18.06.2016

USAAmerikas letzte Hoffnung

Der blutige Anschlag von Orlando befeuert Donald Trumps Wahlkampf der Angst und Eskalation. Hillary Clinton ist die Einzige, die ihn noch stoppen kann – doch ihr Wahlkampf zündet nicht, die Menschen misstrauen ihr. Von Holger Stark
Zeiten der Krise sind Zeiten der Wahrheit. Momente, in denen Führungsqualitäten sichtbar werden können. Tage, in denen sich der Zustand eines Landes offenbart. Manchmal zeigt sich auch einfach nur der wahre Charakter eines Menschen.
Als das Blut der Opfer von Orlando noch nicht getrocknet war, als die leblosen Körper noch im Pulse-Nachtklub lagen, unidentifiziert und grausam entstellt durch die Kugeln des Attentäters, als das Blaulicht der Polizeiwagen die South Orange Avenue in ein bizarres Licht tauchte, sendete Donald Trump einen Tweet. Er schrieb: "Freue mich über die Glückwünsche, bezüglich des radikalen islamischen Terrors recht gehabt zu haben." Aber Härte, nicht Glückwünsche, sei das, was es brauche.
Zwei Tage später, am Dienstagabend, steht Trump auf der Bühne einer Sportarena in North Carolina und erklärt, wer aus seiner Sicht für das Blutbad von Orlando verantwortlich ist. "Politische Korrektheit ist tödlich", ruft er in die Menge. "Die unkontrollierte Einwanderung muss enden." Trump liest vom Papier ab, das soll seine Worte mäßigen. Doch selbst die kontrollierten Sätze sind vergiftet, sie richten sich an die niederen Instinkte, an die Ängste der rund 9000 Anhänger im Saal. Es gebe "keine Assimilierung" bei den Einwanderern, ruft Trump.
Das Publikum rast vor Begeisterung, im Chor schallt es "USA, USA, USA". Die Menge ist laut, aggressiv, unerbittlich. Wie ihr Idol auf der Bühne. Trump ist an diesem Dienstag 70 Jahre alt geworden, aber es gibt keine Anzeichen, dass er je ruhiger oder weiser werden wird.
Kann man mit dem Tod von 49 überwiegend schwulen und lesbischen Menschen, ermordet von einem in New York geborenen Sohn afghanischer Einwanderer, so zynisch sein politisches Spiel treiben? Kann man angesichts der schlimmsten Massenerschießung in der amerikanischen Geschichte so unverhohlen Genugtuung zeigen, man habe es ja immer schon gesagt? Und diesen "I told you so"-Moment so genussvoll auskosten?
Trump kann. Und mehr denn je stellt sich die Frage, ob dieses stolze, große, mächtige Amerika im November wirklich in die Hände eines Egomanen fällt, der Muslime an der Einreise hindern und Millionen illegaler Einwanderer deportieren möchte, der die Meinungsfreiheit einschränkt sowie der halben Welt mit Aufkündigung alter Freundschaften droht. Ein Gefühl der bleiernen McCarthy-Ära der Fünfzigerjahre weht durch das Land, angefacht durch einen Kandidaten, der den Hass gegen Muslime und Einwanderer schürt wie nie zuvor ein Anwärter auf das Weiße Haus.
Wer impliziere, dass sich die USA "mit einer gesamten Religion im Krieg befinden, nimmt den Terroristen die Arbeit ab", sagte US-Präsident Barack Obama nach Trumps Rede.
Der Ausgang dieser Präsidentschaftswahl wird weltweit Auswirkungen haben. Es geht nicht nur um den Bau von Mauern und den inneren Frieden einer zerrissenen Nation, sondern auch um mögliche Handelskriege mit Asien, den Fortbestand des transatlantischen Bündnisses sowie Amerikas Verhältnis zur arabischen Welt. Im November wird auch über die Zukunft der Weltpolitik abgestimmt.
Gegen die Wucht des trumpschen Wahlkampfs wirkt seine Kontrahentin Hillary Clinton hilflos und angeschlagen. Noch hat kein Gegner Trumps ein Mittel gefunden, diesen mitunter wie im Fieberwahn redenden politischen Außenseiter wirksam zu bekämpfen – auch Clinton nicht. Wie schon im republikanischen Vorwahlkampf zeigt sich nach Orlando, dass Trumps Gegnern nicht die gleichen politischen Waffen zur Verfügung stehen. Wie soll man auch jemanden bekämpfen, der keine Tabus und keine Hemmungen zu kennen scheint?
Und so ist der Ausgang dieses Duells völlig offen. Es treten zwei Kandidaten gegeneinander an, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Wutbürger gegen Machtstrategin, Außenseiter gegen Establishment, die Stimme der aufgebrachten Weißen gegen die Anwältin eines bunten Amerikas.
In den vergangenen Wochen hat sich Trump in einigen Umfragen vor Clinton geschoben, in anderen Umfragen sehen die Demoskopen sie vorn. Trump nutzt die Verunsicherung, die die amerikanische Gesellschaft erfasst hat, schamlos aus, er instrumentalisiert die Ängste vor einem neuen Terroranschlag für seine Kampagne. Er ist, entgegen vielen Erwartungen, nicht präsidiabler, nicht versöhnlicher geworden, im Gegenteil: Seit Orlando gilt die einst unumstößliche Regel nicht mehr, dass die amerikanische Nation in Zeiten einer Krise zusammenrückt.
