18.06.2016

Integration„Ich dachte, wir wären weiter“

Die Beauftragte der Bundesregierung Aydan Özoğuz, 49 (SPD), über Drohungen nach der Armenien-Resolution, die Vorurteile der AfD und ihren Wunsch, nach Mekka zu pilgern
SPIEGEL: Nach der Resolution zum Völkermord an den Armeniern werden Sie und die anderen türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten massiv angefeindet. Wie gehen Sie damit um?
Özoğuz: Es nicht das erste Mal, dass ich beschimpft werde, aber es ist das erste Mal, dass es aus der türkischen Community kommt. Und dann auch noch in so einer geballten Ladung. Mit dieser Vehemenz hätte ich nicht gerechnet.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich konkret bedroht?
Özoğuz: Nicht grundsätzlich. Aber ich bekomme jetzt Personenschutz bei bestimmten Terminen, etwa wenn ich bei türkischen Verbänden oder Moscheegemeinden zu Besuch bin.
SPIEGEL: Hätten Sie ein deutlicheres Signal der deutsch-türkischen Verbände erwartet?
Özoğuz: Diese zugespitzte Situation ist ein Prüfstein für sie. Ich erwarte von den Verbänden, dass sie zur Versachlichung der Debatte beitragen. Leider ist das nicht bei allen der Fall. Verbände wie die Ditib müssen sich von der Türkei emanzipieren.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Özoğuz: Ich wollte diese Woche eigentlich zum Fastenbrechen in eine Ditib-Moschee nach Hamburg. Doch dann wurde ich kurzfristig ausgeladen, angeblich aus Sicherheitsgründen, aber das halte ich für vorgeschoben. Die Ditib behauptet, sie sei ein deutscher Verein, lässt sich aber von Ankara steuern. Das geht nicht. Anstatt deutlich zu machen, dass Drohungen und Einschüchterungen nicht akzeptiert werden, überlässt der Verband den Hardlinern den Raum. Solche Spaltungen unserer Gesellschaft dürfen wir nicht zulassen.
SPIEGEL: Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan wollte das Blut der elf türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten untersuchen lassen, weil er es für "verdorben" hält. Was dachten Sie, als Sie seine Äußerungen hörten?
Özoğuz: Mein Mann rief mich an und fragte, ob ich schon einen Arzttermin gemacht hätte. Eigentlich hielt er das aber für einen Übersetzungsfehler. Ich habe ihm dann erklärt, dass das eine Sprache ist, die man in Deutschland völlig absurd finden muss, die man aber aus der Türkei durchaus kennt. Ich unterstelle Erdoğan, dass er bewusst versucht, einen Keil in die deutsch-türkische Bevölkerung hierzulande zu treiben.
SPIEGEL: Das ist ihm gelungen.
Özoğuz: Erdoğan gefällt es nicht, dass wir türkischstämmigen Abgeordneten emanzipiert sind, für uns denken, unsere eigene Meinung haben. Ich bin aber nicht der verlängerte Arm der türkischen Regierung. Ich bin deutsche Abgeordnete und mache Politik für die Menschen in Deutschland.
SPIEGEL: Sie werden in Mails auch von Deutschtürken als Verräterin beschimpft.
Özoğuz: Viele werten die Resolution als Teil einer Reihe von Angriffen gegen Türken: Die NSU-Morde, Böhmermann, das wird alles in eine Reihe gestellt.
SPIEGEL: Haben Sie aus Rücksicht auf diese Empfindlichkeit im Bundestag nicht für die Resolution gestimmt?
Özoğuz: Nein, ich saß an dem Tag auf der Regierungsbank, in meiner Rolle als Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Und da wäre es völlig unüblich, dass man bei einer Abstimmung extra aufsteht und zu den Abgeordnetenbänken rübergeht, um die Hand zu heben.
SPIEGEL: Sie haben sich nicht weggeduckt?
