18.06.2016

FilmkritikJetzt erst recht

Die Thriller „Bastille Day“ und „Made in France“ zeigen Paris als Terrorziel. Geschmacklos? Oder gutes Timing?
Die Plakate hingen schon überall in Paris, auf Litfaßsäulen und in Metrostationen, sie zeigten eine Kalaschnikow, die mit dem Umriss des Eiffelturms verschmilzt. Sie waren Werbung für den französischen Spielfilm "Made in France", der Mitte November 2015 in Frankreich in die Kinos kommen sollte. Der Plot: Islamistische Terroristen planen ein Attentat in Paris. "Ein nervenaufreibender und wirkungsvoller Thriller", lobte die Zeitung "Libération".
Nach den Anschlägen vom 13. November, bei denen 130 Menschen starben, ließ der Filmverleih die Plakate eilig entfernen. Der Kinostart wurde verschoben, bereits zum zweiten Mal. Der ursprüngliche Termin war wegen des Attentats auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" Anfang 2015 abgesagt worden, weil sich "der Kriminalfilm in ein Politikum" verwandelt hatte.
Im April dieses Jahres lief "Made in France" schließlich doch noch in ein paar französischen Kinos. Zwar hatte es schon wieder Anschläge gegeben – diesmal in Brüssel, 35 Tote –, aber die Geduld der Produzenten war erschöpft, die Schamfrist abgelaufen. Vielleicht hatte man sich auch der Erkenntnis gebeugt, dass die Welt nicht friedlicher wird. Verunsicherung, die Angst vor Terror kriecht in unseren Alltag, sie prägt Großereignisse wie die Fußball-EM. Erst Anfang dieser Woche ermordete ein vorbestrafter Islamist in Magnanville bei Paris einen Polizisten und dessen Partnerin. Der Ausnahmezustand wird zum Dauerzustand.
Die Deutschlandpremiere von "Made in France" am 24. Juni beim Filmfest München wirkt da fast wie ein politisches Statement, eine Trotzreaktion. Tatsächlich sind nur wenige öffentliche Vorführungen geplant, einen regulären Kinostart wird es hierzulande nicht geben. Ende August bringt der Verleih Universum, der zum Bertelsmann-Konzern gehört, den Film auf DVD heraus.
Dabei ist "Made in France" nur einer von mehreren Spielfilmen, die reale Terrorfurcht mit fiktiven Geschichten verbinden. Der Regisseur Christopher Morris, ein Brite, porträtierte in der Satire "Four Lions" (2010) islamistische Selbstmordattentäter als Deppen – mit der bösen Pointe, dass ihnen trotzdem ein Anschlag auf den London-Marathon gelingt. Und am 23. Juni kommt der Actionkrimi "Bastille Day" in die deutschen Kinos, in dem Paris zum Terrorziel wird.
Wie "Made in France" wurde auch "Bastille Day" bereits 2014 gedreht. Mit seiner unbekümmerten Kombination von Gewalt und Slapstick erinnert der Film bisweilen an Bruce-Willis-Werke der Neunzigerjahre; einige Drehbuchideen sind direkt aus "Stirb langsam – Jetzt erst recht" übernommen. Ein Amerikaner, gespielt von Richard Madden ("Game of Thrones"), der in Paris als Taschendieb arbeitet, klaut einen Rucksack. Was er nicht ahnt: Darin ist eine Bombe versteckt. Der Sprengstoff explodiert, Menschen sterben, der Dieb kommt davon. Allerdings hält ihn die Polizei jetzt für einen Terroristen.
Auftritt Idris Elba. Der britische Schauspieler, der immer mal wieder als nächster James-Bond-Darsteller im Gespräch ist, verkörpert in "Bastille Day" einen CIA-Agenten, der Taschendieb wird sein Gehilfe. Gemeinsam versuchen sie, einen weiteren Anschlag zu verhindern. Paris versinkt unterdessen im Chaos: Linke Demonstranten stürmen die Nationalbank, Pariser Polizisten erweisen sich als brutal und tückisch, aber letztlich unfähig; ihr Vorgesetzter speist im Luxusrestaurant.
Klischees, natürlich, die aber dem Empfinden vieler Franzosen möglicherweise näherkommen, als die Macher beim Dreh ahnen konnten: dass der Staat seine Bürger nicht schützen kann.
Auch in "Made in France" wirken Frankreichs Polizei und Geheimdienste hilflos bei der Terrorabwehr. Held des Films ist ein Journalist namens Sam (Malik Zidi), der undercover in einer Moschee in einem Pariser Vorort recherchiert. Sam spricht Arabisch, sein Vater ist Algerier, seine Mutter Französin – eine Biografie wie die von Nicolas Boukhrief, dem Regisseur und Drehbuchautor von "Made in France".
Sam freundet sich mit einigen Gemeindemitgliedern an. Ein paar der jungen Männer sind in der Banlieue aufgewachsen, einer hat bereits im Gefängnis gesessen; andere sind Konvertiten und stammen aus großbürgerlichen Familien. Anführer der Gruppe ist ein smarter Herr, der gerade von einer Reise nach Pakistan zurückgekehrt ist, mit radikalen Ideen: Er will eine Terrorzelle aufbauen und Anschläge verüben.
Abenteuerlust besiegt die Skrupel; die Männer besorgen sich Waffen. Sam wird vom Beobachter zum Komplizen. Als er zur Polizei geht, zwingt ihn diese zur Kollaboration: Entweder er spioniere die Islamisten weiter aus – oder er werde wie ein Mittäter behandelt. Um die Verdächtigen selbst zu überwachen, habe man leider nicht genug Personal, sagt ein Ermittler.
Als Krimi ist "Made in France" recht vorhersehbar. Als Studie über orientierungslose junge Männer, über charismatische Anführer und verhängnisvolle Gruppendynamik wirkt der Film dagegen verstörend echt und erschreckend zeitlos.
Inspiration für "Made in France", sagt Regisseur Boukhrief, sei die Anschlagsserie der algerischen Islamistengruppe GIA gewesen, die Bomben in französischen Zügen legte – im Jahr 1995.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 25/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Filmkritik:
Jetzt erst recht

  • Waldbrand in Brandenburg: Feuer auf ehemaligem Truppenübungsplatz
  • Kicken für die Karriere: Ein neuer Özil für Rot-Weiß Essen?
  • Hessen: Weltkriegsbombe hinterlässt riesigen Krater auf Getreidefeld
  • Stunt-Video aus Thailand: Mit dem Wakeboard über den Wochenmarkt