18.06.2016

Der Augenzeuge„Gleich die Stelle antreten“

Hussein Almohamad, 38, Geografieprofessor aus Aleppo, floh mit seiner Familie vor dem syrischen Bürgerkrieg. Ein Stipendium für verfolgte Forscher von der Humboldt-Stiftung sicherte ihm jetzt einen Job als Hochschuldozent in Gießen.

"2013 wollte das Assad-Regime Männer zum Militärdienst einziehen. Ich war davor nicht beim Militär, und wollte auch jetzt keine Menschen umbringen. Deshalb floh ich mit meiner Frau, die als Lehrerin gearbeitet hatte, und unseren Kindern, damals drei, vier und fünf Jahre alt, aus Aleppo, zunächst zu meinen Eltern aufs Land. Ich habe Kontakt zu einer New Yorker Hilfsorganisation für Wissenschaftler aufgenommen, die mich unterstützen wollte, wenn ich eine Universität fände, die mir eine Stelle geben und diese zur Hälfte mitfinanzieren würde. Da ich in Gießen promoviert und mit den Kollegen auch danach oft zusammengearbeitet hatte, wandte ich mich dorthin. Es war gerade eine halbe Stelle frei, die ich bekommen konnte! Inzwischen waren wir weiter geflüchtet, in die Türkei. Von der deutschen Botschaft in Ankara sollten wir ein Visum bekommen, es dauerte aber mehrere Monate. Im August 2014 sind wir dann mit dem Flugzeug nach Deutschland gekommen, selbst bezahlt. Die Uni vermittelte uns eine Wohnung, und ich konnte gleich meine Stelle antreten. Das Institut für Geographie hier in Gießen befasst sich viel mit den gescheiterten Staaten in Nahost und Nordafrika – da kann ich meine Erfahrung einbringen. Ich gebe dieses Semester zwei Seminare: zur Wüstenbildung in der Region und zu geografischen Forschungsmethoden. Ich lehre auf Deutsch, während meiner Promotion habe ich ja schon vier Jahre lang in Deutschland gelebt. Die ursprüngliche Förderung für meine Stelle ist ausgelaufen, jetzt habe ich ein weiteres Flüchtlingsstipendium, mit dem ich noch zwei Jahre bleiben kann. Ich bin der Gießener Uni sehr dankbar, andere Professoren aus Aleppo haben es nicht so gut erwischt: Ein Kollege kam mit dem Boot über Griechenland, er wurde von einer Flüchtlingsunterkunft in die nächste geschoben und darf nicht arbeiten. Inzwischen habe ich ihm hier an der Uni wenigstens eine Praktikantenstelle besorgt. Mit Kollegen biete ich Onlineworkshops für syrische Akademiker an, damit sie in Flüchtlingslagern weiter wissenschaftlich tätig sein können. Und wir machen Pläne für den Wiederaufbau, für den Tag, an dem der Bürgerkrieg zu Ende ist."
Aufgezeichnet von Dietmar Hipp
Von Aufgezeichnet von Dietmar Hipp

DER SPIEGEL 25/2016
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