18.06.2016

LeitkulturDie Mannschaft

Eine Kolumne von Alexander Osang
Ich spiele seit fast 30 Jahren jeden Montagabend in einer namenlosen Fußballmannschaft. Fast alle Spieler sind Journalisten oder waren es mal, die meisten von ihnen haben irgendwann für die "Berliner Zeitung" geschrieben.
Als es den Zeitungen besser ging, so Mitte der Neunzigerjahre, hatten wir eine einheitliche Spielkleidung, blau-weiß, auf der Brust der Schriftzug unserer Zeitung. Wir spielten gegen Politikermannschaften, Theatermannschaften, und einmal im Jahr, meist um die Weihnachtszeit, nahmen wir am großen Berliner Journalisten-Hallenturnier in der Deutschlandhalle teil.
Die Deutschlandhalle steht nicht mehr, aber die Mannschaft gibt es immer noch. Wir spielen heute meist untereinander. Mein blau-weißes Trikot liegt irgendwo im Keller. Es ist nicht zu klein geworden, sondern seltsamerweise zu groß, wahrscheinlich liegt es an der Trikotmode, die heute körperbetonter ist als in den Neunzigern.
Vor zwei Jahren erklärte mir Oliver Bierhoff an einem Strand in Brasilien, wie das Wesen der deutschen Nationalmannschaft im Laufe der Jahre das Wesen der deutschen Gesellschaft widergespiegelt hat. Je näher der Teammanager der Gegenwart kam, desto mehr schienen sich die deutschen Tugenden des Teams zu verlieren. Zuletzt fand man sie ja eher in der Gesellschaft. Es war okay so, zumindest für die Fußballer. Sie wurden Weltmeister. Wenig später erfand Bierhoff den Namen: die Mannschaft.
Ich weiß nicht genau, wie "die Mannschaft" die deutsche Gesellschaft spiegelt, ich kann aber über meine Mannschaft reden. Auch ein deutsches Team.
Als ich das erste Mal mitspielte, stand die Mauer noch. Ich war Volontär. In Leipzig demonstrierten sie gegen das System, wir spielten Fußball in Ostberlin, denn es war Montag. Manchmal saßen wir danach noch zusammen, um darüber zu reden, wie es weitergehen würde. Im Frühjahr 1990 verpasste ich ein Turnier, weil ich mit einem Mitspieler in einem Bergwerk unter Annaberg-Buchholz Stasiakten und Waffen suchte. Wir fanden nix. Mindestens drei Spieler waren IM der Staatssicherheit, sie verließen die Mannschaft später, aber nicht deswegen.
Unser Torwart wechselte als Pressesprecher in ein Chemieunternehmen, ein Stürmer in die Politik, ein Abwehrspieler gründete eine erfolgreiche PR-Firma. Zwei Mitspieler starben durch Herzinfarkt. Ein anderer Stürmer, Charlie, verschwand spurlos. Er war Sportredakteur und hatte sich Mitte der Neunzigerjahre geweigert, die Mutter von Franziska van Almsick nach ihrer DDR-Vergangenheit zu befragen, weswegen er von unserem Chefredakteur fast entlassen worden wäre. Charlie sagte, die Mutter dürfe nicht für die Popularität der Tochter büßen. Später wurde er depressiv, verschwand und tauchte nie wieder auf.
Anfang der Neunzigerjahre kamen die ersten Westler ins Team. Manche blieben, die meisten zogen weiter. Sie arbeiten heute bei der "Süddeutschen Zeitung", beim "Stern", bei der "Zeit" und beim Spiegel, sie leben in Hamburg, München, Wien und Rio de Janeiro. Wir haben nie ein großes Turnier, aber alle wichtigen Journalistenpreise gewonnen.
Ausländer spielten nur selten mit, jedoch zu einer Zeit, als Österreicher im deutschen Journalismus populär waren, hatten wir mal drei Ösis im Team. Unter anderem den Chefredakteur, der gern in einem Jersey der UdSSR auflief und vorm gegnerischen Tor auf das Anspiel eines Untergebenen wartete. Es kam meistens. Um die Jahrtausendwende wurde ein Kollege des Teams verwiesen, weil er einen Mitspieler, der früher Offizier der Nationalen Volksarmee, dann arbeitslos und später Lkw-Fahrer war, nach einem Foul einen "doofen Lasterfahrer" genannt hatte. Es war der einzige Ost-West-Konflikt im Team, an den ich mich erinnere.
Im vergangenen Jahr hat sich ein Mitspieler das Leben genommen. Zwei Nächte nachdem wir zusammen Fußball gespielt hatten. Er war ein erstklassiger Torwart. Ich verlor mit ihm sein letztes Spiel. Wir hatten haushoch geführt, wir waren die bessere Mannschaft, aber dann hatte uns das Momentum, wie man so sagt, verlassen. Sein letzter Satz zu mir war: "Wir haben es vermasselt." Auf seiner Beerdigung sagte die Rednerin, er wäre gern ein bisschen karrierebewusster gewesen. Er konnte nie richtig rücksichtslos sein. Auf den Beerdigungen habe ich manche Mitspieler zum ersten Mal nicht in Sportkleidung gesehen. Sie schienen andere Männer zu sein.
Als ich für ein Jahr nach New York zog, schrieb mir ein Mannschaftskamerad in jeder Montagnacht, wie es gewesen war, wer mitgespielt, wer die Tore geschossen hatte. Er schrieb auch, wer entlassen werden sollte, wer ein Haus baute und wer krank war. Jeden Montag. Zu Weihnachten haben sie mir ein Mannschaftsfoto geschickt.
Mehr deutsche Tugenden brauche ich nicht.
Am vergangenen Montag überschnitt sich unser Spiel mit dem Italiens gegen Belgien. Wir waren zehn. Mein Team gewann. Zu Hause sah ich dann noch die Schlussviertelstunde des EM-Spiels. Ich hatte nicht den Eindruck, etwas verpasst zu haben. In einer Sommernacht vor vielen Jahren haben wir beschlossen: "Spielen geht vor gucken." Es war heiß, und es war Europameisterschaft.
Welche Europameisterschaft, habe ich vergessen.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 25/2016
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