18.06.2016

NilsMinkmarZur ZeitLeben statt arbeiten

Ganz Frankreich ist dieser Tage im Bann eines Großereignisses. Mit Sport hat das nichts zu tun. Für Spitzenpolitiker wie für ganz normale Zeitgenossen geht es derzeit nur um eines: die zentralen Abiturprüfungen. Für die gesamte Republik schlägt die Stunde der Wahrheit. Dass es junge Menschen gibt, die kein "Bac" machen und dennoch überleben, ist eine dieser Wahrheiten, die Frankreich jedes Jahr perfekt verdrängt. Wer noch kein Abitur hat, ist entweder auf dem Weg dorthin oder ein Beispiel systemischen Scheiterns.
Die am meisten diskutierte Teilprüfung ist jene in Philosophie. Populäre Radiosender bereiten ihre Hörer schon seit Wochen darauf vor. Nun aber erwies sich eine der Prüfungsaufgaben als subversive Botschaft, als wollte sich die Philosophie über die Köpfe der Prüflinge in die aktuelle politische Debatte einschalten und, mehr noch, das ganze Land vom Kopf auf die Füße stellen. Die Schüler sollten einen Aufsatz zum Thema "Weniger arbeiten – besser leben?" schreiben. Es ist die Variante eines Slogans von Nicolas Sarkozy: "Mehr arbeiten, mehr verdienen". Das Aufsatzthema fällt in einen politischen Kontext, in dem es seit Monaten um ein umstrittenes Arbeitsmarktgesetz geht, das ganz im Zeichen der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit steht. Arbeit ist seit Jahren die dominierende Ideologie, links wie rechts: mehr Arbeit, mehr Geld, mehr Wachstum. Mehr Arbeit, das fordern die Gewerkschaften wie der rechte Front National.
Nun soll der Zweifel an dieser Ideologie also in die Köpfe der jungen Leute gepflanzt werden. Auf was für Gedanken die eifrigen Nachwuchsdenker da kommen könnten: dass es auf die Qualität der Arbeit ankommt, beispielsweise, und nicht allein darauf, ob man überhaupt schuftet. Dazu könnten sie David Graeber und dessen Untersuchung über die "Bullshit Jobs" zitieren. Sie könnten darlegen, dass Frankreich, wo viele vom Tourismus, der Luxusindustrie und dem Wein leben, den Anschein pflegen sollte, dass das gute Leben dort wertgeschätzt wird. Ferner könnten sie darlegen, dass wenn in großen Staatsbetrieben die Suizidraten steigen, eine Arbeitszeitverkürzung und eine Änderung der Unternehmenskultur Leben retten könnten. Solche Überlegungen kommen in der aktuellen Debatte zu kurz. Es gibt zu viele Arbeitslose in Frankreich – aber alle Maßnahmen, diese Zahl zu senken, folgen einem engen und ängstlichen Denken.
Überhaupt ist es weltweit Zeit, den Begriff der Arbeit neu zu fassen, ihn von seinem beinahe religiösen Status als Quelle allen Sozialprestiges zu erlösen und damit einhergehend die Löhne zu entlasten. Auf dem Sterbebett bekennen die wenigsten, dass sie lieber mehr geackert hätten. Software wird uns bald vieler Jobs entledigen, schon heute sollten wir darüber nachdenken, was wir eigentlich danach machen möchten. Es hat schon seinen Sinn, weshalb das Land auf diese Prüfung achtet: Sie ist eine Übung in geistiger Freiheit und insofern eine Quelle der Anarchie. Das ist nämlich noch eine französische Grundüberzeugung: Kuriose Ideen können die Weltgeschichte verändern.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 25/2016
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