25.06.2016

ZeitgeschichteSchutzlos ausgeliefert

Eine Berliner Ausstellung präsentiert Briefe aus der Ukraine vom Sommer 1941. Sie zeigen das Grauen deutscher Luftangriffe im Osten.
Der 35-jährige Bauer Pawel Gudima war erst seit Kurzem Soldat der Roten Armee, als die deutsche Luftwaffe am 30. Juni 1941 das Städtchen Kamenez-Podolsk in der heutigen Westukraine angriff. Gudima berichtete seiner Familie über das Inferno am Tag danach: "Verletzte lagen mitten auf der Straße und schrien. Niemand half ihnen, alle hatten Angst. Schließlich kletterte ich ins Obergeschoss, trieb eine Sanitätstasche auf und verband zwei Menschen, die dort mit Bein- und Handbrüchen lagen ... Einem 12-jährigen Jungen waren beide Beine abgetrennt worden. Ich konnte ihm keinen Verband mehr anlegen, weil er im Sterben lag."
Gudimas Schreiben zählt zu mehr als 1200 Briefen, die der Wehrmacht nach der Eroberung von Kamenez-Podolsk in die Hände fielen. Jetzt zeigt eine gemeinsame Ausstellung des "Nationalen Museums der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg" in Kiew sowie des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst eine Auswahl(*).
Sie wurden zumeist unmittelbar nach dem Luftangriff verfasst und erinnern an ein wenig bekanntes Kapitel des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion: den Bombenkrieg der Luftwaffe im Osten.
Ihm fielen nach Schätzung von Historikern 500 000 Menschen zum Opfer. In den Briefen finden sich Beschreibungen des Grauens ("Kinder wurden auf die Telegrafsäulen geschleudert"), Rufe nach Hilfe ("Rettet uns aus Kamenez") und Hinweise an die Angehörigen. Der Soldat Grigorij Butschinski schrieb seiner Tochter Galina: "Mein Töchterchen, geh in dieser Zeit Mama und Oma nicht von der Seite. Du weißt doch, dass jetzt Krieg ist. Flugzeuge kommen angeflogen und werfen Bomben und töten Dich."
Die Ausstellung erinnert daran, dass die Wehrmacht vielen Russen, Weißrussen oder Ukrainern zuerst in Form von Propeller-Dröhnen und des perfiden Jaulens der Jericho-Trompeten begegnete, mit de-
nen die Sturzkampfbomber ihre Angriffe einleiteten.
Adolf Hitler war mit fast 4000 Flugzeugen – Bombern, Sturzkampfflugzeugen, Jägern, Transportern – zum "Unternehmen Barbarossa" angetreten, wie der Code-Name für den Angriff am 22. Juni lautete. Die Piloten sollten Moskaus Luftwaffe ausschalten, was weitgehend gelang. Dann unterstützten sie die Bodentruppen, indem sie Militärbasen, Artilleriestellungen und auch Städte bombardierten. "Der Russe", dröhnte Hitler, werde "versagen gegenüber dem Masseneinsatz von Tanks und Luftwaffe".
Die enge Kooperation zwischen Heer und Luftwaffe gilt Experten als ein wesentlicher Grund dafür, dass die Wehrmacht im Dezember 1941 vor Moskau stand, obwohl sie über weniger Truppen und Waffen verfügte als die Gegenseite. Die Menschen in Kamenez-Podolsk zahlten für diese Form der Kriegsführung mit Gesundheit und Leben, der geschichtsträchtige Ort war den Angreifern schutzlos ausgeliefert.
"Die Stadt wurde überhaupt nicht verteidigt, die Flugzeuge machten, was sie wollten", schimpfte ein Rotarmist im Brief an seine Familie. Andere hatten offenbar Angst vor dem Zensor und mischten Durchhalteparolen in die Zeilen an die Liebsten: "Es gibt nichts Unüberwindliches für unsere Armee."
Die Verzweiflung der Frauen, die gemeinsam mit den Kindern aus der Stadt zu entkommen suchten, erinnert an Berichte aus den deutschen Ostgebieten vier Jahre später, als die Rote Armee näher rückte. Sie komme nicht weg, schrieb etwa eine Mutter an ihre Eltern am 2. Juli. Es fahre nur alle zwei bis drei Tage ein Zug, es würden "keine Fahrkarten ausgegeben".
Vermutlich wären die Briefe verloren gegangen, wenn sie nicht 1942 dem Telegrapheninspektor Gustav Oelschläger in die Hände gefallen wären, der im "Generalpostkommissariat Ukraine" in Rowno diente. Oelschläger, überzeugter Nazi und promovierter Historiker, hatte vor dem Krieg in jener Abteilung der Wiener Reichspostdirektion gearbeitet, die für das Post- und Telegraphenmuseum zuständig war.
Er schickte die größtenteils ungeöffneten "Russenbriefe" an das ihm bekannte Museum. Historiker Oelschläger vermutete, die Dokumente würden "ein Bild über die Stimmung im russischen Volk vor Beginn des Krieges" abgeben.
Doch niemand interessierte sich für die Papiere, die Briefe landeten im Depot. Später wurde das Post- und Telegraphenmuseum dem "Technischen Museum" eingegliedert. Als man dort von 1998 an die Bestände auf NS-Raubgut untersuchte, fielen die Briefe auf. 2009 wurden sie dem ukrainischen Nationalmuseum übergeben. In zahlreichen Fällen gelang es den Kiewer Experten, Nachkommen der Adressaten ausfindig zu machen.
Die Briefe sind vor allem für die Verwandten von Holocaustopfern oft das einzige Erinnerungsstück. Für die Juden von Kamenez-Podolsk war der Luftangriff vom 30. Juni 1941 nur die Katastrophe vor der Katastrophe. Knapp zwei Monate später massakrierten deutsche Polizisten und SS-Leute über 20 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder, die sich in der Stadt aufhielten.
Es war die bis dahin größte Mordaktion der Deutschen an Juden.
* "Juni-Briefe. Ungelesene Feldpost aus Kamenez-Podolsk 1941". Von 30. Juni bis 28. August im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 26/2016
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