25.06.2016

TextilindustrieRot wie Blut

Betroffene eines Fabrikbrandes in Pakistan wollen in Deutschland Betriebsräte des Billiganbieters Kik treffen – als Zeichen der Solidarität unter Arbeitern. Es kommt anders.
Überall Licht, strahlend weiße Wände und blitzblanke Kleiderständer. Als Saeeda Khatoon das erste Mal in ihrem Leben eine Filiale von Kik betritt, macht sie der Kontrast sprachlos.
Ihr Sohn Ejaz hatte immer von der bedrückenden Enge im Keller der Textilfabrik erzählt. Von dem Krach der Nähmaschinen, dem Staub, der Hitze und den Stoffbergen, die sich bis unter die Decke türmten. "Wie in der Hölle", erklärte Ejaz seiner Mutter. Zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche schuftete Ejaz in der Fabrik. Nach vier Jahren hatte er sich vom einfachen Helfer zum Zuschneider hochgearbeitet. 8000 Rupien, rund 70 Euro, verdiente er im Monat, das war alles, was sie zum Leben hatten. Die Jeans, die er und seine Kollegen fertigten, waren für die Modekette Kik in Deutschland bestimmt. Für diese – aus Saeeda Khatoons Sicht – so unglaublich sauberen Läden.
Als am 11. September 2012 die Textilfabrik Ali Enterprises im pakistanischen Karatschi niederbrannte, starben 260 Arbeiter. Auch Ejaz kam in den Flammen ums Leben. Er wurde nur 17 Jahre alt.
Knapp vier Jahre später fährt Saeeda Khatoon durch das Ruhrgebiet. Sie trägt eine warme Strickjacke über ihrer traditionellen Kurta und dazu ein passendes Kopftuch. In jeder Stadt deutet die Pakistanerin mit dem Zeigefinger auf das rote Kik-Symbol. "Die Kunden in dem Geschäft waren ganz junge Menschen", hat Saeeda Khatoon beobachtet, sie müssten doch wissen, wer die Jeans schneidert, die sie dort kaufen. "Das Rot im Kik-Label", sagt Khatoon mit fester Stimme, "steht für mich für das Blut unserer Kinder."
Gemeinsam mit zwei weiteren Angehörigen und einem Überlebenden der Brandkatastrophe hat Saeeda Khatoon einen Schritt gewagt, den viele deutsche Unternehmen, die ihre Ware in Billiglohnländern wie Pakistan, Bangladesch oder China fertigen lassen, seit Jahren fürchten: Die Pakistaner haben den Textildiscounter Kik vor dem Landgericht Dortmund auf Schadensersatz verklagt. Weil es in der Fabrik keine angemessenen Brandschutzmaßnahmen gab, Fluchtwege versperrt und Feuerlöscher defekt waren. Weil die Firma Ali Enterprises um den Zeitpunkt des Brandes zu mehr als 70 Prozent für Kik produzierte. Weil Kik ihrer Meinung nach als Hauptauftraggeber der Firma auch eine Verantwortung für die Sicherheit der Arbeiter trägt ( SPIEGEL 12/2015). "Aber in erster Linie geht es uns um Gerechtigkeit", sagt Saeeda Khatoon. "Wir werden nicht länger schweigen."
Die Klage ist ein Präzedenzfall. Zum ersten Mal könnte ein Gericht hierzulande darüber entscheiden, ob ein deutsches Unternehmen für die Arbeitsbedingungen bei einem Zulieferer im Ausland haften muss. Die Konsequenzen wären für die hiesigen Preisdrücker verheerend. Tops für 1,99 Euro könnten Unternehmen wie Kik, Lidl oder Aldi dann teuer zu stehen kommen.
