18.06.2016

MusikO dubidu

Singen macht glücklich, kann aber peinlich werden. Deshalb gibt es „Rudelsingen“ – eine Art Massenkaraoke, mit dem sich gut Geld verdienen lässt.
Es gibt viele Gründe, nicht zu singen, nicht öffentlich jedenfalls. Die Erinnerung an den Lehrer, der sagte: "Du bitte nicht in den Chor. Du nicht." Oder an Weihnachtslieder zu Hause, bei denen der musikalische Teil der Familie hilflos lachend zusammenbrach. Oder an Volkslieder, die aus Nazimündern kamen, oder an Waldeslustlieder im Musikunterricht oder an Menschen am Lagerfeuer, die glaubten, sie könnten "Blowin' in the Wind" singen; sie konnten es aber nicht.
Es gibt viele Gründe, aber an diesem Donnerstagabend sind 400 Menschen in einen Wuppertaler Festsaal gekommen, um es trotzdem zu tun. Sie sind kein Chor. Sie sind Leute, die neun Euro Eintritt dafür bezahlt haben, dass man sie singen lässt.
Hört man sich an, was sie da tun, wünscht man sich manchen Halbton etwas anders, aber das macht ja nichts. Wer dafür bezahlt, dass er singen darf, geht ohnehin davon aus, dass das eigene Vergnügen größer ist als das der anderen, die ihn hören.
"O Sole Mio" singen sie, das Lied eines Neapolitaners von 1898, heute ist es eher in Venedig zu Hause. Sie sollen sich also vorstellen, dass sie Gondolieri wären.
David Rauterberg heißt der Mann, der diesen Wunsch hat, er ruft es von der Bühne herab, fuchtelnd steht er neben seinem Klavierspieler, die Gitarre im Arm.
"Rudelsingen" nennt er, was hier stattfindet, eine Art Massenkaraoke. Rauterberg behauptet nicht, es erfunden zu haben. Aber erkannt hat er schnell, dass da ein Bedürfnis besteht – und damit ein Geschäftsmodell. Er macht solche Veranstaltungen seit gut vier Jahren, seither hat er 150 000 Besucher gezählt. Er singt und animiert. In seinem Rücken, an der Stirnwand des Saals, läuft der Text.
Kennst du die Perle, die Perle Tirols
Das Städtchen Kufstein, das kennst du wohl
Umrahmt von Bergen, so friedlich und still
Ja das ist Kufstein dort am grünen Inn.
("Tirol", 1947)
Rauterberg hat eine Art Franchisefirma mit acht Teams, sie bespielen 80 Städte in Deutschland. Udo Jürgens, Udo Lindenberg, die Beatles, die Ärzte, Karel Gott. Es werden Wünsche berücksichtigt. Rauterberg stellt seinen Teams eine gut sortierte Playlist, Songtexte und die Anleitung, wie gute Laune herzustellen sei. Dafür kassiert er einen Anteil am Eintrittsgeld.
Gelbes Kunstlicht liegt über dem Saal, viele Frauen sind da, viele über fünfzig, Ingrid, Beate, Heidi, Petra, sie waren schon öfters beim "Rudelsingen" und brauchen nicht viel, um sich zu amüsieren: singen dürfen, im Schummrigen, in dem das Gesungene nicht so schnell peinlich wird. Den Troubadix-Komplex bekämpfen, der einem sagt, dass man gleich stumm und geknebelt im Baum hängen wird, weil der eigene Gesang nicht zu ertragen ist.
Rauterberg sang früher vor allem Gospel und Klassik. Er absolvierte eine Gesangsausbildung, er kann Gitarre und Mundharmonika. Er versteht etwas von Musik.
Musik war immer live, bis vor hundert Jahren etwa, als das Grammofon die ersten Tonkonserven ins Wohnzimmer brachte. Musik, sagen Wissenschaftler, gewann ihre Bedeutung dadurch, dass sie Gemeinschaft entstehen lässt. Dass sie in der Gruppe harmonisierend wirkt und dem Streit vorbeugt – und andererseits eben auch die Kampfkraft der Gruppe für den Streit nach draußen stärken kann, wie Kriegsgeschrei. Auch böse Menschen haben Lieder, man weiß es längst.
Dass sich Menschen nach dem Singen aber besser fühlen als vorher, scheint nicht nur subjektiv so: Forscher haben gemessen, dass der Spiegel des "Kuschelhormons" Oxytocin im Blut beim Singen steigt. Es sorgt für Wohlbefinden und senkt den Stress, vielleicht auch den Stress, der durch die Töne der anderen entsteht.
Noch immer singen, laut Umfragen, knapp fünf Millionen Deutsche regelmäßig in der Gruppe, das ist europäisches Mittelfeld. Es funktioniert noch, aber die Chorsänger werden weniger, die Kirchenchöre und Liedertafeln verlieren ihre Mitglieder, oft an den Tod.
Unter den Jüngeren mögen viele diese Lieder nicht mehr. Und sie mögen nicht die Verpflichtung, jeden Mittwoch pünktlich bei der Chorprobe zu sein.
So kommen die neuen Chorformen ins Spiel: Kneipenchöre, für die sich junge Menschen in Bars treffen, Bier trinken und "Happy" singen. Oder die sogenannten Sing-Alongs: Da finden sich Leute, die nie gemeinsam gesungen haben, bringen ihre "Messias"-Noten mit und werden, professionell begleitet, für ein paar Stunden zum Chor. Und Karaoke natürlich, bei dem die kurze Illusion bestehen kann, ein Star zu sein. "The Voice of Germany" und Dieter Bohlen dürften ihren Teil dazu beigetragen haben, dass sich erstaunlich viele vor fremden Leuten an das Mikrofon trauen.
Rauterbergs "Rudelsingen" passt in diese Zeit. Rauterberg tanzt auf der Wuppertaler Bühne, die Leute tanzen mit, Rauterberg spielt Gitarre und hält das Tempo, sein Zeigefinger ist Taktstock und Einsatzzeichen zugleich. Droht die Masse aus dem Lied zu fallen, ist Rauterbergs Zeigefinger da und führt sie zurück. Er sagt dabei Dinge wie: "Kommt schon, gebt mir mehr."
O dubidu
Ich wäre gern wie duhuhu
Ich möchte geh'n wie du
Steh'n wie du duhuhu
(Affe King Louie im "Dschungelbuch", 1967)
Das letzte Lied. Nach dem Schlussakkord verlässt Rauterberg die Bühne, davor hat er noch eine kleine Jazzeinlage gegeben. Musik zum Zuhören. Musik.
Von Gesa Steeger und Barbara Supp

DER SPIEGEL 25/2016
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