18.06.2016

SPIEGEL-Gespräch„Ein Arschloch bleiben“

Auf ein paar Zigaretten und eine Flasche Sancerre mit Michel Houellebecq. Es geht um Frankreich, um Europa. Um den Menschen. Und um Clément, seinen toten Hund.
Houellebecq, 60, ist ein großer Schriftsteller, in Deutschland vollends berühmt geworden mit dem Roman "Unterwerfung". Michel Houellebecq ist auch ein leidenschaftlicher Fotograf: Im Palais de Tokyo in Paris präsentiert der Franzose unter dem Motto "Lebendig bleiben" eine Schau seiner Vorstellungswelten – mit über Jahrzehnte von ihm gemachten Fotos, Installationen, Arbeitsgegenständen, Video- und Tonaufnahmen(*). Und schließlich ist Michel Houellebecq zwanghafter Raucher. Das Gespräch mit ihm findet im Büro des Direktors statt. Weil Houellebecq dort, anders als im Restaurant des Palais, rauchen darf. Auf dem Tisch steht eine Flasche Sancerre, dazu Brot, Käse und Schinken.
SPIEGEL: Monsieur Houellebecq, Sie haben Ihre Ausstellung "Lebendig bleiben" genannt. Das klingt wie eine Selbstermutigung. Oder auch wie eine Beschwörung. Ist der Tod bei Ihnen immer gegenwärtig?
Houellebecq: Es ist ein schöner Titel, finden Sie nicht? Der Sänger Johnny Hallyday hat ihn für ein Album und für eine Konzerttour verwendet, wahrscheinlich ohne zu wissen, dass ich der Urheber bin. Ich habe ihn mir wieder zurückgenommen.
SPIEGEL: Ihr zweites Buch, eine kurze Textsammlung, die 1991 erschien, hieß so. Haben der größte Star der französischen Rockmusik und der größte Star der französischen Gegenwartsliteratur etwa das gleiche Lebensgefühl?
Houellebecq: Die Ähnlichkeit ist wohl zufällig. Mein Buch von damals ist eigentlich eine methodische Anleitung, eine kleine Abhandlung über den richtigen Zugang zur Poesie.
SPIEGEL: Am Anfang jedes poetischen Unterfangens, so schreiben Sie darin, steht die Suche nach dem ursprünglichen Leiden. Ihr ganzes späteres Werk lässt sich wie die Entfaltung dieses Gedankens deuten.
Houellebecq: Die Welt ist ein ausgebreitetes Leiden. Die Poesie ist ein Schmerzensschrei des Bewusstseins. Wir müssen immer zur Quelle zurückkehren, die das Leiden ist. Wir müssen lernen, den Schmerz mit allen Poren zu spüren.
SPIEGEL: Der Dichter wird zwischen Bitternis und Angst hin und her geworfen. Das Glück existiert bei Ihnen nicht, höchstens als flüchtiges Trugbild. Warum dann überhaupt noch lebendig bleiben? Halten Sie dem Leser und dem Ausstellungsbesucher eine Gefährdungsansprache?
Houellebecq: In gewisser Weise, ja. Mein Text hat einen drohenden Ton, wie ein Brief des heiligen Paulus an mich selbst. In der Erfahrung des Leidens entwickelt sich ein tiefes Ressentiment gegen das Leben. Lernen, ein Dichter zu werden, heißt, zu leben verlernen. Aber die Wahrheit muss gesagt werden, und ein toter Dichter schreibt nicht mehr. Deshalb ist es wichtig, lebendig zu bleiben, ohne faule Kompromisse mit dem Leben einzugehen. Man darf den Mut in der Verzweiflung nicht verlieren.
SPIEGEL: Das Schaffen des Schriftstellers erscheint bei Ihnen wie die Arbeit des Totengräbers. Sie legen frei, was niemand gern hören oder sehen will: Hässlichkeit, Krankheit, Langeweile, Depression und Tod, die Unerreichbarkeit der Liebe.
