18.06.2016

ProminenteE-Mail für mich

Bizarrer Krimi um einen Münchner Anwalt: Er zahlte Privates mit Firmengeldern und las angeblich Nachrichten eines Prozessgegners mit.
Rechtsanwalt Michael Scheele, 68, hat schon viele bekannte Personen vertreten: Roberto Blanco, Peter Weck, Fritz Wepper oder Melanie Rickinger, ein Model. Auch wenn es nicht die großen Berühmtheiten sind, bekommen solche Juristen in der bayerischen Landeshauptstadt schnell einen besonderen Status. Man nennt sie "Promianwalt".
Und als Anwalt der Stars ist man bald selbst ein Teil des Boulevards. Die Zeitungen zeigen Scheele auf dem Oktoberfest oder beim Pokern für einen guten Zweck, gesponsert von einem Autohaus. Die Haut gebräunt, die Haare getönt, die Sonnenbrille ins Haar geschoben, die Zigarre im Mundwinkel – der Inbegriff der alternden Münchner Schickeria.
Anfang Mai teilte Scheele über Facebook mit, warum er demnächst nicht in München anzutreffen sei: Er müsse auf die Seychellen, sein zweites Zuhause, dann nach Dubai und schließlich nach Teheran.
Was nach Reiselust klingt, könnte schlicht Flucht vor schwierigen Zeiten in der Heimat sein. Denn gegen Dr. Scheele werden seit einigen Monaten verschiedene Vorwürfe laut. Es geht um strittige Aktiengeschäfte, um den Verdacht der Veruntreuung von Firmengeldern, um einen bizarren Datenskandal – und um die Frage, warum der Anwalt trotz belastender Ermittlungsergebnisse in diesem Fall von der bayerischen Justiz verschont wurde.
Die Geschichte beginnt im Oktober 2009, als der Wirtschafts- und Medienanwalt zum Vorstand der Nano-Sky AG bestellt wird, eines Unternehmens, das die Nanotechnologie im Straßenbau anbieten will. "Frostbeständig und doppelt so lange haltbar wie herkömmliche Straßen", so preist das Unternehmen sein Produkt an. Mit dem damaligen Aufsichtsratschef Günther Gang ist Scheele gut bekannt, er sollte ein Jahresbruttogehalt von 100 000 Euro erhalten.
Doch seine Funktion behielt er nur drei Jahre. Dem Aufsichtsrat fielen "Pflichtverstöße" auf, es gab fragwürdige Abbuchungen auf den Konten. "Ich musste die Notbremse ziehen", sagt Gang. Scheele wurde Ende 2012 fristlos entlassen.
Scheele wollte die Kündigung nicht akzeptieren und klagte gegen Nano-Sky. Doch das hätte er vielleicht besser sein lassen. Denn vor dem Landgericht wurde deutlich, wie sich der Anwalt aus der Unternehmenskasse bedient hatte.
Unter anderem hatte er vom Firmenkonto die Gebühren für die Privatschule seiner Tochter überweisen lassen, für seinen Enkel kaufte seine Frau das Tretauto "Porsche Cayenne". Auch private Einkäufe liefen über das Geschäftskonto. Es sei "nicht einmal im Ansatz erkennbar, inwieweit mehrere Großpackungen Hundefutter, Damenhygieneartikel oder Weichspüler und Hühneraugenpflaster einen wie auch immer gearteten Bezug" zur Tätigkeit bei Nano-Sky hätten, hielten die Richter in ihrem Urteil fest. Die Kündigung befanden sie für rechtens. Scheele sagt, das Schulgeld sei einvernehmlich abgebucht worden, er habe es zudem wiedererstattet. Im Übrigen habe es sich um fahrlässige Fehlbuchungen gehandelt, die "nicht von mir veranlasst wurden".
Aber das war nicht alles. Als Gang im April 2014 vom Münchner Flughafen nach Istanbul fliegen wollte, hielt ihn ein Gerichtsvollzieher an, um im Namen eines Scheele-Mandanten eine Taschenpfändung vorzunehmen. Der Unternehmer wunderte sich, woher Scheele wohl wusste, dass er am Flughafen zu finden war. Er hatte sein Ticket online bestellt. Ihm kam der Verdacht, dass Scheele seinen Computer hackt.
