18.06.2016

SüdafrikaUnter besonderem Schutz

Die Anwältin Thuli Madonsela jagt mächtige Männer, die ihren eigenen Staat ausplündern. Ihr Job ist lebensgefährlich.
Wie fühlt man sich, wenn der Wert des eigenen Lebens auf 740 000 Rand taxiert wird, gut 43 000 Euro? Wenn man erfährt, dass diese Summe einem Auftragskiller geboten wurde, der einen umbringen sollte? "Ich habe mir natürlich Sorgen gemacht, vor allem um meine Familie, aber Angst hatte ich nicht", sagt Thuli Madonsela: "Schließlich muss jeder von uns irgendwann sterben."
Die oberste Korruptionsbekämpferin Südafrikas schaut aus dem Fenster ihres Büros in der Hauptstadt Pretoria. Es ist Herbst auf der Südhalbkugel, draußen schweben Blätter von den Bäumen, auf dem Kaffeetisch liegen Fotobände über Nelson Mandela, ihr Vorbild.
Madonsela wurde Anfang April über den Mordauftrag informiert. Sie habe den Hinweis sehr ernst genommen, sagt sie, schließlich habe sie ihn von einer verlässlichen Informantin erhalten. Seither steht sie unter verstärktem Personenschutz, auf dem Weg in ihr Büro muss man drei elektronische Schleusen passieren. Das Risiko gehört zu ihrem Job.
Thulisile Madonsela, 53, ist der "Public Protector" der Kaprepublik, die nationale Ombudsfrau. Sie wacht darüber, dass öffentliche Ämter nicht missbraucht, Steuergelder nicht veruntreut und milliardenschwere Staatsaufträge sauber abgewickelt werden. Seit fast sieben Jahren decken die Anwältin und ihre 314 Mitarbeiter Machenschaften der Mächtigen auf. Ihre Institution arbeitet unabhängig von der Regierung, der Artikel 9 der südafrikanischen Verfassung stellt sie unter besonderen Schutz. Bislang wurde in über 40 000 Fällen ermittelt.
Die Ombudsfrau ist wie immer elegant gekleidet, mit Blazer und Perlenkette, ihr Haar trägt sie auf afrikanische Art geflochten. Sie spricht leise, manchmal wirkt sie fast schüchtern, im nächsten Moment aber tritt sie resolut auf. Und Madonsela vertraut auf ihre Überzeugungskraft, auf Argumente: "Die Menschen sollen verstehen, warum wir was tun, sie sollen nicht zu Einsichten gezwungen werden."
Besonders gefährlich wird es, wenn man sich mit einem "Big Man" anlegt, wie die mächtigsten Männer in Afrika genannt werden. Genau das hat Thuli Madonsela in Südafrika getan. Sie ließ den Ausbau des opulenten Privatanwesens von Präsident Jacob Zuma untersuchen, umgerechnet rund 17 Millionen Euro musste der Staat zahlen. Der 74-jährige Polygamist Zuma hatte sich neben Wohnhäusern für seine vier Frauen auch noch einen Hubschrauberlandeplatz, ein Schwimmbad, unterirdische Bunker, ein Amphitheater, einen Rinderkraal, einen Hühnerstall sowie ein Besucherzentrum finanzieren lassen. Alles aus Sicherheitsgründen, wie es offiziell hieß. Der Swimmingpool sei ein Feuerlöschteich, argumentierten seine Assistenten, die Theaterarena ein Sammelplatz für Notfälle.
"Geborgen im Komfort" überschrieb Madonsela ihren 2014 vorgelegten Abschlussbericht; sie forderte Zuma auf, einen Teil der Baukosten an den Fiskus zurückzuzahlen. Doch der selbstherrliche Präsident ignorierte ihre rechtsverbindlichen Weisungen zunächst, und die Hardliner seiner Regierungspartei African National Congress (ANC) attackierten die Chefermittlerin so heftig wie nie zuvor: Sie sei eine Agentin des US-Geheimdienstes CIA und habe im Auftrag der weißen Oppositionspartei Democratic Alliance gehandelt, hieß es. "Will sie ein Rockstar sein? Oder eine Art Jesus oder Messias?", giftete ein Funktionär.
Sie erhielt zahllose Hassbriefe und wurde in den sozialen Medien beschimpft. Eines Morgens lag vor ihrem Hauseingang der Kadaver einer schwarzen Katze.
Madonsela ließ sich durch die Kampagne nicht anfechten, sie steckte alle Beleidigungen weg. "Ich meditiere jeden Tag, das hilft." Nur der Vorwurf, sie sei eine ausländische Agentin, hat sie tief getroffen. "Das war der traurigste Augenblick in meiner Karriere", sagt sie. "Ich hätte nie gedacht, dass der ANC so tief sinken könnte."
Ausgerechnet ihr African National Congress, die Befreiungsbewegung Mandelas. "Ich habe schon in meiner Jugend den ANC geliebt und war ein rebellisches Mädchen, das die Welt verbessern wollte", sagt sie. Thuli Madonsela wuchs mit vier Geschwistern in der Township Soweto auf, dem Zentrum des Widerstands gegen die Apartheid. Ihre Eltern waren fleißige Leute, die sich irgendwie durchschlugen und ihre klügste Tochter auf die Universität ins benachbarte Swasiland schickten. Sie wurde Anwältin und aktives ANC-Mitglied in Pretoria. Nach dem frühen Tod des Ehemanns zog sie ihre beiden Kinder allein groß.