Houellebecq: Seid abscheulich, und ihr werdet wahrhaftig sein, habe ich damals vor 25 Jahren am Beginn meiner literarischen Karriere geschrieben.
SPIEGEL: Das ist furchtbar pathetisch, Ihre Obsessionen machen Ihre Helden zu lebenden Wracks.
Houellebecq: Zu lebenden Selbstmördern. Man kann nicht die Wahrheit und die Welt zugleich lieben.
SPIEGEL: Das ist die tragische Dimension Ihres scheinbar aufmunternden Titels "Lebendig bleiben". Soll die Ausstellung eine visuelle Synthese Ihrer Bücher bilden?
Houellebecq: Dafür ist sie in zu viele Säle unterteilt und zeigt vor allem im Mittelteil ein megalomanes Sammelsurium von allem Möglichen. Aber ich benutze die gleiche Methode wie in meinen Büchern. Ich zeige Hässliches und Düsteres, Schockbilder, Trugbilder, das Bedrückende der Realität, das Bedrohliche als unbestreitbare Wirklichkeit, Kontraste und Widersprüche, oft mit ironischen, ätzenden Kommentaren aus meinen Werken versehen. Ich will die Nerven der Besucher nicht schonen.
SPIEGEL: Mit anderen Worten: Sie werden den Erwartungen des Publikums gerecht ...
Houellebecq: ... und der Kritiker!
SPIEGEL: Sie bieten dem Zuschauer die houellebecqschen Landschaften und Lebenswelten – in jedem der 21 Räume eine typische Obsession?
Houellebecq: Im weitesten Sinne, ja. Die Ausstellung nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise ins Innere meines Gehirns, in das ich übrigens anhand einer medizinischen Aufnahme Einblick gewähre. Sie führt durch die Kammern meiner Fantasie: der zivilisatorische Verfall und der industrielle Niedergang. Das Wuchern der Städte. Die manchmal trügerische Idylle der Natur. Die Fluchtwelten des Massentourismus. Die Zerbrechlichkeit und die Vergänglichkeit der menschlichen Dinge. Die kalte Beschreibung oder die unparteiische Darstellung der Wirklichkeit enthält bereits die Kritik an ihr. So wird aus Dokumentation Kunst. Niemand soll bei der Betrachtung oder der Lektüre einschlafen, ich will die Leute wachrütteln, sie aus ihrer Komfortzone herausholen. Sie gewöhnen sich ja an alles, sogar an das Bleierne und Niederdrückende. Also verpasse ich ihnen einen Stoß, der möglichst unerwartet kommt. Oder wie ich es früher einmal gesagt habe: den Finger auf die Wunde legen und fest zudrücken. Jede Gesellschaft hat ihre wunden Stellen.
SPIEGEL: Im Roman kann es eine plötzliche Wende sein, in der Ausstellung ein unerbittlicher Blick?
Houellebecq: Oft versehen mit einer Zeile oder einem Vers aus meinen Gedichten, die wie eine Anmerkung oder Fußnote funktionieren. Das Unbewusste wird geweckt und schweift umher. Ich empfinde eine tiefe Befriedigung, wenn ein Vers und ein Bild von mir sich in einem Sinnzusammenhang vereinen, ein untrennbares Ganzes von zuvor Getrenntem erzeugen. Betrachten Sie das erste Foto, mit dem die Ausstellung beginnt: Es ist besonders wichtig, es soll den Besucher einstimmen auf das, was kommt.
SPIEGEL: Es zeigt einen dunklen Wolkenhimmel über der Stadt, nach dem Sonnenuntergang vielleicht, mit einem Kommentar wie ein Menetekel: "Il est temps de faire vos jeux" – es ist Zeit, Ihr Spiel zu machen. Wie die Aufforderung des Croupiers im Kasino, das Geld zu setzen.