Wenn Orlando ein Test der Führungsqualitäten eines künftigen Präsidenten war, dann hat ihn Trump nicht bestanden. Er hat mit dem Prinzip der Solidarität gebrochen, und mit ihm viele seiner Anhänger. Nach Orlando erscheint Amerika als ein Land, das sich nicht einmal mehr in dem amerikanischsten aller Werte einig ist: in der nationalen Unterstützung und dem Mitgefühl in Momenten der Not und Trauer. Die Gesellschaft ist in diesem Wahlkampf in zwei Lager zerfallen, die sich unversöhnlich gegenüberstehen.
Trump ist der Kandidat der Wut, getragen vom Gefühl vieler Menschen, dass in den Vereinigten Staaten etwas grundsätzlich umgestürzt werden muss.
Die Frau, die Amerika vor ihm retten soll, ist die Kandidatin der Vernunft, getragen vom liberalen Bürgertum, das Obamas Politik des aufgeklärten Pragmatismus fortführen möchte. Es ist nicht klar, ob es in den Vereinigten Staaten von heute mehr Vernunft oder mehr Wut gibt.
Clinton ist Amerikas letzte Hoffnung. Aber je länger dieser Wahlkampf dauert, umso fraglicher scheint es, ob sie diese Hoffnung erfüllen kann, schlimmer noch: ob sie die richtige Kandidatin für eine Nation in Aufruhr ist.
Hillary Clinton ist die Frau, die schon immer da war: als First Lady, als Senatorin, als Präsidentschaftsbewerberin und Außenministerin. Bereits 2008 galt sie als nächste Präsidentin – bis sie bei den Vorwahlen von einem fast Unbekannten namens Barack Obama geschlagen wurde.
Sie begann auch diesen Wahlkampf als die vermeintlich nächste Präsidentin, kam ins Straucheln durch eine E-Mail-Affäre und musste gegen den unerwarteten Appeal des 74-jährigen Senators Bernie Sanders kämpfen, der eine linke Revolution ausrief und viele junge demokratische Wähler, darunter erstaunlich viele Frauen, die eher dem Clinton-Lager zugerechnet wurden, weit mehr begeisterte als sie.
Und nun treibt Trump Clinton vor sich her, verhöhnt sie, stellt sie als schwach dar. Es ist für sie nahezu unmöglich, mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Sie will nicht spalten und Teile der Wähler gegeneinander aufwiegeln. Auf seine Hetze gegen Muslime und andere Minderheiten kann es nur Antworten der Vernunft geben, aber ihre Botschaft der Versöhnung wirkt angesichts dieses lauten Polterers zaghaft und ohnmächtig. Es ist ein Wettkampf mit ungleichen Mitteln, aber was soll sie tun?
Als Hillary Clinton am Montag nach dem Anschlag von Orlando vor einer Industrievereinigung in Cleveland spricht, dunkles Kleid, gedämpfter Ton, mahnt sie, dies sei ein Tag, an dem alle Amerikaner zusammenstehen müssten. Sie fordert, den Verkauf von Waffen einzuschränken. Sie verurteilt die Welle von Gewalt gegen Moscheen nach den Anschlägen von Paris und San Bernardino. Und erstmals nimmt sie an dem Tag auch den Begriff "radikaler Islamismus" in den Mund, was Trump gefordert, sie aber bis dahin vermieden hatte, um den Islam nicht zu diskreditieren. Clinton verzichtet auf Attacken gegen Trump. "Dies ist kein Tag für Politik", sagt sie angesichts der Trauer in Orlando.
Aber es ist ein Tag für Trump. "Ich habe Obama und die betrügerische Hillary hart getroffen mit der Kritik, dass sie nicht den Begriff radikalislamischer Terror nutzen", twittert er nach ihrer Rede. "Hillary ist gerade eingeknickt – sagte, sie werde ihn jetzt benutzen!" Als Trump seinen kleinen Triumph in North Carolina vorträgt, feiert ihn das Publikum. Trump hat Clinton den Begriff aufgezwungen, der Islamismus ist eines seiner großen Wahlkampfthemen. Wie schon im Vorwahlkampf gelingt es ihm auch nach Orlando, instinktsicher die politische Agenda zu bestimmen.
Trump hat für Clinton den Spitznamen "crooked Hillary" eingeführt, betrügerische Hillary, er nutzt ihn in Reden, Tweets und Interviews. Der Begriff ist so bösartig wie "Niedrig-Energie-Jeb", den er für Jeb Bush erfunden hatte, oder "Lügen-Ted" für Ted Cruz. Aber Trump trifft damit eine Schwäche, er sät ein Misstrauen, das Clinton überall in diesem Wahlkampf einholt, egal wo sie auftritt, auch an einem sonnigen Frühlingstag in Buffalo, einer Stadt am Rand des Bundesstaats New York, im Delikatessenladen von Charlie Roesch.
Die Tür fliegt auf, Clinton tritt in den Raum, sie breitet die Arme aus und ruft: "Charlie!" Der Metzgermeister und die Kandidatin kennen sich seit Jahren. Er legt das Messer zur Seite, mit dem er gerade einen Rinderbraten tranchiert hat. "Meine Senatorin aus New York!", sagt er. Zur Begrüßung gibt es Küsschen.
