18.06.2016

Soziale Netzwerke„Ab wann bin ich schwarz?“

Maxine Williams, 45, Diversity-Chefin von Facebook, über die Suche nach Mitarbeitern, die nicht weiß und nicht männlich sind
SPIEGEL: Frau Williams, 1,6 Milliarden Menschen aus verschiedensten Kulturen nutzen Facebook. Wozu braucht Ihr Konzern da jemanden, der sich um Diversity, also Vielfalt, kümmert?
Williams: Leider ist unsere Belegschaft noch nicht so vielfältig wie unsere Nutzergemeinde. Knapp 70 Prozent der Facebook-Mitarbeiter sind Männer, etwa jeder Zweite im Konzern hat weiße Haut. Aber weil fast 90 Prozent unserer Nutzer außerhalb Nordamerikas leben, müssen wir ein Produkt anbieten, das alle Welt nutzen will. Und das gelingt nur, wenn sich beispielsweise mehr Frauen oder hispanische und schwarze Mitarbeiter bei uns wohlfühlen.
SPIEGEL: Wie sieht denn der typische Facebook-Nutzer aus? Etwa weiß und männlich?
Williams: Das kann ich nicht sagen. Wir erheben keine Zahlen über die Hautfarbe oder Ethnie unserer Nutzer. Sie müssen das bei der Registrierung nicht angeben.
SPIEGEL: Warum eigentlich nicht?
Williams: Rasse und ethnische Herkunft sind heikle Themen, und das Leben ist kompliziert: Ist ein Nutzer mit hispanischer Mutter und kaukasischem Vater weiß? Ab welcher Schattierung bin ich schwarz? Mit solchen Kategorien kämen wir in arge Schwierigkeiten.
SPIEGEL: Was glauben Sie, woran es liegt, dass Facebook so wenige Bewerbungen aus Minderheitengruppen bekommt?
Williams: In den USA ist die Erklärung sehr simpel: Schwarze und hispanische Menschen sind aus historischen Gründen benachteiligt. Sie finden oft nicht Zugang zu der Ausbildung, die Facebook braucht.
SPIEGEL: Was kann ein Unternehmen gegen dieses Problem tun?
Williams: Kurzfristig wollen wir Facebook attraktiver machen bei Absolventen aus Minderheitengruppen. Ich gehe auf viele Konferenzen für Frauen in IT-Berufen, und wir kooperieren mit gemeinnützigen Organisationen, die etwa Schwarze fördern. Langfristig können wir aber die Uniformität unserer Branche nur ändern, wenn wir früh in der Ausbildung anfangen. Es muss schon Schülern möglich sein, bei der Wahl ihrer Ausbildung die Grenzen ihres privaten Umfelds zu überwinden.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Williams: Ich meine, dass wir noch immer in einer sehr gespaltenen Gesellschaft leben. Menschen unterschiedlicher Hautfarben leben noch immer sehr unter sich, sie schotten sich im Alltag regelrecht voneinander ab. Das ist problematisch, weil junge Leute in der Regel die Berufe wählen, die sie von Eltern und Freunden kennen. Wenn alle um mich herum Mechaniker oder Krankenschwestern sind, denke ich doch nicht daran zu studieren, um Programmierer zu werden.
SPIEGEL: Verfolgen Sie bei diesem Thema unterschiedliche Strategien je nach Land?
Williams: Die großen Linien sind überall gleich, alle Manager bekommen etwa dasselbe Training gegen Vorurteile. Unterschiede gibt es eher aus juristischen Gründen, etwa bei der Inklusion von Behinderten. Am schwierigsten ist für meine Aufgabe aber, dass jeder Mitarbeiter irgendwie benachteiligt sein kann: der Asiate aus armen Verhältnissen, die weiße Lesbe, die alleinerziehende Muslimin.
SPIEGEL: Hat Facebook eine Frauenquote?
Williams: Nein, das wäre nicht sinnvoll. Wir haben 30 Prozent Frauen, wenn ich das Ziel von 50 Prozent ausgäbe, klänge das so, als wäre ich fertig, sobald der Wert erreicht ist. So denke ich nicht, ich will keine Obergrenze von Frauen oder Schwarzen, sondern möglichst heterogene Teams.
SPIEGEL: Meiden Minderheiten Facebook vielleicht auch deshalb, weil auf Ihrer Plattform so viel Hass verbreitet wird?
Williams: Nein, Facebook lässt doch keinen Zweifel daran, dass wir jede Form von Diskriminierung entschieden ablehnen.
SPIEGEL: Trotzdem ist die Facebook-Hetze in Deutschland so gravierend, dass der Justizminister eingeschritten ist. Es schadet Ihrem Image, dass Sie nicht durchgreifen.
Williams: Für Hassreden gibt es keinen Platz auf Facebook. Natürlich löschen wir Rechtsverstöße, sobald wir Kenntnis davon haben. Gleichzeitig ist Zensur für uns keine Option. Wir arbeiten permanent daran, die richtige Balance zu finden. Wir wollen die Nutzer ermutigen, sich aktiv gegen Rassismus zur Wehr zu setzen. Viel nachhaltiger als Hassbotschaften wirken doch die Fälle, in denen Facebook wichtigen Anliegen eine Stimme gibt, die sonst ungehört verhallen würden. Dieses Gemeinschaftsgefühl wirkt unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe.
SPIEGEL: In Deutschland wird Facebook öfter kritisiert oder verspottet, weil die Nutzer aus 60 Möglichkeiten für Geschlecht und sexuelle Orientierung wählen dürfen.
Williams: Wie bitte? Wer kritisiert das?
SPIEGEL: Etwa die AfD, eine rechte Partei, deren Auftritte an Donald Trump erinnern. Sie nennt das "Gender-Wahn".
Williams: Das ist ja kurios. Wieso stört es diese Leute, zu welcher sexuellen Orientierung sich ihre Mitmenschen bekennen? Das ist doch eine höchst private Sache.
SPIEGEL: Die AfD sagt, es gebe nur zwei biologische Geschlechter, und man müsse Kinder vor Verwirrung schützen.
Williams: Sie haben eine Partei mit solchen Ansichten? Wahnsinn, das klingt wie eine Reise in die Fünfzigerjahre. Man kann Kinder nicht zu einer sexuellen Orientierung verführen, man wird damit geboren. Ich bekomme rührende Nachrichten von Nutzern, die mir danken, weil sie auf Facebook ihre Identität ausdrücken können.
SPIEGEL: Trotzdem ist es seltsam, dass Sie beim Thema Gender so viele Möglichkeiten haben, aber nicht bei der Hautfarbe.
Williams: Mir scheint, Sie wissen nicht, wie viel Mühe es kostet, diese Funktionen zu erstellen. Die Gender-Optionen zu entwickeln, dauerte ein Jahr. Nach meiner Erfahrung ist die Hautfarbe ohnehin nur relevant, wenn Sie in der Minderheit sind.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Williams: Wenn ich in mein Geburtsland Trinidad fahre, wo alle dunkelhäutig sind, denke ich über meine Haut gar nicht nach. Erst zurück in den USA ist sie ein Thema. Und fragen Sie mal die Leute in Westeuropa: "Wie definieren Sie sich?" Die sagen nicht: "Ich bin weiß." Sie sagen: "Ich bin Portugiese oder Däne, Christ oder Jude." Die Hautfarbe tritt hinter die kulturelle Identität zurück. Deshalb wäre es für Facebook eine schier unlösbare Aufgabe, beides global gültig abzubilden.
Interview: Melanie Amann
Von Melanie Amann

DER SPIEGEL 25/2016
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