Houellebecq: Der Satz des Croupiers im Kasino ist scheinbar banal. Bei mir bekommt er eine drohende, tragische, existenzielle Bedeutung. Man spürt, dass es um Leben oder Tod gehen könnte. Die Wolken am Himmel erinnern mit einem Mal an die Kraftfelder eines heraufziehenden Konflikts, der einen zwingt, Stellung zu beziehen, seine Seite zu wählen. Das Bild, zusammen mit dem Satz, suggeriert, dass gleich etwas passieren wird. Der Himmel hängt voller Versprechen und Gefahren.
SPIEGEL: Wer Sie kennt, weiß, dass es sich um die Ankündigung eines Unglücks handelt.
Houellebecq: Meistens, das gebe ich zu. Entscheidend ist aber der Schwebezustand, der Augenblick vor dem Kippen. Ein positiver Ausgang ist nicht gänzlich ausgeschlossen. Der Besucher der Ausstellung wird gleich am Eingang gewarnt: Wenn du hier eintrittst, geschieht es auf eigene Gefahr.
SPIEGEL: Sind Sie selbst Spieler? Gehen Sie gern ins Kasino?
Houellebecq: Ich bin dort gewesen, aber nur als Zuschauer. Dabei ist mir klar geworden, dass es für manche wirklich um alles geht: Sie spielen bis zur Selbstauslöschung, dem Ruin und dem Tod. Darum geht es übrigens den Betreibern: Der Spieler soll weiterzocken, bis er völlig blank ist. Ich bin, muss ich gestehen, eine suchtanfällige Persönlichkeit, dem Tabak und dem Alkohol ergeben. Von dieser Abhängigkeit komme ich nicht los. Aber das Laster der Spielsucht war mir immer fremd, glücklicherweise. Der Dämon des Spiels ist ein sicherer Weg in die Selbstzerstörung.
SPIEGEL: Es gibt dafür in der Literatur viele Beispiele. Wer sein Spiel schlecht gemacht hat, gibt sich die Kugel.
Houellebecq: Dostojewski war ein Spieler. Balzac hat über Spieler geschrieben, ohne selbst einer zu sein. Es gibt bei ihm packende Szenen, in denen Menschen versuchen, im Spielsaal ihr Leben neu zu erfinden. Ich glaube, dass man heute einen wirklich guten Roman über die Spielsucht schreiben könnte, sogar mehr denn je, weil die Armen unglaublich viel spielen. Wie viele Rubbelspiele es allein gibt! Je ärmer man ist, desto mehr spielt man. In manchen Lebenssituationen scheint das Spielglück die einzige Rettung. Das ist erschütternd. Ich hatte nie daran gedacht, bis ich mal in Calais, einer der ärmsten Gegenden Frankreichs, den Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern zusah, wie sie an den Automaten der Spielhallen ihr armseliges Geld verjubelten. Mir war das vorher nicht bewusst, dabei hätte ich es wissen müssen: Es sind nicht die Reichen, die spielen, um zu gewinnen. Es sind die wirklich Armen, die dem Traum vom großen Los nicht widerstehen können.
SPIEGEL: Calais ist heute für Migranten das verschlossene Tor zum Paradies, das sie am anderen Ende des Ärmelkanal-Tunnels vermuten. Sie haben viele Fotos in Calais und Umgebung gemacht, und die geben ein trauriges Bild von Europa.