Clinton hat gerade vor 1200 Leuten in Buffalo gesprochen, jetzt möchte sie Roastbeef im Kümmelbrötchen. Doch dann unterbricht sie ein Reporter: Was sie zu der Umfrage sage, nach der ihr nur rund 40 Prozent der Amerikaner vertrauen? Clinton gefriert für einen Augenblick. Sie hält die Tüte mit dem Roastbeef in der Hand, sie sucht nach einer Antwort. "Als Außenministerin waren meine Zustimmungsraten die höchsten aller Amtsträger", sagt sie schließlich, als ließen sich die Zahlen einfach ignorieren. Wenn sie einmal im Amt sei, würden die Menschen ihrer Arbeit schon zustimmen.
Wie hätte Bill Clinton das weggelächelt. In Momenten wie diesen fehlt Hillary Clinton die Leichtigkeit ihres Ehemanns, das Tänzerische, der Instinkt für Menschen – all jene Eigenschaften, die Donald Trump so stark und so gefährlich gemacht haben.
In diesem Wahlkampf kämpft Clinton gegen etwas Größeres als Trump. Sie kämpft gegen ein Misstrauen, das der politischen Klasse des Landes generell gilt und das Land wie ein Fieber erfasst hat. Ein Großteil der Amerikaner hat den Glauben daran verloren, dass die Politik ihr Leben verbessern kann.
In Philadelphia und Washington wurde einst die repräsentative Demokratie geprägt. Amerika, diese leuchtende Stadt auf einem Hügel, wie Ronald Reagan sein Land 1989 genannt hat, wuchs zu einem globalen Vorbild. Heute hat es viel von seinem Glanz verloren.
Die derzeitige Identitätskrise der amerikanischen Gesellschaft hat unmittelbar mit der Kluft zwischen den Superreichen auf der einen und der Mittel- und Unterschicht auf der anderen Seite zu tun. Die 400 reichsten Amerikaner besitzen so viel Vermögen wie zwei Drittel der restlichen Gesellschaft zusammengenommen. Das jährliche Realeinkommen einer durchschnittlichen Familie ist dagegen seit 1999 um etwa 5000 auf rund 52 000 Dollar gesunken. Das gesellschaftliche Versprechen, dass sozialer Aufstieg möglich sei, wenn man hart dafür arbeite, klingt für viele Menschen nur noch wie eine Phrase.
Die Hauptstadt Washington steht nicht nur für das verhasste Establishment, sondern auch für die Verbindung von Geld und Politik, die die Clintons wie kaum jemand sonst verkörpern. Das berechnende Präsidentenehepaar Frank und Claire Underwood aus der TV-Serie "House of Cards" wirkt wie ein Kommentar auf das Ehepaar.
Die Politik hat die Clintons reich gemacht, seit ihrem Ausscheiden aus dem Weißen Haus 2001 haben Bill und Hillary mehr als 150 Millionen Dollar mit öffentlichen Auftritten verdient (siehe Seite 18). Die Clintons gehören zu jenem einen Prozent, das sich von der Entwicklung des Landes abgekoppelt hat und nach eigenen Regeln funktioniert.
Trump ist zwar auch Milliardär, aber er inszeniert sich als jemand, der unbestechlich ist, weil er das Geld anderer nicht braucht. Er tritt als Clintons Gegenentwurf auf, ein Unternehmer und Narzisst, der angeblich von allem nur "das Beste" besitzt, ob es sich nun um Frauen, Immobilien oder sein Geschlechtsteil handelt.
Es ist vor allem sein Gespür für Stimmungen, das Trump so erfolgreich und so gefährlich macht. Sein Vorschlag, Muslime vorerst nicht mehr ins Land zu lassen, wird nicht nur von einer Mehrheit der Anhänger der Republikaner geteilt, sondern auch von 45 Prozent der noch unentschlossenen Wähler und sogar von jedem vierten Demokraten. Nach Orlando forderte Trump, die Einreisesperre noch auszuweiten, auf Menschen aus all jenen Ländern, in denen es Terrorismus gegen den Westen gab.
Wie kein anderer Präsidentschaftsbewerber hat Trump die tektonischen Verschiebungen intuitiv erfasst, die sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten in der amerikanischen Gesellschaft vollzogen haben. Zu beobachten ist die Ablösung eines Gesellschaftsmodells, in dem die weiße christliche Mehrheit nicht nur ein gleichermaßen natürliches Anrecht auf die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schlüsselstellungen besaß, sondern auch die Leitkultur des Landes vorgab. Im Jahr 2050, so die Demoskopen, werden die Weißen erstmals nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung stellen.
Trumps Wahlkampf setzt auf die Mobilisierung dieser schrumpfenden weißen Mehrheitsgesellschaft, auf einen Aufstand der christlichen Mittel- und Unterschicht, die sich gegen die empfundene gesellschaftliche Enteignung zur Wehr setzt. Die Ausgrenzung von Immigranten und Muslimen ist kein Zufall, sondern Teil seiner Strategie. Trump setzt auf Spaltung.
Clintons Wahlkampf hingegen baut auf Frauen, Afroamerikaner, Hispanics, auf homo-, trans- und bisexuelle Menschen, also auf die Summe vieler Teile der Gesellschaft. Ihre Politik ist darauf ausgerichtet, diese Teile zu versöhnen. Sie will Obamas Politik fortsetzen, der bereits angekündigt hat, für sie Wahlkampf zu machen. Das hilft ihr, aber es kettet sie auch an ihn, macht es schwierig für sie, sich von ihm und seiner Präsidentschaft zu distanzieren.
