18.06.2016

EssayVon einsamen Wölfen

Warum ganz gewöhnliche Amerikaner ihr Land angreifen Von Peter Bergen
Das dringlichste Terrorismusproblem, mit dem sich die USA heute konfrontiert sehen, sind nicht Gruppen wie al-Qaida oder der "Islamische Staat" (IS). Es sind radikalisierte Amerikaner wie Omar Mateen, bei dessen Terroranschlag am vergangenen Sonntag mehr Menschen zu Tode kamen als bei jedem anderen seit 9/11. Der Massenmord in Orlando passt in ein tragisches Muster: Alle tödlichen Terrorangriffe, die in den letzten 15 Jahren in den USA verübt wurden, gehen auf das Konto von amerikanischen Staatsbürgern oder Einwohnern mit einer dauerhaften Aufenthaltserlaubnis.
Diese Täter handelten entweder als "lone wolves", einsame Wölfe, also als Einzeltäter, oder zu zweit. Sie hatten weder offizielle Beziehungen zu Terrororganisationen wie al-Qaida oder dem IS, noch wurden sie von ihnen ausgebildet.
Die Angriffe vom 11. September 2001 wurden noch von al-Qaida in Afghanistan geplant und gesteuert. Die beteiligten Terroristen waren nicht in den USA geborene Araber. Heute geht die Terrorgefahr von einheimischen Tätern aus, darunter die Brüder Zarnajew, die in der Nähe von Boston aufwuchsen und 2013 den Bombenanschlag auf den Boston-Marathon durchführten. Oder Nidal Hasan, ein in Virginia geborener Major der U.S. Army, der 2009 13 Menschen in Fort Hood, Texas, tötete.
Und auch Omar Mateen war amerikanischer Staatsbürger: Er wurde im New Yorker Bezirk Queens geboren, seine Eltern sind afghanische Einwanderer. Obwohl sich Mateen in dem Telefonat, das er noch vom Tatort über den Polizeinotruf 911 führte, auf den IS berief, gibt es bisher keinerlei Beweise dafür, dass er in Syrien vom IS ausgebildet worden sei oder im Auftrag der Terrormiliz gehandelt habe. Darin unterscheidet er sich von jenen Kämpfern, die im November 2015 in Paris 130 Menschen töteten und im März dieses Jahres 35 in Brüssel. Fast alle diese Täter waren zuvor nach Syrien gereist, wurden dort ausgebildet und kehrten nach Europa zurück, um Anschläge durchzuführen.
Mateens Tat gehört zu einer Reihe von Terrorakten, die durch den IS inspiriert sind – eine neue Strategie der Terrormiliz gegen den Westen. Am 21. Mai hatte ein IS-Führer dazu aufgerufen, den Westen während des Fastenmonats Ramadan anzugreifen. Seither gab es nicht nur das Massaker von Orlando. Am Montag ermordete ein Täter, der sich auf den IS berief, in der Nähe von Paris den französischen Polizisten Jean-Baptiste Salvaing, 42, und seine Partnerin Jessica Schneider, 36.
Leider werden wir noch weitere vom IS inspirierte Angriffe in Europa und den USA erleben, begangen von Einzeltätern und deshalb schlecht zu vereiteln. Diese neue Form des Terrors stellt westliche Sicherheitsbehörden vor eine schwierige Aufgabe: Einzeltäter kommunizieren nicht per Mail oder Telefon mit ausländischen Terrororganisationen, also können Geheimdienste auch keine derartige Kommunikation abfangen. Sie treffen sich auch nicht mit Komplizen und fallen so nicht auf.
Da Einzeltäter in den Vereinigten Staaten leicht an Sturmgewehre kommen, können sie verheerenden Schaden anrichten, wie sich in Orlando gezeigt hat, wo 49 Menschen in einem Homosexuellenklub starben. Oder im kalifornischen San Bernardino, wo im vergangenen Dezember ein Ehepaar im Namen des IS 14 Teilnehmer einer Betriebsweihnachtsfeier tötete. In beiden Fällen waren die Mörder mit legal erworbenen Waffen ausgerüstet, beide Angriffe richteten sich gegen "soft targets", weiche Ziele, von denen es in den USA unzählige gibt.