Houellebecq: In Calais scheint alles viel schneller zu verfallen und zu zerbröseln als anderswo. Das Elend ist mit Händen zu greifen. Als ich das erste Mal dorthin kam, Mitte der Neunzigerjahre, der Tunnel war gerade fertiggestellt worden, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es ein solches Ausmaß an Armut in Frankreich gab. Dabei waren die Flüchtlinge noch nicht eingetroffen. Der Bürgermeister war ein Kommunist, der früher auf einem Parteitag als Einziger gegen eine Resolution gestimmt hatte, mit der die Diktatur des Proletariats als Endziel aufgegeben worden war. Ein geistig Zurückgebliebener der Geschichte. Die in Beton gegossenen Buchstaben, die vor einem trostlosen Parkplatz und einem Einkaufszentrum das Wort "EUROPE" bildeten, begannen schon zu bröckeln. Symbolisch ist auf diesem Bild der aktuelle Zustand sichtbar: Europa als Versprechen, fast als Befehl, und Europa als Verfall. Das resümiert ganz gut, was ich von Europa denke.
SPIEGEL: Der Aufbruch in ein offenes, grenzenloses Europa, den auch der Tunnel unter dem Ärmelkanal verhieß, ist brutal gestoppt worden.
Houellebecq: Damals sollten die Zäune Selbstmörder davon abhalten, sich auf die Gleise zu stürzen. Heute sollen sie die Migranten daran hindern, die Züge nach England zu erklimmen. Ich möchte nicht zu politisch werden, aber ich habe nie viel von der europäischen Idee gehalten, und ich bin immer noch nicht dafür.
SPIEGEL: Sie sind doch nicht etwa ein französischer Chauvinist? Das Zusammenwachsen Europas bleibt ein wunderbares Projekt.
Houellebecq: Es wächst aber gerade nicht zusammen. Die europäischen Staaten können zusammenarbeiten, aber Europa kann nie eine demokratische Konstruktion werden, weder als Föderation noch als Union. Zu vieles trennt uns. Es gibt keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Öffentlichkeit, keine wirkliche Identität. Das christliche Europa, das es einmal als kulturelle Einheit gab, ist verschwunden. Seine Zeit ist um.
SPIEGEL: Die Auflösung der Europäischen Union wäre für Sie kein Verlust?
Houellebecq: Sie würde mich nicht davon abbringen, Thomas Mann und Theodor Fontane zu lesen. Wir befinden uns doch heute in der paradoxen Situation, dass Europa in aller Munde ist, ständig beschworen wird, aber dass es das kulturelle Europa nicht mehr so gibt wie im 19. oder 18. Jahrhundert. Damals lasen alle großen europäischen Schriftsteller einander. Deutsche, Franzosen, Engländer kannten sich und standen in einem ständigen kulturellen Austausch, während in der Gegenwart jede Nation ihre eigene Literatur liest und darüber hinaus allenfalls noch englischsprachige Autoren. Zeitgenössische deutsche Autoren werden in Frankreich kaum übersetzt, ich kenne sie nicht.
SPIEGEL: Sie selbst können sich über einen Mangel an Aufmerksamkeit nicht beklagen. Mit Ihrem existenziellen Ennui treffen Sie offenbar eine gesamteuropäische Stimmung.
Houellebecq: Meine Bücher verkaufen sich überall, ich bin die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Doch ich beharre darauf: Das kulturelle Europa existiert nicht. Wie könnte dann das politische Europa existieren? Das ökonomische Europa wird immer Mittel und Wege finden, miteinander im Austausch zu bleiben. Deutsche Autos, deutsche Maschinen, deutsche Qualität werden überall geschätzt. Und deutsche Touristen ebenso. Es ist gut, dass sie in großer Zahl nach Frankreich kommen. In seiner Freizeit und im Ruhestand wird der Deutsche Migrant: So bleibt er lebendig. Als Freizeitmigrant, den es außer Landes zieht, entspricht er strukturell dem Arbeitsmigranten, den es nach Deutschland zieht. Ich mag die Deutschen und Deutschland wirklich gern. Ich glaube jedoch nicht, dass wir im globalen Wirtschaftswettbewerb die gleichen Interessen haben.
SPIEGEL: Die touristische Freizügigkeit wird kaum reichen, um Europa auf ein solides Fundament zu stellen.