Zur Perfidie dieses Wahlkampfs zählt, dass Trump nun politisches Kapital aus einem Attentat schlägt, das den potenziellen Wählern Clintons galt: jungen Schwulen und Lesben, die meisten Einwandererkinder aus Mittel- und Südamerika – Menschen, die in der Welt des Donald Trump gemeinhin als Feindbilder vorkommen.
Das Massaker sei "ein Anschlag auf die Möglichkeit freier Menschen, ihr Leben zu leben, zu lieben, wen sie wollen, und ihre Identität auszudrücken", rief Trump nach Orlando und verwandte sogar das in linken und liberalen Kreisen gängige Kürzel LGBT, das für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle steht.
Für Trump lautet die große Frage in diesem Wahlkampf, ob es ihm gelingt, genügend weiße Nichtwähler zu mobilisieren.
Für Clinton lautet die große Frage, ob sie es schafft, ihre eigene Steifheit und Unterkühltheit zu überwinden, ob es ihr gelingt, zur Wahlkämpferin zu werden und der Wut und dem Hass nicht nur Vernunft, sondern auch Emotionen entgegenzusetzen. Das fällt ihr sichtbar schwer.
Ein Wahlkampfauftritt in Des Moines, Iowa. Hillary Clinton spricht in der Turnhalle einer Highschool. Ungefähr 1500 Anhänger sind gekommen, sie rufen im Wechselgesang "M-A-D-A-M-E" und "P-R-E-S-I-D-E-N-T". Das Publikum besteht aus klassischen Clinton-Wählern, Gewerkschafterinnen und Mitarbeiterinnen der Frauenberatungsstelle Planned Parenthood, Lehrern und schwarzen Familien.
In der Mitte der Turnhalle steht ein Barhocker mit einem Glas Wasser. Als sie auf die Bühne tritt, verspricht Clinton, den Klimawandel zu bekämpfen und einen landesweiten Mindestlohn einzuführen. Sie verspricht die Förderung von erneuerbaren Energien und Unterstützung für den Mittelstand und Kleinunternehmer. "Frauen sollten für gleiche Arbeit auch das gleiche Einkommen erhalten", ruft sie.
Schließlich stellt sie eine Frage: "Wer von euch hatte Schulden aus der College-Zeit?"
Die Hälfte aller Hände schnellt in die Höhe. "Ich hatte auch welche", sagt sie, "aber die Zinsen für den Kredit sind viel zu hoch, wir müssen in eine bessere, erschwingliche akademische Ausbildung investieren!" Das ist ihr Drama: Sie ist gefangen in ihrer eigenen Welt, sie wird kleinteilig inmitten dieser großen Krise, die das Land durchlebt, sie schafft es nicht heraus aus diesem Korsett, das sie sich in den vergangenen Jahrzehnten zugelegt hat. Während Bernie Sanders die Zerschlagung des Großkapitals fordert und Trump die Rückkehr von Arbeitsplätzen aus China und Mexiko verspricht, schlägt Hillary Clinton die Senkung der BAföG-Zinsen vor.
Dabei würde Clintons Politik für viele Amerikaner eine Verbesserung bedeuten. Sie möchte Obamas Gesundheitsreform fortführen, sie verspricht die Einführung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und das Recht auf bezahlte Elternzeit. In der Außenpolitik steht sie für einen aggressiveren Kurs, der auf das Militär setzt. Während Trump am liebsten aus der Nato austräte, würde Clinton Amerikas außenpolitisches Engagement verstärken. Er ist Isolationist. Sie ist Interventionistin.
Unter dem Eindruck des Erfolgs ihres Konkurrenten Sanders ist Clinton im Wahlkampf deutlich nach links gerückt, sie fordert jetzt ebenfalls die Zerschlagung des Schattenbankensektors und eine Sondersteuer für Millionäre. Ihr Programm ist nicht visionär, aber es würde für Amerika, in dem der ungezügelte Wildwestkapitalismus vielen noch immer als Paradigma gilt, einen Fortschritt bedeuten.
Clintons Wahlkampfbotschaft verdichtet sich in einem Satz, den sie an diesem Abend in der Turnhalle in Iowa ruft: "I get things done." Sie ist eine Macherin, das ist ihre Botschaft. Ihre Kampagne setzt darauf, dass die Menschen sie wählen, weil sie First Lady, Senatorin und Außenministerin war und den Einzug ins Weiße Haus nun verdient hat. Sie geht davon aus, dass die Amerikaner sich in Krisenzeiten nach einer erfahrenen Staatsfrau sehnen. Erfahrung aber ist in diesem Jahr nicht gefragt.
In Georgetown, einem Stadtteil von Washington, D. C., sitzt Melanne Verveer, 71, eine der wenigen Freundinnen von Hillary Clinton, in einem lindgrün angestrichenen Stadthaus. Hier ist das Institut für Frauen, Frieden und Sicherheit der Universität untergebracht, das sie leitet. Verveer sagt, Hillary habe "andere Qualitäten", als eine geborene Wahlkämpferin zu sein.
Die beiden Frauen kennen sich seit dem gemeinsamen Studium in den Siebzigerjahren, Verveer wurde Hillary Clintons Vertraute, unterstützte Bill Clinton 1992 im Wahlkampf, stieg nach seinem Sieg zu seiner Beraterin auf. Im Weißen Haus war sie Hillarys Stabschefin.