Die Anwälte der Berliner Menschenrechtsorganisation European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) sowie der Hilfsverein Medico International unterstützen die Pakistaner bei der Klage und haben Saeeda Khatoon und einen weiteren Kläger nach Deutschland geholt. Eine Woche lang werden sie unterwegs sein. Sie sollen der Ausbeutung ein Gesicht geben. Sie wollen von dem Tag berichten, der ihr Leben für immer verändert hat. Von den juristischen Verfahren gegen die Firmenbesitzer in Pakistan und vom Prozess gegen einen Auditor aus Italien, der Ali Enterprises noch drei Wochen vor dem Unglück den anspruchsvollen SA-8000-Standard bescheinigt hatte. Und sie wollen sich mit Mitarbeitern aus der Kik-Zentrale in Bönen austauschen, die in Deutschland für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen kämpfen.
Für Nasir Mansoor, Gewerkschafter aus Karatschi und ebenfalls Mitglied der kleinen Delegation, ist das Treffen mit den deutschen Betriebsräten einer der Höhepunkte der Reise. Der Schiffsbauingenieur engagiert sich seit mehr als 25 Jahren für die Rechte von Arbeitern in Pakistan, immer wieder musste er deshalb um sein Leben und das seiner Familie fürchten.
Bis heute sind nur etwa zwei Prozent der pakistanischen Arbeiter gewerkschaftlich organisiert. Unter anderem weil viele ohne gültige Arbeitsverträge beschäftigt werden und sich so überhaupt nicht bei einer Gewerkschaft registrieren können. Auch der minderjährige Sohn von Saeeda Khatoon hatte nie einen Vertrag mit Ali Enterprises unterschrieben. Seine Beschäftigung konnte sie überhaupt nur nachweisen, weil die Firmen-Zugangskarte, die ihn als Mitarbeiter auswies, noch immer um den Hals seiner Leiche hing.
Die Reise nach Deutschland ist für Mansoor auch eine Reise in ein Land, das für die Geschichte seiner Arbeitnehmerrechte internationales Ansehen genießt. "Ich habe so viele Fragen an die deutschen Kollegen", sagt der Gewerkschafter.
Im Weltladen in Bönen warten die Gäste aus Pakistan zwischen fair gehandeltem Kaffee und Keksen mit Bioschokolade auf ihre deutschen Vorbilder. "Dieses Treffen ist für uns ein ganz wichtiges Zeichen der Solidarität", sagt Mansoor. "Wenn wir uns international vernetzen, können wir wirklich etwas bewegen."
Wer für Kik arbeitet, gehört in der Ersten wie in der Dritten Welt nicht zu den Gewinnern der Globalisierung. Im vergangenen Jahr tobte in Bönen, wo containerweise Kleidung aus Pakistan und Bangladesch angeliefert und umverpackt wird, einer der großen Arbeitskämpfe im deutschen Einzelhandel. Wie ihre Kollegen bei Amazon streikten die Staplerfahrer und Kommissionierer der Kik-Logistikzentrale für die Einbindung in den Einzelhandelstarifvertrag. Es ging um etwa 400 Euro brutto mehr pro Monat. Wochenlang stritten die Betriebsräte und Vertreter der Gewerkschaft Ver.di mit dem Management der Kik-Tochter, die die Streik-Lücken einfach mit noch billigeren polnischen Leiharbeitern stopfte. Ein kritisches Betriebsratsmitglied, das sich zu der Aussage hinreißen ließ, letztlich herrsche bei Kik ein "Lohndumping-Geschäftsmodell", das in Bangladesch wie in Bönen praktiziert werde, soll mit 14 Abmahnungen und einer außerordentlichen Kündigung verabschiedet worden sein.
Negative Schlagzeilen gehören für Kik zum Alltagsgeschäft. Dem Brand bei Ali Enterprises 2012 folgte ein Jahr später der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch, bei dem mehr als 1100 Menschen starben und mehr als 2000 verletzt wurden. Auch unter diesen Trümmern lagen Shirts einer Kik-Marke.