Mateens Tat ähnelt jenen, die andere Dschihad-Terroristen seit 9/11 in den USA begangen haben. Seit den Angriffen auf das World Trade Center und das Pentagon gab es in den Vereinigten Staaten mehr als 300 solcher Fälle. Die Täter sind nicht die jugendlichen Hitzköpfe, die man sich gemeinhin vorstellt. Sie sind im Schnitt 28 Jahre alt, ein Drittel von ihnen ist verheiratet, ein Drittel hat Kinder. Mateen war bei seiner Tat 29, zum zweiten Mal verheiratet und Vater eines dreijährigen Sohnes.
Die einfache Erklärung, dass Dschihad-Terroristen in den Vereinigten Staaten "irre" oder "böse" seien, hat sich schlicht als falsch erwiesen. Rund einer von zehn hatte psychische Probleme, ein geringerer Anteil als in der Gesamtbevölkerung. Die Attentäter waren auch keine Berufsverbrecher: Nur zwölf Prozent hatten zuvor im Gefängnis gesessen.
Die Täter sind ganz gewöhnliche Amerikaner.
Wie aber sind diese gewöhnlichen Amerikaner zu Terroristen geworden? Bei vielen der Rekruten ging der Hinwendung zum Dschihadismus eine Sehnsucht nach Anerkennung oder einer Gemeinschaft voraus, oft auch nach beidem. Der Dschihad gab ihnen die Möglichkeit, "jemand" zu sein. Samir Khan aus Charlotte, der erste Herausgeber von al-Qaidas englischsprachigem Onlinemagazin "Inspire", war so erregt von der Romantik des "heiligen Krieges", dass er die Fahrt zu seinem ersten Treffen mit Mitgliedern der Terrorgruppe in einem abgelegenen Winkel des Jemen als "bezaubernd" beschrieb. Es hat ja auch etwas Aufregendes, sogar Heldenhaftes, sich selbst als heiligen Krieger in einem glorreichen, von Allah gebilligten Krieg gegen die Feinde des Islam zu sehen – vor allem wenn man ansonsten nur ein Büroangestellter in einem Vorort ist, wie Samir Khan es war.
In den Siebzigerjahren wären idealistische Rekruten von Dschihadistengruppen wohl anderen Organisationen beigetreten, die eine Revolution versprachen, um ein Utopia auf Erden zu errichten – zum Beispiel dem "Weather Underground" oder den "Black Panthers". Genau wie den Revolutionären der Siebziger kommt es heutigen Amerikanern wie Khan glamourös und aufregend vor, ihr eintöniges Leben hinter sich zu lassen, um in den Kampf zu ziehen.
Darüber hinaus werden amerikanische Dschihadisten durch eine Reihe von Faktoren motiviert: militante islamistische Ideologien; Ablehnung der amerikanischen Außenpolitik in der islamischen Welt; das Bedürfnis, einer Ideologie oder Organisation zu folgen, die ein Gefühl von Sinnhaftigkeit vermittelt; eine "kognitive Öffnung" für den militanten Islam, der häufig ein persönlicher Schicksalsschlag wie der Tod eines Elternteils vorausging.
In jedem Einzelfall war die Gewichtung dieser Faktoren unterschiedlich. Tamerlan Zarnajew zum Beispiel, der ältere der beiden Brüder, die 2013 den Anschlag auf den Boston-Marathon verübten, war ein nicht praktizierender Muslim, der zum Islamisten wurde, als sich sein Traum zerschlug, olympischer Boxer zu werden. Zum Zeitpunkt des Anschlags war er arbeitslos. Die Bomben auf den Marathon schienen es ihm zu ermöglichen, die heroische Figur zu werden, als die er sich selbst sah.