Verveer glaubt, dass Clintons ruhige Art und ihre Erfahrung etwas seien, was dem Land in stürmischen Momenten guttue. "Wir erleben Zeiten, in denen sich Demagogen wie Trump erheben", sagt sie. "Aber Politik ist die Kunst des Machbaren, und darin ist Hillary sehr gut."
An der Wand in Verveers Büro hängt ein buntes Poster von einer Konferenz der Vereinten Nationen, die im September 1995 in Peking stattfand, zu einem Thema, das Clinton seit je am Herzen liegt: Frauenrechte. Verveer hat sie damals begleitet, sie schildert die Konferenz als einen Schlüsselmoment in Clintons Leben.
Die Reise der First Lady nach Peking war damals im Weißen Haus umstritten. "Es gab im Regierungsapparat einige, die sagten, wir sollten nicht fahren", so Verveer. Das Manuskript ihrer Rede für Peking hielt Clinton bis zum Abflug geheim. "Wenn die vorher ans Weiße Haus gegangen wäre, hätte es sie nicht gegeben", glaubt Verveer.
Die Geschichte der Frauen sei zu lange eine Geschichte des Schweigens gewesen, rief Clinton in Peking auf der Bühne. Frauenrechte seien Menschenrechte, die beiden zu trennen sei "nicht länger akzeptabel". Die Reaktionen waren euphorisch, ihre Worte wurden zu einem globalen Manifest der Gleichberechtigung.
"In diesem Moment hat sie realisiert, dass sie etwas bewirken kann für Menschen", sagt Verveer. Clintons Bewerbung für das Weiße Haus begann in jenem Herbst in China.
Die Lektion von Peking lautete allerdings auch, dass überall Widerstand lauert, auch in den eigenen Reihen – Widerstand, gegen den man sich durchsetzen muss. Es ist eine sehr männliche Art, Politik zu machen. Clinton beherrscht sie bemerkenswert gut, wirkt dabei aber oft unnahbar und arrogant.
Die Hillary, die Verveer beschreibt, hat wenig gemein mit der Politikerin Clinton. Verveer zeichnet das Bild einer warmherzigen Frau mit viel Mitgefühl für andere Menschen. Sie sei zwar ein "wonk", so Verveer, eine Aktenfresserin, ein Nerd, verliebt in die Details von Politik. Aber sie könne auch leidenschaftlich und überraschend lustig sein. "Wenn sie etwas komisch findet, lacht sie manchmal geradezu hysterisch." Es sind Seiten, die Hillary Clinton nicht öffentlich zeigt, die sie erstickt in ihrem Bemühen um Kontrolle. Warum ist das so?
Verveer glaubt, dass eine Erklärung in jenen Jahren zu finden ist, in denen die Clintons erstmals nach Washington kamen. Im Januar 1993 war das Ehepaar ins Weiße Haus eingezogen, Hillary als First Lady und Beraterin. Die Medien überschlugen sich vor Begeisterung über die "wichtigste Frau der Welt" ("Vanity Fair"). Doch ihre Beziehung zu Journalisten verfinsterte sich, als sie für die umstrittene Gesundheitsreform ihres Mannes kämpfte, die bald darauf scheiterte. Eine Titelgeschichte für das Magazin der "New York Times" erschien, Zeile: "Die heilige Hillary". Auf dem Coverfoto war die First Lady in einem weißen Kleid zu sehen. Die Geschichte verband Zitate aus einer esoterisch angehauchten Rede über Religion, die Clinton anlässlich ihres im Sterben liegenden Vaters gehalten hatte, mit Kritik an ihrer Rolle im Weißen Haus. Es war eine Abrechnung.
Die Veröffentlichung, sagt Verveer, habe Clinton ins Mark getroffen, sie habe sich getäuscht und betrogen gefühlt. Ihr Verhältnis zu Journalisten war danach nicht mehr dasselbe. Hinzu kamen über die Jahre die vielen politischen Affären: Immobiliengeschäfte aus ihrer Zeit in Arkansas, Bill Clintons Seitensprung mit der Praktikantin Monica Lewinsky im Weißen Haus. Hillary Clinton empfand die Berichterstattung darüber als "groß angelegte rechte Verschwörung", die nur ein Ziel gehabt habe: die Clintons zu zerstören.
Vertraute sagen, dass sie die Welt bis heute danach ordnet, wer für und wer gegen sie sei. 2014 enthüllte ein Buch, dass Clintons Mitarbeiter im Wahlkampf 2008 schwarze Listen führten, in denen vermerkt wurde, wer von ihren Parteifreunden sie unterstützt habe und wer nicht; eine "1" stand für Wohlverhalten, eine "7" für größtmögliche Gegnerschaft.
Clintons Verhältnis zur Öffentlichkeit ist seit dieser Zeit ein schizophrenes. Sie braucht die Öffentlichkeit, um die Menschen zu erreichen, aber sie vertraut ihr nicht. Sie braucht die Menschen, um gewählt zu werden, aber sie öffnet sich ihnen nicht. Bei ihren öffentlichen Auftritten trägt sie hochgeschlossene, schwere Kostüme und lange Mäntel, einer Rüstung gleich, dazu wuchtige Halsketten.