Houellebecq: Man müsste mehr direkte Demokratie wagen. Ich bin für eine Systemveränderung. Die Menschen sollten öfter selbst entscheiden dürfen, wie jetzt die Briten, mit einem Volksbegehren oder in einem Referendum. Das würde bessere und nachhaltigere Resultate ergeben als die europäische Expertokratie.
SPIEGEL: Ist das Referendum nicht ein Instrument der Demagogie? Marine Le Pen will die Franzosen über den Euro abstimmen lassen.
Houellebecq: Jedes Mal, wenn ein Referendum vorgeschlagen wird, bin ich dafür. Ein Volk, das weiß, dass es selbst entscheidet und nicht nur befragt wird, reagiert mit gesteigerter Verantwortlichkeit statt mit wütendem Protest. Die Demagogie oder der Populismus bricht sich vielmehr dann Bahn, wenn die Menschen das Gefühl haben, dass die Politiker ohnehin tun, was sie wollen.
SPIEGEL: Und wenn am Ende doch ein Nein zu Europa herauskommt?
Houellebecq: Dann muss man sich damit abfinden.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass Marine Le Pen französische Präsidentin werden kann?
Houellebecq: Überhaupt nicht. Der Front National wird nie an die Macht kommen. Die Linke und die Rechte, also die Sozialisten von François Hollande und die Republikaner von Nicolas Sarkozy, werden sich vereinen und eine große Partei der Mitte bilden, um den Front National abzuwehren. Das französische Parteienspektrum wird sich neu formieren: eine extreme Linke, wie in Deutschland, ein großes Zentrum und die extreme Rechte. Die alten Köpfe, Hollande, Sarkozy, werden verschwinden, sie sind gescheitert. Der Wirtschaftsminister Emmanuel Macron bringt sich schon in Stellung, um diese neue Mitte zu führen. Er ist jung, er gefällt, er hat Ehrgeiz.
SPIEGEL: Eine gewagte Prognose. Halten Sie eine solche Umwälzung ohne Barrikaden und Straßenkämpfe für möglich?
Houellebecq: Ich halte sie für wahrscheinlich und auch für wünschenswert. Frankreich käme damit einer wahrhaft repräsentativen Demokratie näher. Keine Sorge, eine solche Verschiebung wird sich friedlich vollziehen.
SPIEGEL: Frankreich ist kein Land des Justemilieu, sondern der Gegensätze. In Ihrem Roman "Unterwerfung" schildern Sie die Möglichkeit bürgerkriegsähnlicher Zustände während der Präsidentschaftswahl. Schließen Sie dieses Szenario jetzt aus?
Houellebecq: Nicht ganz. Ein ethnischer oder ein religiöser Bürgerkrieg werden in Europa eine Möglichkeit bleiben. Übereinstimmende Indizien weisen darauf hin, dass es dazu kommen könnte. Dann wird man auf einer Seite stehen, ob man es will oder nicht. In England und in Frankreich scheint mir die Gefahr größer als in Deutschland, Italien oder Spanien. Ich wohne am Rande von Paris und spaziere gern bis zur Überführung an der Ringautobahn. Bis zur Auffahrt habe ich es nicht weit. Bricht der Bürgerkrieg aus, bin ich mit dem Auto schnell weg, so wie im Roman. Krieg und Fußball schaut man sich besser im Fernsehen an.
SPIEGEL: Sie lieben das Doppelsinnige, das ist bekannt, aber ist das jetzt Zynismus oder schwarzer Humor?
Houellebecq: Ich bin keiner, den es als Beobachter auf Kriegsschauplätze zieht. Ich weide mich nicht am Schrecken und freue mich nicht am Scheitern. Der Ausnahmezustand, der jetzt schon über ein halbes Jahr in Frankreich herrscht, wird von der Bevölkerung, mich eingeschlossen, nicht nur ertragen, sondern gutgeheißen. Das zeigt doch, wie ernst die terroristische Gefahr nach den Attentaten genommen wird. Die Franzosen wünschen sich einen starken, handlungsfähigen Staat. Wenn dieser schon in der Wirtschafts- und Sozialpolitik weitgehend ohnmächtig ist, so soll er doch Sicherheit und Ordnung garantieren.
