18.06.2016

TerrorismusRadikalisierung im Stillen

Sie stechen einen Polizisten in Hannover nieder, zünden eine Bombe vor einem Tempel in Essen – jugendliche Islamisten sind der neue Schrecken der Behörden.
Als die Welt bei Familie S. noch in Ordnung war, baute der Vater Mohammed Robin S. ein Piratenschiff und montierte es auf ein dreirädriges Fahrrad. Seine Kinder, darunter die fünfjährige Safia, spielten mit den Kanonen auf dem Schiff und ließen sich auf die Spielplätze in der Nachbarschaft kutschieren.
Der Vater, die Kinder und das Piratenschiff – das sorgte für Aufsehen in Hannover. So sehr, dass der Fernsehsender Sat.1 in seinem Regionalprogramm über sie berichtete. Er wolle "die Kinder glücklich machen", sagte S. damals.
Fast zehn Jahre ist das nun her. Das Piratenschiff steht draußen vor dem Haus in Hannover-Vahrenwald und vergammelt. Glücklich ist hier niemand mehr. Die inzwischen 15-jährige Safia sitzt im Gefängnis. Im Februar hat sie einem Bundespolizisten im Hauptbahnhof von Hannover ein Messer in den Hals gerammt. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ermittelt wegen versuchten Mordes und der Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung gegen das Mädchen. Safias Angriff auf den Polizisten, so glauben die Ermittler, sei ein islamistisch motiviertes Attentat gewesen, womöglich sogar im Auftrag der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS).
"Man rechnet mit vielem, aber nicht mit so etwas", sagt der Vater. Zwischen Schiffsmodellen und Kanarienvögeln sitzt er auf einem Sofa und sinniert darüber, was falsch gelaufen ist im Leben von Safia. "Dass sie gezielt losgegangen ist, um einen Polizisten anzugreifen, glaube ich nicht", sagt Mohammed Robin S., "meine Tochter ist doch keine Mörderin."
Für die Sicherheitsbehörden ist sie aber genau das – eine Attentäterin, die ihr Ziel nur knapp verfehlte. Ihr Opfer erlitt eine fünf Zentimeter tiefe Stichwunde und wurde operiert.
Ein weiteres Schreckensszenario ist in Hannover Wirklichkeit geworden. Es unterscheidet sich von fast allem, was Geheimdienstler und Strafverfolger auf dem Bildschirm haben. Die Gefahr durch Terrorkommandos und Schläferzellen beschäftigt die Beamten seit Langem. Sie reden Gefährdern ins Gewissen, sie überwachen deren Kommunikation, sie hoffen, Anschlagspläne zu vereiteln. Manchmal haben sie damit Erfolg – wie womöglich zuletzt in Düsseldorf. Manchmal scheitern sie – wie in Brüssel und Paris.
Anders ist es bei Einzeltätern, die sich im Stillen radikalisieren. Sie rechtzeitig zu identifizieren ist ebenso schwierig, wie ihre Gewaltbereitschaft richtig einzuschätzen. Umso größer ist die Angst vor dem Unbekannten, der womöglich nebenan wohnt und plötzlich angreift, wo es niemand erwartet. So kommt es zu Katastrophen wie voriges Wochenende im Schwulenklub Pulse von Orlando. Oder am Montag in der Wohnung eines Polizistenpaars im französischen Magnanville.
Neue Rätsel jedoch geben Täter wie Safia auf: Teenager, die im Kinderzimmer zum IS-Fan werden. Eine Generation XS des Terrors.
"Viele Jugendliche glauben inzwischen, dass sie der ,Unterdrückung der Muslime' mit Gewalt entgegentreten müssen", warnt Burkhard Freier, Chef des Verfassungsschutzes in Nordrhein-Westfalen.
Genauere Erkenntnisse liegen ihm und seinen Kollegen in anderen Bundesländern kaum vor. Die Verfassungsschutzbehörden in den Ländern dürfen die Daten von 14- bis 16-Jährige oft nicht speichern. Das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln hat Akten über gerade einmal 39 Jugendliche im Alter von 14 und 15 Jahren.
Umso aufmerksamer studieren Geheimdienstler, Fahnder und Präventionsexperten nun jene Fälle, in denen Teenager zuschlugen und gefasst wurden. Immer wieder stoßen sie an Grenzen des Erklärbaren. Die Jugendlichen scheinen sich nicht um die Konsequenzen ihrer Taten zu scheren. Eigentlich nicht anders als viele Altersgenossen, die unbekümmert im Heute leben – aber mit blutigen Folgen.