Melanne Verveer sagt, sie habe Clinton immer wieder geraten, authentisch zu bleiben, sich nicht hinter einer Maske zu verstecken. Die Freundin habe sich das angehört und darüber nachgedacht. Die Politikerin habe sich anders entschieden.
Sie hat so über die Jahre eine Distanz zwischen sich und den Amerikanern geschaffen, die sich jetzt – wo es für sie wichtig wäre – nicht mehr leicht überwinden lässt. Die Amerikaner lieben sie nicht, sie respektieren sie, bestenfalls. Und sechs von zehn Amerikanern geben an, ihr zu misstrauen.
Warum das so ist, lässt sich unter anderem in Chappaqua erkunden, einem Vorort von New York City, Rückzugsraum für Manager. Die Gemeinde zählt zu den reichsten Orten Amerikas, 1436 Menschen wohnen hier. Die berühmtesten beiden heißen Bill und Hillary Clinton.
Vom Bahnhof geht es den Hügel hinauf, rechter Hand zweigt die Old House Lane ab, die Straße ist von Tannen gesäumt, ganz am Ende liegt in einer Sackgasse ein weiß gestrichenes Holzhaus im Kolonialstil. Davor hat der Secret Service ein Wachhäuschen errichtet. Auf dem Grundstück waren eine Zeit lang Staatsgeheimnisse auf einem E-Mail-Server versteckt.
Anfang 2009, nachdem Obama Clinton zur Außenministerin berufen hatte, trafen die Clintons eine Entscheidung, die viel über ihr Verhältnis zu öffentlichen Ämtern und demokratischer Kontrolle aussagt: Sie ließen in der Old House Lane einen MailServer installieren, über den Clinton ihre digitale Korrespondenz als Außenministerin abwickelte. Das war nicht ausdrücklich verboten, aber auch nicht wirklich erlaubt.
Als die Existenz des Servers 2014 aufflog, erklärte Clinton, sie habe die Mails umgeleitet, weil sie nicht zwei Geräte mit sich habe herumtragen wollen, ein privates und ein dienstliches. In einem Untersuchungsbericht warf ihr der Generalinspekteur des Außenministeriums Ende Mai schwerwiegende Verletzungen der Regeln vor. Das FBI ermittelt ebenfalls, Clinton wird vermutlich erneut aussagen müssen, eine Anklage ist nicht ausgeschlossen. E-Mailgate, wie die US-Medien den Fall nennen, ist zu einer Belastung geworden.
All die Vorwürfe, die Clinton seit Jahrzehnten verfolgen und die Trump nun genüsslich vorträgt, verdichten sich in dieser Affäre: Sie denke, sie stehe über dem Gesetz. Sie mache ihre eigenen Regeln. Sie entziehe sich der öffentlichen Kontrolle. Sie habe etwas zu verbergen, warum sonst würde sie so etwas tun?
Ihr schlechter Ruf wird durch Affären wie diese genährt. Und sie machen es Trump leicht, sie als "crooked" darzustellen. Das Misstrauen, das Clinton entgegenschlägt, wird in diesem Wahlkampf immer wieder sichtbar, zum Beispiel in Orten wie Flint im Bundesstaat Michigan.
General Motors hatte hier mal seine Zentrale, die Stadt war ein Beispiel des industriellen Erfolgs Amerikas. Inzwischen ist Flint zu einem Symbol des Versagens der Politik geworden. Um Geld zu sparen, hatte die Stadt 2014 den Wasseranbieter gewechselt, das Wasser, das seitdem aus den Hähnen floss, stank, war gelbbraun und bleihaltig. Bald wurden die Menschen krank, Bleivergiftung.
Wer konnte, der floh aus Flint, wer blieb, duschte nicht mehr. Während Trump über eine Mauer an der Grenze zu Mexiko schwadronierte, machte Clinton etwas grundsätzlich Richtiges: Sie flog nach Flint. Sie, die Macherin, wollte sich dort um die Probleme der Menschen kümmern.
Ihren Besuch hatte sie mit Kenneth Stewart, 58, Pastor einer Baptistenkirche von Flint, abgestimmt. An einem Sonntag im Februar fuhr sie in einer Kolonne abgedunkelter Wagen bis direkt in Stewarts Garage vor, vorneweg der Secret Service, dazu etwa 20 ihrer Leute. Aus der Garage wurde sie, wie in einer Hochsicherheitszone, umgehend in das Büro des Pastors gebracht.
Nachdem Clinton eingetroffen war, sprach der Pastor zu seiner Gemeinde, 1100 Leute drängten sich in der Kirche. In neun Monaten, sagte er, würden die USA einen neuen Präsidenten auf die Welt bringen, und er hoffe, dass es ein Mädchen werde. Clinton saß vor der Kanzel, lachte und applaudierte. Ihre Leute benutzten die Passage später für einen Radiospot. Kurz nach dem Gottesdienst war sie wieder weg. Viele Bewohner von Flint werden seither den Eindruck nicht mehr los, dass sie nur Kulisse waren für etwas, das mit ihren Problemen wenig zu tun hat.
Die Episode zeigt, was dieses Rennen zwischen Trump und Clinton so unverhersehbar macht. Sie zeigt Clintons Stärken und Schwächen. Sie hatte schon immer ein Gespür für soziale Gerechtigkeit, sie war die einzige Bewerberin, die den Weg nach Flint gesucht hat. Aber sie hinterließ ein ambivalentes Gefühl und den Eindruck, dass die Politik die Menschen wieder einmal benutzt hatte.
