18.06.2016

Terror„Ich habe 48 Stunden lang geweint“

Lea DeLaria, lesbischer Star der Serie „Orange Is the New Black“, beklagt die Folgen des Anschlags in Orlando und dessen Vereinnahmung durch Donald Trump.
Eine dunkle Bar in Brooklyn am Nachmittag, zwei Tage nach dem Massaker von Orlando, ein paar Tätowierte stehen am Tresen. Lea DeLaria, 58 Jahre alt, ihre massiven Unterarme ebenfalls tätowiert, bestellt einen Tequila und ein Bier. Seit den Achtzigerjahren gilt sie als meinungsfreudige und kluge Vertreterin der schwulen und lesbischen Bewegung in den USA, 1993 hatte sie einen unvergessenen Auftritt als erste offen homosexuelle Stand-up-Comedian in einer Late-Night-Show im amerikanischen Fernsehen. DeLaria hat am Broadway gespielt, tourt mit ihrer "Musical Comedy About Perverts", aber vor allem ist sie als eine der Hauptdarstellerinnen der Netflix-Serie "Orange Is the New Black" berühmt, in der sie eine sehr maskuline lesbische Gefängnisinsassin spielt. DeLaria trägt eine Sonnenbrille, die sie erst für die Fotoaufnahmen abnimmt.
SPIEGEL: Mrs DeLaria, wem galt dieser Angriff nun? Uns allen, der westlichen Gesellschaft, den USA, oder war es vor allem ein Gewaltakt gegen Schwule?
DeLaria: Es war ein Anschlag auf uns. Auf uns Queers: Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle. Alle, deren Sexualität von der herrschenden Norm abweicht. Das große andere.
SPIEGEL: Steht die Freiheit, seine Sexualität in einem Klub auszuleben, nicht auch stellvertretend für die pluralistische Gesellschaft?
DeLaria: Zunächst gibt es diese Freiheit auch in der pluralistischen Gesellschaft nur in Nischen. Aber klar, der Anschlag ist auf amerikanischem Boden geschehen, insofern gilt er auch Amerika. Doch die Wahrheit ist: Es war ein Hate Crime gegen Schwule, ein Verbrechen aus Hass.
SPIEGEL: Der Täter sprach am Telefon vom IS.
DeLaria: Ich glaube, er wollte lediglich seine Motive etwas verwischen. Zuvor hatte er mal reklamiert, er habe Verbindungen zur Hisbollah, dann wieder zu al-Qaida: beides Gruppen, die sich gegenseitig bekämpfen. Das klingt nicht nach einer ernsthaften Bindung. Das Einzige, was wir sicher wissen, ist: Er wollte Queers töten. Nur deswegen war er um zwei Uhr morgens in einem Schwulenklub. Deswegen hat er den Laden, wie wir jetzt erfahren, ein paarmal in den letzten Monaten ausgekundschaftet.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich persönlich gemeint?
DeLaria: Was glauben Sie, warum ich diese Sonnenbrille trage? Ich habe bis eben mehr oder minder 48 Stunden lang geweint. Nachdem ich von dem Anschlag am Sonntagmorgen erfahren hatte, habe ich meine Freunde in Orlando angerufen, um sicherzugehen, dass sie nicht um zwei Uhr morgens im Pulse getanzt hatten. Ich selbst habe oft genug um zwei Uhr morgens im Pulse getanzt.
SPIEGEL: Sie kannten den Klub?
DeLaria: Darling, natürlich. Ich kenne jeden Schwulenladen in diesem Land. Ich toure seit 1982 als queer Stand-up-Comedian. Als ich zuletzt in Orlando auftrat, waren wir danach im Pulse tanzen.
SPIEGEL: Was ist das für ein Laden?
DeLaria: Klassischer gemischter Gay-Klub, viele Latinos und ein Klub für sowohl Schwule wie auch Lesben. Allerdings natürlich viel mehr Männer.
SPIEGEL: Inzwischen haben sich Leute gemeldet, die den Attentäter kannten, und behaupten, er sei ins Pulse gegangen, weil er selbst homosexuelle Neigungen hatte.