Zwei Anschläge beschäftigen die Ermittler seit Wochen. Da ist die Geschichte von Yussuf und Mohammed, zwei 16-jährigen Freunden, die auf einem Zechengelände in Gelsenkirchen eine selbst gebastelte Bombe hochgehen ließen und damit auf dem Schulhof prahlten. Niemand sollte sie stoppen können, als sie wenig später einen Sikh-Tempel in Essen attackierten, in dem gerade eine Hochzeitsfeier zu Ende ging. Drei Gäste wurden verletzt, einer von ihnen schwer.
Und da ist die Geschichte von Safia aus Hannover. Schon als kleines Mädchen lernte sie, wie Islamisten die Welt sehen. Mit ihren Geschwistern besuchte sie die Moschee des "Deutschsprachigen Islamkreises" in einem gelben Klinkerbau in der Nordstadt. Es gibt dort einen Eingang für Männer und einen für Frauen. Der Verfassungsschutz hat die Moschee seit Jahren im Visier. Freitags hatte Safia Islamunterricht, samstags musste sie den Koran auswendig lernen. Die Lehrer waren streng, wer die Suren nicht beherrschte, musste nachsitzen.
Safia habe nie nachsitzen müssen, erzählt ihr Vater, ihr sei das Lernen leichtgefallen. "Damals hat sie viel gesungen, wollte gern im Mittelpunkt stehen wie Justin Bieber. Den fand sie toll."
Ihr Traum ging scheinbar in Erfüllung, als sie neun Jahre alt war. Safia saß vor einer Kamera. Allerdings sang sie nicht. Sie rezitierte Suren aus dem Koran. Ein schwarzes Kopftuch verhüllte ihr Haar. Neben ihr hatte Pierre Vogel Platz genommen, ein Prediger, ein Popstar der Salafisten. Die Videoaufnahmen mit dem Titel "Neues von Safia" wurden 2009 im Internet tausendfach angeklickt.
"Vielleicht war es ein Fehler, den Kindern von klein auf den Koran einzutrichtern", sagt Mohammed Robin S. heute. Dafür trage die Mutter die Verantwortung.
Die Eltern hatten sich früh getrennt. Safia und ihr zwei Jahre älterer Bruder Saleh zogen mit der Mutter in eine Wohnung in der Nachbarschaft. Den Vater, einen gelernten Messebauer, der in den Achtzigerjahren durch den Orient reiste, zum Islam konvertierte und den Vornamen Mohammed annahm, sahen sie weiterhin. Viermal war der Mann nach eigenen Angaben verheiratet; er ist Vater von acht Kindern.
Zwei von ihnen, Safia und Saleh, interpretierten den Koran anders, radikaler als ihre Geschwister. Die salafistische Szene wurde ihr Zuhause. Saleh verteilte Korane in Fußgängerzonen. Safia ging in die Moschee und chattete auf dem Smartphone mit den radikalen Freunden ihres Bruders.
Gegenüber Mitschülern sagte sie, der Anschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" sei nachvollziehbar. In einem Chat bezeichnete sie den Tag der Pariser Anschläge am 13. November 2015 als ihren "Lieblingstag". Die Attentäter nannte sie "unsere Löwen, die gestern in Paris im Einsatz waren".
"Irgendwann kam sie zu mir und wollte etwas, um sich verteidigen zu können", berichtet der Vater. Sie solle sich kein Messer kaufen, habe er ihr geraten, sondern Pfefferspray. Eine Stichwaffe sei zu gefährlich, falls man ihr die wegnähme. Dass sie selbst mit einem Messer zustechen könnte, habe er sich nicht vorstellen können.
Im Januar dieses Jahres bat sie ihren Vater um eine Kopie seines Personalausweises und fälschte eine Vollmacht, um allein ins Ausland reisen zu können. Damit ging sie am 22. Januar an Bord des Turkish-Airlines-Flugs TK 1552 von Hannover nach Istanbul. Von dort wollte sie nach Syrien, ins Kalifat.