Sein jüngerer Bruder Dschochar hingegen hatte den militanten Islam offenbar nie verinnerlicht. Er rauchte Marihuana, trank und stellte Frauen nach – das entspricht kaum dem Verhalten eines muslimischen Fundamentalisten. Dschochar Zarnajews Motivation für den Bombenanschlag war vor allem der Einfluss seines älteren Bruders, den er verehrte und fürchtete, und seine eigene, halb gare Opposition gegen die amerikanische Außenpolitik.
Diese Fälle zeigen, wie schwierig eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage ist, warum Terroristen abscheuliche Verbrechen begehen. Der Philosoph Immanuel Kant bemerkte: "Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden." Es ist eine nützliche Erinnerung für Journalisten und Politiker gleichermaßen, dass eine eindeutige Kategorisierung von Menschen oft nicht möglich ist.
Wie sollten die Behörden angesichts dieser Tatsache reagieren? Verhaltensanalytiker des FBI verfolgen einen schlauen Ansatz. Sie suchen nach Verhaltensweisen, die zeigen, dass jemand sich auf dem sogenannten Pfad zur Gewalt befindet. Die Ideologie, die diesen Pfad ermöglicht, ist dabei zweitrangig; unabhängig davon, ob sie es mit Neonazis oder mit Dschihadisten zu tun haben, untersuchen die FBI-Analytiker Handlungen, nicht Ideen, um zu beurteilen, ob jemand einen Anschlag verüben könnte. Dieses Vorgehen ist agnostisch, was das "Warum?" angeht, es konzentriert sich stattdessen auf das "Was?": auf die Frage, was ein Verdächtiger jeglichen ideologischen Hintergrunds auf dem Pfad zur Gewalt tun könnte, wie Ziele ausspähen oder Waffen erwerben.
Wie zu erwarten, wurde der Terrorakt von Orlando schnell zum wichtigen Thema im aufgeheizten Präsidentschaftswahlkampf. Die Rede, die Donald Trump am Tag nach Orlando in New Hampshire hielt, wurde als grundsätzliches Statement zum Terrorismus angekündigt. Letztlich offenbarte sie kaum politische Strategien. Aber Trump präsentierte seine einzige große Idee zur Terrorbekämpfung: "Ich werde die Einwanderung aus Gebieten aussetzen, von denen in der Vergangenheit nachweislich Terrorismus gegen die Vereinigten Staaten, Europa oder unsere Verbündeten ausging."
Könnte Trumps unausgereift wirkender Plan eines Einwanderungsstopps die Terrorgefahr innerhalb der USA bannen? Wohl kaum. Denn bei allen islamistischen Terrorangriffen auf amerikanischem Boden seit 9/11 waren die Täter Staatsbürger oder legale Einwanderer des Landes.
Trumps Plan wäre nicht nur nutzlos zur Vermeidung tödlicher Terrorakte in den USA. Eine religiöse Überprüfung von Einwanderern, wie er sie anscheinend fordert, birgt auch ernsthafte juristische Probleme. Ganz zu schweigen davon, dass dies einer amerikanischen Grundidee widerspricht. Als in den Zwanzigerjahren eine kleine Minderheit von italienischstämmigen Amerikanern Mitglied der Mafia wurde, verhängten die USA keinen Einwanderungsstopp gegen Italiener. Und das Land hat davon profitiert.
Bergen, 53, ist Experte für nationale Sicherheit und Terrorismus bei CNN, Vizepräsident des Thinktanks "New America" und Professor an der School of Politics and Global Studies der Arizona State University. Im Februar erschien sein jüngstes Buch "United States of Jihad: Investigating America's Homegrown Terrorists".

Leider werden wir noch weitere vom "Islamischen Staat" inspirierte Angriffe in Europa und den USA erleben.

Von Peter Bergen

DER SPIEGEL 25/2016
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