18.06.2016

Eine Meldung und ihre GeschichteLuft!

Ein 96-Jähriger rettet ein Leben – mit einem weltbekannten Handgriff, den er selbst erfand.
Als ihn der Tod an einem Montagabend Mitte Mai noch einmal herausfordert, sitzt Henry Heimlich, 96 Jahre alt, im Speisesaal seiner Seniorenresidenz in Cincinnati, Ohio. Er plaudert mit seinen Sitznachbarn über dies und das und achtet nicht weiter auf die Frau, die sich zu ihnen an den Vierertisch gesetzt hat.
Doch plötzlich bemerkt er eine eigenartige Bewegungslosigkeit an ihr. Kein Kauen. Kein Atmen mehr. Da weiß Henry Heimlich, Chirurg im Ruhestand: Ihm bleiben nur noch vier Minuten. Er richtet sich auf. Die fast hundert Jahre Leben drücken schwer auf seinen knochigen Leib, aber er schwimmt mehrmals die Woche, und was er nun tun muss, hat er in der Theorie schon etliche Male durchgespielt. Er ist bereit.
Die Frau, der Henry Heimlich das Leben retten will, ist neu im Heim. Sie heißt Patty Ris, ist 87 Jahre alt, früher war sie Grundschullehrerin. Sie hat eben einen Hamburger gegessen, ein Stück davon verstopft jetzt ihre Luftröhre, eine Situation, die tödlich enden kann. Ronald Reagan soll einmal fast an einer Erdnuss erstickt sein, Sängerin Cher an einer monströsen Vitaminpille, Schauspielerin Nicole Kidman würgte an frittiertem Gemüse. Das Schicksal hätte für Patty Ris keinen besseren Sitzplatz aussuchen können als den neben Henry Heimlich.
Heimlich, geboren 1920, hat als Mediziner sein Leben lang gegen den Tod gearbeitet. Was ihm dabei einen kleinen Vorteil verschafft habe, so beschreibt er es, sei eine Eigenschaft, die ihn seit seiner Kindheit begleitet: Er ist gut darin, kreative Lösungen zu finden. So kam er schon früh zu seiner ersten medizinischen Erfindung, dem sogenannten Heimlichventil.
Als junger Arzt war Heimlich während des Zweiten Weltkriegs in China stationiert, er hat darüber in seiner Autobiografie geschrieben. Eines Tages lag ein Soldat mit Brustschuss auf seinem Operationstisch. Heimlich konnte dem Mann nicht mehr helfen, er starb unter seinen Händen, und der Gedanke daran ließ ihn nicht mehr los. Er suchte nach einer Lösung, mit der man "solch unnötige Tode verhindern könnte", und entwarf, während des Vietnamkriegs, ein Ventil, das so klein war, dass es sich der Soldat in die Tasche stecken konnte. Bei einer Schussverletzung kann ein Kamerad eine Drainage legen, und das Ventil lässt Luft und Flüssigkeit aus der Brust entweichen, die Lunge kann sich erneut mit Luft füllen. Das verschafft dem Verwundeten Zeit. Zeit, die über sein Leben entscheiden könnte.
Noch heute wird Heimlichs Ventil in der Notfallmedizin verwendet.
Die Idee zu seiner zweiten Erfindung kam ihm zehn Jahre später, als er erkannte, dass ein Stück Obst (oder ein Stück Hamburger) genauso tödlich sein kann wie eine Kugel im Krieg. Heimlich war auf eine Statistik über Unfälle mit Todesfolge gestoßen. An sechster Stelle: Ersticken an Essen oder an einem fremden Gegenstand. In diesen Fällen, las er, dauere es im Schnitt vier Minuten, bis das Opfer stirbt oder das Gehirn Schaden nimmt. Vier Minuten. Henry Heimlich dachte darüber nach, wie man diese vier Minuten sinnvoll nutzen könnte.
Der Einfall, den er schließlich hatte, beruht auf der Tatsache, dass die Lunge wie ein Blasebalg funktioniert. Übt man Druck darauf aus, entsteht ein Luftstrom, der so stark sein kann, dass er einen fest sitzenden Gegenstand aus der Luftröhre katapultiert. Heimlich experimentierte mit narkotisierten Hunden, bis er die Lösung hatte: eine Grifftechnik, so einfach, dass sie selbst ein Kind erlernen kann.
Kurz nachdem er den "Heimlich-Handgriff" erstmals in einem Artikel beschrieben hatte, im Juni 1974, berichtete eine Zeitung von der ersten erfolgreichen Rettung. Von da an wollte Heimlich seinen Handgriff auf der ganzen Welt bekannt machen, er sprach im Radio, trat im Fernsehen auf. Es war fast so, als würde er sich jeden Erstickungstod von nun an selbst anlasten.
Der Heimlich-Handgriff wurde zu einem Teil der amerikanischen Kultur, er bekam einen Wörterbucheintrag, Hollywood verewigte ihn in Filmen wie "Mrs. Doubtfire" oder "... und täglich grüßt das Murmeltier".
Und schließlich, mehr als 40 Jahre später, am 23. Mai 2016, gegen 18.30 Uhr, wird Henry Heimlich vom Ratgeber zum Retter. Er schlingt beide Arme um die Taille von Patty Ris, zielsicher findet er die Stelle zwischen Bauchnabel und Brustkorb. Seine linke Hand formt eine Faust, seine rechte umfasst sie. Wie von unsichtbarer Schnur gezogen, reißt er seine Hände mit einem Ruck nach oben, mit einer Perfektion, als wäre das hier die Vorführung in einem Lebensrettungskurs.
Noch während er hinter der Frau steht, eilt der Restaurantchef herbei, um die Sache zu übernehmen, aber Heimlich lässt sich nicht beirren. Er drückt einmal zu, ein weiteres Mal, dann fliegt der Fleischbrocken aus Petty Ris' Mund und landet auf dem Boden.
In ersten Medienberichten heißt es, Henry Heimlich habe seinen Handgriff zum ersten Mal selbst angewendet. Es gibt ältere Artikel, denen zufolge er bereits 2001 einen Mann vor dem Ersticken rettete. Fragt man den Arzt heute danach, fällt es ihm schwer, sich zu erinnern. Es ist, als wären die letzten Jahre in Nebel getaucht, aber man sollte ihn nicht unterschätzen.
Als Patty Ris zu Atem gekommen ist, setzt sich Henry Heimlich neben sie und beginnt, ruhig mit ihr zu sprechen. Er erklärt ihr, wie das genau geht, mit einem einzigen Handgriff ein Menschenleben zu retten.
Von Christine Luz

DER SPIEGEL 25/2016
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