DeLaria: Die Ermittler haben sein Telefon und seinen Computer beschlagnahmt. Doch bisher gibt es keinen offiziellen Bericht, der das bestätigt. Leute erzählen viel. Es ist ein Gerücht. Locker bleiben.
SPIEGEL: Nehmen wir dennoch an, die Aussagen stimmten.
DeLaria: Dass der Täter in Wirklichkeit verkappt schwul war? Von seinem Vater stammt ja die Behauptung, sein Sohn sei ausgeflippt, als er in Miami zwei Männer sich hat küssen sehen. Wir nennen das internalisierte Homophobie. Ich selbst habe miterlebt, was das in Menschen anrichten kann. Ich habe gesehen, wie verkappte Homosexualität Leben zerstört hat. Und ich habe auch davon ausgelöste Gewalt erlebt, ja. Wir alle wissen, dass Gewalt dadurch entstehen kann, dass Menschen nicht in der Lage sind, sich einzugestehen, wer sie wirklich sind.
SPIEGEL: Wenn es stimmt, müsste man die Tat dennoch anders bewerten.
DeLaria: Es würde nichts daran ändern, dass hier jemand eingedrungen ist in unseren Ort. Unseren Ort des Zuspruchs. Unseren Ort, an den wir uns zurückgezogen haben seit Jahrzehnten. Um zusammen zu sein, um zu feiern, um uns sicher zu fühlen. Der Täter hat uns das genommen. Er hat uns das Gefühl von Geborgenheit gestohlen.
SPIEGEL: Vergangenes Jahr hat der Supreme Court in den USA schwule Ehen legalisiert. Es war ein historischer Sieg. Trügt der Schein?
DeLaria: Hat die Tat das nicht bewiesen? Queers werden immer noch umgebracht, in vielen Ländern der Welt. Auch gesteinigt. In meinem eigenen Land ereignen sich schwulenfeindliche Angriffe beinahe jeden Tag. Wissen Sie, was nach der Entscheidung des Supreme Court geschah?
SPIEGEL: Die Übergriffe stiegen.
DeLaria: Sie sagen es. Je mehr wir unsere Rechte durchsetzen, je mehr wir die Herzen und Köpfe der Menschen erreichen – desto heftiger werden uns jene bekämpfen, die uns wegen unserer Andersartigkeit hassen. Und die Arschlöcher spielen noch nicht mal nach den Regeln.
SPIEGEL: Welche Regeln?
DeLaria: Wir haben gewonnen. Akzeptiert es! Wir haben unsere Supreme-Court-Entscheidung bekommen! Das Gesetz wurde geändert. Nun wird auf Bundesstaatsebene versucht, es zu umgehen. Oder noch schlimmer, selbst hier in New York, tauchen nun Leute mit Baseballschlägern vor Schwulenbars auf und schlagen Schwule zusammen – oder Männer, die sie für schwul halten. Ich fühle mich nicht sicher. Keiner von uns fühlt sich mehr sicher.
SPIEGEL: Sind Sie schon einmal angegriffen worden?
DeLaria: Machen Sie Scherze?
SPIEGEL: Wie oft?
DeLaria: In den letzten 30 Jahren so oft, dass ich es nicht mehr zählen kann. Selbst hier in Brooklyn, wo ich wohne: Wenn mir Teenager-Jungs früher entgegenkamen, habe ich die Straßenseite gewechselt. Ich wusste, sie würden mich als "Dyke" beschimpfen, mich anspucken oder versuchen, mich zu schlagen. In San Francisco in den Achtzigern war es so schlimm, dass ich manchmal eine Woche im Krankenhaus lag. Leute sind auf mir herumgestampft. Sehen Sie die Narbe auf meiner Nase? In Missouri bin ich 1979 noch festgenommen worden, weil ich eine Frau in der Öffentlichkeit geküsst habe. Damals war es in den meisten Bundesstaaten illegal, Homosexualität auszuleben. Ich bin eine Butch Dyke. Schauen Sie sich die Statistiken an, wie oft Butch Dykes vergewaltigt werden.
SPIEGEL: Erklären Sie uns kurz, was das ist, eine Butch Dyke.