Özoğuz: Nein. Ich wollte ja auch unbedingt im Plenum anwesend sein, um mitzubekommen, wie die Debatte abläuft. Meine Position ist klar: Ich trage die Armenien-Resolution inhaltlich voll mit, ich glaube aber nicht, dass eine Abstimmung im Bundestag den Prozess der Versöhnung zwischen Türken und Armeniern voranbringt. Es ging auch ein bisschen ums Rechthaben.
SPIEGEL: Dann hätten Sie ja auch mit Nein stimmen können.
Özoğuz: Wenn ich den Text der Resolution für falsch gehalten hätte, hätte ich das gemacht. Das ist aber nicht so. Aber die Frage, was eigentlich passiert wäre, wenn von uns elf Abgeordneten tatsächlich jemand mit Nein gestimmt hätte, habe ich mir in den letzten Tagen häufiger gestellt. Das hätte sicher für große Aufregung gesorgt, wir wären als Handlanger Erdoğans beschimpft worden. Letztlich werden wir in der Debatte auf unsere Herkunft reduziert, von türkischer wie von deutscher Seite. Das finde ich inakzeptabel.
SPIEGEL: Das Türkeibild der Deutschen hat sich in den letzten Wochen radikal verschlechtert. Trifft Sie das?
Özoğuz: Viele Deutsche halten die Türken für völlig irrational, alles wird momentan an Erdoğan gemessen. Und umgekehrt werten viele Türken alles, was aus Deutschland kommt, als Angriff gegen sie. So werden die Gräben immer tiefer. Deshalb hielt ich das Schmähgedicht von Jan Böhmermann für falsch. Auch bei mir kam das Gedicht so an, als ob hier nicht nur ein kritikwürdiger Staatspräsident unter der Gürtellinie angegangen wurde, sondern alle Orientalen in einen Sack gepackt und draufgehauen wurde.
SPIEGEL: Erdoğan hat vor sechs Jahren in Köln gesagt, Assimilation sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. War das der erste Versuch, die Deutschtürken zu spalten?
Özoğuz: Ich habe nach der Rede mit dem damaligen Außenminister Ahmet Davutoğlu gesprochen, und er hat mir versichert, dass sich solche Äußerungen nicht wiederholen werden. Man kann sich sehr wohl integrieren und trotzdem deutlich machen, dass man diese Herkunft hat und auch starke Bindungen in dieses Land hat.
SPIEGEL: Jetzt meinen Sie die Türkei.
Özoğuz: Ja, mein Herkunftsland.
SPIEGEL: Obwohl Sie in Hamburg geboren wurden?
Özoğuz: Hamburg ist meine Heimat, und gleichzeitig steht mein Elternhaus in Istanbul. Beides gehört zu mir. Meine Generation ist die Brücke zwischen der Einwanderergeneration und unseren Kindern, die sich stärker als Deutsche fühlen. Mein Vater schaute noch den ganzen Tag türkisches Fernsehen, das würde meiner Tochter nicht einfallen, ich spreche mit ihr kaum türkisch.
SPIEGEL: Auf der Internetseite der Bundesregierung steht über Sie: eingebürgert 1989, Muslima. Wie gläubig sind Sie?
Özoğuz: Ich faste jetzt im Ramadan nur an einzelnen Tagen, nicht durchgängig, das hielte ich nicht mehr durch. Aber ich bin gläubig und habe meiner Tochter auch das Beten beigebracht. Wir reden viel über den Glauben und auch darüber, wie Extremisten die Religion pervertieren.
SPIEGEL: Waren Sie schon mal auf Pilgerfahrt in Mekka?
Özoğuz: Leider noch nicht, das bedauere ich sehr. Ich möchte gern mal nach Mekka reisen.
SPIEGEL: Der Fußballer Mesut Özil hat vor der EM ein Foto vor der Kaaba gepostet und wurde dafür angegangen. Alexander Gauland von der AfD sagte, wenn Lehrer oder Politiker nach Mekka pilgern würden, stelle sich die Frage, wo ihre Loyalität liege.