Trumps Erfolg beruht auch darauf, dass er jenen Teil der Gesellschaft, der sich von den Eliten abgewandt hat, mobilisieren kann: Etwa elf Prozent seiner rund neun Millionen Twitter-Anhänger sind zuvor noch nie wählen gegangen, wollen nun aber für ihn stimmen. Anders als Clinton hat Trump im Wahlkampf auf Termine wie in Flint verzichtet, er füllt große Hallen und lädt in seine Golfresorts, er tourt nicht durchs Land. Er meidet den direkten Kontakt mit den Menschen. Diese Distanz hat ihm bislang merkwürdigerweise nicht geschadet.
Obwohl Clintons Berater versuchen, ein anderes, weiches Bild von ihr zu zeichnen, hat ihre Wahlkampagne bisher keine Euphorie entfachen können, ihre Zustimmungswerte befinden sich auf einem historischen Tiefstand. Bei einer Umfrage des "Wall Street Journal" und des Fernsehsenders NBC vom April gaben 56 Prozent der Befragten an, sie würden Clinton negativ bewerten. Unter weißen Männern sagten nur 17 Prozent, sie sähen Clinton positiv, 72 Prozent beurteilten sie negativ. Selbst bei vielen Anhängern ihres innerparteilichen Rivalen Sanders gilt sie als unwählbar.
"Nach allen konventionellen Standards wäre Clinton eine Kandidatin, die durch die Zahlen disqualifiziert wäre", sagt der Demoskop Bill McInturff, der an der Umfrage mitgearbeitet hat.
Clintons Wahlkampf war darauf ausgerichtet, Geschichte zu schreiben, sie als erste Frau zur Präsidentin der Vereinigten Staaten zu machen. Aber die politische Agenda hat sich geändert, auch weil Hillary Clinton keine Hoffnungsträgerin ist, wie es Barack Obama 2008 war. Aber vor allem, weil sie nun die Einzige ist, die einen Donald Trump im Weißen Haus noch verhindern, die diesen unberechenbaren Kandidaten noch stoppen kann. Sein Erfolg gibt ihrer kriselnden Kampagne einen neuen, größeren Sinn. Ihr Auftritt in Kalifornien vor gut zwei Wochen, bei dem sie Trump offensiv angriff und ihn mit seinen eigenen Aussagen konfrontierte, zählte zu den stärksten Momenten dieses Wahlkampfs.
Die Strategie ihres Beraterteams für die kommenden Monate ist darauf angelegt, Trump als einen Kandidaten darzustellen, der große Teile der Bevölkerung ausschließt. Als einen Mann, der "bizarre Tiraden", "persönliche Anwürfe" und "reine Lügen" loslasse, wie Clinton kritisiert. Der "zu gefährlich und instabil" ist, um als Präsident über das Nukleararsenal der mächtigsten Nation der Welt zu befinden. In Clintons Wahlkampfspots sind noch mal Trumps Wutreden zu hören, die sie scharf und sachlich kommentiert.
Für sie persönlich mag es ein Drama sein, politisch gesehen ist es ihre Chance: Clintons größte Stärke ist nun die Angst vor diesem Mann als Präsidenten, die viele Amerikaner bewegt.
Es gibt in diesen Tagen Anzeichen, dass Trump es mit seiner Botschaft von Ausgrenzung und Hass übertrieben hat. In einer ersten Umfrage nach dem Massaker von Orlando, die Bloomberg veröffentlichte, liegt Clinton mit 49 zu 37 Prozent deutlich vor Trump. Eine Zahl dürfte sie besonders freuen: 63 Prozent der befragten Frauen gaben in der Umfrage an, "niemals" für Trump stimmen zu wollen. Eine aktuelle Reuters-Umfrage sieht Clinton mit 9 Prozent vor Trump.
Nach den klassischen Regeln der Wahlforschung müsste Trump im November verlieren – nicht, weil Clinton so stark wäre, sondern weil er zu viele Wählergruppen verschreckt hat. Von den elf am härtesten umkämpften Bundesstaaten, die über den Ausgang der Wahl entscheiden, liegt Clinton in neun Staaten vorn. Nur in Colorado und Iowa sieht es für Trump gut aus. Hillary Clinton wäre die unbeliebteste Präsidentin seit 1948 – aber sie wäre Präsidentin. Es wäre, im letzten Moment, ein Triumph der Vernunft über die Wut.
Doch solche Rechenspiele lassen die Unberechenbarkeit eines Wahlkampfes außer Acht. Trump wittert die Schwächen seiner Gegner, und er hat keine Skrupel, jede Grenze zu überschreiten. Obama forderte er einst auf, seine Geburtsurkunde vorzulegen, um den durch nichts gestützten Vorwurf zu widerlegen, der Präsident sei als Muslim in Kenia geboren. Seinem Rivalen Ted Cruz warf er vor, dessen Vater sei auf einem Foto mit dem späteren Attentäter von John F. Kennedy zu erkennen.
Der Wahlkampf werde "schmutzig, hässlich, furchtbar", prophezeit der CNN-Moderator Jake Tapper, der mehrere Fernsehdebatten der Bewerber moderiert hat. Zu erwarten ist eine Auseinandersetzung unterhalb der Gürtellinie. Für Clinton wird Trump nicht gefährlich, wenn er gegen Muslime hetzt, sondern wenn er sie persönlich vor sich hertreibt.