DeLaria: Dyke heißt lesbische Frau. Eine Butch ist eine sehr maskuline Lesbe. Die Hosen, Stiefel und Holzfällerhemden trägt, oft kräftig und tätowiert ist. So wie ich.
SPIEGEL: Aber was bedeutet das?
DeLaria: Das bedeutet, mein Lieber, dass ich mich so fühle.
SPIEGEL: Aber Sie wollen kein Mann sein.
DeLaria: Oh nein. Ich möchte eine maskuline Frau sein. Es hat auch beim Sex nichts mit unten oder oben zu tun. Mir geht es dabei auch darum, sichtbar zu sein. Bei vielen Frauen würde man nie darauf kommen, dass sie lesbisch sind. Das sind übrigens die Frauen, auf die ich normalerweise stehe. Aber ich weigere mich, unsichtbar zu sein. "I refuse to be invisible" – das ist der berühmte Satz, den die von mir gespielte Butch in "Orange Is the New Black" sagt und der inzwischen ein Twitter-Hashtag geworden ist. Jetzt nach Orlando ist er umso wichtiger.
SPIEGEL: Wie wird es weitergehen?
DeLaria: Es macht mich wütend, dass Donald Trump das Massaker ausnutzt, um seine rassistische Politik voranzutreiben. Ihm geht es nur um sein Stichwort: islamistischer Terror.
SPIEGEL: Haben Sie als lesbische Frau kein Problem mit dem Islam, dessen Anhänger sich mit Homosexualität, um es vorsichtig auszudrücken, schwertun?
DeLaria: Ein riesiges Problem. Natürlich. Trotzdem kann ich nicht auf jeden Muslim mit dem Finger zeigen. Wenn mir einer begegnet, der meine Sexualität ablehnt, werde ich ihn konfrontieren, genauso wie ich vor zwei Jahren einen radikalen christlichen Prediger in der New Yorker U-Bahn überbrüllt habe.
SPIEGEL: Das wurde zu einem großen YouTube-Hit.
DeLaria: Natürlich muss man die Dinge beim Namen nennen dürfen und nicht in politischer Korrektheit verharren. Nur ist das hier nicht der Punkt, denn niemand hat versucht, Begriffe wie islamistischer Terror zu vermeiden, wie Mr Trump nahegelegt hatte.
SPIEGEL: Die große Kampflinie unserer Zeit scheint über die Sexualität zu verlaufen.
DeLaria: Nach innen wie in der Abgrenzung nach außen, ja.
SPIEGEL: Die Debatte darüber, welche öffentlichen Toiletten Transsexuelle benutzen sollen, der Streit um die homosexuelle Ehe, der Aufschrei über das geringe Strafmaß für einen Studenten der Universität Stanford, der eine junge Frau vergewaltigt hatte, jetzt das Massaker in Orlando.
DeLaria: Sexualität hat damit zu tun, wer wir sind. Und wenn das fremd erscheint oder anders, ist es bedrohlich. Das große andere.
SPIEGEL: In ihrem Hass gegen Queers treffen sich rechte Republikaner mit den Islamisten.
DeLaria: Die Macht in dieser Gesellschaft liegt – immer noch – in der Hand reicher, weißer Männer. Auch wenn sie vielleicht immer mehr unter Druck geraten. Sie wollen, dass man vor uns Angst hat, in einer öffentlichen Toilette zum Beispiel. Sie wollen auch, dass wir untereinander voreinander Angst haben, indem sie auf unsere Unterschiede hinweisen. Wir hätten alle unsere Rechte längst haben können, wenn wir uns nicht ständig auseinandertreiben ließen. Allein wie wir uns nennen: LGBT, jeder hat seinen eigenen Buchstaben. Lesbian, Gay, Bi, Transgender. Deswegen sage ich stets nur Queer.
SPIEGEL: Wie haben Sie nach 48 Stunden aufgehört zu weinen?
DeLaria: Ich bin ins Stonewall Inn auf der Christopher Street gegangen. Die Bar, in der unsere Bewegung ihren Ursprung hat und wo ich fast jeden kenne. Leider hab ich dort wieder angefangen zu weinen. Live vor den Fernsehkameras.
Interview: Philipp Oehmke
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 25/2016
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