18.06.2016

WIEDERVEREINIGUNGUnsinnige Doktrin

Rudolf Augstein war eigentlich nach Zürich gefahren, um vor Studenten der ETH über die Frage zu referieren, ob die Deutschen unwiderruflich böse seien, was der SPIEGEL-Herausgeber erwartungsgemäß verneinte. Die Zuhörer interessierten sich allerdings eher für ein ganz anderes Thema: die deutsche Wiedervereinigung. Augstein wünschte sich in dieser Frage vor allem eine Politik, die es den Deutschen erlaube, sich nicht „immerzu lächerlich“ zu machen.
25 Jahre vor der Vereinigung der beiden deutschen Staaten sah Augstein zumindest kurzfristig keinerlei Chancen für ein wiedervereintes Deutschland. Um dieses – auch in seinen Augen wünschenswerte – Ziel zu erreichen, bräuchte es Vertrauen. Doch anstatt durch Gespräche in der DDR eine "liberalere Geisteshaltung entstehen" zu lassen, ziele die westdeutsche Politik nur darauf, "einen antikommunistischen deutschen Einheitsstaat zu schaffen". Das sei "nicht ehrenwert und kann auch nicht glücken", so Augstein.
Stattdessen sei es zunächst einmal notwendig, dass sich die drei Parteien "interfraktionell" darauf einigten, die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen, was bis dato keine der drei getan hätte. Zum Teil geschehe das aus parteitaktischen Überlegungen, zum Teil wolle man die Anerkennung quasi als Faustpfand für eine spätere staatliche Einheit, man denke, "wenn wir denn schon verzichten müssen auf diese verlorengegangenen Gebiete, dann wollen wir dafür wenigstens die Wiedervereinigung". Gleiches gelte für den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik, die gerade so täte, als "sei da drüben kein Staatsgebilde entstanden". Diese "unsinnige Doktrin" funktioniere zwar wunderbar, habe "nur eben leider gar keinen Sinn". Stattdessen solle man "überlegen, wie wir unsere Verhältnisse zur DDR auf eine Basis bringen können, die uns das Zusammenleben ermöglicht, ohne dass wir uns immerzu lächerlich machen".
Sorgen um die Kosten schienen Augstein damals vollkommen abwegig: "Der wirtschaftliche Gesichtspunkt ist meines Erachtens ganz zweitrangig". Auf den Hinweis, der Bundeskanzler habe vor finanziellen Opfern gewarnt, die die Westdeutschen gegebenenfalls erbringen müssten, fiel Augstein allenfalls eine Art Kompensation für die Sowjets ein, eine "Riesenanleihe" von vielleicht 50 Milliarden Mark. Die knapp zwei Billionen Euro, mit denen die Wiedervereinigung später zu Buche schlug, hätte sich damals wohl kaum jemand vorstellen können.

DER SPIEGEL 25/2016
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Unsinnige Doktrin