Das Unternehmen, das zur Tengelmann-Gruppe gehört, hat den Anspruch, ein komplettes Outfit für unter 30 Euro anzubieten. "Die meisten Kunden interessiert nur der Preis", hat der ehemalige Kik-Chef Heinz Speet in Interviews erklärt – und damit bis heute recht behalten. Der Umsatz lag 2014 bei rund 1,7 Milliarden Euro, aktuell betreibt Kik in neun Ländern mehr als 3200 Filialen, davon 2600 in Deutschland. Das Unternehmenskürzel steht für "Kunde ist König". Den Mitarbeitern hat man offenbar eine andere Rolle zugedacht.
Im Prozess gegen den renitenten Betriebsrat engagierte Kik die einschlägige, bundesweit agierende Kanzlei Dr. Schreiner und Partner, die unter anderem Schulungen mit Titeln wie "In Zukunft ohne Betriebsrat" oder "Die Kündigung ,störender' Arbeitnehmer" anbietet.
Inzwischen hat Kik zwar den Lohn der Mitarbeiter um 100 Euro erhöht, verweigert aber weiterhin jeden Schritt in Richtung eines Tarifvertrags. Der aufmüpfige Exbetriebsrat hat offenbar einen Vergleich mit dem Unternehmen geschlossen und eine Schweigeklausel unterzeichnet. Anfragen von Journalisten beantwortet er nicht mehr.
"Auch hierzulande wird mit harten Bandagen gekämpft", erzählt Norbert Glaßmann, Ver.di-Funktionär aus Hamm, der die Kik-Leute während des Streiks begleitet hat und ihnen für ihren Einsatz Respekt zollt. "Die Kollegen haben große Sorge um ihre Jobs, sie wissen, dass sie für Kik am Ende leicht zu ersetzen sind."
Mansoor und Saeeda Khatoon warten derweil im Weltladen noch immer auf die Kik-Mitarbeiter. Die Witwe, die bei dem Brand ihren einzigen Sohn verlor, bittet um eine Schmerztablette. Sie streicht ihr Kopftuch glatt und streckt den Rücken durch. Gerade hat sie einer jungen Redakteurin der Lokalzeitung noch einmal ihre Geschichte erzählt, das Foto ihres Sohnes gezeigt, auf dem Ejaz so stolz in die Kamera blickt. Sie hat noch einmal geschildert, wie sie vor der Fabrik stand und die Todesschreie der Arbeiter hörte. Man kann sehen, wie erschöpft die Frau ist.
Irgendwann ist der Kaffee auf dem Tisch kalt und allen Wartenden klar, dass niemand von Kik zu dem Treffen erscheinen wird. Funkstille auf allen Kontaktnummern. Der Termin war seit Wochen geplant. Auch die Anwältinnen des ECCHR, die Mitarbeiter von Medico und der Ver.di-Mann haben keine Erklärung.
Die Kik-Pressestelle sagt: "Kik war über die Reise der Kläger nach Deutschland nicht informiert. Bedauerlicherweise haben weder die Veranstalter noch die Gastgeber der einzelnen Auftritte den Versuch unternommen, einen Vertreter von Kik einzuladen. Im Gegenteil: Uns wurde zu verstehen gegeben, dass unsere Anwesenheit nicht erwünscht sei."
Gewerkschafter Glaßmann versucht, diplomatische Worte zu finden: "Es ist schade, dass es uns nicht gelungen ist, den Kik-Betriebsrat und die pakistanischen Gäste zusammenzubringen." Sicher hätten sich beide Seiten "als engagierte Interessenvertreter im Bemühen um Gerechtigkeit und humane Arbeitsbedingungen" stützen können.
Als Saeeda Khatoon und Nazir Mansoor schon zum Auto gehen, um zum nächsten Termin zu fahren, kommt noch eine SMS. "Wir wünschen den Leuten aus Pakistan viel Glück", schreibt ein Kik-Mitarbeiter. Dann ist das Handy ausgeschaltet.
Von Simone Salden

DER SPIEGEL 26/2016
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