Dass sie verschwunden war, merkte der Vater erst, als sie bei WhatsApp ein Foto hochlud, das sie im Istanbuler Hotel Fides zeigte. Doch ihr Traum vom Leben bei der Terrormiliz sollte sich bald zerschlagen. So jedenfalls liest es sich in seitenlangen Protokollen von Chats, die Safia im Hotel führte.
Die Probleme begannen damit, dass ihre Internetfreundin Ameena aus Großbritannien nicht in Istanbul erschien. Mit ihr wollte Safia eigentlich gemeinsam zum IS. "Schwester, ich war so schlecht, vergib mir um Allahs willen", schrieb Ameena. "Ich bin verwirrt und paranoid geworden und dachte Du seist nicht echt." – "Bitte komm, Schwester", bettelte Safia, "ich will hier nicht alleine sein." Doch Ameena kam nicht.
Dann scheiterte der Versuch, zum IS nach Syrien zu reisen. Zwar hatte ihr ein Schleuser den nötigen Selbstauskunftsbogen für die IS-Bürokraten besorgt. Doch dann gab es Ärger mit einer Frau, die beim IS für sie bürgen sollte.
Zwei Tage später kam Safias Mutter nach Istanbul. Um sich ebenfalls dem IS anzuschließen, wie ihre Tochter glauben sollte. Doch Safia hatte sich getäuscht. "Sie will mich zurück nach Deutschland holen", schrieb sie frustriert an einen Freund in Hannover. Die Mama schaue Videos über den IS, zum Kalifat wolle sie aber nicht. "Und dann frag ich mich, wieso nur?", meckerte die Tochter.
In diesen Stunden reifte offenbar Safias Plan, in Deutschland zuzuschlagen. Um 21.06 Uhr schrieb sie ihrem Freund, wenn sie nicht vor ihrer Mutter fliehen und nach Syrien könne, werde sie eine "Märtyreroperation in Deutschland" unternehmen. Wenig später schien alles klar: "Bruder, ich spreche mit Leuten aus Syrien, hohe Angestellte von Regierung." Sie wolle nun zurück nach Deutschland und plane eine "Überraschung für die Kuffar", schrieb Safia um 22.24 Uhr: "Sie haben mir gesagt, es hat einen größeren Nutzen".
Auch an Ameena aus London ging die Ankündigung. "Ich werde die Ungläubigen überraschen, wenn Du verstehst was ich meine", schrieb sie und garnierte die Zeile mit Smileys: "U know Popcorn, it blows up", witzelte sie, offenbar als Anspielung auf Explosionen.
Einen Monat nachdem Safia mit ihrer Mutter nach Hannover zurückgekehrt war, machte sie ihre Ankündigung wahr. Nicht mit einer Bombe, sondern mit zwei Messern bewaffnet fuhr sie zum Hauptbahnhof und stach einem Bundespolizisten in den Hals. Der Beamte ging blutend zu Boden, sein Kollege überwältigte Safia.
In einer Vernehmung durch die Polizei erzählte das Mädchen am selben Abend seine Version der Tat, ohne Anwalt. Warum sie das getan habe? "Keine Ahnung", erklärte Safia, sie habe sich angegriffen gefühlt, "irgendwie überwacht". "Ich muss ehrlich sagen, dass ich überreagiert habe", räumte sie ein. Sie habe in der Vergangenheit unter Islamfeindlichkeit gelitten. "Also ich finde, ich habe mir genug gefallen lassen." Töten oder am Hals treffen habe sie den Beamten nicht wollen, wohl aber damit gerechnet, dass sie ihn verletze. "Es war irgendwie ein Reflex", behauptete sie.
Ihren Türkei-Trip bezeichnete sie als "Urlaub". Außerdem habe der Verfassungsschutz sich schon für diese Reise interessiert. "Die dachten, ich wollte nach Syrien und für den IS kämpfen", berichtete sie. Doch das stimme nicht: "Gar nicht. Ich interessiere mich nicht für den IS."
Die 15-Jährige hat inzwischen den Strafverteidiger Mutlu Günal engagiert, der ihr geraten hat zu schweigen. Sie sitzt seit fast vier Monaten in Haft und wartet auf ihren Prozess.
Was treibt Teenager in den Salafismus?
Die Suche nach einer Struktur im Leben, nach klaren Regeln könne eine Rolle spielen, sagt Peter Neumann vom Londoner King's College. Zugleich habe der IS die "intellektuelle Eintrittsschwelle" so weit abgesenkt, dass jeder folgen könne. "Sie brauchen dazu kein tieferes Verständnis von Religion", so Neumann. Der IS versuche kaum noch, seine Gewalt politisch oder religiös zu begründen.