SPIEGEL: Sie haben keine Angst vor einer Einschränkung der Bürgerrechte, vor einem Polizeistaat?
Houellebecq: Das hätten Sie in Deutschland auch nicht, wenn es zu einem wirklich schlimmen Anschlag käme. Natürlich haben Sie ein anderes Verhältnis zum souveränen Nationalstaat als die Franzosen. Der deutsche Glaube an Europa speist sich aus der Schuld der Vergangenheit. Von der historischen Last des Nazismus werden Sie sich nicht erholen, oder nur in einer nicht vorstellbaren Zukunft. Gerade dieses Schuldbewusstsein ist so rührend an den Deutschen. Jeder hat das Bedürfnis, ihnen zu helfen. Vor allem die Juden, ah ja! Das ist tröstlich. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind wunderbar. In Frankreich dagegen fühlen sich die Juden nicht mehr sicher, und sie haben recht.
SPIEGEL: Hat Frankreich sich auch deshalb geweigert, einen nennenswerten Anteil muslimischer und arabischer Flüchtlinge in der gegenwärtigen Krise aufzunehmen?
Houellebecq: Ich glaube, Frankreich tut gut daran, sich zu sperren. Wir nehmen nicht mehr Flüchtlinge auf, als wir können. So weit geht meine Nächstenliebe nicht. Ich bin nicht christlich. Ich empfinde keine Verpflichtung, das Elend der Welt zu lindern. Es heißt immer, die Ursachen der Flüchtlingskrise müssten in den Heimatländern bekämpft werden. Ich meine, zuallererst müssen die Menschen selbst die Ursachen bei sich daheim bekämpfen, zum Beispiel die Korruption und die Vetternwirtschaft.
SPIEGEL: Kränkt es Sie, wenn Sie von Kritikern als neoreaktionär eingestuft werden?
Houellebecq: Jetzt habe ich mich wahrscheinlich wieder schwer kompromittiert. Ich muss inzwischen einer der ältesten Neoreaktionäre in Frankreich sein, die noch aktiv sind. Ich bin ein Überlebender. Aber ich betrachte mich nicht als reaktionär, sondern als konservativ. Reaktionär bedeutet, die Geschichte und die Zeit zurückdrehen zu wollen, am liebsten bis vor die Französische Revolution. Marine Le Pen ist reaktionär, wenn sie mit den Mitteln der Abschottung und des Protektionismus sterbende Industriezweige in Frankreich wiederbeleben will.
SPIEGEL: Flüchtlinge, Migranten und der Islam kommen in Ihrer Ausstellung nicht vor.
Houellebecq: Nein, obwohl ich die Große Moschee von Paris für meine Arbeit am Roman "Unterwerfung" fotografiert habe. Ich mache systematisch Aufnahmen von den Orten, in denen meine Romanfiguren sich bewegen. Das hilft mir beim Schreiben, mich in die Szenen hineinzufühlen.
SPIEGEL: Sie zeigen viele Orte, aber kaum Menschen und auch kaum Tiere.
Houellebecq: Außer Frauen und meinen vor fünf Jahren verstorbenen Hund Clément. Das hat in meinem Leben gezählt: einige Frauen und ein Hund. Sie haben mir sehr gutgetan. Manchmal habe ich immer noch erotische Träume. In meinem Alter ist das etwas beschämend.
SPIEGEL: Aber nicht wirklich überraschend. Verweisen die Bilder von Frauen und von Clément auf die Sehnsucht nach Liebe?
