02.07.2016

FahndungUnter aller Augen

So nah kamen die Ermittler dem untergetauchten RAF-Trio wohl noch nie: Beim jüngsten Überfall war sogar ein Polizeibeamter am Tatort.
Auf dem Parkplatz im Gewerbegebiet von Cremlingen bei Braunschweig herrschte wie immer Hochbetrieb. Es war Samstag, Kunden schleppten Einkaufstaschen zu ihren Autos. Unter ihnen war auch ein Polizeibeamter. Er sei "zufällig" am Tatort gewesen, heißt es später bei der Polizei.
Gegen 15.30 Uhr hielt ein weißer Geldtransporter vor der Filiale des Dänischen Bettenlagers, um die Tageseinnahmen abzuholen. Ein Sicherheitsmann ging in den Laden, der andere wartete am Steuer. Alles wie immer, so schien es.
Dann wurde es hektisch: Ein blauer Opel Corsa rammte den Transporter von hinten, ein silberner Ford Mondeo Kombi keilte ihn von vorne ein. Drei Angreifer sprangen aus den Autos, bewaffnet mit einer Panzerfaust, einem Sturmgewehr und einer großkalibrigen Waffe. Es fielen Schüsse, einer traf den gepanzerten Transporter. Ein bewaffneter Mann ging in den Laden, schoss in die Decke.
Kurz darauf waren die Angreifer, zwei Männer und eine Frau, schon wieder verschwunden. Sie raubten die Tageseinnahmen und den Inhalt des Geldtransporters – rund 400 000 Euro, heißt es.
Nach dem Überfall vom Samstag vergangener Woche ist sich die Polizei sicher: Sie haben schon wieder zugeschlagen, die vor mehr als 25 Jahren untergetauchten ehemaligen RAF-Terroristen Daniela Klette, 57, Ernst-Volker Staub, 61, und Burkhard Garweg, 47, die in den Neunzigerjahren der dritten RAF-Generation angehörten, für die Sprengung des Gefängnisrohbaus 1993 in Weiterstadt verantwortlich gemacht werden und nun offenbar seit Jahren mit einer Serie von Raubüberfällen auf Supermärkte und Geldtransporter ihr Leben im Untergrund finanzieren.
Nur diesmal schlugen sie "unter aller Augen" zu, wie es ein Ermittler beschreibt. Aber bis heute ist es der Polizei nicht gelungen, das RAF-Trio zu fassen. Dabei kam nichts von dem, was sich an diesem 25. Juni in Cremlingen ereignete, für die Fahnder wirklich überraschend. Sie kannten die mutmaßlichen Täter und ihre Vorgehensweise, sie kannten eines der Tatautos und hatten konkrete Hinweise auf den Tatort. Der Polizeibeamte, der wohl zufällig dort war, nahm sogar die Verfolgung der Täter auf. So dicht wie an diesem Tag war die Polizei den Alt-Terroristen noch nie auf den Fersen.
Bereits Ende Mai und Anfang Juni hatte sich bei der Polizei ein Zeuge gemeldet, dem ein Mann auf dem Parkplatz in Cremlingen aufgefallen war. Auf den aktuellen Fahndungsfotos habe er Ernst-Volker Staub wiedererkannt. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen sei er dort gewesen, um die Gegend auszuspähen, wie der Zeuge vermutete.
Er habe Staub, der in einem Kleinbus mit Hamburger Kennzeichen davongefahren sei, sogar bis nach Braunschweig verfolgt, habe dann aber aufgegeben. Die Zielfahnder vom Landeskriminalamt hielten den Zeugen für glaubwürdig und schickten ein Observationsteam nach Cremlingen. Mehrere Tage lang lagen die Zivilbeamten auf dem Parkplatz vor dem Dänischen Bettenlager und dem Lidl-Supermarkt auf der Lauer. Es passierte allerdings nichts. Die Fahnder zogen wieder ab.
So konnten sie nicht erfahren, was sich wohl kurz darauf an dem späteren Tatort zutrug: An unterschiedlichen Tagen fielen mehreren Zeugen vor dem Raubüberfall "verdächtige Personen" auf dem Gelände auf. Waren die RAF-Leute etwa noch einmal am Zielort? Erst nach dem Raub vom vergangenen Samstag berichteten die Zeugen der Polizei von ihren Beobachtungen. Da waren die Täter allerdings längst entkommen.
Den ersten Überfall auf einen Geldtransporter soll das Trio bereits 1999 in Duisburg begangen haben. Damals fand die Polizei DNA-Spuren von Staub und Co., die eine Million D-Mark erbeutet hatten. Dann folgte eine lange Pause, bevor sie wieder aktiv wurden. Seit 2011 sollen acht Überfälle in Norddeutschland auf das Konto der ehemaligen RAF-Kämpfer gehen, Cremlingen ist nun wohl der neunte Fall in dieser Serie.
Dass die Polizei diesmal so schnell auf das Trio verwies, lag vielleicht auch an dem blauen Opel Corsa, den sie am Tatort zurückließen. Der viertürige Kleinwagen war bereits seit dem 10. Juni polizeiintern zur Fahndung ausgeschrieben. Seit Anfang März soll der Corsa im Besitz von Klette, Staub und Garweg sein. Weil die Polizei allerdings kein Kennzeichen hatte, nach dem sie suchen konnte, gestaltete sich die Fahndung schwierig.
Die Täter ließen den Corsa stehen und fuhren mit der Beute im silbernen Mondeo davon. Der Polizeibeamte, der wohl zum Einkaufen in Cremlingen war und den Überfall bemerkte, informierte seine Kollegen und setzte selbst dem Trio nach, das aus dem Gewerbegebiet in Richtung Norden flüchtete. Weil er ein Kleinkind bei sich hatte, brach der Polizist die Verfolgung wieder ab – zu gefährlich.
Pech für die Zielfahnder. Das silberne Fluchtauto fanden sie – wie nach anderen Überfällen auch – in einem Waldstück, zehn Autominuten entfernt. Diesmal allerdings hatten sich die Täter nicht einmal die Mühe gemacht, den Wagen in Brand zu setzen, um ihre Spuren zu verwischen. Es weiß inzwischen ja jeder, wer sie sind.
Mail: hubert.gude@spiegel.de

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Von Hubert Gude

DER SPIEGEL 27/2016
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