18.06.2016

AfDTrio ohne Fäuste

Ein Männerbund will Frauke Petry entmachten. Aber den Herren fehlt die Nervenstärke der Parteichefin.
Politisch liegen zwischen Frauke Petry und Angela Merkel Welten. Wenn es um die Frage des Machterhalts geht, sind sich die beiden ähnlicher, als manchem in der AfD lieb ist. Die Kanzlerin hat gezeigt, dass es sich lohnen kann, bei Kritik so zu tun, als hätte man sie nicht wahrgenommen. Merkel ist eine Meisterin des Aussitzens. Petry auch, wie sich zeigt.
Die 41-jährige AfD-Chefin hätte allen Grund, aufgebracht zu sein. Am Mittwochabend hatten sich in einem Café in Berlin Alexander Gauland, Björn Höcke und Jörg Meuthen mit einem Dutzend Journalisten getroffen, um ihre Sicht auf die abwesende Parteichefin kundzutun. Von Charakterschwäche war die Rede und der notorischen Unzuverlässigkeit der Parteichefin.
Es dauerte nur wenige Stunden, bis die ersten Meldungen des Abends über Umwege das Petry-Lager erreichten. Schnell war klar, dass es sich nicht um eine der üblichen Nörgelrunden gehandelt hatte. Gauland ist Petrys Stellvertreter, Meuthen Kovorsitzender der AfD, Höcke einflussreicher Landes- und Fraktionschef in Thüringen. Es war ein Frontalangriff, der allerdings ziemlich dilettantisch geführt wurde. Denn die deftigen Zitate, die in der Runde gefallen und eigentlich zur Veröffentlichung bestimmt gewesen waren, wurden anschließend wieder zurückgezogen.
In einem Krisengespräch beriet Petry mit ihren engsten Beratern, ob und, wenn ja, wie man reagieren sollte. Am Ende entschied sich die Runde, kein Statement herauszugeben, nicht mal einen dürren Satz. Warum reagieren auf einen Putschversuch von derart mutlosen Putschisten?
Das Berliner Caféhaus-Treffen ist der vorläufige Höhepunkt eines seit Wochen tobenden Machtkampfs in der AfD. Es geht dabei um persönliche Verletzungen, um angeblich nicht eingehaltene Absprachen – aber auch um den politischen Kurs, den die AfD verfolgen soll. Gauland vermutet, Petry wolle die Partei für Koalitionen offenhalten, weshalb sie alle radikaleren Töne ablehne, die langfristig eine Zusammenarbeit mit den Altparteien ausschließen würden. Für Petrys Politikstil haben ihre Kritiker bereits ein Schimpfwort gefunden: Sie wolle die AfD "vermerkeln".
Der 75-Jährige Gauland war über 40 Jahre lang in der CDU, er verließ die Partei im Zorn über den aus seiner Sicht zunehmenden Mitte-links-Kurs der Kanzlerin und gehört zu den AfD-Gründern der ersten Stunde. In seinem Furor gegen Merkel – jüngst nannte er sie auf einer Kundgebung im brandenburgischen Elsterwerda eine "Kanzler-Diktatorin" – erinnert er mitunter an den Linken-Politiker Oskar Lafontaine. Der führte einst die SPD und attackiert heute seine früheren Parteifreunde bei jeder sich bietenden Gelegenheit.
Es ist ein merkwürdiges Trio, das sich gegen Petry zusammengeschlossen hat: der wirtschaftsliberale Meuthen, der CDU-Renegat Gauland und der konservative Ultra Höcke. Erst kürzlich traten die drei auf einer Veranstaltung vor dem Kyffhäuser-Denkmal in Thüringen auf, zu dem die "Patriotische Plattform" eingeladen hatte, ein Zusammenschluss strammrechter AfD-Anhänger. Im Gedächtnis blieb den Zuhörern vor allem ein Satz Höckes: "Die Altparteien sind nicht nur inhaltlich erstarrt, sie sind inhaltlich entartet." Als "entartet" haben die Nazis Kunst bezeichnet, die ihnen nicht gefiel. Gauland aber hält über Höcke schützend seine Hand – zum Verdruss der Parteivorsitzenden Petry.
Im Kreis der drei wirkt Meuthen oft wie ein Fremdling, bislang galt der Landes- und Fraktionschef aus Baden-Württemberg als gemäßigte Stimme innerhalb der AfD. Anfangs zurückhaltend, hat Meuthen sich immer mehr mit seiner Rolle als Kochef angefreundet. Seine Teilnahme an der Kyffhäuser-Veranstaltung begründete er damit, er sei "Vorsitzender der Gesamtpartei und nehme die Aufgabe auch ernst".
Der Satz war auch eine Spitze gegen Petry. Deren Kritiker halten ihr vor, vor allem sich selbst im Blick zu haben. Als jüngstes Beispiel für ihre Selbstbezogenheit gilt den Petry-Gegnern ein Fotoshooting mit FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache auf der Zugspitze in Bayern. Die Bilder des deutsch-österreichischen Politpaares, das sich mit Weizenbier zuprostete, wurden als Petrys Versuch gewertet, sich als alleinige Spitzenkandidatin für den Bundestagswahlkampf ins Spiel zu bringen.
Meuthen, Gauland und Höcke wollen das unbedingt verhindern. Meuthen schlug deshalb das Vorstandsmitglied Alice Weidel als Spitzenkandidatin vor. Weidel, die mit ihrer Partnerin und einem kleinen Sohn in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt, war zuletzt häufiger in TV-Talkrunden. Die 37-Jährige promovierte Ökonomin ist eloquent, in vielen politischen Fragen allerdings nicht weniger hart als der Rest der Partei.
Bei allen Intrigen im Hintergrund hat der Männerbund ein handfestes Problem: Wie will er Petry von der Spitzenkandidatur abbringen? Bislang fehlt Petrys Gegnern der Mut, die Vorsitzende offen zu attackieren oder auf einem Sonderparteitag herauszufordern. Schon einmal hat Petry gezeigt, wozu sie in offener Feldschlacht in der Lage ist: Im Sommer 2015 besiegte sie ihren Widersacher Bernd Lucke auf einem Mitgliederparteitag in Essen, woraufhin der die Partei verließ.
Solange sie nichts tun, bleibt den Petry-Gegnern nur eines – ihr eigener Zorn.
Von Jan Fleischhauer und Severin Weiland

DER SPIEGEL 25/2016
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