18.06.2016

LuftfahrtKlecks im Nichts

Napoleons Gefängnisinsel St. Helena hat endlich einen Flughafen – doch können dort überhaupt Flugzeuge landen?
Am anus mundi, da liegt St. Helena, das kläglichste aller Überbleibsel des britischen Empire. Napoleon machte den schroffen Vulkanfels im Südatlantik berühmt: Auf diesem Eiland starb der Verbannte 51-jährig an Magenkrebs – und sicher auch an akuter Langeweile.
Weiter weg vom Rest der Welt kann man auch heute kaum sein: Etwa alle drei Wochen kommt das alte Postschiff mit Passagieren, Lebensmitteln und Fracht vorbei. Es stellt die einzige regelmäßige Verbindung zur Außenwelt dar. Für die 3000 Kilometer von Kapstadt braucht es fünf Tage.
Kein Wunder, dass die "Saints", wie sich die rund 4100 Einwohner nennen, die Einsiedelei leid sind. Von ihrer Regierung in London haben sie sich darum einen Flughafen gewünscht – und tatsächlich: Die Regierung erhörte ihr Flehen und ließ umgerechnet mehr als 350 Millionen Euro springen. Nie zuvor wurde ein solcher Betrag auf St. Helena investiert.
Bautrupps kamen. Sie brachten Zement aus Namibia, rasierten Berge ab und schütteten eine ganze Schlucht zu. Etwa 450 000 Lkw-Ladungen waren dafür nötig. Nach vierjähriger Bauzeit ist der Airport am Ende der Welt jetzt fertig. Er hat alles, was dazugehört: Kontrollturm, Aussichtsplattform, Feuerwehrautos. Nur eines fehlt – Flugzeuge.
Die Eröffnung des Aerodroms war geplant für Ende Mai. Prinz Edward, jüngster Sohn der Queen, hatte sich für das historische Ereignis angesagt, das St. Helenas Isolation für alle Zeiten beenden sollte. Doch jäh fiel die Feier aus. Erste Testflüge haben nämlich einen peinlichen Verdacht erhärtet: Offenbar ist der Südatlantikfels für den Flugverkehr viel zu windig – und der nächste Ausweichflughafen bedrohlich weit weg.
Die mit 1950 Metern kurze Landebahn liegt auf einem künstlichen Hochplateau inmitten einer bergigen Mondlandschaft, und sie beginnt quasi auf der Kante eines Kliffs, das zum Meer hin 300 Meter steil abfällt. Fachleute hatten schon vor Jahren gewarnt, dass diese Lage Windprobleme erwarten lasse. Gehört wurden sie nicht.
Nur eine Handvoll Flugzeuge ist bisher auf St. Helena gelandet, der größte Jet war eine Boeing 737-800. Was die Piloten dabei erlebten, war teils haarsträubend: In Bodennähe hatten viele von ihnen mit extremen Scherwinden zu kämpfen, die ihre Maschine gefährlich absacken ließ. Manche mussten mehrfach durchstarten.
Diese heimtückischen Winde drehen urplötzlich die Richtung. Sobald sie von hinten kommen, können sie einem landenden Flugzeug den Auftrieb rauben. Ein Crash ist dann kaum noch abwendbar. Moderne Flugzeuge sind deswegen mit Scherwind-Warngeräten ausgerüstet – und auf St. Helena schlugen diese verdammt oft an.
Ein Kapitän berichtete, dass seine Maschine im Endanflug um 20 Grad vom Kurs weggeweht worden sei. Selbst im Simulator habe er derartige Winde noch nicht erlebt. In seinem Rapport warf er die Frage auf, ob unter solchen Umständen überhaupt ein Flugbetrieb möglich sei.
Auch der britische Milliardär und ehemalige Politiker Michael Ashcroft wollte mit seinem Privatjet auf St. Helena landen. Klaglos hatten ihn seine Piloten zuvor schon nach Afghanistan und in den Irak kutschiert, doch jetzt verweigerten sie den Dienst. Ihrer Meinung nach drohen auf St. Helena derart heftige Scherwinde, dass die beste Gegenmaßnahme darin bestehe, gar nicht erst loszufliegen.
Die Insel, die Napoleon nur als "diesen verfluchten Fels" verdammt hatte, wird somit wohl noch länger bleiben müssen, was sie fast immer war seit ihrer Entdeckung im Jahr 1502: ein Haufen Nichts, umgeben vom Nichts, ein tragischer Klecks, der seinen Bewohnern so geringe Perspektiven bietet, dass die meisten Saints längst ausgewandert sind.
Der Flughafen, so die Vision, sollte alles verändern. Er würde für die Insulaner nicht nur das Tor zur Welt sein. Er sollte ihre Lebensgrundlage werden. Flugzeuge würden jährlich bis zu 30 000 Touristen auf das tropische Eiland von der Größe Sylts bringen. Der Besucherstrom sollte für Jobs sorgen und das ärmliche St. Helena endlich unabhängig machen von den Unterhaltszahlungen der britischen Regierung.
All diese Hoffnungen wanken nun. Noch ist der Flughafen nicht aufgegeben. Die von London eingesetzte Gouverneurin Lisa Phillips lässt die Winde jetzt neu ausmessen. Womöglich können Meteorologen genauer bestimmen, wie die Scherwinde wehen, und vielleicht können Piloten doch noch lernen, mit ihnen umzugehen.
Auch lässt sich die Landebahn in Gegenrichtung nutzen. Weil dort aber immer Rückenwind herrscht, können auf dieser Piste nur wesentlich kleinere Maschinen landen, keine Touristenbomber wie eine 737. Ein Sanitätsflugzeug hat diese Bahn kürzlich genutzt, um ein lebensgefährlich krankes Baby nach Kapstadt auszufliegen.
Vorerst bleibt das alte Postschiff für fast alle Saints die einzige Verbindung zur Welt. Eigentlich sollte es im Juli nach 26 Jahren auf See außer Dienst gestellt werden. Wohl oder übel wird es nun weiter fahren, und mancher Saint wird sich wünschen, dass die Regierung in London die Millionen nicht für die Fata Morgana eines Flughafens ausgegeben hätte, sondern für ein schnelleres Schiff.

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Von Marco Evers

DER SPIEGEL 25/2016
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