeit treffen wird, die Sorge um unsere zivilisierte Lebensweise. Sind wir in Westeuropa nicht aufgewachsen mit der Idee einer fortschreitenden Friedfertigkeit, wonach Gewalt weltweit auf dem Rückzug ist, eingehegt durch einen Staat, der im Interesse aller Frieden erzwingt?
Nach den Taten von Orlando und Paris suchen wir wieder in den Biografien der Täter nach Erklärungen für ihren Hass – in den nicht bewältigten Brüchen ihrer Identität, den sozialen Umständen. Der politische Terror einer IRA oder PLO erschien weniger verstörend als die Selbstmordattentate der radikalisierten Einzeltäter, weil er politische Ziele verfolgte, die zumindest nachvollziehbar waren. Die blanke Zerstörungswut des heutigen Terrors ist es nicht. Wenn die Gewalt irgendwie erklärbar wäre, könnte man sie aktiv bekämpfen. Dann wäre sie "nur" eine Verirrung, die sich beheben ließe, mit einer besseren Politik. Es ist das Gefühl, dem Irrationalen ausgeliefert zu sein, das uns dieser Tage so verstört.
Die Politik hat bislang wenig getan, um die Eskalation des Brutalen einzuhegen – im Gegenteil. Donald Trump etwa enttabuisiert Gewalt sogar, indem er seine Anhänger ermutigt, politische Gegner zu verprügeln: "Haut sie zu Brei!" Und der stellvertretende russische Parlamentspräsident applaudiert den prügelnden Hooligans: "Bravo, weiter so!" So wird Gewalt salonfähig und Rohheit verherrlicht. Das geschieht, in abgemilderter Form, auch in Deutschland: in den vulgären Beschimpfungen von Politikern, Journalisten, Andersdenkenden im Netz, in Drohungen und Übergriffen. Wie klein der Schritt von verbaler zu tätlicher Gewalt ist, zeigt die Ermordung von Jo Cox. Auch ihr Fall warnt: Wir dürfen uns nicht an Brutalität gewöhnen. Denn die enttabuisierte Gewalt gefährdet die freie Gesellschaft.
Von Christiane Hoffmann

DER SPIEGEL 25/2016
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