Trump hat bereits angekündigt, Bill Clintons Sexaffären auszubreiten, angeblich soll es auch um vermeintliche Vergewaltigungen gehen. Er könnte unbelegte Verleumdungen der Boulevardpresse zitieren, Hillary Clinton habe einen Schlaganfall gehabt und sei alkoholabhängig. Trump wird versuchen, ihr Bild zu zerstören. Es ist eine Strategie, die wirken könnte, weil die Menschen Clinton fast alles zutrauen.
"Es hat nie zuvor in der Geschichte einen Präsidenten gegeben, über den die Welt so intime Details wusste wie über Bill Clinton", sagt der Publizist Joe Klein, "das hat Hillary geprägt und ihr das Leben sehr schwer gemacht." Klein, 69, sitzt in einer schummrigen Bar an der Central Station in New York. Er hat mehrere Bücher über die Clintons geschrieben, darunter den Weltbestseller "Primary Colors", einen Schlüsselroman über Bill Clintons Wahlkampf. Er kennt Hillary Clinton seit ihrer Zeit in Little Rock, Arkansas, er hat ihre gesamte Karriere begleitet. Er mag sie, er wählt sie. Aber er macht sich auch Sorgen um sie.
"Sie ist über die Jahre immer härter geworden", sagt er, "aus Angst vor den Medien und aufgrund der vielen persönlichen Attacken. Und sie hat eine geradezu verzweifelte Angst, in der Öffentlichkeit etwas falsch zu machen." Joe Klein glaubt, dass Clinton in ihrem Verhalten "Züge von posttraumatischen Stress-Symptomen" zeige, als Reaktion auf die nicht enden wollenden politischen Auseinandersetzungen. Nach Jahrzehnten erst als First Lady, dann als Senatorin und als Außenministerin hätten die Kämpfe tiefe Spuren hinterlassen.
Clinton habe in ihrer Karriere "den Punkt verpasst, an dem sie anhand ihrer Errungenschaften beurteilt wird", sagt Klein. "Sie ist so eingeschränkt durch ihren schlechten Ruf, dass es für sie fast unmöglich ist, einfach für ihre Inhalte zu werben." In den USA müsse man nur den Namen "Hillary" aussprechen, und jeder habe eine Meinung über sie – im guten wie im schlechten. Und was sie am besten könne, Realpolitik, sei das, "was das Publikum im Moment am wenigsten verlangt".
Könnte es also sein, dass sie tatsächlich gegen Trump verliert, dass die Argumente der Vernunft gegen die Wut und Trumps unkontrollierte Raserei nicht ankommen?
Der konservative Publizist Andrew Sullivan veröffentlichte vor Kurzem einen Essay im Magazin "New York", in dem er die These vertrat, die USA seien noch nie so reif gewesen für eine Tyrannei wie heute: "Wer glaubt, dass Trumps hässlicher, schurkenhafter Populismus keine Chance habe, je das Weiße Haus zu erobern, übersieht, mit welcher Dynamik wir es zu tun haben."
Die aktuellen Umfragezahlen seien nur beruhigend, wenn man Auswirkungen plötzlicher äußerer Ereignisse außer Acht lasse, "ein wirtschaftlicher Einbruch oder ein Terroranschlag in einer Großstadt in den Monaten vor November". Ein Anschlag wie in Orlando zum Beispiel.
Auch Joe Klein ist sich nicht sicher, dass Clinton gewinnen wird. Die Amerikaner würden traditionell denjenigen wählen, den sie gern bei sich zu Hause auf dem Sofa sitzen hätten, sagt er. Klein hat alle Wahlen seit dem Zweiten Weltkrieg analysiert, er glaubt, dass es jenseits von Inhalten ein anderes, entscheidendes Kriterium gibt. Er glaubt, dass der Wahlausgang eine Frage der Temperatur ist.
"Die Menschen haben sich immer für den Kandidaten entschieden, der in der Ausstrahlung wärmer war", sagt er. Ronald Reagan gewann gegen Walter Mondale, Bill Clinton gegen George Bush Senior, Barack Obama gegen Mitt Romney. Nur ein einziges Mal, 1968, als Richard Nixon gegen Hubert Humphrey siegte, sei dieses Muster durchbrochen worden.
Bei einem Duell Clinton gegen Trump fürchtet Joe Klein deshalb das Schlimmste. Trump mag ein übler, rassistischer Verführer sein, aber er ist auch unterhaltsam und charismatisch. Er versprüht Wärme. Hillary Clinton sei zwar intelligent, durchsetzungsstark und eine gute Managerin.
"Nur eines ist sie sicher nicht", sagt Klein. "Sie ist nicht warm."

Twitter: @holger_stark, Mail: holger.stark@spiegel.de

Clintons größte Stärke ist nun die Angst vor diesem Mann als Präsidenten.

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Holger Stark, Jahrgang 1970, kam 2001 über Stationen bei "Berliner Zeitung", ARD und "Tagesspiegel" zum SPIEGEL. 2006 wurde er stellvertretender Leiter des Deutschland-Ressorts, 2010 Ressortleiter. Zweimal wurde er mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet, 2013 als "Journalist des Jahres" gewählt. Seit 2013 ist er Korrespondent in Washington.

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Von Holger Stark

DER SPIEGEL 25/2016
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