Houellebecq: Fotografieren ist für mich eine meditative Tätigkeit. Wenn ich in eine Frau verliebt bin, fotografiere ich sie gern, weil es eine Freude ist, sie zu betrachten. Die Liebe ist ein Ideal, das sich außerhalb der Zeit situiert. Deshalb ist es unvergänglich, auch wenn es sich in der Wirklichkeit nur schwer materialisiert. Abgesehen von erotischen Fotos mache ich nicht gern Bilder von anderen Menschen.
SPIEGEL: Ihrem Hund ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet. Er zeigt neben Fotos auch Zeichnungen, die Ihre damalige Gefährtin Marie-Pierre gemacht hat. Es sieht aus, als würden Sie Clément immer noch betrauern. Wollen Sie sich nicht einfach einen neuen Hund anschaffen?
Houellebecq: Vielleicht ist es noch zu früh, doch allmählich freunde ich mich mit diesem Gedanken an. Die Erinnerung an Clément ist schmerzlich. Sein Raum hat etwas Intimes, Persönliches. In ihm stellt sich auch die Verbindung zu Marie-Pierre her. Wir haben kein Kind, aber wir hatten Clément. Er wurde elf Jahre alt. Ein Hund ist wie ein Kind, das niemals erwachsen wird. Es ist leicht, ihn glücklich zu machen. Die Frauen und der Hund sind die einzigen zwei Teile der Ausstellung, die wirklich autobiografisch sind.
SPIEGEL: Ihr Thema ist die deprimierende Banalität des alltäglichen Lebens und die erbärmliche Mittelmäßigkeit des modernen Durchschnittsmenschen. Aber Sie führen selbst kein normales Leben mehr?
Houellebecq: Ich gebe mir Mühe. Ich halte Distanz. Ab einer gewissen Prominenz gibt es kein normales Leben mehr. Man kann aber sehr wohl ein normales Arschloch bleiben. Von einem bestimmten Alter an ändert man sich sowieso nicht mehr. Der Individualismus ist eine Einbildung, statt zur Einzigartigkeit tendiert alles zum Durchschnitt. Am Ende siegt immer die Statistik.
SPIEGEL: Am Ende Ihrer Romane, und auch am Ende Ihrer Ausstellung, löst sich die aggressive Spannung, eine Atmosphäre sanften Entschwindens, eine Art friedliche Auflösung im Nichts oder im Jenseits senkt sich herab. Ist das Ihre Vorstellung vom Sterben?
Houellebecq: Die Vorstellung einer unsterblichen Seele ist sympathisch, manchmal glaube ich daran, dann wieder gar nicht. Die christlichen Kirchen sollten sich auf die Innerlichkeit und die Ewigkeit konzentrieren statt auf ihr humanitäres Engagement im Diesseits.
SPIEGEL: Der Gedanke an den Tod ist immer präsent in "Lebendig bleiben". Ist der Tod eine Erlösung?
Houellebecq: Nein. Ich habe meinen toten Vater gesehen. Das ist nicht angenehm. Ich zeige in der Ausstellung ein Foto meines Hundes auf dem Sterbebett. Das ist ein harter, brutaler Anblick. Die letzte Konfrontation mit der Ewigkeit bleibt einem nicht erspart. Jeder Schriftsteller muss etwas zum Tod zu sagen haben.
SPIEGEL: Wer hat die beste Antwort darauf gegeben?
Houellebecq: Thomas Mann im "Zauberberg". Dort wird großartig gestorben.
SPIEGEL: Monsieur Houellebecq, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

"In seiner Freizeit und im Ruhestand wird der Deutsche Migrant – so bleibt er lebendig."

"Der Individualismus ist eine Einbildung. Statt zur Einzigartigkeit tendiert alles zum Durchschnitt."

* Michel Houellebecq: "Rester vivant". Palais de Tokyo, Paris; vom 23. Juni bis zum 11. September 2016. Das Gespräch führte der Redakteur Romain Leick.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 25/2016
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