Dann, Anfang der Neunzigerjahre, kapitulierte das weiße Unrechtsregime, die Südafrikaner gingen die letzten Schritte auf dem Weg in die Freiheit. Madonsela gestaltete die erste demokratische Verfassung mit. Nach der Wende 1994, als der ANC einen triumphalen Wahlsieg einfuhr und die Macht übernahm, lehnte sie mehrere Angebote ab, als Abgeordnete ins Parlament einzuziehen und auf den sogenannten gravy train zu springen – den "Fettsoßenzug", der Privilegien und Pfründen sichert. Sie wollte eine einfache Advokatin bleiben.
Das nächste Angebot aber gefiel ihr: Im Oktober 2009 wurde sie zum Public Protector ernannt, von Präsident Zuma. "Es war der Auftrag, unsere junge Demokratie zu schützen, denn schon bald zeigten sich die ersten Bruchstellen." Es habe von Anfang an jene Erziehung zu demokratischen Werten gefehlt, die Deutschland nach der NS-Diktatur durchlief.
Offiziell aus dem ANC ausgetreten ist Madonsela bis heute nicht, aber sie legt Wert darauf, in ihrem Amt politisch neutral zu bleiben. Viele ihrer einstigen Genossen behandeln sie seit ihrer ersten großen Enthüllung wie eine Aussätzige: 2011 konnte sie nachweisen, dass beim Bau von Polizeigebäuden beträchtliche Summen verschleudert wurden; am Ende musste der Polizeichef seinen Hut nehmen.
"Damit waren die Flitterwochen meiner Anfangszeit vorbei", sagt Madonsela. Sie war zu einer Gefahr für die herrschende Klasse und ihre eigene Partei geworden. "Ich spürte das bei öffentlichen Empfängen, als sich niemand mehr neben mich setzen wollte."
In dieser Zeit begann die Ombudsfrau, an ihrem spektakulärsten Fall zu arbeiten, am Bericht über die Abzockerei des Präsidenten an seinem Wohnort Nkandla. 18 Monate lang recherchierte ihr Team, der staatliche Sicherheitsapparat versuchte mit üblen Tricks, die Nachforschungen niederzuschlagen. Der Polizeiminister drohte sogar, Madonsela verhaften zu lassen, sollte sie ihren Report veröffentlichen. Trotzdem dachte sie nie daran, klein beizugeben. "Nkandla war die härteste Bewährungsprobe", sagt Madonsela – das armselige Dorf, in dem Jacob Zumas protzige Residenz steht.
Der Bericht der Ombudsfrau sollte das Beweismaterial für ein historisches Urteil des Verfassungsgerichts liefern – und eine Staatskrise auslösen. Am 31. März dieses Jahres entschieden die elf höchsten Richter des Landes einstimmig, dass Präsident Zuma die Verfassung gebrochen habe und einen Teil der exorbitanten Ausbaukosten für sein Domizil zurückzahlen müsse.
Nkandla wurde zum Synonym für die Gier des Staatschefs und der schwarzen Machtelite im neuen Südafrika, wo die Mehrheit der dunkelhäutigen Bürger noch genauso arm ist wie in den Zeiten der Apartheid. Und der Public Protector wurde zum Public Hero, Madonsela zur Volksheldin. "Ich habe nur meinen Job gemacht", sagt sie, "aber der überwältigende Zuspruch der Öffentlichkeit hat mich bestärkt."
Sie erzählt, dass ihr sogar hochrangige ANC-Politiker zumindest bei privaten Begegnungen anerkennend auf die Schulter geklopft hätten – insgeheim sind auch sie erbost über den Präsidenten, der das Ansehen ihrer Partei beschädigt und das Land heruntergewirtschaftet hat. Thuli Madonsela sagt: "Es gibt ein schönes deutsches Sprichwort: Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken."
Sie fragt sich oft, wie den Nachfolgern Mandelas der moralische Kompass verloren ging. Warum sie keine Gewissensbisse haben, wenn sie in staatliche Kassen greifen und "buchstäblich die Armen bestehlen". Und sie warnt vor den Folgen: "Die Plünderei bringt irgendwann die Demokratie zum Entgleisen." Schon heute fühle sich das Heer der jungen schwarzen Arbeitslosen um die Zukunft betrogen: "Hungrige Menschen sind wütende Menschen."
Neulich schrieb die Zeitung "Sowetan", Südafrika sei nun in Afrika angekommen: mit Misswirtschaft und Politikern, die den Staat plündern.
Madonsela fühlt sich durch solche Kommentare als Afrikanerin angegriffen: "Man tut so, als ob in Afrika immer alles schieflaufen würde und alle Afrikaner Versager wären. Wir beweisen doch gerade das Gegenteil."
Viele Südafrikaner, schwarze wie weiße, wünschen sich jemanden wie Madonsela als Präsidentin. Sie hat 413 000 Follower auf Twitter, jeden Tag werden es mehr. Das amerikanische Magazin "Time" hat sie bereits 2014 in die Liste der 100 einflussreichsten Führungspersönlichkeiten der Welt aufgenommen. Im November wird ihr in Berlin der Deutsche Afrika-Preis 2016 verliehen.
"Das ist eine Ehre für mich und meine Institution. Und ein Signal für Südafrika", sagt Madonsela. "Es warnt nämlich die Mächtigen in unserem Land: Passt auf, regiert besser, denn auch da draußen steht ihr unter Beobachtung."
Von Bartholomäus Grill

DER SPIEGEL 25/2016
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