18.06.2016

MarkusFeldenkirchenDer gesunde MenschenverstandDeutschland flaggt sich ab

Die Fähnchen fehlen. Selbst nach einer Woche Fußball-EM sind weite Teile Deutschlands unbeflaggt. Gefühlt ist selbst die isländische Fahne auf deutschen Straßen präsenter als die deutsche. In der Hauptstadt bewies immerhin ein Taxifahrer Patriotismus. Er hatte schwarz-rot-goldene Bezüge über seine taxifarbenen Außenspiegel gestülpt. Sein Mercedes wirkte wie ein nackter Mann in Tennissocken – irgendwie aus der Zeit gefallen. "Macht keiner mehr mit", klagte der Fahrer und blickte traurig auf seine Spiegel.
Dabei schien deutscher Nationalstolz dank schlagkräftiger Lobbyorganisationen wie Pegida oder AfD gerade wieder schick zu werden. Zudem hatte Björn Höcke, der Abteilungsleiter Flaggen der Bewegung, im Fernsehen eigens noch mal vorgemacht, wie das mit dem Fähnchen funktioniert, als er es bei Günther Jauch fachgerecht über seiner Sessellehne entrollte.
Kann es etwa sein, dass die nationale Bewegung die EM schlicht boykottiert, weil die Nationalelf, wie ihr Abteilungsleiter Genetik, Alexander Gauland, bemängelte, "nicht mehr deutsch im klassischen Sinne" ist, was auf Deutsch übrigens heißt, dass ihm zu wenig Biodeutsche mitspielen? Als grundempathischer Mensch kann ich das Dilemma nachvollziehen, in dem man als Gauland-Deutscher gerade steckt – auch wenn ich selbst völlig unvölkisch unterwegs bin. Ich hätte im Pegidahauptquartier jedenfalls gern Mäuschen gespielt, als Shkodran Mustafi, ein Mann mit eher neudeutschem Namen, das erste deutsche Turniertor erzielte, und zwar mit klassisch deutscher Fußballkultur: als Kopfballungeheuer. Mich würde etwa interessieren, ob man als völkischer Deutscher bei einem biodeutschen Tor, beispielsweise von Bastian Schweinsteiger, doppelt so laut schreit wie bei einem Mustafi- oder Özil-Tor. Und welcher Teil im Körper das dosiert. Im frenetischen Jubel über das Tor des in jeder Hinsicht weißen Mannes Schweinsteiger dürfte jedenfalls auch Sehnsucht nach jener Zeit gesteckt haben, als Nationalteams noch nicht "La Mannschaft" hießen und ausschließlich aus Sepps, Bertis, Ullis, Horsts, Rudis und Karlheinzen bestanden.
Vielleicht liegt die aktuelle Fähnchenkrise aber auch gar nicht am Boykott der Rechten. Vielleicht geht es vielen Bürgern ganz einfach wie mir. Meine Faustformel in Sachen Nationalsymbolik geht etwa so: Je mehr Flüchtlingsheime bei uns brennen, je mehr Ausländer gejagt und geschlagen werden, desto geringer ist meine Motivation, mir schwarz-rot-goldene Schminke auf die Wangen zu pinseln, meine Außenspiegel zu schmücken oder am heimischen Sessel den Höcke zu machen.
Vielleicht ist die Fahnenflaute also Ausdruck eines sehr gesunden Bewusstseins dafür, was man sich als Gesellschaft leisten kann, um seine nationale Zugehörigkeit mit großem Stolz nach außen zu tragen. Vielleicht warten die meisten aber auch nur bis zum Halbfinale.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 25/2016
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