Die von Gang beauftragte Sicherheitsberatungsfirma Corporate Trust fand heraus, dass E-Mails der Nano-Sky abgegriffen worden waren. Gang stellte Strafanzeige, die Staatsanwaltschaft München I führte Scheele als Beschuldigten. Das Polizeipräsidium nahm den Fall sehr ernst, drei Kommissariate beschäftigten sich mit dem mutmaßlichen Hackerangriff, unter anderem die Experten für "Cybercrime".
Im Mai 2014 wurden die Kanzlei und das Privathaus Scheeles durchsucht, PC, Laptops und ein Handy konfisziert. Auf einem Rechner Scheeles stellten die Fahnder, so ein Gutachten des Bayerischen Landeskriminalamts, fast 2800 Fundstellen fest. Die Ermittlungen hätten "zweifelsfrei" ergeben, so steht es im Schlussvermerk der Kripo, dass es über einen längeren Zeitraum "zu einer Vielzahl an unbefugten Datenabgriffen im Sinne des Tatvorwurfs des Geschädigten Gang kam". Es besteht der Verdacht, dass Scheele die gesamte Korrespondenz seines Prozessgegners Nano-Sky mitlesen konnte.
Scheele spielt sich ansonsten durchaus als Datenschützer auf, er erstattete sogar Anzeige gegen den ehemaligen Bayern-München-Fußballprofi Christian Lell. Der Anwalt vertrat Lells Exfreundin Melanie Rickinger, der ein Flirt mit Fußballnationalspieler Mesut Özil nachgesagt wurde. Handybotschaften des Weltmeisters an Rickinger waren auf Facebook gelandet. "Christian Lell muss die Daten irgendwie abgegriffen haben", so Scheele, "es besteht der Verdacht, dass er gehackt hat."
Im April 2016 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Scheele trotz der detaillierten Ermittlungsergebnisse mit der Begründung ein, es sei "weiterhin unklar, auf welche Art und Weise" das Ausspähen erfolgte. Es bestehe kein "öffentliches Interesse an der Strafverfolgung".
Die Kripobeamten, die den Fall bearbeitet hatten, sind empört. "Die Staatsanwaltschaft ist offenbar überfordert und hat keine Fachkenntnis", sagt ein Ermittler, dies sei ein "heikler Fall", der ohne Rücksprache mit den Experten entschieden worden sei.
Auch Norman Synek, der Anwalt Gangs, versteht nicht, "wie Scheele als Organ der Rechtspflege" so einfach davonkommt. Er hat eine Zivilklage gegen Scheele eingereicht und fordert 5000 Euro Schmerzensgeld wegen Ausspähens seines Mandanten. Scheele hält die Klage für unbegründet. Er sagt, die Verdächtigungen gegen ihn seien falsch, er werde seinerseits zivilrechtlich dagegen vorgehen.
Heikel könnte für den Promianwalt auch ein anderes Verfahren werden: Als er noch in der Chefetage von Nano-Sky saß, soll er Angela Wepper, Ehefrau des Schauspielers Fritz Wepper und zudem eine gute Bekannte, ein Aktienpaket der Firma schmackhaft gemacht haben, was Scheele bestreitet. Frau Wepper investierte 125 000 Euro. Bald darauf kam es zum Streit, Frau Wepper wollte ihr Geld zurück. Es begann ein Kleinkrieg – bester Stoff für Münchens Klatschreporter. Auch dieser Streit landete schließlich vor Gericht. Die Richterin schlug einen Vergleich vor: Scheele sollte Frau Wepper 60 000 Euro zahlen. Beide Parteien akzeptierten den Deal. Dann widerrief Scheele den Vergleich, nun wird weiterprozessiert. Scheele ist überzeugt, den Prozess zu gewinnen. Frau Wepper stehe kein Geld zu.
Ende Juni will Scheele sein neues Buch vorstellen. "Schuld oder Schicksal?" heißt es. In vielen Situationen sei "ein instinktives Verhalten für Handlungen verantwortlich", steht dazu in der Verlagsankündigung, "anhand der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Hirnforschung und Psychologie möchte Scheele zu mehr Toleranz bei Schuldzuweisungen aufrufen".
* Im März 2013 bei der Feier zu seinem 65. Geburtstag mit Angela Wepper und Ehefrau Lindy.
Von Udo Ludwig und Conny Neumann

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