Özoğuz: Das ist eine absurde Aussage. Wenn jemand gläubig ist, ist er dadurch nicht undeutsch oder illoyal gegenüber seinem Land. Seinen Glauben kann jeder leben, ob er Muslim ist, wie ich, oder katholisch, wie mein Mann. Wenn jemand auf dem Jakobsweg wandert, würde Herr Gauland ja auch nicht auf die Idee kommen, dass das ein Problem ist.
SPIEGEL: Würden Sie Gauland mal in die Moschee mitnehmen?
Özoğuz: Ich habe noch nicht gehört, dass er den Wunsch geäußert hätte. Aber es würde sicher helfen, wenn er mehr Muslime und Einwanderer kennenlernen würde. Das würde vielleicht seine Ängste abbauen. Ich erlebe derzeit ein großes Déjà-vu. Ich habe das Gefühl, wir haben viele dieser Diskussionen vor Jahren schon mal geführt. Ich dachte, wir wären weiter.
SPIEGEL: Auf rechtsradikalen Seiten wie "Politically Incorrect" wird Ihnen unterstellt, Sie würden nicht das deutsche Volk vertreten, sondern seien ein "Islam-U-Boot" innerhalb der Bundesregierung.
Özoğuz: Das ist noch eine nettere Variante der Beschimpfung, da gibt es sehr viel hässlichere Worte. Alle Extremisten ticken sehr ähnlich: Es geht immer um ein "wir", zu dem "die" nicht dazu gehören sollen. Deshalb müssen wir noch viel stärker über Identität sprechen und darüber, was Deutschsein wirklich heißt.
SPIEGEL: Es gibt sowohl bei AfD und Pegida als auch in Teilen der türkischen Community offenbar ein großes Bedürfnis nach einer klaren Identität.
Özoğuz: Keine Sorge, meine Identität ist nicht gespalten. Ich bin Deutsche, mit meinen türkischen Wurzeln und meinem muslimischen Glauben. Das gehört für mich alles zusammen. Die Probleme kommen von außen, von deutschen Extremisten, die sagen: "Du kannst keine Deutsche sein, weil du keine deutschen Eltern hast." Und von türkischen Extremisten, die sagen: "Die ist keine Türkin mehr." Aber eindimensionale Identitäten funktionieren nicht im 21. Jahrhundert.
SPIEGEL: Der Wunsch danach ist aber weit verbreitet, in Ostdeutschland noch stärker als im Westen.
Özoğuz: Das stimmt leider. In Hamburg wurde ich bei der letzten Wahl direkt in den Bundestag gewählt, in Sachsen wäre das wohl noch nicht möglich gewesen. In den ostdeutschen Bundesländern hat eine Entwicklung, die es im Westen gab, nicht stattgefunden. Die Mauer war ja nicht nur dazu da, dass die Leute nicht wegkamen, sondern es kam eben auch kaum jemand zu ihnen.
SPIEGEL: Ihr Vater wurde in türkischen Medien vor einigen Jahren mit dem Satz zitiert: "Deutsche würden keine Kanzlerin mit fremden Wurzeln akzeptieren." Hatte er da recht?
Özoğuz: Mein Vater hat das gesagt? Vielleicht spiegelt das seine eigenen Erfahrungen in Deutschland wider. Er war Geschäftsmann, meine Eltern hatten ein sehr deutsches Umfeld, das war auch alles harmonisch, aber trotzdem haben sie gemerkt: Es gibt Grenzen der Aufnahme. Ich glaube, der Satz stimmt heute nicht mehr. Ich könnte mir sowohl eine Kanzlerin als auch einen Bundespräsidenten mit ausländischen Wurzeln vorstellen. Das wird in Deutschland möglich sein.
Interview: Christiane Hoffmann, Wolf Wiedmann-Schmidt
Von Christiane Hoffmann und Wolf Wiedmann-Schmidt

DER SPIEGEL 25/2016
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