"Viele Jugendliche suchen nach Halt und Orientierung, wenn sie sich dem Salafismus zuwenden, weil sie persönliche Krisen wie familiäre Probleme und Misserfolge zu bewältigen haben", sagt auch Christian Hantel, Leiter der Beratungsstelle zur Prävention neosalafistischer Radikalisierung in Hannover. "Fünfmal am Tag zu beten, zum Beispiel, kann dem Leben eine gewisse Struktur geben." Viele merkten gar nicht, dass sie ideologisch indoktriniert würden.
Für andere ist der Salifismus einfach eine Protestkultur. Gewissermaßen ein Nachfolger des Punk. "Der Salafismus ist die provokanteste Form des Aufbegehrens in den sehr toleranten westlichen Gesellschaften", sagt Neumann. "Etwas Extremeres können sie eigentlich nicht machen." Der IS sei zu einer "Popkultur des Schreckens" geworden.
Beratungsstellen kümmern sich bundesweit um betroffene Familien; die Polizei ist sensibilisiert. Der Bedarf ist groß: Allein in Nordrhein-Westfalen betreut das Innenministerium 160 junge Menschen in dem Salafismus-Präventionsprojekt "Wegweiser".
Ein Garantie gegen den Terror gibt all das nicht. Manche Jugendliche normalisieren sich nur scheinbar in Gesprächsrunden mit ihren Betreuern. Sie radikalisieren sich unter den Augen der Polizei. Weil man sie nicht mehr erreichen kann und weil die Beamten nicht jeden rund um die Uhr überwachen können.
So war es bei Yussuf T., der im April eine Bombe vor den Sikh-Tempel in Essen zündete.
Er war im "Wegweiser"-Projekt, nachdem er und seine Freunde in das Umfeld eines radikalen Predigers aus Dinslaken geraten waren. Die Polizei durchsuchte sein Kinderzimmer. Sein Schuleiter hatte der Polizei gemeldet, dass Yussuf auf dem Schulhof mit dem Video seiner selbst gebauten Bombe geprahlt habe.
Doch der Junge schien sich wieder zu beruhigen, vermerkten die Behörden. Yussufs Verhalten habe bald wieder "dem eines normalen Teenagers" geglichen, sagte NRW-Verfassungsschutzchef Freier kürzlich im Düsseldorfer Landtag. Er sei nicht mehr so aggressiv gewesen. Nicht mehr so wie damals, als er eine jüdische Mitschülerin massiv bedroht haben soll.
Die Beruhigung, so glauben die Ermittler inzwischen, war nur Fassade. Es war wohl schon zu spät. "Sie wissen alles, und sie kennen euch", schrieb Yussuf seinen radikalen Freunden nach seinem ersten Termin bei "Wegweiser" in einer Nachricht, die dem BR-Magazin "Report München" vorliegt. Als Chef der Combo befahl er seinen Mitstreitern: "Löscht alle Bilder und Videos vom IS, löscht eure Chats, alles, was waffenartig ist oder ähnlich (Bomben auch) muss umgehend entsorgt werden. Verkauft es, verschenkt es, verlagert es oder zerstört es!"
Aber Yussuf T. und seine Mitstreiter hörten nicht auf. Gemeinsam mit zwei Freunden hat er in ein Büchlein niedergeschrieben, wer von ihnen welche Aufgabe habe: Yussuf T. sollte der "Emir" sein, Tolga I. Geld beschaffen, Mohammed B. sich um "Zusammenbau" kümmern. Den Zusammenbau wovon? Einer Bombe?
Tolgas Mutter schickte das Buch knapp drei Wochen vor dem Anschlag auf den Sikh-Tempel an die Polizei. Doch die griff nicht ein. Es war nur eine Kladde, Anschlagspläne gingen aus Sicht der Ermittler nicht aus ihm hervor.
Obwohl die jungen Männer sie offenbar hatten: Am 13. April bestellte Mohammed B. bei Amazon eine Lieferung auf den Namen von Yussuf T. Der Kurier brachte das Paket am 16. April "gegen zehn vor zwölf", wie Yussuf T. später der Polizei sagte. Er öffnete es und fand darin zwei Dosen à 500 Gramm Magnesium, eine große Tüte mit einem Kilogramm eines weiteren Stoffs und eine kleinere Tüte mit Aluminium. Yussuf T. verstand, dass es sich um Material für eine Bombe handelte.
