18.06.2016

AktionskunstProtest nach Gladiatorenart

Unter dem Titel Flüchtlinge fressen – Not und Spiele präsentieren die Kunstaktivisten des Zentrums für Politische Schönheit derzeit vier leibhaftige Tiger in einem Käfig vor dem Berliner Maxim Gorki Theater – und kündigen an, demnächst freiwillige Flüchtlinge zu den Tieren ins Gehege zu schicken. Drei der öffentlich stets mit Spuren schwarzer Schmiere im Gesicht auftretenden Künstler hielten zum Auftakt der Aktion bei einer als "Bundeserpressungskonferenz" deklarierten Bühnenshow im Theatersaal einen Vortrag mit Filmbegleitung. Bis zum 28. Juni, so sagte André Leipold, einer der drei Sprecher, wolle man mit Spendengeldern der "Flüchtlinge fressen"-Aktion den Transport von 100 aus Syrien stammenden, in der Türkei festsitzenden Flüchtlingen per Flugzeug aus Izmir finanzieren – und die Bundesregierung dazu zwingen, die Einreise der Menschen per Gesetzesänderung zu erlauben. Bleibe die Zustimmung der Mächtigen zu diesem Flug aus, werde man in Berlin andere, freiwillige Flüchtlinge in den Tierkäfig schicken, die dort "ihr Leben für etwas Höheres einsetzen" sollen, wie Leipold sagte. Man richte sich mit dieser bewusst "geschmacklosen und zynischen" Politkunstaktion gegen die "Barbarei des deutschen Rechts", das die Einreise von Menschen ohne Visum oder gültige Reisepapiere verbiete und die Flüchtlinge zur gefährlichen Flucht übers Meer und zur Bezahlung von Schleppern zwinge. Das Zentrum für Politische Schönheit ist bekannt geworden durch drastische Coups wie die Entführung und Umwidmung von für die Mauertoten errichteten Gedenkkreuzen oder die symbolische Bestattung des Sargs einer angeblich im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingsfrau. Von den Helden ihrer jüngsten Aktion, den Tigern Aranka, Nico, Otto und Franz-Joseph, behaupteten die Sprecher (zu denen der sonst als Kopf des Zentrums für Politische Schönheit geltende Philipp Ruch diesmal nicht gehörte), sie stammten aus Libyen und seien das "Geschenk des türkischen Diktators". In Wahrheit sind die Tiere, vor deren Käfig bis zum 28. Juni jeden Abend Open-Air-Shows stattfinden sollen, wohl für gewöhnlich im kommerziellen Tierschau-Einsatz. Auf der Rückseite der Käfige klebt jedenfalls, nur notdürftig durch eine Holzverkleidung verborgen, eine Metallplakette des Circus Manuel Weisheit.
Von Höb

DER SPIEGEL 25/2016
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