Er packte die Zutaten in seinen Rucksack und machte sich auf den Weg zu einer Essener Moschee, wo er sich mit Mohammed B. traf. Von dort gingen sie in ein nahe gelegenes Waldstück. Die Zutaten füllten sie in einen alten Handfeuerlöscher. "Wir haben das einfach zusammengemischt", erzählte Yussuf T. der Polizei.
Sie brachten demnach einen ebenfalls bei Amazon bestellten Fernzünder an. "Das war nicht so ein krasser Zünder", sagte Yussuf T. später. Man habe ihn nur 10 bis 20 Meter von der Bombe entfernt bedienen können.
Der Sikh-Tempel in der Bersonstraße war nicht weit entfernt. Es war nun kurz vor 19 Uhr. Wie besprochen entfernte Mohammad sich, Yussuf T. legte die Bombe vor den Notausgang. Wo genau, wisse er nicht mehr, sagte Yussuf. "Ich war so voller Adrenalin." Er ging ein paar Meter weg und betätigte den Fernzünder. Er schaute nicht mehr zurück. Die Detonation war so stark, dass er sie im Rücken spürte.
Am Sikh-Tempel riss die Explosion die Tür weg und sprengte ein Loch in die Wand. Im Gebetsraum fand die Polizei später ein Splitterfeld von sechs Meter Breite und zehn Meter Tiefe. Hätten nicht schon viele die Hochzeitsfeier im Innern des Tempels verlassen gehabt, wären wohl deutlich mehr als drei Gäste verletzt worden.
Yussuf T. war nach seinen eigenen Angaben geschockt: "Wir haben gedacht, dass das nur so ein kleiner Knall ist und nicht so groß." Er und Mohammed machten sich auf zum Hauptbahnhof – und aßen ein Döner-Sandwich. "Um es quasi zu verdrängen", so Yussuf T.
Erst nach und nach habe er erfahren, dass sich Leute in dem Tempel befanden hätten, dass es Verletzte gab. Die Reue habe ihn gepackt.
Für diese Darstellung spricht ein Chat zwischen Mohammed und Yussuf, den die Ermittler auf Yussufs Handy fanden. "Lass uns stellen am besten. Abhauen können wir nicht lange", schrieb Yussuf darin. "Nein, verstehst Du nicht, was dann passiert?", antwortete Mohammed. Er habe "keine Lust auf Knast". "Das ist eine Bombe gewesen, Alter", erinnerte er seinen Komplizen. "Das ist versuchter Mord in den Augen der Kuffar."
So diskutierten die beiden, ob man sich "ergeben" solle (Mohammed), ob es für ein Geständnis "Minderung" gebe (Yussuf). "Chill einfach", riet Mohammed B. seinem Kameraden. Und er bekundete, dass es besser sei, wenn jemand sie verpfeife und dafür 5000 Euro Belohnung bekomme, als wenn die beiden sich selbst stellten. "Dann nehmen wir das Geld, wenn wir rauskommen", schrieb Mohammed B.
Yussuf T. entschied sich, seine Tat seinen Eltern zu beichten. Am Mittwoch nach dem Anschlag meldete er sich gegen 22.30 Uhr auf einer Polizeiwache. Er sei nicht müde, er wolle aussagen, gab er zu Protokoll. Seine Eltern wüssten, dass er da sei. Den Sikh-Tempel hätten er und sein Freund zufällig ausgesucht. Sie hätten niemanden verletzen wollen, behauptete er. Im Nachhinein komme ihm seine Tat "abscheulich" vor.
Der Sikh-Gemeinde in Essen hat Yussuf inzwischen einen Entschuldigungsbrief geschrieben. Safia hat dem Polizisten, den sie niederstach, einen Entschuldigungsbrief geschickt. So wie harmlose Teenager nach einem Streich, wenn sie einsehen, dass sie eine Dummheit begangen haben.
Mail: joerg.diehl@spiegel.de, hubert.gude@spiegel.de,
fidelius.schmid@spiegel.de
* Auf einem mutmaßlich von ihr bekritzelten Selfie.
Von Jörg Diehl, Hubert Gude und Fidelius Schmid

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